An Traditionen anknüpfen, aber zugleich neue Wege gehen – das kennzeichnet die Arbeit des Bundesverbands der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD). Regelmäßig greifen wir in unserem Online-Magazin fourword die Idee des berühmten Proustschen Fragebogens auf. Der französische Schriftsteller war es, der einem um die Wende zum 20. Jahrhundert beliebten Gesellschaftsspiel in Pariser Salons seinen Namen gab. Wir haben das Format und die Auswahl der Fragen auf die heutige Zeit (und hier und da auch auf den Rechtsmarkt) übertragen.
Angenommen, Sie müssten von heute auf morgen in ein Tiny House ziehen. Von welchem Gegenstand trennen Sie sich auf keinen Fall?
Von meinem Schlafsofa. Das habe ich zu meinem elften Geburtstag geschenkt bekommen, und ich bin damit immer umgezogen, egal wie klein die Wohnungen waren, in denen ich gewohnt habe. Für mich ist es ein wichtiger Rückzugsort: für Gedanken, für Ruhe, für stundenlange Gespräche im Freundes- oder Familienkreis. Gleichzeitig ist es auch für Gäste ein Ort zum Ankommen und Ausruhen.
Welche Person inspiriert Sie?
Aktuell meine zweijährigen Zwillinge: mit ihrer Neugier auf die Welt, ihrer Faszination für vermeintliche Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten und ihrer kindlichen Leichtigkeit, mit der sie Herausforderungen meistern. Ihre Begeisterungsfähigkeit und ihr Umsetzungswille beeindrucken mich sehr. Mögen sie sich all dies bewahren!
Neben meinen Töchtern sind es immer Menschen, von denen ich etwas lernen kann und die bewusst und willentlich Verantwortung übernehmen. Denn ohne Verantwortungsübernahme kann man nichts bewegen.
Was muss in Ihrem Vorratsschrank und Kühlschrank immer vorhanden sein?
Im Kühlschrank muss immer Käse sein – mein Nervenfutter zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem Nachos und Sour Cream. Als Getränk neben Wasser: Vanillekipferltee mit Milch (ein aromatisierter Schwarztee vom Wurzelsepp vom Nürnberger Hauptmarkt). Auf keinen Fall fehlen darf: gutes Brot. Wirklich gutes Brot. Nicht dieses luftige Brot, sondern Brot mit Geschmack. Ich habe eine Zeitlang in den USA gelebt, und da hat mir richtiges Brot am meisten gefehlt.
Wenn X plus Y gleich Glück ist, was ist dann X und Y?
Glück = Sarah & Miriam. Meine Zwillinge. Ergänzt um einige weitere Buchstaben: mein Mann, meine Familie, meine Freunde, die Natur und das Reisen. Aber nach weiteren Buchstaben wurde ja nicht gefragt …
Gehören Sie zum Team Organisationstalent oder zum Team Improvisationstalent?
Die Antwort meines Mannes kommt sofort und spontan: Organisationstalent. Ich sehe das zwar etwas anders, aber er hat wohl recht. Denn ich bin überzeugt, dass man vieles vorbereiten und organisieren kann. Ich liebe selbsterklärende Strukturen, Listen, Tabellen, Übersichten, Zusammenfassungen, Überblicke und Visualisierungen. Zum Improvisieren gibt es dann immer noch genug. Aber vieles lässt sich eben durch gute Organisation schon auf den richtigen Weg bringen. Und dann hat man mehr Zeit und Energie für die Dinge, bei denen man improvisiert. Und deswegen: auch Improvisationsteam. Weil es mir einfach Spaß macht, spontane Ideen aufzugreifen und kurzfristig zu gestalten. Improvisation ist Kreativität. Und damit wichtig auch im beruflichen Alltag einer Verbandsgeschäftsführerin.
Cristiano Ronaldo betritt das Fußballfeld vor jedem Spiel mit dem rechten Fuß zuerst. Haben Sie ein Pre-Game-Ritual vor wichtigen Terminen?
Es ist ein kurzer Moment der Ruhe. Zeit nur für mich. Wirkliche Fokuszeit. In dieser Zeit führe ich mein Netz aus Gedanken und Botschaften, die ich in den Terminen übermitteln will, noch einmal fokussiert zusammen und mache sie mir präsent.
In welchem Aspekt unterscheidet sich Ihr Leben heute am meisten von dem, das Sie vor zehn Jahren geführt haben?
Ich bin vor zwei Jahren Mama geworden. Und das in einem Alter, in dem meine Freundinnen auf die Abi-Feiern ihrer Kinder gehen. Diese Veränderung war nicht nur privat einschneidend, sondern hat auch im beruflichen Kontext einige zentrale Entscheidungen mit sich gebracht. Und auch ich habe meinen Blick und die Art, wie ich Verantwortung übernehme, weiterentwickelt. Wie ich finde, im positiven Sinn.
Welche Charaktereigenschaft schätzen Sie besonders an anderen Menschen?
Es ist eine Kombination aus Eigenschaften: Ehrlichkeit, Offenheit und Verbindlichkeit.
Zurück in die Zukunft. Marty McFly leiht Ihnen für ein Wochenende seinen DeLorean. Wohin reisen Sie zuerst?
Zum 9. November 1989 nach Berlin.
Mit welcher realen Person oder welchem fiktiven Charakter identifizieren Sie sich morgens um acht Uhr und abends um zwanzig Uhr?
Egal, wie lange ich darüber nachdenke: Ich identifiziere mich nicht mit anderen realen Personen oder mit fiktiven Charakteren. Das habe ich noch nie getan. Ich bin einfach ich. Und zwar egal, um wie viel Uhr. 24/7, 365 Tage im Jahr.
Wenn Sie die Chance hätten, eine Woche bei einer Boulevardzeitung als Blattmacher zu arbeiten, welche Schlagzeilen würden Sie produzieren?
Ich würde mich für eine Schlagzeilen-Serie entscheiden, die sich über eine Woche hinweg entfaltet.
- Montag: „Demokratie ist kein Selbstläufer.“ Weil Demokratie tägliche Arbeit ist und nur funktioniert, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und sich einbringen.
- Dienstag: „Empörung ersetzt keine Argumente.“ Weil Lautstärke und moralische Aufgeregtheit keine politischen Lösungen schaffen.
- Mittwoch: „Politik beginnt nicht im Plenum, sondern im Denken.“ Weil politische Entscheidungen lange vor der Abstimmung entstehen: in Vorbereitung, Analyse und im ehrlichen Ringen um Positionen.
- Donnerstag: „Politik braucht Verantwortung.“ Weil Verantwortung bedeutet, Entscheidungen zu treffen, sie zu erklären und auch ihre Konsequenzen auszuhalten.
- Freitag: „Demokratie ist anstrengend. Genau deshalb lohnt sie sich.“ Weil so eine Woche einen ehrlichen Abschluss verdient – inklusive Aufruf, sich selbst für unsere Demokratie einzusetzen. Denn sie ist es allemal wert!
Spielen Sie gelegentlich privat den Advocatus Diaboli, oder lassen Sie die Juristin im Büro zurück?
Ich bin seit über 20 Jahren als Juristin im politischen Geschäft und seit über 15 Jahren als Interessenvertreterin unterwegs. Da geht es um Positionierungen, um Argumentationen, um Auseinandersetzungen, manchmal auch mit politischen Ideologien. Den Advocatus Diaboli formuliere ich daher in diesem Zusammenhang um. Ich sehe es als absolute Notwendigkeit an, mich immer auch mit politischen Gegenargumenten und politischen Gegenfragen auseinanderzusetzen. Denn sonst kommen wir nicht voran.
Wenn Sie erfahren würden, dass Sie vermutlich nur noch 365 Tage zu leben haben, was stünde ganz oben auf Ihrer Bucket-List?
Möglichst viel Zeit mit meiner Familie und insbesondere mit meinen Kindern zu verbringen. Ihnen möglichst viele Orte auf dieser Welt zu zeigen und ihnen zu zeigen, wie liebens- und lebenswert unser Leben ist, was Genuss bedeutet, was Freiheit bedeutet und was es heißt, füreinander da zu sein.
Und wenn daneben noch Zeit bleibt, möglichst viel von meinem Wissen an andere Menschen weiterzugeben (so sie es wollen). Wenn Zeit verbleibt, schreibe ich endlich noch „mein“ Buch: meinen praktischen, operativen Blick auf den Parlamentarismus.
Sie treffen die Göttin Justitia zu Nektar und Ambrosia auf dem Olymp. Worüber unterhalten Sie sich?
Die klassische Juristenantwort wäre: über Recht und Gerechtigkeit. Und das wäre sicherlich auch sehr interessant, zumindest für mich. Ich befürchte nur, dass sie diese Gespräche mit vielen Juristen führen muss. Nicht nur deshalb: Ich würde mich viel lieber mit ihr über die Ausgewogenheit von Entscheidungen unterhalten, gerade auch in Drucksituationen.
Wie unterscheiden sich heutige Berufseinsteiger von Ihnen, als Sie in dieser Situation waren?
Die Situation, in der heutige Berufseinsteiger sind, unterscheidet sich in vielerlei Gesichtspunkten von der Situation, in der ich vor über 20 Jahren war – zwar ist die klassische Juristenausbildung (leider) weitgehend unverändert geblieben, aber viele „neue“ Themen wie Digitalisierung, KI etc. sind dazugekommen. Internationalisierung war schon damals bei mir ein Thema. Und in meinem zweiten Praktikum (damals bei Bloomberg in New York 1999) haben wir bereits alle Dokumente der Rechtsabteilung digitalisiert. Das war aber nicht die generelle Situation, in der man sich als Jurastudentin in Deutschland damals bewegte.
Was mir besonders am Herzen liegt: Die heutigen Berufseinsteiger haben großartige Möglichkeiten, sich über die vielfältigen Optionen von Jobmöglichkeiten zu informieren. Außerdem gibt es heute deutlich mehr Berufseinstiegsmöglichkeiten, als es sie damals gab. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass man sich ganz anders damit befassen sollte. Mein (ungefragter) Rat ist daher, intensiv mit Menschen zu sprechen, die mitten im Berufsleben stehen – vorzugsweise mit zehn bis fünfzehn Jahren Berufserfahrung. Und auf der Basis dieser Gespräche den Blick zu weiten für die vielfältigen Tätigkeiten und vor allem Themenfelder (auch die außerhalb der Kernstudienfächer), die man als Juristin wahrnehmen kann.
Aus eigener Erfahrung als Verbandsjuristin: Geht euren individuellen Weg und habt keine Sorge vor der einen oder anderen Kurve. Die Vielfalt ist heute so groß, dass man auch einmal einen Schritt zur Seite gehen oder eine Abzweigung nehmen kann. Man kann immer wieder auf die Hauptstraße zurückkehren. So wie ich nun auch wieder in die Rechtspolitik und den Rechtsmarkt zurückgekehrt bin. Und als Geschäftsführerin des BWD: Macht möglichst viele Stationen und Praktika in Wirtschaftskanzleien! Hier könnt ihr perspektivisch die Unternehmen in ihrem Kerngeschäft begleiten und damit unserer Wirtschaft eine große Stütze sein.
Hinweis der Redaktion:
Die Ausarbeitung der Fragen geht zurück auf Überlegungen der beiden ersten Praktikanten des BWD. Emma Fischer studiert inzwischen an der WHU, Matthias Bautsch an der Universität Passau. (tw)
Autor

Judith C. Nikolay
judith.nikolay@bundesverband-wirtschaftskanzleien.de
www.bundesverband-wirtschaftskanzleien.de
