Die vergangenen Wochen haben erneut gezeigt, wie schnell sich wirtschaftliche und geopolitische Rahmenbedingungen verändern können. Wer auf die letzten anderthalb Jahrzehnte zurückblickt, erkennt ein Muster: Stabilität ist in der internationalen Wirtschaftsordnung kein selbstverständlicher Zustand mehr. Spätestens seit der Finanzmarktkrise 2008 reiht sich eine Zäsur an die nächste. Finanz-, Wirtschafts- und Flüchtlingskrisen, die Coronapandemie, geopolitische Konflikte und neue Handelskonflikte haben die globalen Strukturen nachhaltig verändert.
Für einen exportorientierten Wirtschaftsstandort wie Deutschland hat das unmittelbare Konsequenzen. Über viele Jahre galt die deutsche Wirtschaft als besonders stabil und wettbewerbsfähig. Vieles davon gilt weiterhin. Gleichzeitig wird in Gesprächen mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden deutlich, dass die Herausforderungen spürbar zugenommen haben.
Die wirtschaftspolitischen Debatten der vergangenen Jahre spiegeln das wider: Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Bürokratieabbau, Fachkräftemangel, Digitalisierung sowie der Umgang mit künstlicher Intelligenz und die technologische Souveränität Europas.
Parallel dazu hat die regulatorische Dynamik deutlich zugenommen. Neue Regeln entstehen nicht nur in Berlin, sondern häufig auch in Brüssel. Für Unternehmen wird zunehmend die Geschwindigkeit zur Herausforderung. Auch der Gesetzgeber selbst gerät dabei mitunter unter Druck – ein Blick auf Omnibus- und „Stop-the-clock“-Verfahren auf europäischer Ebene zeigen das deutlich.
Die Mitgliedskanzleien des BWD agieren im Zentrum dieses Spannungsfelds. Sie beraten Unternehmen aller Branchen und Größenordnungen und erleben sehr früh, welche konkreten Auswirkungen geopolitische Entwicklungen, neue Regulierung oder handelspolitische Maßnahmen auf unternehmerische Entscheidungen haben.
Neue regulatorische Anforderungen sind keine abstrakten politischen Instrumente. Für Unternehmen bedeuten sie unmittelbare Anpassungen von Lieferketten, Investitionsentscheidungen und Geschäftsmodellen. Wirtschaftskanzleien begleiten ihre Mandanten bei diesen Herausforderungen und entwickeln Lösungen – juristisch, strategisch und unternehmerisch.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Beratung ist der Blick auf aktuelle Gesetzgebungsvorhaben. So hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag angekündigt, die bisherige Tages- durch eine Wochenhöchstarbeitszeit zu ersetzen. Zudem steht weiterhin eine gesetzliche Regelung zur Arbeitszeiterfassung im Raum. Beide Themen hat der BWD bereits in mehreren Papieren aufgegriffen und wird sich hierzu in Kürze – auch angesichts der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Hamburg zur Arbeitszeiterfassungspflicht von Kanzleien – erneut positionieren.
Auch darüber hinaus beschäftigen arbeitsrechtliche Fragen den BWD – mit organisatorischen Konsequenzen. Die bisherige Task Force „Arbeitszeitgesetz“ befasst sich seit Februar als Task Force „Arbeitsrecht“ mit einem breiteren Spektrum arbeitsrechtlicher Regulierungsvorhaben – darunter auch mit der Umsetzung der EU-Entgelttransparenz-Richtlinie.
Ein weiteres Thema, das Unternehmen ebenso wie die sie beratenden Kanzleien intensiv beschäftigt, ist der Umgang mit künstlicher Intelligenz. Welche Auswirkungen hat der Einsatz von KI auf Rechtsberatung, Verwaltung und Justiz? Welche Konsequenzen ergeben sich für Kanzleiorganisation, Geschäftsmodelle und den juristischen Nachwuchs? Diese Fragen werden derzeit intensiv im BWD diskutiert – innerhalb der Mitgliedskanzleien ebenso wie im Austausch mit den Mitgliedern des Advisory und Scientific Board.
Der Wirtschaftsstandort ist eng mit dem Rechtsstandort verknüpft. Verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, effiziente Verfahren und eine international anerkannte Rechtsordnung sind zentrale Faktoren für Investitionsentscheidungen und wirtschaftliche Aktivität. Der BWD hat sich daher auch im ersten Quartal dieses Jahres mit mehreren Stellungnahmen gegenüber der Politik in Diskussionen zur Stärkung des Rechtsstandorts Deutschland eingebracht.
All diese Entwicklungen wirken sich auf den BWD selbst aus: Der Verband wird sich strukturell weiterentwickeln – etwa bei der Ausrichtung einzelner Task Forces, bei der Schwerpunktsetzung in seinen Themen und in der Kommunikation.
Eine wichtige Wegmarke war die Mitgliederversammlung am 19.03.2026. Mit Dr. Philip Kempermann, Managing Partner von Heuking, und Prof. Dr. Alexandra Schluck-Amend, Partnerin bei CMS, haben die Mitglieder ein neues Sprecherteam gewählt. Sie folgen auf die beiden Gründer des BWD, Stefan Rizor und Prof. Dr. Thomas Wegerich.
Beiden gilt ein besonderer Dank. Die Idee, einen unabhängigen und schnell entscheidungsfähigen Verband für Wirtschaftskanzleien in Deutschland zu schaffen, war ebenso überzeugend wie notwendig. Stefan Rizor und Thomas Wegerich haben den BWD in der Gründungs- und Aufbauphase maßgeblich geprägt und die Grundlage für die nächste Entwicklungsphase des Verbands gelegt.
Autor

Judith C. Nikolay
judith.nikolay@bundesverband-wirtschaftskanzleien.de
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