Wenn künstliche Intelligenz auf Millionengehälter trifft

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Die Anwaltsbranche steht vor einem fundamental veränderten Arbeitsmarkt. Während Junganwältinnen und Junganwälte noch nie so gut verdient haben wie heute, revolutioniert die künstliche Intelligenz (KI) gleichzeitig ihre Aufgabenbereiche und stellt etablierte Geschäftsmodelle in Frage – bis zu dem Punkt, an dem traditionelle Aufgaben der Berufseinsteiger automatisiert werden und die Jobs zum Teil überflüssig machen. Wie navigiert die Branche durch diese Zeit des Umbruchs?

Zunächst lässt sich festhalten: Am allgemeinen Recruitingverhalten der Kanzleien hat sich noch nichts getan, noch immer buhlen sie um die Top-Talente. Dabei bleibt Gehalt das Mittel der Wahl, um passende Kandidaten für sich zu gewinnen. Mit 60.000 Euro Einstiegsgehalt tritt kaum noch ein Haus an, heißt es im Markt. Was noch vor wenigen Jahren als attraktives Angebot galt, reicht heute nicht mehr aus, um juristische Talente zu gewinnen.

Und die Gehaltsspirale dreht sich unerbittlich weiter nach oben. Laut der Azur-Liste des Branchenmagazins Juve zahlen über 100 der 184 Top-Kanzleien in Deutschland bereits Einstiegsgehälter von mehr als 100.000 Euro. Weniger als 20 Kanzleien bleiben unter der Marke von 70.000 Euro. Mehr als 30 Kanzleien zahlen ein Einstiegsgehalt von 150.000 Euro oder mehr (siehe Tabelle 1).

Anforderungen an Junganwälte steigen

Die hohen Vergütungen haben allerdings auch ihren Preis. Denn: Parallel zum kontinuierlichen Anstieg der Gehälter haben die renommierten Kanzleien die Messlatte für angehende Juristen deutlich nach oben gesetzt. „Die Anforderungen an Bewerberinnen und Bewerber sind noch einmal gestiegen, mit der Folge, dass wir weniger einstellen als noch vor drei bis vier Jahren“, berichtet eine Junganwältin einer Großkanzlei, die anonym bleiben möchte.

Auch die selbständige Personalberaterin Nicola Elsner, die seit Jahren den juristischen Arbeitsmarkt beobachtet, bestätigt diese Entwicklung und ergänzt, dass der immense Druck nicht bei den Berufseinsteigern haltmache, sondern sogar bis in die Partnerriege reiche.

Künstliche Intelligenz als Gamechanger in der Anwaltsbranche

Ausgerechnet in dieser Gemengelage betritt ein neuer Akteur die Bildfläche: künstliche Intelligenz. In der Juristerei automatisiert die Technologie, häufig implementiert über innovative Legal-Tech-Lösungen, genau jene repetitiven Aufgaben, die traditionell von teuren Berufseinsteigern übernommen werden – eigentlich ein Widerspruch zu den steigenden Einstiegsgehältern. Schließlich könnte KI langfristig die Zahl der begehrten Plätze in der Großkanzlei weiter reduzieren, was die Tätigkeit der Jungjuristen zunächst (kosten)effizienter machen dürfte.

Doch die Realität ist komplexer: Kanzleien konkurrieren um wenige Top-Bewerber, während die Nachfrage nach rechtlicher Beratung konstant hoch bleibt. Die hohen Gehälter seien Teil ihres Markenversprechens und dienen als Anreiz, um die besten Köpfe zu gewinnen, so ein Marktteilnehmer. Künstliche Intelligenz werde deshalb in der Praxis weniger strategisch dazu genutzt, um die Personalkosten und Gehälter zu senken, sondern vielmehr, um mit deutlich schlankeren und hocheffizienten Teams produktiver zu arbeiten und gerade in der aktuell wirtschaftlich angespannten Zeit die Gewinnmargen der Kanzleien nachhaltig zu sichern und auszubauen.

Gemischte Stimmung gegenüber KI

Zudem steckt in der „KI-Revolution“ auch Potential für Junganwälte: KI könne den Associate-Job enorm aufwerten, meint etwa Personalberaterin Elsner. „Die Übertragungsleistung, etwa das Ermitteln von Konsequenzen aus den Ergebnissen oder die Überprüfung von Fakten, muss weiterhin von Associates erbracht werden“, meint sie und sieht in der Anwendung von KI keinen Lernverlust für Associates.

Junganwälte müssen sich angesichts der rasanten Entwicklung im dynamischen Legal-Tech-Markt also auf eine völlig neue Arbeitswelt vorbereiten, in der KI ihre traditionellen Aufgaben übernimmt, während von ihnen höhere analytische und strategische Fähigkeiten erwartet werden.

Mandanten fordern Preisreduktion bei KI-Beratung

Im breiten Markt sind die Meinungen hingegen gespalten. Legal-Tech-Experten sind sich etwa einig, dass Mandanten enorm profitieren können, wenn E-Mails und Schriftsätze kürzer und prägnanter formuliert sind, die Recherche tiefer und schneller vonstattengeht und kreative Ansätze bereits von jungen Juristinnen und Juristen für komplexe Fälle entwickelt werden können.

Associates haben Recherchen zufolge ein sehr großes Interesse an KI-Anwendungen und zeigen sich aufgeschlossen gegenüber den neuen technologischen Möglichkeiten. Allerdings sind einige Kanzleien noch zurückhaltend, wenn es darum geht, breitflächig künstliche Intelligenz zu implementieren oder gar Junganwältinnen und -anwälte mit KI arbeiten zu lassen. Die große Frage der Skeptiker lautet: Lohnen sich zum Teil millionenschwere Investitionen in KI überhaupt?

Auch die Mandanten sind zum Teil noch skeptisch gegenüber KI-gestützten Beratungsleistungen, haben aber zugleich klare Erwartungen an die Technologie. Sie soll nicht nur die Qualität verbessern und Fehlerquellen minimieren, sondern vor allem auch die stetig steigenden Kosten für juristische Dienstleistungen endlich nachhaltig senken. Und genau das ist bislang noch nicht der Fall – im Gegenteil sogar. Der anhaltende Gebührenanstieg stößt besonders im Mittelstand an Grenzen. „Fees für externe Kanzleien gehen mittlerweile durch die Decke. Mittelständler stoßen an ihre Grenzen. Wenn ein Partner 1.000 Euro pro Stunde verlangt, dann geht das nicht mehr“, warnt ein Unternehmensjurist.

Zusätzlicher Kostenaufwand für KI

Das Thema Kosten treibt nicht nur die Mandanten um. Auch in den Kanzleien werden KI-Investitionen und ihr entsprechender Output heiß diskutiert. Die Rechtsberatungshäuser könnten ohne weiteres astronomische Summen in KI-Systeme und deren Lizenzen für Dokumentenanalyse und Legal-Research investieren – die Anbieter sind bereits vorhanden. Und auch viele Mandanten, insbesondere Konzerne, erwarten bei großen Mandaten und in Massenverfahren mittlerweile schlichtweg den standardisierten Einsatz künstlicher Intelligenz von den Beratungshäusern, bestätigt ein Jurist. Wer sich für die Unterstützung von KI entscheidet, entscheidet sich aber auch für einen zusätzlichen (Kosten-)Aufwand für KI-Trainings, Fehlerkorrektur und Compliance.

Der organisatorische und finanzielle Aufwand hält viele Kanzleien noch immer zurück, das aus der KI hervorgehende Potential auszuschöpfen. Solange der Return on Investment noch ungewiss ist, bestimmen Zurückhaltung und Vorsicht das Klima für Investitionen.

Neue Chancen für kleinere Kanzleien

Unterdessen eröffnet der gezielte Einsatz von KI speziell kleineren Kanzleien aber auch neue Möglichkeiten. Mit KI-Tools können sie erstmals Mandate übernehmen, die bislang außerhalb ihrer Kapazitäten lagen – vorausgesetzt, das Haus ist bereit, in die neuen Technologien und die Weiterbildung der Top-Talente in Sachen KI zu investieren. So lässt sich womöglich sogar der Rückstand zu Großkanzleien deutlich verkleinern.

Wer den Wandel aktiv gestaltet, statt nur zu reagieren, wird die Gewinner von morgen hervorbringen. Die Kanzleien, die KI intelligent einsetzen, exzellente Talente gewinnen und dabei die menschliche Komponente der Rechtsberatung nicht vernachlässigen, haben die besten Chancen, in der neuen Ära zu bestehen.

Hinweis der Redaktion:
Dieser Beitrag erschien zunächst im Magazin FINANCE online am 15.07.2025 (siehe hier). (tw) 

Autor

Esra Laubach, FINANCE

Esra Laubach

F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH, Frankfurt am Main
Redakteurin FINANCE


esra.laubach@finance-magazin.de
www.finance-magazin.de