Vom Copiloten zur Schlüsseltechnologie

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Welche Auswirkungen hat künstliche Intelligenz auf die Ausbildung junger Juristinnen und Juristen?

Künstliche Intelligenz (KI) wird schon bald ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens- und Studienalltags sein – ein Werkzeug, das Studierende nutzen, wie man heute den Laptop oder das Smartphone verwendet.

Die kommende Anwaltsgeneration wird KI nicht als Option, sondern als Standard erwarten. Kanzleien müssen sich daher fragen: Wie bilden wir junge Juristen aus, wenn Routineaufgaben zunehmend von KI übernommen werden?

Bisher ausbildungstypische Tätigkeiten wie die Strukturierung und Analyse großer Datenmengen, etwa bei der Due Diligence, oder das Erstellen eines Vertragsentwurfs – zunächst mit einfacher und bei zunehmender Erfahrung mit immer komplexer werdender Struktur – sind entscheidend, um juristische Präzision und analytisches Urteilsvermögen zu entwickeln. Wenn diese Praxis durch Zuarbeit von KI entfällt – und das wird auf absehbare Zeit passieren – fehlen wesentliche Bausteine der Grundlagenausbildung. Diese Lücke muss irgendwie geschlossen werden.

Könnte KI selbst auch zu einem Lernwerkzeug werden?

Für Kanzleien liegt eine große Chance darin, KI gezielt als Lerninstrument einzusetzen. Sie bietet die Möglichkeit, juristische Fähigkeiten auf eine neue Weise zu fördern und zu stärken.

Ein Beispiel: KI kann als Sparringspartner für die Simulation von Beratungen oder Verhandlungen dienen, indem sie gegnerische Positionen simuliert und so hilft, Argumentationsstrategien zu schärfen. Dies fördert das analytische Denken und strukturierte Argumentieren.

Eine andere Möglichkeit ist, Lernumgebungen zu schaffen, in denen mit Hilfe von KI erzeugte Dokumente liegen, die dann auf Schwachstellen analysiert werden müssen. Hier üben Nachwuchsjuristen, Fehler in Vertragstexten zu erkennen und kritisch zu hinterfragen – eine Fähigkeit, die auch in der KI-Ära für den Menschen unerlässlich bleibt. Außerdem gewinnen die Lernenden ein Verständnis für die Grenzen und Tücken bei der Anwendung von KI.

KI wird so vom bloßen Werkzeug zum aktiven Lernpartner, was eine sinnvolle Ergänzung zur traditionellen Ausbildung darstellt. Hier entsteht eine große Chance für Kanzleien und vielleicht auch ein Zukunftsmarkt für spezielle Lernanbieter.

Welche Kompetenzen werden in Zukunft in Kanzleien mit Blick auf KI gefragt sein?

Ich glaube, das wird sich in zwei Richtungen entwickeln. Es wird diejenigen geben, die genau wissen müssen, wie die Technologie „hinter den Kulissen“ funktioniert. Diese IT-Experten entwickeln KI-Lösungen und optimieren diese. Wichtig ist, dass diese Gruppe auch über den notwendigen Praxisbezug verfügt, denn sonst sind Kommunikationsschwierigkeiten absehbar.

Und dann gibt es die Gruppe der Anwender, die KI als alltägliches Arbeitsmittel nutzen.

Die erste Gruppe benötigt umfassende technische Fähigkeiten, um KI-Anwendungen zu verstehen und anzupassen. Für die zweite Gruppe hingegen sind neben einem allgemeinen Grundverständnis zur Funktionsweise andere Kompetenzen entscheidend: kritisches Denken, um die Ergebnisse der KI zu hinterfragen und valide Schlussfolgerungen zu ziehen; soziale Interaktion, denn trotz der zunehmenden Digitalisierung bleiben Empathie, Kommunikationsgeschick und Teamarbeit essentiell. Wer sich auf die KI als alleinigen Problemlöser verlässt, riskiert, den Blick fürs Wesentliche zu verlieren.

Der kluge Umgang mit KI ist wie das Steuern eines Flugzeugs: Wer nur auf die Technologie, sprich den Autopiloten vertraut, läuft Gefahr, die Kontrolle zu verlieren.

Wie stellen Kanzleien sicher, dass KI tatsächlich einen Mehrwert für alle Mitarbeiter bietet?

Häufig werden KI-Systeme wie etwa Microsoft Copilot oder GPT-Modelle bereitgestellt, aber nur eine kleine Gruppe von Enthusiasten nutzt sie wirklich effizient. Der Großteil bleibt außen vor, weil die Technologie sie ohne ausreichend Kontext und Schulung überfordert. Eine neue Technologie ohne ausreichende Begleitung bereitzustellen, ist – um den Vergleich zum Fliegen aufzugreifen –, wie einem Menschen ein Flugzeug zu geben, ohne ihm das Fliegen beizubringen.

Hier braucht es mehr als nur technische Implementierung – es braucht gezielte, praxisnahe Schulungen. Mitarbeitende müssen verstehen, wie die KI-Anwendungen im Arbeitsalltag sinnvoll genutzt werden können. Nur ein solcher Ansatz vermeidet Frustration und stellt sicher, dass die Technologie sinnvoll eingesetzt wird. Das Gleiche gilt übrigens für mittels KI durchsuchbare Literatur, wie aktuell etwa von C.H. Beck oder dem Otto Schmidt Verlag, die bereits erste KI-Anwendungen vorgestellt haben. Diese Anwendungen zeigen, dass das unzweifelhaft vorhandene Potential nicht ohne weiteres gehoben werden kann.

Kanzleien sollten deshalb ausgewogene Trainingsprogramme entwickeln, die auf die Anforderungen der jeweiligen Tätigkeit zugeschnitten sind. Nur so entfaltet die KI ihren vollen Nutzen. Grundlagenkurse zu Legal Prompting oder Hackathons sind ein guter Anfang, kratzen jedoch nur an der Oberfläche.

Gibt es Unterschiede zwischen großen und kleineren Kanzleien im Umgang mit KI?

Ja, die Unterschiede können erheblich sein. Große Kanzleien verfügen meist bereits über spezialisierte IT-Abteilungen, die theoretisch auch eigene KI-Lösungen entwickeln beziehungsweise die Implementierung von standardisierten Lösungen vorantreiben können. In der gegenwärtigen Praxis liegt der Fokus dieser Einheiten jedoch häufig auf dem First-Level-Support – also darauf, den reibungslosen Betrieb bestehender Systeme sicherzustellen. Die eigentliche Herausforderung, den technologischen Wandel aktiv mitzugestalten und KI gezielt für juristische Aufgaben nutzbar zu machen, bedeutet für diese IT-Spezialisten vielfach noch Neuland. Hier ist ein Paradigmenwechsel erforderlich: Die IT-Abteilungen müssen sich weg vom reinen Support hin zu einer strategischen Rolle bewegen. Sie sollten KI-Projekte nicht nur implementieren, sondern auch proaktiv vorantreiben und maßgeschneiderte Lösungen für den Kanzleialltag entwickeln. Entscheidend ist eine enge, verständliche und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit der Basis – nur so können IT-Teams die Bedürfnisse der Anwälte wirklich verstehen und passgenaue Anwendungen entwickeln.

Den kulturellen Wandel erfolgreich zu gestalten ist eine weitere, vielleicht sogar noch größere Herausforderung. Technologische Neuerungen treffen auf eine etablierte Arbeitskultur, die sich mit Veränderungen schwertut. Komplexe Strukturen, starre Hierarchien und die Sorge vor Bedeutungsverlust erzeugen bei vielen Mitarbeitern Skepsis oder sogar Widerstand. Häufig scheitern Transformationsprojekte daran, dass die Einführung neuer Technologien als „Top-down-Vorgabe“ empfunden wird statt als Chance zur aktiven Mitgestaltung. Um diese Hürde zu überwinden, ist eine offene Kommunikationskultur entscheidend: Die Mitarbeiter müssen verstehen, welchen Mehrwert KI für die Wertschöpfung bietet und wie sie die Technologie sinnvoll einsetzen können. Vorbilder in der Kanzlei – insbesondere Partner und erfahrene Anwälte – sollten als Multiplikatoren vorangehen, indem sie die neuen Technologien aktiv nutzen und weitervermitteln.

In kleinen Kanzleien kann dieser kulturelle Wandel einfacher sein. Entscheidungen können schnell getroffen und Veränderungen direkter umgesetzt werden. Die Herausforderungen liegen hier eher in begrenzten IT-Ressourcen und der fehlenden Expertise für die Implementierung technischer Schnittstellen. Doch auch hier lässt sich mit passgenauen Maßnahmen viel erreichen: So kann der Einsatz von Standardlösungen in Kombination mit gezielten Schulungen einen erheblichen Unterschied machen. Kleine Einheiten haben also durchaus gute Chancen, sich frühzeitig Wettbewerbsvorteile zu sichern, wenn sie ihr Potential einer schnelleren Anpassungsfähigkeit gezielt gegen die tendenziell schwerfälligeren Strukturen großer Kanzleien ausspielen.

Welche Rolle sollten Partner bei diesem Wandel übernehmen?

Erfahrene Anwälte sind das Rückgrat jeder Kanzlei – doch in Zeiten des Wandels müssen sie mehr sein als nur Bewahrer des Status quo. Sie müssen zu Visionären und Brückenbauern gleichermaßen werden, die den Weg in die Zukunft weisen.

Die Einführung von KI erfordert nicht nur technisches Verständnis, sondern auch ein Umdenken und Lösen von Routinen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Es wird nicht funktionieren, die Verantwortung auf junge Talente, die IT oder den Bereich Human Resources abzuwälzen. Auch erfahrene Juristen müssen verstehen, wie KI funktioniert, wie man die richtigen Fragen stellt und die Ergebnisse kritisch hinterfragt.

Die Partner sollten sich dabei als Vorbilder agieren, die den smarten Umgang mit KI aktiv vorleben. Wer als Partner nicht bereit ist, sich weiterzubilden, läuft Gefahr, selbst den Anschluss zu verlieren. Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist bereits hoch und die Geschwindigkeit technischer Veränderungen nimmt stetig zu – was heute als Innovation gilt, kann morgen bereits überholt sein.

Kanzleien brauchen folglich auf allen Ebenen ein Umfeld der kontinuierlichen Entwicklung, um bei der digitalen Transformation wettbewerbsfähig zu bleiben.

Was sind die Kernbotschaften für Kanzleien im Hinblick auf die KI-Transformation?

Der Einsatz von KI ist keine Zukunftsvision mehr, sondern Realität. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich Kanzleien anpassen, sondern wie schnell sie es tun. Eine kluge Strategie für die Einführung, passgenaue Weiterbildung und eine aktive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Technologie sind dabei unverzichtbar.

Wie im Cockpit eines Flugzeugs kommt es darauf an, die Technologie zielgerichtet zu steuern: Wer die Instrumente beherrscht und das Steuer fest in der Hand hält, erreicht sicher und effizient sein Ziel. Doch wer zu lange zögert oder die Kontrolle abgibt, riskiert, vom Kurs abzukommen. KI ist das Werkzeug – die Richtung bestimmt der Mensch. Die Zukunft gehört denen, die den Wandel aktiv gestalten, mutig entscheiden und auch Umwege auf dem Weg ans Ziel in Kauf nehmen.

Hinweis der Redaktion:
Am 27.05.2025 findet im F.A.Z. Tower die Konferenz Legal Market Matters statt. Torsten Schneider ist dann Teilnehmer eines Bühnengesprächs zu dem Thema: „Welche Folgen hat der Siegeszug der KI im Rechtsmarkt auf die Ausbildung und die Karriere der NextGen?“ – Zur Anmeldung und zum Programm geht es hier entlang. (tw)

Autor

Torsten Schneider Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbh, Köln Director Human Resources

Torsten Schneider

Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbh, Köln
Director Human Resources


torsten.schneider@luther-lawfirm.com
www.luther-lawfirm.com