Personal Branding für Juristen

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Selbständiges Arbeiten gewinnt für Juristinnen und Juristen an Attraktivität. Doch wie positionieren sich Freelancer erfolgreich am Markt?

Die Arbeitswelt ist im Wandel. Vor allem Flexibilität im Arbeitsleben ist es, was sich immer mehr Berufstätige wünschen – sei es, um Familie und Job besser zu vereinen oder um das „Leben neben dem Job“ aktiver ­gestalten zu können. Es ist daher kaum verwunderlich, dass der Freelancer-Markt in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist. Selbständigkeit wird für Berufstätige eine immer beliebtere Form, den Lebensunterhalt zu verdienen – und die freiberufliche Anwaltstätigkeit ist dabei keine Ausnahme. Schließlich ist es heute einfacher denn je, remote von verschiedenen Orten aus zu arbeiten, und nicht zuletzt die Coronapandemie hat gezeigt, dass die Produktivität darunter nicht leiden muss. Im Gegenteil: Moderne Unternehmen machen sich diesen Trend ­zunutze und passen ihre personellen und räumlichen Strukturen entsprechend an. Diese Trendwende macht sich auch im Recruiting bemerkbar. Statt Festangestellte vor Ort in Vollzeit anzustellen, steigt die Nachfrage nach spezialisierten Freelancern, die projektweise beauftragt werden, zumindest theoretisch auch ortsunabhängig ­arbeiten und bundesweit rekrutiert werden können.

Eine traditionelle Branche im Wandel

Anwälte und Wirtschaftsjuristen waren bislang traditionell in eigener Kanzlei tätig oder in Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen angestellt. Doch die Digitalisierung und der Aufschwung des Freelancing haben ­ihnen neue Möglichkeiten eröffnet. Die Arbeit als selbständiger Projektjurist ist ein alternativer Karriereweg, den immer mehr Berufsträger beschreiten. Ob Stammkunde oder wechselnde Auftraggeber, ob fünf, fünfzig oder 150 Stunden im Monat: Projektjuristen können die Projekte, an denen sie arbeiten, ihre Arbeitszeiten und den Arbeitsort meist frei wählen. Dies ermöglicht ­ihnen, Arbeit und Leben so miteinander zu vereinbaren, wie es ihnen entgegenkommt: Wenn sie beispielsweise mehr zeitliche Flexibilität für ihre Familie oder ihr ­Hobby brauchen oder wenn sie neben ihrer neuen Kanzlei ­einen sicheren Einkommensstrom haben wollen oder im Rentenalter – nach Abgabe der eigenen Kanzlei – noch ­beschäftigt sein möchten.

Selbstverständlich hat auch die Pandemie dazu beigetragen, dass sich Freelancing verfestigt hat. Einerseits sind Homeoffice und Remote Work mittlerweile nicht mehr aus dem Arbeitsleben wegzudenken, andererseits haben die vergangenen Jahre vielen Beschäftigten gezeigt, dass eine Festanstellung nicht immer auch langfristige Sicherheit bedeutet. Zwar birgt die Selbständigkeit als Anwalt auch Risiken, doch zumindest ist man sein eigener Chef und braucht in Krisenzeiten nicht die Kündigung zu fürchten.

Vom Einzelkämpfer zur Marke

Um sich als Anwalt selbständig zu machen, sind ­zunächst einmal überschaubare Investitionen und ­einige behördliche Auflagen zu erfüllen. Doch ist der erste Schritt ­gemacht, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie bekomme ich nun spannende Mandate oder Projekte? Die Vermarktung des eigenen Business sowie der eigenen Person ist es, die den Weg zu einer erfolgreichen Karriere als freiberuflicher Projektjurist ebnet – kurz: die Etablierung eines Personal Branding.

In der heutigen digitalen Welt hat sich Personal Branding zu einem entscheidenden Faktor für den beruf­lichen Erfolg entwickelt, insbesondere für Selbständige. Durch Personal Branding können sich Juristen von der Konkurrenz abheben, ihre Fachkompetenz demonstrieren und ihr berufliches Netzwerk erweitern. Personal Branding meint dabei den Prozess, bei dem eine Person eine einzigartige Identität und Reputation aufbaut und diese mit ihrem beruflichen Image verknüpft. In der Praxis geht es somit darum, die eigenen Fachkenntnisse und beruflichen Erfahrungen sowie die eigene Persönlichkeit zu präsentieren und damit bei Kollegen, bei (potentiellen) Mandanten, aber auch in einer breiteren Öffentlichkeit einen positiven Eindruck zu hinterlassen.

Der erste Schritt beim Aufbau einer persönlichen Marke für Juristen besteht darin, die eigenen Stärken, Fachkenntnisse und Leidenschaften zu identifizieren. Selbständige Juristen sollten sich fragen, in welchen ­Bereichen sie besonders kompetent sind und welches Fachwissen sie besitzen. Basierend auf diesen Erkenntnissen können sie dann ihre Zielgruppe definieren, also die Menschen, die von ihrem Fachwissen und ihrer ­Erfahrung profitieren könnten. Und „last but not least“ stellt sich die Frage, was einen selbst von seinen Wettbewerbern unterscheidet.

Zusammengefasst, sollte die Entwicklung einer Personal Brand folgende Fragen beantworten:

  • Was sind meine wichtigsten Eigenschaften, was zeichnet mich aus?
  • Wem kann ich mit meiner Expertise helfen?
  • Welchen Mehrwert biete ich im Vergleich zu anderen?

Ohne eine konsistente Onlinepräsenz geht in der heutigen digitalen Welt nichts mehr. Neben einer ansprechenden Kanzleiwebsite sind es vor allem die sozialen Netzwerke, denen freiberufliche Juristen besondere Aufmerksamkeit schenken sollten. LinkedIn ist dabei ein besonders wichtiger Kanal für Freiberufler, um ihr berufliches Netzwerk zu erweitern und sich als Experten in ihrem jeweiligen Fachgebiet zu präsentieren. Dabei ist gleichsam wichtig, sowohl regelmäßig relevante Inhalte wie z.B. Artikel, Kommentare und Fachbeträge zu teilen als auch selbst ­aktiv Kommentare zu Beiträgen anderer Nutzer zu verfassen – mit dem Ziel, erstens im Netzwerk sichtbar zu sein und zweitens die eigene Expertise zu demonstrieren.

Ein schönes LinkedIn-Profil allein reicht natürlich nicht. Auch die „Offline“-Strategie, also persönliche Begegnungen und Netzwerke, spielen beim Aufbau einer Personal Brand eine wichtige Rolle. Juristen sollten Networking-Veranstaltungen, Konferenzen und Seminare besuchen, um Kontakte zu knüpfen und ihr berufliches Netzwerk auszubauen. Sie können auch in Fachverbänden und ­Organisationen tätig werden und auf diese Weise ihre Expertise zeigen und sich als Meinungsführer in ihrem Bereich etablieren. Ferner können Juristen ihr Fachwissen und ihre Meinungen zu aktuellen rechtlichen Themen teilen, indem sie Artikel schreiben, Fachvorträge halten oder an Podiumsdiskussionen teilnehmen. Somit können sie ihre Glaubwürdigkeit und ihren Ruf als Experten stärken, indem sie wertvollen und relevanten Inhalt liefern.

Vertrauen schaffen

Im Kern geht es folglich darum, Vertrauen in die eigene Person herzustellen. Gerade in einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt, in der die persönliche ­Interaktion begrenzt ist, ist Vertrauen von immenser Bedeutung. Der Aufbau einer persönlichen Marke kann helfen, dieses Vertrauen aufzubauen und somit eine solide Grundlage für erfolgreiche (Geschäfts-)Beziehungen zu schaffen. Die Basis jeder starken persönlichen Marke ist Authentizität: Indem man sich selbst treu bleibt und seine Werte und Überzeugungen konsequent verkörpert, erzeugt man Vertrauen bei anderen. Menschen suchen nach Echtheit und möchten sicher sein, dass die Person hinter der Marke verlässlich ist. Auch Expertise in bestimmten Themen­bereichen schafft Vertrauen, idealerweise gepaart mit dem – öffentlich kommunizierten – Streben nach Weiterbildung und mit der Bereitschaft, Wissen mit anderen zu teilen. Ein eigener Blog auf der Kanzleiwebsite, in dem ­beispielsweise regelmäßig Beiträge zu aktuellen rechtlichen Entscheidungen oder relevante Fallstudien veröffentlicht werden, kann ein solches Vehikel sein. Auch Rückmeldungen und Empfehlungen von Kollegen sind ein wichtiges Instrument zur Vertrauensbildung. Diese Empfehlungen wirken wie Gütesiegel und helfen, das Vertrauen von zukünftigen Geschäftspartnern und ­Mandanten zu gewinnen.

Ist Personal Branding also nichts anderes als gelungene Selbstinszenierung? – Antwort: Jein. Natürlich stellen der Aufbau und die Pflege einer persönlichen Marke die ­eigene Person zunächst einmal in den Vordergrund. Es geht aber darüber hinaus. Denn Personal Branding ­bedeutet auch den Aufbau und die Pflege von Beziehungen. Indem man echtes Interesse an anderen zeigt, aktiv zuhört, unterstützt und seinem Gegenüber Wertschätzung entgegenbringt, entwickelt man eine Beziehung und stärkt das ­Vertrauen.

 

kristine.pris@variolegal.de