KI in Rechtsabteilungen

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Der Drang zur Einführung von künstlicher Intelligenz (KI) wächst in allen Branchen, einschließlich der Rechtsabteilungen. Eine erfolgreiche Integration erfordert jedoch mehr als nur die Implementierung neuer Technologien; sie erfordert eine tiefgreifende Umstrukturierung der Organisation. Dieser Wandel ist besonders für Juristen und Juristinnen von Bedeutung, die sich an völlig neue Arbeitsweisen anpassen müssen. Eine durchdachte Strategie ist entscheidend für die effektive Integration von KI in Rechtsabteilungen und die Maximierung ihres Potentials.

Die Herausforderung einer KI-Integration

Jede Abteilung spürt den zunehmenden Druck, KI einzuführen, und die Rechtsabteilung bildet da keine Ausnahme. Pilotprojekte werden schnell gestartet, erste Demos sehen vielversprechend aus, und Teams lassen sich oft von dem Reiz des glänzenden neuen Tools mitreißen. Aber die Ergebnisse entsprechen selten dem Hype. Eine Studie der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2025 unter mehr als 280 Führungskräften aus dem Finanzbereich ergab, dass der mittlere Return on Investment (ROI) von KI-Initiativen nur 10% betrug und damit weit hinter den 20% oder mehr zurückblieb, die viele Unternehmen angestrebt hatten.

Oftmals liegt die Herausforderung nicht in der Technologie selbst. Es ist vielmehr die Annahme, dass KI lediglich die einfache „Einführung eines Tools“ bedeutet und keine tiefgreifende Umstrukturierung des Unternehmens darstellt. Die Implementierung von KI verändert weit mehr als nur die Software; sie wirkt sich auf Arbeitsabläufe, Verantwortlichkeiten, Anreize, Datenflüsse, Entscheidungsrechte und Risikobereitschaft aus. Außerdem müssen Juristen eine neue Arbeitsweise annehmen, was natürlich zu Vorbehalten führt.

In vielerlei Hinsicht spiegelt dies die Anfänge der Suchmaschinen in den frühen 2000er Jahren wider: Es dauerte einige Zeit und erforderte wiederholte Versuche, bis die Nutzer sich daran gewöhnt hatten, die Vielzahl von Artikeln, Meinungen und frei erfundenen Geschichten, die die Suchmaschinen ausgaben, zu durchsuchen, zu überprüfen und nach und nach entsprechendes Vertrauen in diese Tools zu gewinnnen. Aber mit der Verbesserung der Suchtechnologie und der Steigerung der Qualität und Relevanz der Ergebnisse gewöhnten sich die Nutzer zunehmend an diese neue Art der Suche und konnten bedeutende Produktivitätssteigerungen erzielen, da Informationen leichter zugänglich und zuverlässiger wurden. Das Missverständnis, dass KI lediglich als weiteres Tool und nicht als Wandel in der Arbeitsweise betrachtet werden kann, zeigt sich am deutlichsten darin, wie Unternehmen die Rechtsabteilung einbeziehen.

Erfolgreiche Implementierung von KI in Rechtsabteilungen

In vielen Unternehmen wird die Rechtsabteilung erst spät im Arbeitszyklus in die Diskussionen einbezogen: um einen Vertrag zu prüfen und zu überarbeiten, eine Klausel zu verschärfen, eine Richtlinie zu genehmigen oder ein Risiko zu identifizieren. Diese Vorgehensweise ist jedoch rückständig und lässt oft das volle Potential des Einsatzes von KI für die Rechtsabteilung ungenutzt. Der Erfolg von KI hängt davon ab, dass Systeme entwickelt werden, die erklärbar, transparent und kontrollierbar sind und alle Einschränkungen erfüllen, denen eine Organisation unterliegt, darunter Datenschutzbestimmungen, Branchenstandards, vertragliche Verpflichtungen und interne Governancerichtlinien. All dies sind Bereiche, in denen die Rechtsabteilung bereits tätig ist.

Das vergangene Jahr markierte einen Wendepunkt, da interne Rechtsabteilungen von der Planung zur praktischen Umsetzung übergingen. Laut einer aktuellen Umfrage zur Bewertung der Einführung von GenAI gab mehr als die Hälfte der europäischen Verbraucher an, GenAI sowohl für berufliche als auch für private Zwecke zu nutzen. Trotz dieser bedeutenden Akzeptanz sind die größten Hindernisse für eine breitere Einführung weiterhin Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit von GenAI.

Genau die Eigenschaften, die KI (im Allgemeinen) zuverlässig und skalierbar machen, darunter klare Argumentation, überprüfbare Standards, dokumentierte Entscheidungswege, funktionsübergreifende Zusammenarbeit und diszipliniertes Risikomanagement, zeichnen die übliche Vorgehensweise der Rechtsabteilung aus. Selbstverständlich erfordert jede professionelle Beratung nach wie vor menschliches Eingreifen, und Zitate sollten überprüft werden, um mögliche Irrtümer in Rechtsdokumenten zu erkennen.

Genau aus diesem Grund wird die Rolle der Rechtsabteilung im Zeitalter der KI nicht nur erweitert, sondern sie wird zu einer grundlegenden Voraussetzung für den langfristigen Erfolg der künstlichen Intelligenz. Unternehmen, die KI effektiv einsetzen, betrachten die Rechtsabteilung nicht als Gatekeeper. Sie betrachten sie als die Funktion, die dabei hilft, die Entscheidungsarchitektur zu definieren, innerhalb derer KI operieren muss. Organisationen wie die Association of Corporate Counsel (ACC) bieten wichtige rechtliche Beratung und Ressourcen wie zum Beispiel das AI Toolkit, und auf Datenschutz spezialisierte Organisationen wie die International Association of Privacy Professionals (IAPP) bieten Zertifizierungen im Bereich KI-Governance an. Diese sind für Fachleute aus den Bereichen Recht, Datenschutz und Compliance hilfreich, um die entsprechende Entscheidungsarchitektur aufzubauen.

Die Struktur, die KI benötigt, existiert bereits im Rechtswesen

Die juristische Arbeit folgt Mustern, die über verschiedene Sachverhalte, Juristen und Branchen hinweg ungewöhnlich einheitlich sind. Eine Vertragsprüfung im Gesundheitswesen sieht in der Regel anders aus als eine im SaaS-Bereich (SaaS: Software-as-a-Service), aber die zugrundeliegende Abfolge ist ähnlich. Zunächst müssen die allgemeine Ausrichtung des Vertrags und die geschäftlichen Anforderungen, die er erfüllen soll, verstanden werden. Als Nächstes werden die relevanten Klauseln gesucht, Abweichungen vom Playbook oder den Standardbedingungen identifiziert und anschließend jede Klausel anhand der bevorzugten, der Ausweich- und der endgültigen Position (manchmal auch als Bid-, Fallback- und Walk-Positionen bezeichnet) bewertet. Schließlich wird bestimmt, ob jede Klausel ein Risiko darstellt, dann wird versucht, das Risiko in geschäftlicher Hinsicht zu quantifizieren, und zuletzt die Gründe für die Annahme oder Ablehnung der Formulierung dokumentiert.

Darüber hinaus kann KI dazu verwendet werden, einen Vertrag in einer „Geschäftssprache“ zu erklären, die auf jeden einzelnen Stakeholder zugeschnitten ist. KI ist unter anderem bei vielen Aufgabenstellungen besonders effektiv. Dem KI-Modell können beispielsweise Aufgaben gestellt werden wie „Erkläre diesen Vertrag in Begriffen, die ein Junior-Vertriebsmitarbeiter verstehen würde“ oder „Erkläre diesen Vertrag in Geschäftsbegriffen, die ein erfahrener C-Level-Manager verstehen würde“ oder sogar „Erkläre diesen Vertrag unter Verwendung einer logischen Struktur und einer Sprache, die ein Software-Ingenieur verstehen würde“.

Dieselbe Logik findet sich häufig auch in den Bereichen Incident Response, Arbeitsrecht, Beschaffung, Discovery, regulatorische Berichterstattung, Ermittlungen und Auslegung von Richtlinien wieder. Tatsächlich sind Anwälte und Anwältinnen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, seit langem darin geschult, nützliche Eingabeaufforderungen zu generieren, da ihre Fragestellungen nahtlos in KI-Eingabeaufforderungen übersetzt werden können.

Wenn sich zum ersten Mal mit einem Fall befasst wird, ist zunächst das Problem zu bestimmen, also die Frage, die mit der Eingabeaufforderung gelöst werden soll. Anschließend werden die Einschränkungen, Standards oder Parameter festgelegt, die die KI anwenden soll. Als Nächstes folgt die Analyse, d.h. die relevanten Fakten und der Kontext, die die KI benötigt, um eine nützliche, korrekt formatierte Antwort zu erstellen. Abgeschlossen wird der Vorgang mit der Schlussfolgerung, der empfohlenen Maßnahme in rechtlicher Hinsicht sowie einer leicht verständlichen Erklärung für die Stakeholder und Kunden des Unternehmens.

Diese Arbeitsabläufe sind auf Stabilität und Wiederholbarkeit ausgelegt, da Inkonsistenz Risiken birgt, die Glaubwürdigkeit untergräbt und Herausforderungen nach sich zieht. Diese Wiederholbarkeit macht juristische Arbeit besonders geeignet für den Einsatz von KI. Wenn künstliche Intelligenz Hunderte ähnlicher Entscheidungen beobachtet, die auf konsistente Weise behandelt werden, wie z.B. Muster beim Erkennen von Problemen, Interpretieren, Eskalieren und Dokumentieren, lernt sie, was „gut“ ist.

Wenn die Rechtsabteilung zuverlässig unbegrenzte Entschädigungen kennzeichnet, fehlende Datenschutzvereinbarungen identifiziert oder bestimmte Sicherheitszusätze als nicht verhandelbar behandelt, bilden diese Verhaltensweisen eine Blaupause, der die KI folgen kann. KI kann auch dazu verwendet werden, bestehende Verträge in ein strukturiertes Playbook oder bevorzugte Vertragsbedingungen umzuwandeln und Vertragsvorlagen anhand von Branchenstandards, Wettbewerbsnormen oder internen bevorzugten Kriterien zu bewerten.

Da KI die Rechtslandschaft verändert, ist es von entscheidender Bedeutung, sie als strategische Kraft zu nutzen. Juristen müssen frühzeitig in die Implementierung von KI einbezogen werden, um eine verantwortungsvolle, ethische und effektive Integration sicherzustellen. Durch die Nutzung ihres Fachwissens in den Bereichen Governance, Risikomanagement und Compliance können Rechtsabteilungen transparente und rechenschaftspflichtige KI-Systeme entwickeln, die auf die Unternehmensziele abgestimmt sind. Dieser proaktive Ansatz maximiert das Potential von KI nicht nur als Werkzeug, sondern als grundlegender Bestandteil der Rechtsstrategie und schafft Vertrauen. All dies ebnet den Weg für eine erfolgreiche KI-gesteuerte Zukunft im Rechtsbereich. 

Autor

Michael T. Moore Association of Corporate Counsel (ACC) Vice President, Head of Legal und Company Secretary bei Glean Technologies, Inc.

Michael T. Moore

Association of Corporate Counsel (ACC)
Vice President, Head of Legal und Company Secretary bei Glean Technologies, Inc.


media@acc.com
www.acc.com


Autor

Rebecca Hinds Association of Corporate Counsel (ACC) Leiterin des Work AI Institute bei Glean Technologies, Inc.

Rebecca Hinds

Association of Corporate Counsel (ACC)
Leiterin des Work AI Institute bei Glean Technologies, Inc.


media@acc.com
www.acc.com