Karriereplanung von Juristinnen in der Rechtsbranche

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Viele Juristinnen definieren sich leider zu oft in erster Linie über die Qualität ihrer Arbeit und vernachlässigen andere Faktoren, um ihre Karriere positiv zu beeinflussen. Um die eigenen Ziele zu erreichen, ist es wichtig, sich im Laufe der beruflichen Laufbahn immer wieder Gedanken über die langfristigen Ziele und die eigene Positionierung zu machen.

Die Rechtsbranche ist eine der anspruchsvollsten und renommiertesten Branchen der Welt. Sie erfordert jahrelange Ausbildung und harte Arbeit, um erfolgreich zu sein. Trotz des Fortschritts in Bezug auf Chancengleichheit scheint der Weg zum Erfolg für Anwältinnen immer noch mühsam.

Frauenanteil im Rechtsmarkt: Status quo

Der Frauenanteil in den Anwaltskanzleien in Deutschland ist zwar deutlich gestiegen, aber schaut man auf die Partner- und Counsel-Ernennungen, wird deutlich, dass sie hier noch immer unterrepräsentiert sind und auf zahlreiche Herausforderungen stoßen, die ihre Karrieren kurz- bis langfristig beeinträchtigen.

2020 betrug der Frauenanteil beim bestandenen zweiten Staatsexamen fast 57% und 51,6% bei den weiblichen Associates in deutschen Kanzleien. Und auch wenn 2022 der Anteil der weiblichen Partner- und Counsel-Ernennungen bei knapp 33% lag, ist das immer noch zu wenig, wenn man die Zahlen der Absolventinnen und Absolventen gegenüberstellt.

Das Bild rundet sich wenig erfreulich ab, wenn man den Entgeltunterschied (Gender-Pay-Gap) in Anwaltskanzleien betrachtet: Bei den Partnerinnen und Partnern einer Kanzlei stellt man eine Lohnlücke von durchschnittlich 26% fest, vergleicht man die Gehälter der Frauen und Männer miteinander.

Was zu tun ist

Es ist wichtig, dass Arbeitgeber und Organisationen in der Rechtsbranche hier noch mehr in das „Doing“ kommen. Diversität wird – über die Genderfrage hinaus – immer wieder betont, aber die Realität zeigt noch zu oft, dass es viele – praktische – Schritte braucht, um Vielfalt zu fördern und wirklich gleiche Möglichkeiten zu schaffen. HR-Konzepte können noch so gut sein, noch so flexibel und innovativ – sie müssen in den Kanzleien gelebt werden, und jeder Partner, jede Partnerin muss sich darüber im Klaren sein, dass sie eine wichtige Vorbildfunktion hat. Speziell in den ersten Berufsjahren können (weibliche) Role Models in der Kanzlei eine prägende Rolle einnehmen.

Bedauerlicherweise gibt es für Frauen in der Rechtsbranche weiterhin einen Mangel an Vernetzungsmöglichkeiten. Networking ist hier – wie überall – ein wichtiger Bestandteil der beruflichen Entwicklung und kann dazu beitragen, dass Frauen bessere Karrierechancen und Unterstützung erhalten, weshalb es aktiv gefördert und angeboten werden muss.

Und natürlich liegt es auch an jeder einzelnen Juristin, ihre Wahrnehmung sowie ihre Karriere nach den eigenen Wünschen zu entwickeln. Ein wichtiger Faktor kann dabei Personal Branding sein. An erster Stelle stehen zwar immer fundiertes Fachwissen und exzellente Arbeit, aber es hilft, wenn der eigene Name Entscheidungsträgern ein Begriff ist. Dazu gehört die externe Visibilität genauso wie die klare Positionierung nach innen.

Doch wie baut man im Umfeld einer Kanzlei eine eigene Marke auf? Fünf Punkte helfen, um eine solche zu stärken:

1. Ziele und Zielgruppe definieren
Am Anfang der Personal-Branding-Strategie steht die Definition der eigenen Ziele. Was will ich erreichen, wer ist meine Zielgruppe? Auf welches Fachgebiet möchte ich mich konzentrieren, welche Art von Klienten ansprechen und welche Themen liegen mir am Herzen?

2. Klare Botschaft
Welche Werte und Kompetenzen verkörpere ich, und wie sind diese in Worte zu fassen? Eine stringente Botschaft hilft, sich von anderen Juristinnen abzuheben und in Erinnerung zu bleiben.

3. Soziale Netzwerke
Es ist unerlässlich, online präsent zu sein. Welche sozialen Netzwerke sind für meine Zielgruppe relevant? Ist mein Profil auf LinkedIn aktuell? Regelmäßige Beiträge zu relevanten Themen helfen, um sich als Expertin zu positionieren.

4. Gezieltes Netzwerken
Die Teilnahme an Branchenveranstaltungen stellt eine Möglichkeit dar, um Kolleginnen und Kollegen sowie potentielle Klienten zu treffen. Auch hier unterstützen Onlinenetzwerke wie LinkedIn.

5. Veröffentlichungen
Artikel und Beiträge in Fachzeitschriften oder auf dem eigenen Blog können dazu beitragen, Expertise und Personal Branding zu stärken. Wo finde ich Gelegenheiten, um meine Persönlichkeit, Gedanken und Ideen einzubringen und zu teilen und mich als Know-how-Trägerin zu positionieren?

Personal Branding ist ein wichtiger Aspekt für Juristinnen, um ihre Karriere voranzutreiben und erfolgreich zu sein. Es erfordert Zeit und Engagement, aber die Investition kann sich langfristig auszahlen. Doch Personal Branding allein führt nicht zum Ziel. Junge Juristen und besonders Juristinnen sollten darüber hinaus alle Möglichkeiten nutzen, die seitens der eigenen Kanzlei angeboten werden: Fast überall gibt es beispielsweise Mentorenprogramme, um den Austausch zwischen Berufsanfängern, Associates, Counsels und Partnern auch unabhängig von der Mandatsarbeit zu fördern. Internes wie externes Networking und die gezielte Kombination von Erfahrungen und Arbeitsumgebungen geben häufig den Ausschlag für eine weitere Entwicklung.

Die Planung der Karriere beginnt aber noch früher. Praktika im Studium stärken das eigene Netzwerk und helfen – genauso wie das Referendariat –, die passende Kanzlei für die ersten Berufsjahre zu finden. Und so banal es klingt – gerade in dieser Phase ist der Austausch mit Freunden, Familie, Berufserfahrenen und Personalern extrem wichtig und keine Schwäche oder ein Zeichen, dass man „es allein nicht schafft“. Dabei muss der Status quo immer wieder hinterfragt werden. Vielleicht bringt ein Wechsel in eine andere Kanzlei eine neue, interessante Perspektive? Auch ein interner Wechsel in eine andere Einheit kann der richtige Schritt für ein neues Projekt, eine neue Stelle, spannende Mandate oder ein Plus an Verantwortung sein. Eine realistische Selbsteinschätzung und das Abgleichen der Ziele sollten die eigene Planung immer begleiten. Dazu kann bisweilen die Erkenntnis gehören, dass der aktuelle Status quo erst einmal so in Ordnung ist. Entwicklung bedeutet nicht nur ein Karrieresprung nach dem anderen, sondern auch Konzentration auf Weiterbildungen zu Führungskompetenzen oder Business-Development-Themen.

Neue Entwicklungen bieten Perspektiven

Bei allen Gedanken über die berufliche Entwicklung muss man auch im Blick behalten, dass sich – unabhängig von den Geschlechtern – bei Anwaltskanzleien ähnliche Entwicklungen zeigen wie am gesamten Arbeitsmarkt: Karriere und Gehalt bleiben wichtige Faktoren, doch gerade die nachwachsende Generation von Juristinnen und Juristen äußert neben dem Wunsch nach einer herausfordernden, spannenden Tätigkeit viele individuelle Vorstellungen – wie die Möglichkeit, für ein paar Wochen im Jahr von einem ganz anderen Ort aus arbeiten zu können oder aber ein Sabbatical einzulegen, um eine lang geplante Reise anzugehen. Natürlich ebenso von Interesse sind Teilzeitmodelle, die nicht nur von Eltern gewünscht werden, sondern auch von solchen Berufsträgern, die parallel an der Dissertation arbeiten, ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgehen oder einfach etwas mehr Zeit für ganz andere Themen haben möchten.

Hinzu kommt, dass viele top qualifizierte Juristinnen und Juristen die Equity-Partnerschaft gar nicht mehr als das Maß aller Dinge sehen. Die Arbeitszeiten auf dem Weg dahin, der Umsatzdruck, die regelmäßige und nachhaltige Akquise, Kanzleimanagement und Personalverantwortung sind für manche von ihnen einfach nicht mehr mit dem eigenen Lebensmodell vereinbar. Gerade, aber nicht nur, in einer Lebensphase, in der häufig Karriereentwicklung und Familienplanung parallel laufen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Rechtspraxis eine echte Herausforderung darstellt.

Deswegen ist es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen, was man persönlich erreichen will und welche Schritte dafür notwendig sind. Und Juristinnen sollten sich immer in Erinnerung rufen, dass es viele Möglichkeiten auf dem Karriereweg gibt. Egal für welchen sie sich entscheiden, eine juristische Karriere in all ihren Ausprägungen kann mit einer sinnvollen und langfristigen Planung deutlich beschleunigt werden.

isabell.stoffers@indigo-headhunters.com