Depressionen im anwaltlichen Berufsalltag

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Der Rechtsanwalt hat seinen Beruf gewissenhaft auszuüben. Er hat sich innerhalb und außerhalb des Berufs der Achtung und des Vertrauens, welche die Stellung des Rechtsanwalts erfordert, würdig zu erweisen.

Schon die allgemeine Berufspflicht aus § 43 BRAO zeigt deutlich, welches Ansehen das Berufsbild des Rechtsanwalts genießt. Das hat der Rechtsanwalt auch seit Studienbeginn gelernt. Dies und das sogenannte „Handwerkszeug“ im Umgang mit vielen unbekannten juristischen und faktischen Problemen sowie das „sichere Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.“ Kaum ein Berufsbild verlangt so sehr, dass man die Mandanten wohlwollend an die Hand nimmt – erst recht in der Strafverteidigung, wo die Staatsgewalt sich schonungslos und unmittelbar gegen den einzelnen Beschuldigten richtet. Hier ist der Strafverteidiger oft die letzte Verbindung zwischen dem Rechtsstaat und dem den Rechtsstaat herausfordernden Beschuldigten.

Ich kenne jemanden, der jemanden kennt …

Anstatt dieses sicheren Auftretens und des souveränen Umgangs mit dem Recht und rechthaberischen Mandanten trat plötzlich eine Veränderung der Wahrnehmung des Berufsalltags. Ein einfacher Anruf, eine einfache E-Mail, gar ein einfaches Gespräch unter Kollegen schienen plötzlich nicht mehr machbar und verlangten eine ungeheure Kraft und Ausdauer. Oftmals gab es vorgeschobene Entschuldigungen. Der Berufsalltag bestand darin, möglichst nicht die Fassung zu verlieren, nicht aufzufallen und die Kontrolle über das bisherige Berufsleben zu behalten. Dies bedeutete auch: Wo sonst eine einfache und geordnete To-do-Liste war, klebten und hingen nun unzählige Post-its und Notizzettel, um nichts zu vergessen. Und anschließend: fast vier Monate stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie, weitere zwei Monate Krankschreibung. Währenddessen: Einzeltherapie, Gruppentherapie, Sporttherapie, Ergotherapie, Musiktherapie und Kunsttherapie – eben all das, was erforderlich ist, wenn man aufgrund einer schweren Depression sogar die kognitive Fähigkeit des Lesens verliert, wenn man Worte zwar lesen kann, aber den Sinnzusammenhang nicht mehr versteht. Und das, obwohl man dies schon während der juristischen Ausbildung von Anfang an bis zur Perfektion gelernt hat. Das Gehirn stellt unter einer schweren Depression oftmals alles ein, was nicht mehr zwingend notwendig ist. Im vorliegenden Fall zum Beispiel die Fähigkeit zu lesen und auch die Fähigkeit, sich etwas zu merken.

Und dann sitzt man da. Mit letzter Kraft hat man noch komplizierte Einlassungen im Wirtschaftsstrafrecht verfasst, war zum letzten Gespräch bei der Steuerfahndung und bei der letzten Haftprüfung, war ein ernstzunehmender Gesprächspartner. Und anschließend sitzt man im Herzen von Berlin in Europas größtem Krankenhaus und muss selbst an die Hand genommen werden. Bei allem. Bei der sogenannten Erledigung alltäglicher Dinge, dem Essen und Trinken und einfachsten Aufgaben. Die Achtung, die der Rechtsanwalt in der Gesellschaft genießt, hat der Betroffene gegenüber sich selbst längst verloren.

Und danach: die Wiedereingliederung in den Berufsalltag – nach dem sogenannten Hamburger Modell. Ganz langsam wird der Berufsalltag wieder aufgebaut – zunächst eine Stunde am Tag. Im normalen Berufsalltag vergeht eine Stunde wie im Flug: eine kurze Recherche, eine summarische Prüfung. In der Wiedereingliederung ist eine Stunde juristischer Berufsalltag Schwerstarbeit. Das Gehirn muss sich wieder an das Lesen, das Verstehen und das Subsumieren gewöhnen, bis nach etlichen Wochen wieder der „normale“ Berufsalltag wahrgenommen werden kann.

Die Kollegen, die nichts davon wussten, fragten nicht. Und diejenigen, die davon wussten, fragten auch nicht. Auch das verstärkt das Gefühl, dass man bestimmte Erkrankungen im Berufsalltag lieber geheim hält, besonders als Rechtsanwalt. Und das verstärkt den Druck, gerade im Berufsalltag unter dem Berufsbild des Rechtsanwalts, immer perfekt sein zu wollen. Denn der Rechtsanwalt muss sich seines Berufs als würdig erweisen.

Und irgendwann – nach viel Zeit in der Langzeittherapie – kehren der alte Berufsalltag und das alte Leben wieder zurück, für lange Zeit, aber nur bis zur nächsten depressiven Episode. Und wieder ist alles kaum machbar und erneut alles schwierig und kaum zu ertragen. Aber hier kommt dem Juristen tatsächlich die unglaubliche persönliche Leidensfähigkeit zugute, die er seit Anfang des Studiums kennt und die dann kurz vor dem zweiten juristischen Staatsexamen ihren Höhepunkt findet: weitermachen, kämpfen, hoffen und wissen, dass irgendwann wieder Licht am Ende des Tunnels erscheinen wird. Zu gut kennen wir alle dieses sehr vertraute Gefühl von Anfang an.

Am 10.10.2022 war der Welttag für psychische Gesundheit. Das ist ein Aktionstag, der von der World Federation for Mental Health (WFMH) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgerufen wird. Er soll auf die psychische Gesundheit von Menschen aufmerksam machen, Informationen über psychische Krankheiten zugänglich machen und die Solidarität mit psychisch Kranken und ihren Angehörigen ausdrücken.

Ich muss nicht mehr sagen, dass ich jemanden kenne, der jemanden kennt. Denn das ist meine Geschichte.

 

susana.camposnave@roedl.com

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Hinweis der Redaktion:
Im Bundesverband der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD) beschäftigt sich eine eigene Task Force unter der Leitung von Stefanie Müller, M.A. (Menold Bezler) mit dem Thema Lawyer-Well-Being – siehe dazu das Video hier sowie den Beitrag im Online-Magazin fourword hier).

Unter dem Titel „Lawyer Well-being – The Silent Pandemic“ hat das Liquid Legal Institute für Deutschland die erste Studie vorgelegt, die sich mit dem Thema der psychischen Gesundheit im Rechtsmarkt befasst. Einzelheiten finden Sie hier. (tw)

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