Einige Gedanken über die Humanisierung der Arbeitsumgebung im Rechtsmarkt

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Einleitung
Das sagt sich so einfach, aber was bedeutet das konkret für den „Berufsträger“ (schreckliches Wort) oder „Syndikus“, den „Legal-Engineer“, den „Legal-Ops“ oder den  „Paralegal“ (noch mehr schreckliche Wörter)?
Wenn wir vor neuen, grundlegenden Herausforderungen stehen, sollten wir nicht davor zurückschrecken, uns neue Namen für unsere neuartigen Tätigkeiten zu überlegen – Namen, die präziser zum Ausdruck bringen, was wir tun und womit wir beschäftigt sind. Namen, die uns verbinden und uns eine Identität verschaffen. „Rechtschaffende“ wäre passend und auch gendermäßig geeignet, aber klingt doch etwas selbstbeweihräuchernd. „Juristen“ schließt „Nichtjuristen“ (englisch „Non-Lawyer“ und damit mit Abstand das schrecklichste Wort unserer Branche) aus. Wie so oft, wenn man im Deutschen nicht weiterkommt, könnte man aus dem Englischen den „Legal-Manager“ entlehnen. Jemand, der sich um das „Legale“ kümmert … während sich Verbrecher um das „Illegale“ kümmern? Auch nicht gut.
Der Terminus „Rechtsberater/in“ führt uns in die Untiefen des Rechtsdienstleistungsgesetzes (RDG). Vermeintliche Unschärfe an dieser Stelle hat das Liquid Legal Institut (LLI) schon einmal ein halbes Jahr gekostet – ganz zu schweigen von den doppelten Notargebühren für die Aufnahme eines Passus in unsere Vereinssatzung, der explizit klarstellt, dass wir „keine“ Rechtsdienstleistung i.S.d. RDG anbieten.

Wie wäre es mit „Rechtshelfer/in“? Nah bei der Rechtshilfe, aber bei Google noch nicht erfasst. Ein Kollege schlug einmal „Rechts-Engel“ vor – angelehnt an den „Business-Angel“, der Start-ups unter die Arme greift. Ein schönes Bild – aber leider unter Marketinggesichtspunkten eher schwer vermittelbar, obwohl die Antwort auf die Frage „Und, was machen Sie beruflich?“: „Ich bin Rechtsengel, ich helfe Menschen weiter, die sich mit Fragen des Rechts auseinandersetzen müssen!“ sehr positiv klingt, während ein schlichtes „Ich bin Anwalt!“ oftmals das Gespräch abkürzt: „Ach so! Schön.“
Wenn uns als „Teilnehmer des Rechtsmarkts“, die wir alle sind, aber die Worte fehlen, um unsere neuen Rollen und damit unser zukünftiges Selbstverständnis zu beschreiben, könnte das eine Erklärung dafür sein, dass unser Fundament nicht so fest ist, wie wir annahmen und wie wir es in stürmischen Zeiten auch dringend brauchen.
Die hier skizzierte Diskussion findet in anderen Branchen bereits statt. Mittlerweile gibt es auch Literatur, die sehr strukturiert die Evolution von Organisationsformen beschreibt. Im Kern werden dort die Entwicklungsstufen menschlicher (Selbst-)Organisation systematisch aufgearbeitet. Es zeigt sich, dass für unterschiedliche Aufgaben unterschiedliche Formen besser oder schlechter geeignet sind. Man denke an die starren Hierarchien beim Militär oder eher selbststrukturierte und verteilte Organisationen, wie in modernen Techunternehmen. Es bleibt abzuwarten, wie sich Kanzleien und Unternehmen in und um das Feld Recht weiterentwickeln werden. Klar ist: Die letzte Entwicklungsstufe ist noch nicht erreicht.

Wo stehen wir heute?
Unsere Befragung zum Gesundheitszustand im Rechtsmarkt – siehe dazu hier – hat uns vor Augen geführt, wie schlecht es um den Menschen Anwalt bestellt ist. Die Dynamik der gegenwärtigen Transformation, die von der Coronapandemie noch beschleunigt zu werden scheint, lässt befürchten, dass das Arbeitsaufkommen und der damit einhergehende Stress eher zunehmen werden. Hinzu kommen – weithin noch ignorierte – Sonderbelastungen, die in der Rolle als Anwalt begründet sind und darin, wie diese geprägt ist. Zusammen mit unseren Projektpartnern des „Bundesverbands der Unternehmensjuristen (BUJ)“ und der „Research Sustainable Management GmbH (EuPD)“ haben wir deshalb eine umfassende zweite Untersuchung vorbereitet, die in den nächsten Tagen starten wird – siehe dazu hier. Bitte beteiligen Sie sich!
Die zu erwartenden Ergebnisse müssen uns Mahnung und Auftrag sein, uns nicht nur darüber Gedanken zu machen, wie wir gut durch die Transformation kommen, sondern auch darüber, wie sich die Arbeit selbst, aber auch das Umfeld der Arbeit verändern müssen, damit wir besser mit der Vielfachbelastung umgehen können.

Wie entsteht eine Organisation um den Menschen?
Viele unserer Mitglieder am LLI verhalten sich kontradiktorisch. Statt sich Freiräume zu schaffen und die so gewonnene Zeit zu nutzen, um von der Arbeit auszuruhen, übernehmen viele von ihnen Aufgaben in unseren Projektteams. „Warum auch das noch – on top?“ – fragt man sich staunend.
Stellt man die Frage, so kommen Antworten wie: „Es ist ein ganz anderes Arbeiten!“ – Was ist damit gemeint? Um diese Menschen herum entstehen Teams, die sich freiwillig um ein Thema versammeln und es mit vereinten Kräften vorantreiben. Sowohl der Weg zum Ziel als auch das gemeinsam erreichte Ergebnis entlohnen offenbar für die Mühe. Dieses scheinbare Paradox zu ergründen und für uns alle in unseren Unternehmen nutzbar zu machen ist eine lohnende Aufgabe. Viele Mitglieder begreifen mittlerweile den Weg, den ein Projekt im Lauf der Durchführung nimmt, als einen (Lern-)Prozess. Dies ist, nebenbei bemerkt, eine wichtige Beobachtung bei agilem Arbeiten: Das Individuum steht über einem (schwergewichtigen) Prozess. Interaktionen und Kollaboration zwischen Menschen sind Tools und Werkzeugen überlegen. Klar ist, dass das oberste Ziel bei vielen professionellen Tätigkeiten immer noch Ergebnisse sind und diese erreicht oder erarbeitet werden müssen. Aber ist das nicht ein Widerspruch, nach dem Motto: Wenn der Weg das Ziel ist, verliert man leicht das Ziel aus den Augen? Mitnichten! Unter Berücksichtigung des Ressourceneinsatzes der Mitglieder im LLI sind die Ergebnisse mehr als beachtlich. Die intrinsisch motivierte Interaktion im Team spornt an. Es gibt den Menschen Mut, neue Ideen zu denken, in einer interdisziplinären und diversen Community zu diskutieren, zu verwerfen, zu verbessern und vielleicht auch umzusetzen.
In unserem aktuellen LLI-Newsletter beschreiben wir die Notwendigkeit einer „Humanisierung der Arbeitsumgebung“ und stellen die Behauptung auf, dass ohne eine solche noch viele Digitalisierungsprojekte in Unternehmen keinen Erfolg haben werden. Wir müssen uns eingestehen, dass die Technologisierung der Arbeit, die es versäumt, den Menschen einzubinden, scheitern muss. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Es liegt jedoch sicher auch daran, dass Technologisierung kein statischer Zustand ist, sondern immer nur als Prozess, als ein Werden, begriffen werden kann. Und dieses sich kontinuierliche Entwickeln kann den Menschen nicht ausklammern. Erst wenn der Mensch den eigentlichen Wert und Kern der Digitalisierung verinnerlicht, nämlich Skaleneffekte zu erzielen, Entlastung zu realisieren, wird er eigene Ideen einbringen, umsetzen und letztlich die Tools auch nutzen und damit den eigentlichen Beitrag zur Transformation leisten.
Er wird all dies tun, wenn er sich als Mensch wertgeschätzt und aufgehoben fühlt. Daher stellen wir im Liquid Legal Institute die Themen körperliches/geistiges Wohlergehen, Vielfalt, Kollaboration, Vertrauen, Empathie und Agiles Arbeiten in den Mittelpunkt unseres Schaffens. Mit der „Common Legal Platform“ haben wir uns ein großes Ziel gesetzt und werden noch einige Zeit brauchen, hier einen Durchbruch zu erzielen – aber der Weg dorthin dient uns als Praxistest: Wie muss ein Umfeld beschaffen sein, damit Menschen mit Menschen Herausragendes erschaffen – ohne Stress? Im Gegenteil, sogar auch zur eigenen Erbauung und zum Nutzen aller!
Dieses positive Bild einer aktiven, modernen und menschenorientierten „Rechtshilfe“ weiter zu entwickeln ist Verpflichtung und Ansporn zugleich. Eine Idee dazu kam unlängst von einem Mitglied und wird in den nächsten Tagen in die Tat umgesetzt: Wir starten einen Wettbewerb in der Studentenschaft mit dem Ziel der Erschaffung eines „Eids der Justitia“, der uns Richtung und Kompass sein soll auf dem spannenden Weg, der vor uns allen liegt.

k.jacob@liquid-legal-institute.org

d.schindler@liquid-legal-institute.org

b.waltl@liquid-legal-insititute.org

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