Am 20.03.2026 fand die Juracon in Frankfurt am Main statt – eine der größten juristischen Karrieremessen. Im Zuge dessen lud die Task Force „Diversity“ des BWD den juristischen Nachwuchs zu einer Paneldiskussion ein, deren Ziel war, gängigen Mythen zum Thema soziale Herkunft auf den Grund zu gehen und zu hinterfragen, welchen Einfluss soziale Herkunft heute tatsächlich auf Karrierewege in Wirtschaftskanzleien hat. Gemeinsam mit der Moderatorin Magdalena Krell (Rödl) sowie den Panelisten Alina Betzemeier (Osborne Clarke), Ben Kühnel (Forvis Mazars), Felix Schütte (Heuking) und Alice Schmidt (Heuking) tauschten sich die Teilnehmer über Hürden, reale Karrieremöglichkeiten sowie praktische Erfahrungen und Tipps aus.
Mythen und blinde Flecken
In Deutschland beginnen 78% der Kinder aus Akademikerfamilien ein Studium, aber nur 25% der Kinder, die nicht aus Akademikerfamilien stammen (Kracke et al., 2024). Zudem entscheiden sich Erstakademiker bei gleichen Abschlussnoten seltener für „statushohe“ Studiengänge wie Jura, Medizin oder MINT-Fächer (Scharf et al., 2020).
Vor diesem Hintergrund waren die gängigen Vorurteile und Mythen über Jurastudierende und große Wirtschaftskanzleien den Panelisten natürlich nicht fremd. Im Studium und später im Kanzleialltag wurde ihnen immer wieder bewusst, wie unterschiedlich Lebensrealitäten und familiäre Hintergründe sein können. Gleichzeitig zeigte sich im Gespräch deutlich, dass sie diese Unterschiede nie als unüberwindbare Hürden empfunden haben.
Manches erfordere schlicht mehr Planung, mehr Ausdauer oder den Mut, bestimmte Chancen zu ergreifen. Gleichzeitig berichteten alle von positiven Erfahrungen im Studium, im Recruiting und in ihrer täglichen Arbeit in Wirtschaftskanzleien, die sie teils auch überraschten. Wenn man offen und authentisch auftrete, könne man den eigenen Weg in der juristischen Karriere gut finden. Viele der verbreiteten Vorurteile über Jura oder Wirtschaftskanzleien bestätigten sich für die Panelisten also nicht.
Studium und Examensvorbereitung: Wo Herkunft spürbar wird
Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien starten im Vergleich mit ihren Kommilitonen häufig ohne einen Wissens- und Orientierungsvorsprung. Universitäre Strukturen sind ungewohnt, Fachsprache muss erst erlernt werden, und es fehlen Vorbilder, die zeigen, „wie man Jura studiert“. Gleichzeitig tragen viele Betroffene finanzielle Verantwortung und müssen neben dem Studium arbeiten. Dies reduziert Lernzeit, führt zu Stress und beeinflusst langfristig die Examensvorbereitung.
Zwar existieren zahlreiche Fördermöglichkeiten – von BAföG über Stipendien bis hin zu Werkstudententätigkeiten –, doch erreichen sie oft gerade diejenigen am wenigsten, die sie am dringendsten brauchen. Scham, fehlende Informationen und das Gefühl, „nicht der richtige Typ für ein Stipendium“ zu sein, führen dazu, dass viele Chancen ungenutzt bleiben. Mentoringprogramme, Lerngruppen und strukturierte Examensvorbereitung können eine wichtige Stütze sein, werden aber häufig zu spät genutzt.
Der Weg in die Kanzlei: Erwartungen und Netzwerke
Beim Berufseinstieg treffen unterschiedliche soziale Hintergründe besonders deutlich aufeinander. In Großkanzleien in Deutschland stammen weiterhin nur wenige Anwälte aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Eine Studie von 2025 zeigt, dass nur 7% der Top-Anwälte aus der Arbeiterklasse, 8% aus der Mittelschicht und 85% aus der Oberschicht stammen (Dr. Asif Butt, 2025). Aus Sicht des Recruitings spielen gewisse Voraussetzungen wie Noten, praktische Erfahrungen und Auslandsaufenthalte weiterhin eine Rolle. Gleichzeitig wächst in vielen Kanzleien das Bewusstsein, dass ein „perfekter Lebenslauf“ nicht zwingend etwas über das Potential einer Person aussagt. Alice Schmidt betonte, dass Bewerber aus Arbeiterfamilien oder mit Migrationshintergrund ganz eigene Qualitäten mitbringen können und diese auch bewusst in Bewerbungsunterlagen und -gesprächen hervorheben sollten. So berichtete Alina Betzemeier, dass sie schon früh im Studium Nebentätigkeiten aufnahm und sich hierdurch ein gutes Zeit- und Organisationsmanagement aneignen konnte. Felix Schütte beschrieb, wie er in Vorstellungsgesprächen von seinem Einsatz als Fußballtrainer erzählte und so Führungsqualitäten und Disziplin über eine Nebentätigkeit bewies.
Netzwerke spielen beim Einstieg eine zentrale Rolle. Wer keine familiären oder akademischen Verbindungen hat, fängt meist bei null an. Das Panel betonte jedoch, dass Netzwerke überall aufgebaut werden können: Sie entstehen im Kleinen – in Arbeitsgemeinschaften der Universität, Praktika, studentischen Initiativen und durch kontinuierlichen Austausch. Entscheidend ist nicht die Menge an Kontakten, sondern die Qualität der Beziehungen. Es lohne sich, mit verschiedenen Personen zu sprechen und sich langfristig – zum Beispiel über LinkedIn – auszutauschen. Ben Kühnel etwa erläuterte, dass er sich für Events als realistisches Ziel setzt, „ein einziges gutes Gespräch“ zu führen.
Kanzleikultur und Aufstieg: Herkunft bleibt wirksam
Auch nach dem Einstieg in die berufliche Praxis wirkt Herkunft weiter. Viele Berufseinsteiger ohne akademische Prägung berichten von Unsicherheiten, wenn es um Mandantenkontakt, interne Vorstellungsrunden oder formelle Situationen geht. Manche fühlen sich weniger selbstverständlich in diese Welt gehörig, was im beruflichen Alltag zu Zurückhaltung führen kann. Besonders wichtig sind daher unterstützende Strukturen wie Mentoring- oder Sponsoringprogramme, die nicht nur fachliche, sondern auch kulturelle Orientierung bieten.
Ein wiederkehrendes Thema des Panels war das Selbstbild: Viele unterschätzen ihr Potential, kommunizieren Erfolge nicht oder stellen ihre eigenen Leistungen in Frage. Sichtbarkeit im Berufsleben entsteht jedoch nicht allein durch Arbeitsergebnisse – sie entsteht auch durch das eigene Auftreten.
Praktische Impulse für Studierende und Nachwuchsjuristinnen und -juristen
Was hätte den Panelisten selbst auf ihrem Weg geholfen? Viele erklärten, dass sie rückblickend gern früher verstanden hätten, wie wichtig Netzwerke sind – also Menschen, die einen unterstützen und fördern –, wie normal Unsicherheiten sind und dass es nicht notwendig ist, perfekt zu sein. Besonders Studierenden ohne akademischen Hintergrund raten sie, Informationen früh einzuholen, Förderangebote zu nutzen, Unterstützung aktiv zu suchen und stolz auf den eigenen Weg zu sein. Soziale Herkunft bringt Fähigkeiten mit, die in der juristischen Welt geschätzt werden – etwa Hartnäckigkeit, Pragmatismus und Verantwortungsgefühl.
Fazit
Soziale Herkunft prägt nach wie vor Bildungswege, Recruitingprozesse und Kanzleikulturen. Doch sie sollte nicht darüber entscheiden, wer den Weg in die juristische Profession findet. Kanzleien, die ihre Auswahlprozesse transparenter gestalten, aktiv Barrieren abbauen und eine unterstützende Kultur fördern, öffnen Türen für Talente, die sonst unsichtbar bleiben. Denn wer nur auf bekannte Muster setzt, lässt enormes Potential buchstäblich auf der Straße liegen. Juristen wiederum gewinnen, wenn sie sich nicht von Unsicherheiten bremsen lassen, sondern die Möglichkeiten nutzen, die sich ihnen bieten. Die Beiträge der Panelisten haben hoffentlich dazu beigetragen, Studierende zu bestärken und neue Perspektiven für ihren Weg in die juristische Ausbildung und Praxis zu eröffnen.
Quellen:
- Butt, A. (2025). Neue Dynamiken in Wirtschaftskanzleien: Soziale Herkunft, Generationen und Führung im Wandel. Handlungsempfehlungen für Recruiting, Retention und Leadership in Anwaltskanzleien. London: London School of Economics.
- Kracke, N., Schwabe, U., & Buchholz, S. (2024).Neuer Bildungstrichter: Trotz Akademisierungsschub immer noch ungleicher Zugang zur Hochschule. DZHW Brief 02|2024. Hannover: DZHW.
- Scharf, J., Becker, M., Stallasch, S.E. et al. (2020). Primäre und sekundäre Herkunftseffekte über den Verlauf der Sekundarstufe: Eine Dekomposition an drei Bildungsübergängen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 23, 1251–1282.


