Gefühlt kommen schwere Zeiten auf Europa zu. Auch manche wirtschaftlichen Eckdaten zeichnen ein wenig erfreuliches Bild: Während für 2026 ein EU-Wachstum von lediglich 1,4% prognostiziert wird, erreichen die USA 2,1% und China sogar 4,2%. In den vergangenen Jahren hat sich der Abstand zwischen den Volkswirtschaften sogar ausgeweitet. Doch ist dies das ganze Bild? Basierend auf einer Befragung von 800 General Counsels in Frankreich, Deutschland, Italien und den USA durch ADVANT Beiten ergibt sich ein Bild großer Chancen – bei gleichzeitig hohem Reformdruck im Rechtssystem: differenziert, voller Chancen und mit klaren Hausaufgaben für Politik und Wirtschaft.
Die Studie stützt sich auf eine repräsentative Erhebung unter General Counsels von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über 100 Millionen US-Dollar. Die Befragung fand zwischen dem 12.11. und 01.12.2025 statt und wurde durch vertiefende Interviews mit Rechtsverantwortlichen in Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien und den USA ergänzt.
Hohe Attraktivität Europas als Investitionsstandort
Als wesentlicher Befund ist festzuhalten: Der Kontinent bleibt für Unternehmen hochattraktiv: 82% der befragten General Counsels (GCs) sehen Kontinentaleuropa als interessanten Standort für Investitionen und Wachstum, 83% planen zusätzliche Investitionen in bestehende europäische Märkte, 82% sogar eine Expansion in neue Länder in den kommenden drei bis fünf Jahren. Die Attraktivität als Investitions- und Wachstumsstandort wird allerdings unterschiedlich wahrgenommen. Positiv bewertet wird dies in Italien (69%), Frankreich (71%) und Deutschland (76%). Bemerkenswert ist, dass nahezu alle US-amerikanischen General Counsels (96%) Europa als attraktiv für Investitionen und Wachstum betrachten.
Europas rechtlicher Standortvorteil – und seine Schattenseiten
Die befragten Rechtsabteilungen attestieren dem europäischen Rechtsrahmen weiterhin eine klare Stärke: 84% bewerten die Zuverlässigkeit, 83% die Stabilität des EU-Rechtssystems positiv. In einer geopolitisch volatilen Welt ist diese Planbarkeit ein harter Standortfaktor. Ob Europa diesen Standortfaktor so ausspielt, wie es richtig wäre, darüber lässt sich streiten. Aber klar ist: Stabilität ist ein Wert, der geschätzt wird.
Gleichzeitig zeigt die Studie deutlich, wo die Schwachstellen liegen: Nur 72% geben gute Noten für die „Ease of Doing Business“, 76% für die Innovationsfreundlichkeit. Kritisch gesehen wird die Kombination aus hoher Regulierungsdichte, ständigen Rechtsänderungen und divergierenden nationalen Umsetzungen, die das Konzept des Binnenmarkts konterkarieren und den Complianceaufwand erhöhen.
Was die Wirtschaft von der Politik erwartet
Die zentrale Botschaft der GCs an Brüssel und die nationalen Organe ist eindeutig: Vereinfachung schlägt alles. Als wichtigste Einzelmaßnahme zur Steigerung der Attraktivität Europas für ausländische Unternehmen werden genannt:
- Vereinfachung und stärkere Harmonisierung der Handelsregeln (meistgenannte Antwort),
- gezielte steuerliche Anreize,
- bessere Förderung von Innovation.
Auffällig ist dabei der Blick der US-amerikanischen GCs: 96% halten Europa für attraktiv, 87% erwarten, dass der Kontinent von globalen Expansionen profitiert – deutlich optimistischer als die Befragten in Deutschland, Frankreich oder Italien. Europa erscheint aus externer Perspektive als hochregulierter, aber verlässlicher „Safe Harbour“ in einer unsicheren Welt.
Für die europäische Rechtspolitik ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Wettbewerbsfähigkeit durch smartes Regulierungsdesign stärken, ohne den Schutzstandard für Verbraucher und Beschäftigte aufzugeben. Mehr Einheitlichkeit steigert die Attraktivität. Regulatorische Zurückhaltung kann ein Vorteil sein.
AI, Cybersecurity, ESG: Reformdruck in den Zukunftsfeldern
Besonders dringlichen Handlungsbedarf sehen die GCs in den digitalen Zukunftsthemen.
- 41% nennen künstliche Intelligenz,
- 38% Cybersecurity,
- 34% das Steuerrecht
als Bereiche mit dem größten Reformbedarf auf EU-Ebene.
Gleichzeitig gelten AI und Cybersecurity auch intern als Toprisiken: 42% der Befragten sehen sie als zentrale Herausforderung für die eigene Rechtsabteilung in den nächsten drei bis fünf Jahren.
Hinzu kommt: 85% erwarten, dass Europa beim ESG-Recht weltweit eine Vorreiterrolle einnimmt. Für Unternehmen eröffnet dies Chancen, sich über Compliance als „Best Practice Champion“ zu positionieren – vorausgesetzt, die internen Strukturen und Prozesse sind entsprechend aufgesetzt.
Die neue Rolle des General Counsel
Der Report zeigt eindrücklich, wie stark sich die Rolle der Rechtsabteilung verändert. Rund 72% der GCs beraten regelmäßig Geschäftsführung oder Vorstand zu geopolitischen Risiken – weit jenseits der klassischen Rechtsprüfung.
Gefragt ist der GC als:
- strategischer Sparringspartner,
- Übersetzer komplexer Regulierung in unternehmerische Entscheidungen,
- Risikonavigator in einem Umfeld aus Lieferkettenstörungen, M&A-Druck, IP-Schutz, Arbeitsrecht und ESG-Pflichten.
Für externe Berater ist diese Verschiebung der Aufgaben der Rechtsabteilungen wichtig. Relevanz setzt voraus, dass externe Berater diese Aufgaben spiegeln und ihre Tätigkeit neu definieren. Dieses veränderte Bild dürfte sich durch den zunehmenden Einfluss von KI noch weiter verändern. Recht kann eine KI kennen. Handlungsempfehlungen in einem unter anderem durch Preissensibilität, Anforderungen an Geschwindigkeit, Sektor- und Länderspezifika geprägten Umfeld zu entwickeln wird für den externen Berater zum Qualitätsmerkmal.
Technik wird nicht übersehen werden können: 36% der GCs nennen den Einsatz von AI und Data Analytics als wichtiges Kriterium bei der Kanzleiauswahl. Diese Zahl wird deutlich zunehmen – die Geschwindigkeit der Adaption von KI in Rechtsabteilungen wird die Erwartungen an die Implementierung in Kanzleien erhöhen.
Was dies für Kanzleien in Kontinentaleuropa bedeutet
Interessant ist die Bewertung externer Rechtsdienstleister. Kanzleien mit Hauptsitz in Europa werden von 89% der Befragten als besser geeignet angesehen, die Bedürfnisse von Unternehmen in der Region zu erfüllen, verglichen mit US-amerikanischen oder britischen Konkurrenten. Bei US-amerikanischen General Counsels steigt dieser Wert sogar auf 95%.
Gleichzeitig zeigt sich der Wunsch nach Internationalisierung. 39% der GCs bevorzugen eine Kombination aus:
- grenzüberschreitender Beratung,
- Verankerung in den Heimatmärkten und
- konsequenter Nutzung von Technologie im Mandatseinsatz.
Gewünscht ist die Kanzlei, die als „Enabler“ für Investitionen in Europa positioniert ist.
Fazit: Europas Rechtsrahmen ist Asset – wenn er agiler wird
Der Report zeichnet kein Krisen-, sondern ein Chancenbild: Europa mag ökonomisch hinter den USA und China liegen, ist aber für Unternehmen ein hochattraktiver, rechtlich stabiler Markt mit erheblichem Investitionspotential.
Ob dieser Vorteil gehoben wird, entscheidet sich an drei Stellschrauben:
- spürbare Entschlackung und Harmonisierung von Regulierung,
- mutige Rahmensetzung bei AI, Cybersecurity und ESG,
- Stärkung des GC als strategischem Taktgeber – unterstützt durch technologisch versierte, europäisch positionierte Kanzleien.
Für international tätige Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte in Deutschland bedeutet das: Wer heute investitionsnah, innovativ und datenbasiert berät, gestaltet aktiv Europas Erfolgsgeschichte.


