Seitz ist in den vergangenen Jahren eine der expansivsten Kanzleien im Rechtsmarkt. Insbesondere die Aufnahme größerer Teams von ADVANT Beiten hat für Schlagzeilen gesorgt. Seit Mai 2025 verantworten mit Dr. Kathrin Bürger und Dr. Marc Werner erstmals zwei Co-Managing Partner die weitere Entwicklung der Sozietät. Von außen betrachtet eine kluge Entscheidung, denn Kathrin Bürger war bis 2023 Partnerin bei ADVANT Beiten, Marc Werner ist Partner und seit 2005 bei Seitz an Bord. Best of both worlds? – Das soll ein Blick hinter die Kulissen zeigen. Thomas Wegerich sprach mit den beiden neuen Co-Managing Partnern.
Deutscher AnwaltSpiegel: Liebe Frau Bürger, lieber Herr Werner, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zu Managing Partnern bei Seitz. Was sind die strategischen Gründe für die erstmalige Einführung einer Doppelspitze – und weshalb erfolgt dieser Schritt zum jetzigen Zeitpunkt?
Dr. Kathrin Bürger: Vielen Dank. Schon bis zu dem Ausscheiden unseres vormaligen Geschäftsführers haben Marc Werner und ich eng mit ihm als Dreierteam zusammengearbeitet und uns um organisatorische Themen gekümmert. Danach stellte sich die Frage eigentlich gar nicht, wie wir weitermachen. Jetzt sind wir beide eben auch offiziell in der Verantwortung. Betonen möchte ich, dass wir beide weiterhin in der Mandatsarbeit aktiv sind. Die Managementaufgaben kommen on top – das klappt, weil wir eine gute Arbeitsaufteilung entwickelt haben.
Dr. Marc Werner: Wir haben uns gemeinsam mit unseren Partnern auch sehr bewusst für das Modell mit Co-Managing Partnern entschieden und gegen eine Lösung mit einem Geschäftsführer oder COO. Denn in der nächsten Phase der Kanzlei geht es vor allem um strategische Themen. Im Tagesgeschäft werden wir unterstützt von unserer kaufmännischen Leiterin. Wir sind übrigens unbefristet in unsere Ämter gewählt worden.
Deutscher AnwaltSpiegel: Ihre Sozietät befindet sich seit einigen Jahren auf der Überholspur und dürfte die derzeit am schnellsten wachsende Kanzlei im deutschen Rechtsmarkt sein. Seit 2024 eröffnete Seitz neue Standorte in München, Frankfurt und Düsseldorf. Die Zahl der Berufsträger stieg von etwa 70 auf über 140. Auch hier interessiert unsere Leser der strategische Plan.
Dr. Kathrin Bürger: Die Teams von ADVANT Beiten und Seitz haben sich gesucht und gefunden! Der Zeitpunkt für unser Spin-off passte: Seitz wollte erkennbar expandieren; es traf eine starke ADVANT-Welt auf eine sehr dynamische Seitz-Welt. Alle unsere hochqualifizierten Berufsträger fanden das gut. Ein perfektes Match!
Dr. Marc Werner: Unser strategisches Ziel ist dabei ganz eindeutig: Wir wollen eine führende Wirtschaftskanzlei mit arbeitsrechtlichem Schwerpunkt sein. Unsere schon heute starke Position möchten wir weiter ausbauen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Und wie geht es weiter: Next Stops Berlin, Hamburg und Stuttgart?
Dr. Kathrin Bürger: In Berlin sind wir zum 01.07.2025 gestartet mit einem Team um Thomas Barthel, der ebenfalls von ADVANT Beiten zu uns gekommen ist. Der Standort ist auch wichtig für unseren neuen – und von HEUKING gekommenen – Partner Bernd Weller, der bekanntermaßen ein Industrieunternehmen im nahegelegenen Brandenburg betreut. Zu den anderen von Ihnen genannten Städten: Stuttgart würde ich derzeit ausschließen. Und Hamburg: ein schwieriger Markt, aber eine wunderbare Stadt … – Wir werden bei unserem weiteren Ausbau sukzessiv vorgehen, strategisch, nicht rein opportunistisch. Entscheidend ist immer, dass neue Kollegen und Kolleginnen auch zu uns passen. Die menschliche Komponente ist uns sehr wichtig, denn wir sind Teamplayer und halten nichts vom Inseldenken.
Deutscher AnwaltSpiegel: Und wie sind die Pläne international?
Dr. Kathrin Bürger: Arbeitsrecht ist im Kern national, wenngleich viele unserer Partner internationale Mandanten haben. Wir arbeiten grenzüberschreitend mit unserem Netzwerk Innangard und einem Best Friends-Netzwerk, über einen eigenen ausländischen Standort denken wir derzeit nicht nach. Wir sind in der vorteilhaften Lage, im Einzelfall Cherry-Picking machen zu können bei der Wahl unserer ausländischen Kanzleipartner.
Dr. Marc Werner: Ergänzend: Wir haben große internationale Projekte und Mandanten, aber wir selbst beraten ausschließlich im deutschen Recht. Das von Seitz im Einzelfall gesteuerte Netzwerk internationaler Partnerkanzleien funktioniert für unsere Mandanten und uns sehr gut.
Deutscher AnwaltSpiegel: Der bemerkenswerte Expansionskurs dürfte die interne Organisation vor große Herausforderungen gestellt haben und stellen. Wie ist der Stand der Integration – sind die Wachstumsschmerzen überwunden?
Dr. Kathrin Bürger: Die von Ihnen genannten Wachstumsschmerzen sind definitiv überwunden. Das gelang im Übrigen leichter, als viele es von außen vermuteten. Auf den Punkt gebracht: Eingespielte Teams von ADVANT trafen auf eingespielte Teams von Seitz. Wir alle sind offen aufgenommen worden, die Aufgeschlossenheit für neue Ideen hat uns begeistert. Wo immer es erforderlich war, haben wir Strukturen angepasst oder neu aufgebaut.
Dr. Marc Werner: Das stimmt. Ich würde im Rückblick sagen, dass es eher ein Wachstumsschmerz „im Kleinen“ war, also auf der technischen und organisatorischen Ebene. Insgesamt jedoch waren die Wechsel und Neueröffnungen seinerzeit sehr gut vorbereitet und umgesetzt. Wenn Sie so wollen: Es ging fast nahtlos weiter.
Deutscher AnwaltSpiegel: Wir sollten auch über die aktuellen Markttrends sprechen. Wie ist Ihre Kanzlei heute positioniert – und viel wichtiger: Wie sind Ihre Planungen – mit Blick auf die Themen KI und Digitalisierung?
Dr. Marc Werner: Mit Blick auf KI und Digitalisierung haben wir eine klare Strategie. Die Frage ist doch: Welche Bereiche werden nicht von den Änderungen durch künstliche Intelligenz betroffen sein? Wir bei Seitz sehen KI als Wachstumsmotor der Zukunft. Wir arbeiten auch bereits an neuen Geschäftsmodellen, die darauf abzielen, wie wir Mandanten mit Unterstützung von KI Dienstleistungen anbieten können. Es liegt auf der Hand, dass Effizienzsteigerungen möglich sind. Hier wollen wir für unsere Mandanten auf der Seite der Innovationstreiber sein. Aber das ist alles ein andauernder Prozess. Intern arbeiten wir nach dem Sandbox-Prinzip, wir probieren derzeit vieles aus. Wichtig ist uns immer, dass wir externen Sachverstand einbinden – ohne Austausch mit den Playern im IT-Markt und den Universitäten kommt eine Kanzlei im heutigen dynamischen Umfeld nicht weiter.
Unser Ziel ist immer eine messbare Steigerung des Umsatzes durch den Einsatz von KI. Zu Ende gedacht ist es doch so: Wir entwickeln mit unseren Mandanten teilweise softwarebasierte Produkte – ist das dann noch eine anwaltliche Dienstleistung? Seitz steht für hohe Qualität in der juristischen Beratung. Damit will ich sagen: Über allem steht auch das Thema der Markenführung.
Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Auswirkungen hat das für die Ausbildung und die Karriere Ihrer NextGen-Associates?
Dr. Kathrin Bürger: Es zeichnet sich ja schon ab, dass wir in Zukunft weniger Associates benötigen werden. Wenn ich das so sagen darf: Der Maschinenraum einer Sozietät hat sich durch KI stark verändert.
Dr. Marc Werner: Vielleicht braucht es zukünftig Topjuristen, die auch prompten können, die in jedem Fall neue und andere Qualitäten neben sehr guten Rechtskenntnissen mitbringen müssen! Ich sehe es wie Kathrin Bürger: Wir werden zukünftig einen geringeren Bedarf an Associates haben. Im Markt ist heute schon zu beobachten, dass viele Kanzleien zurückhaltender einstellen. Meine Prognose ist, dass auch die Gehaltsspirale mit immer höheren Summen an ihr Ende kommt.
Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Folgen hat der Siegeszug von künstlicher Intelligenz für Ihr Geschäftsmodell? Das Ende der Billable Hour ist oft verkündet worden. Ist es jetzt da?
Dr. Marc Werner: Seitz ist sehr stark in der juristischen High-End-Beratung tätig in Großprojekten und in der Strategieberatung etwa. Das werden wir auch weiter ausbauen. In diesem Segment wird sich das Stundenhonorar vermutlich eher halten können. Perspektivisch erwarte ich aber andere Abrechnungsmodelle anstatt oder neben der Billable Hour. Nehmen Sie als Beispiel die Beratung zu für den Mandanten zu besonders haftungsrelevanten Themen. Hier kann ich mir ein Honorar vorstellen, das sich an dem Haftungsrisiko und der Haftungshöhe des Mandanten bemisst.
Dr. Kathrin Bürger: Ich sehe es wie mein Kollege. In der High-End-Beratung werden wir weiterhin Stundenhonorare sehen. Aber ansonsten: Es spricht aus meiner Sicht nichts gegen eine stärker erfolgs- oder produktbezogene Betrachtungsweise bei der Honorargestaltung.
Deutscher AnwaltSpiegel: Schließlich – der Blick in die Glaskugel: Wo steht Ihre Kanzlei in zwei und in fünf Jahren?
Dr. Marc Werner: In zwei Jahren werden wir zwei weitere Topteams an Bord geholt haben. In fünf Jahren werden wir einen nennenswerten Umsatz durch KI-generierte Leistungsangebote erwirtschaften.
Dr. Kathrin Bürger: Unser Ziel ist: Vorne bleiben im Arbeitsrecht und noch mehr Visibilität für unsere Sozietät.
Deutscher AnwaltSpiegel: Liebe Frau Bürger, lieber Herr Werner, vielen Dank für Ihre Offenheit im Interview. Ihre Antworten zeigen uns, dass es sich lohnt, auch weiterhin genau hinzuschauen bei Seitz. Das werden wir in der Redaktion tun.



