Premiere für die Inhouse Matters Awards, die am 05.12.2024 erstmals im Rahmen unserer Leuchtturmkonferenz Inhouse Matters in der Frankfurt School of Finance & Management verliehen worden sind. Die hochkarätige Jury bestand aus Prof. Dr. Madeleine Bernhardt (Bucerius), Prof. Dr. Bruno Mascello (St. Gallen) und Prof. Dr. Michael Smets (Oxford). Gleiss Lutz erreichte den ersten Platz in der Kategorie „innovativste Kanzlei“. Das Projekt leitete Marc Geiger (Director Legal Operations & Business Technologies) zusammen mit Daniel Lieber (Head of Legal Operations & Legal Tech) ) und mit maßgeblicher Unterstützung durch Catrin Weckesser (Manager Legal Operations & Legal Tech). Mit Marc Geiger sprach Dr. Thomas R. Wolf.
Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Geiger, zunächst nochmals herzlichen Glückwunsch zu dem Erfolg bei Inhouse Matters. Durchgesetzt hat sich Gleiss Lutz – gegen starke Konkurrenz – mit dem Projekt „The Last Mile“. Beschreiben Sie bitte kurz, um was es dabei geht und welche konkrete Innovation damit verbunden ist.
Marc Geiger: Vielen Dank – wir haben uns sehr über die Auszeichnung gefreut!
Um das Projekt kurz zu beschreiben, muss ich ein paar Jahre zurückgehen. Bei Gleiss Lutz haben wir früh erkannt, dass Legal Operations und Legal Tech zentrale Wettbewerbsfaktoren der Zukunft sind. Daher haben wir diese Bereiche strategisch und vorausschauend auf- und ausgebaut.
Legal Tech ist beispielsweise seit Jahren ein fester Bestandteil unseres Ausbildungscurriculums. Darüber hinaus spielt es eine entscheidende Rolle in der Produktentwicklung und wir haben bereits mehrere innovative Tools sowie eine vielseitige Kollaborationsplattform selbst entwickelt.
Als wir uns Ende 2023 im Team die Karten gelegt haben, war das bereits Erreichte beachtlich – doch wir alle hatten das Gefühl, dass noch mehr möglich sein müsste. In Gesprächen mit unseren Kolleginnen und Kollegen wurde deutlich, dass technische Hürden und Zeitmangel oft die Gründe dafür waren, warum Legal Tech nicht eine noch gewichtigere Rolle spielt.
Deshalb haben wir die Idee eines „One-Stop-Onlineshops“ für all unsere Tools, Apps und Services entwickelt – eine zentrale Plattform, die alles bündelt und die direkt in die Mandatsanlage integriert ist. Genau zugeschnitten auf das, was das „Anwaltsherz“ begehrt – oder besser gesagt, was unsere Mandanten glücklich macht. Und das alles sprichwörtlich mit einem Mausklick. Zusätzlich bieten wir zu jedem Tool und Service eine transparente Übersicht über Stärken und mögliche Schwächen. Dabei zeigen wir auf, bei welchen Mandatstypen sie sich bereits bewährt haben – ähnlich wie Kundenrezensionen bei Produkten, aber speziell zugeschnitten auf den anwaltlichen Alltag.
Darüber hinaus haben viele unserer Mandanten dazu beigetragen, dass wir regelmäßig neue Anforderungen und Wünsche erhalten. Dadurch werden wir zunehmend proaktiv in die tägliche Mandatsarbeit eingebunden und dürfen unsere erfolgreichen Leistungen sowie Tools entsprechend abrechnen. Diesen Rückenwind haben wir genutzt, um ein leicht verständliches und innovatives Abrechnungskonzept zu etablieren, das wir letztes Jahr kanzleiweit ausgerollt haben. Manchmal sind es nur kleine Stellschrauben, die den entscheidenden Unterschied machen. Seitdem haben wir den Eindruck, dass vieles noch besser ineinandergreift. Inzwischen ist daraus sogar ein Folgeprojekt entstanden – sozusagen „The Last Mile Reloaded“.
Deutscher AnwaltSpiegel: Gleiss Lutz gilt als führend im Bereich Legal Tech und unterhält bereits seit 2006 eine Legal-Operations-Abteilung, die auf die Prozessoptimierung in der Mandatsarbeit spezialisiert ist. Wie gelingt es dem Team, Optimierungspotentiale zu erkennen, und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um diese erfolgreich umzusetzen?
Marc Geiger: Unser Legal-Operations-Team, zu dem auch das Legal-Tech-Team gehört, ist auf die Prozessoptimierung sowohl in der Kanzleiorganisation als auch in der Mandatsarbeit spezialisiert. Durch unser tiefes Verständnis juristischer Abläufe und die kontinuierliche Suche nach innovativen technischen Lösungen identifizieren wir Optimierungspotentiale und schaffen echten Mehrwert.
Ein Schlüssel zum Erfolg liegt in unserem interdisziplinären Team, das Juristen, Informatiker sowie Wirtschaftswissenschaftler vereint. Viele Teammitglieder verfügen zudem über Beratungserfahrung, und alle haben ein ausgeprägtes Gespür dafür, wo und vor allem wie sich Prozesse optimieren lassen. Wertvoll ist dabei unsere enge Vernetzung innerhalb der Kanzlei – nicht nur mit den Juristinnen und Juristen, sondern auch mit den Mitarbeitenden der Business-Service-Units und den Assistenzen. Dieser stetige Austausch ermöglicht uns, wertvolles Feedback aus allen Bereichen zu erhalten und unsere Lösungen gezielt weiterzuentwickeln.
Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Herausforderungen sind Ihnen bei der Umsetzung des Projekts begegnet, und wie konnten Sie diese schließlich meistern?
Marc Geiger: Wie so oft stellte das Changemanagement eine der größten Herausforderungen dar. Ein bewährter Ansatz war unsere enge Zusammenarbeit mit unseren Juristinnen und Juristen, bei der wir ihre Perspektiven aktiv einbezogen haben. Durch den stetigen Austausch binden wir sie kontinuierlich in die Weiterentwicklung unseres Portfolios ein. Dieser partizipative Ansatz stärkt die Akzeptanz und sorgt dafür, dass unsere Lösungen praxisnah und bedarfsgerecht bleiben. Die aktuelle Herausforderung besteht darin, die Awareness aufrechtzuerhalten – also das einmal entfachte Feuer am Brennen zu halten.
Deutscher AnwaltSpiegel: Legal-Tech-Lösungen gibt es viele, doch oft steht der Aufwand an Manpower und Ressourcen in einem Missverhältnis zum tatsächlichen Gewinn bei der Mandatsarbeit. Wie schaffen Sie es, dass die entwickelten Tools akzeptiert und eingesetzt werden?
Marc Geiger: Das sehe ich anders. Die richtige Lösung in Verbindung mit einem passenden Erwartungsmanagement führt fast immer zu einem besseren Ergebnis. Oft liegt es eher daran, dass einer dieser Bausteine nicht optimal abgestimmt war.
Eine echte Herausforderung besteht jedoch darin, den Überblick über die Vielzahl an Legal-Tech-Lösungen auf dem Markt zu behalten, insbesondere jetzt, da sie sich im „Zeitalter“ der generativen künstlichen Intelligenz noch einmal vervielfacht haben. Hier ist es besonders wertvoll, im Rechtsmarkt gut vernetzt zu sein. Zudem legen wir großen Wert auf den Austausch innerhalb unseres internationalen Kanzleinetzwerks.
Bei der Auswahl von Lösungen beziehen wir stets unsere Kolleginnen und Kollegen mit ein, um sicherzustellen, dass die Tools den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen und auch aktiv genutzt werden. Besonders wichtig ist dabei, den Einsatz der Tools von Beginn an ganzheitlich zu durchdenken, maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln und den gesamten Entwicklungs- sowie Roll-out-Prozess umfassend zu begleiten. Eine strukturierte Pilotphase ist dabei immer von Vorteil, um Praxistauglichkeit und Akzeptanz frühzeitig zu evaluieren.
Deutscher AnwaltSpiegel: Wie lassen sich zukünftige technische Entwicklungen – auch aus dem Bereich künstlicher Intelligenz (KI)– in die Plattform integrieren, und welchen Mehrwert für die Mandanten versprechen Sie sich davon?
Marc Geiger: Das Thema künstliche Intelligenz steht erst am Beginn einer faszinierenden Entwicklung. Auf unserer Kollaborationsplattform setzen wir bereits erste Anwendungsszenarien um, in denen selbst entwickelte KI-Agenten teilweise komplexe Prozessketten automatisiert abwickeln. Unser großer Vorteil liegt im modularen Aufbau der Plattform, der eine flexible Anpassung und nahtlose Integration verschiedenster Tools ermöglicht. Besonders die KI-Agenten eröffnen völlig neue Möglichkeiten und Perspektiven. Es ist bemerkenswert zu beobachten, wie nicht nur Tech-Experten, sondern zunehmend auch Juristinnen und Juristen diese Technologien aktiv für ihre Arbeit nutzen möchten.
Die Zeit vergeht heute gefühlt noch schneller. Deshalb arbeiten wir parallel an innovativen Projekten und Entwicklungen, um stets am Puls der Zeit zu bleiben. Der Mehrwert für unsere Mandanten liegt in einer gesteigerten Effizienz, so können beispielsweise komplexe Aufgaben schneller und präziser bewältigt werden. Gleichzeitig unterstützt es unsere Juristinnen und Juristen dabei, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und die Vorteile neuer technologischer Entwicklungen sinnvoll zu nutzen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Geiger, vielen Dank für dieses spannende Interview und die Einblicke, die Sie unseren Lesern gewährt haben. Wir freuen uns schon auf die erneute Bewerbung von Gleiss Lutz für den Inhouse Matters Award 2025 als innovativste Kanzlei.


