Die Task Force „Lawyer-Well-Being“ des BWD:
Risiken für die psychische Gesundheit bei Anwälten und Anwältinnen verringern

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Worum geht es?

Juristische Berufe bergen zahlreiche Risiken für die psychische Gesundheit. Gleichzeitig ist das Thema weiterhin ein Tabu in Kanzleien und findet wenig Beachtung. Hier möchte die Task Force „Lawyer-Well-Being“ des Bundesverbands der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD) ansetzen.

Am Montag, dem 10.10.2022, war World Mental Health Day. Arbeitgeber auf der ganzen Welt nutzten die Gelegenheit, um auf die Relevanz von mentaler Gesundheit aufmerksam zu machen. Initiativen für Mental Health würden auch Kanzleien gut zu Gesicht stehen und sind dort dringend notwendig: Bereits in Studium und Examen entwickeln viele angehende Juristen und Juristinnen laut Studien gesundheitliche Probleme. Die beiden Staatsexamina gehen an die Substanz, die Noten entscheiden wesentlich über die weitere Karriere – ein Phänomen, was andere Berufsgruppen, auch verwandte Berufe wie Steuerberater, so nicht kennen.

Doch wovon sprechen wir, wenn die Rede von Well-Being ist? Well-Being – psychische Gesundheit – ist „ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann. Psychische Störungen stellen Störungen der psychischen Gesundheit dar, die oft durch eine Kombination von belastenden Gedanken, Emotionen, Verhaltensweisen und Beziehungen zu anderen gekennzeichnet sind. Beispiele sind Depressionen, Angststörungen, Verhaltensstörungen, bipolare Störungen und Psychosen.“ (WHO 2019).

Warum sind Anwälte besonders gefährdet?

Psychische Gesundheit und Wohlbefinden werden dabei nicht nur durch individuelle Merkmale beeinflusst, sondern auch durch die sozialen und beruflichen Umstände, in denen sich Personen befinden, und die Umgebung, in der sie leben. Das Problem: Das juristische Arbeitsumfeld ist häufig geprägt durch eine hohe Arbeitsbelastung, ständigen Leistungs- und Problemlösungsdruck sowie die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Mandanten und komplexen Fragestellungen. Juristen darf nichts durchrutschen, sie dürfen nichts übersehen. Das erzeugt hohen psychischen Druck und eine extreme mentale Belastung.

Die Pandemie sorgt für zusätzlichen Stress – die Abgrenzung zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmt, der soziale Kontakt zu Kollegen nimmt ab, ausreichende Reisezeiten zu Mandantenterminen werden ersetzt durch eng getaktete virtuelle Meetings. Der Leistungsdruck steigt weiter: Man möchte schließlich nicht, dass andere denken, man sei im Homeoffice weniger produktiv und schlechter erreichbar. Das Ausreizen von Zeitfenstern, die im Büro so nicht zur Verfügung stünden, führt zu Überlastung und Stress.

Es wundert daher nicht, dass Anwälte laut Studien mit einer dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit für Suchterkrankungen leben und überrepräsentiert sind bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen.

Während das Thema in den USA bereits aufgrund zahlreicher Studien breite Beachtung und Behandlung erfährt, ist es hierzulande nach wie vor ein Tabuthema, über das niemand gern spricht.

Die Arbeitsweise der Task Force

Die Task Force „Lawyer-Well-Being“ des BWD möchte das ändern. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, das Thema mentale Gesundheit ins Bewusstsein der Rechtsbranche zu rücken und Ideen und Best Practices zu teilen. Im Mittelpunkt stehen dabei Aufklärungsarbeit, präventive Maßnahmen sowie Hilfsangebote für betroffene Mitarbeiter.

Vertreter aus Großkanzleien, mittelständischen Einheiten, MDPs und Boutiquen, die Teil der Task Force sind, analysieren zunächst, mit welchen Problemen, die die psychische Gesundheit beeinträchtigen, Anwälte häufig konfrontiert sind. Vertreter aus dem Advisory Board des BWD sowie der Kooperationspartner Liquid Legal Institute – ein juristischer Think-Tank, der sich in Deutschland als Erster dem Thema Lawyer-Well-Being gewidmet hat – bringen weitere praxisrelevante Sichtweisen in die Arbeit der Task Force ein. Im nächsten Schritt muss eine offene Kommunikation über diese Kernprobleme stattfinden.

Die Diskussion über Well-Being sollte dabei vom Kanzleimanagement aus in die Partnerschaft hineingetragen werden, um das Thema aus der Stigmatisierung zu holen und den künftigen Umgang mit der psychischen Gesundheit von Mitarbeitern von oben vorzuleben.

Die Zielsetzung der Task Force

Durch die heterogene Zusammensetzung der Task Force entsteht eine Möglichkeit zum fruchtbaren Austausch über bestehende Programme, Maßnahmen und Ideen, die gemeinsam weiterentwickelt und in die Kanzleien getragen werden. Langfristig soll es gelingen, mentale Gesundheit im Bewusstsein aller Kanzleien zu verankern und Best-­Practice-Maßnahmen sowie Programme zum Umgang mit mentalen Belastungen, zum Abbau von Situationen negativen Stresses sowie zum Aufbau von Stress- und Bewältigungskompetenzen zu implementieren, die wie der Obstkorb und das Spielzimmer Standard in Kanzleien werden.

Davon werden nicht nur die Mitarbeiter profitieren – sei es durch präventive oder konkrete Hilfsangebote. Auch für Kanzleien lohnt es sich, die Arbeitsfähigkeit ihrer Anwälte zu fördern und zu erhalten. Neben spürbaren monetären Effekten durch die Senkung von Ausfallzeiten und die Vermeidung von Kosten für Nachbesetzung wird eine Kanzlei auch beim Recruiting und Employer-Branding punkten können, wenn es gelingt, eine gesunde Kanzleikultur zu leben. Nicht zuletzt sollten der Gesundheitsschutz und der Erhalt der Leistungsfähigkeit ohnehin zwingend Teil einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Kanzleipolitik sein, die unter ESG-Gesichtspunkten von Bewerbern und Bewerberinnen und Anwälten und Anwältinnen künftig noch stärker nachgefragt werden dürfte.

 

stefanie.mueller@menoldbezler.de

 

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Hinweis der Redaktion:
Stefanie Müller ist Leiterin der Task Force „Lawyer-Well-Being“ im Bundesverband der Wirtschaftskanzleien in Deutschland. Die Zielsetzung der Task Force erläutert sie auch in diesem Video auf der Homepage des BWD – siehe hier. Der Task Force gehören weiterhin an: Kathrin Reitner (Grant Thornton), Caroline Pluta (Pluta), Karin Schumacher (Ashurst), Astrid Wellhöner (Heuking Kühn Lüer Wojtek), Falk Schornstheimer (Osborne Clarke) und Sebastian Schüßler (Rödl & Partner). (tw)

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