Der Proustsche Fragebogen für Wirtschaftsanwälte

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An Traditionen anknüpfen, aber zugleich neue Wege gehen – das kennzeichnet die Arbeit des Bundes­verbands der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD). Regelmäßig greifen wir in unserem Online-Magazin fourword die Idee des berühmten Proustschen Fragebogens auf. Der französische Schriftsteller war es, der einem um die Wende zum 20. Jahrhundert beliebten Gesellschaftsspiel in Pariser Salons seinen Namen gab. Wir haben das Format und die Auswahl der Fragen auf die heutige Zeit (und hier und da auch auf den Rechtsmarkt) übertragen.


Angenommen, Sie müssten von heute auf morgen in ein Tiny House ziehen – von welchem Gegenstand trennen Sie sich auf keinen Fall?


Von meinen Tennisschlägern!


Welche Person inspiriert Sie?


Vincent Kompany. Ich räume gerne den massiven Bias des Bayern-Fans seit Kindesbeinen ein, aber selten sieht man ein derart leuchtendes Beispiel moderner, leistungs- und erfolgsorientierter und wertebasierter Führung mit glasklarer Haltung, vor allem auch unter Druck.


Was muss in Ihrem Vorratsschrank/Kühlschrank immer vorhanden sein?


Frischer Ingwer (schlägt in kaltem oder heißem Wasser fast alle anderen Erfrischungsgetränke), ein Glas des legendären Quittengelees meiner Mum und ein Bierchen (ist ein Grundnahrungsmittel in Bayern, just sayin’!).


Wenn X + Y = Glück ist, was sind dann X und Y?


Gesund zu sein und meine Lieben gesund zu wissen.


Gehören Sie zum Team Organisations- oder zum Team Improvisationstalent?


Ist Organisation nicht die Postrationalisierung gelungener Serienimprovisation? Aber im Ernst: Ich versuche, Projekte und Teams so zu organisieren, dass sie die Fähigkeit zur Kreativität und Anpassung haben und den Mut zur Improvisation und Entscheidung. Das zu unterstützen erfordert von mir auch beides – aber, wenn ich mich schon entscheiden muss, dann gebe ich gerne zu: Improvisation macht schon Spaß ;-).


Cristiano Ronaldo betritt das Fußballfeld vor jedem Spiel mit dem rechten Fuß zuerst. Haben Sie ein „Pre-Game-­Ritual“ vor wichtigen Terminen?


Dreimal tief atmen – fünf Sekunden ein und sieben Sekunden aus. Dabei im Stillen in einem Satz das Mindset beschreiben, in dem ich den Termin bestreiten will.


In welchem Aspekt unterscheidet sich Ihr Leben heute am meisten von dem, das Sie vor zehn Jahren geführt haben?


Meine berufliche Erfüllung steht nicht mehr „auf einem Bein“, sondern auf drei komplementären Säulen: Bei BOSCH habe ich das Glück, mit tollen Teams am Gesamt­erfolg und der dafür nötigen Innovation mitzuarbeiten, als Mitgründer und Co-CEO des Liquid Legal Institute e.V. kann ich im Ehrenamt Teil einer phantastischen Community von Vorwärtsdenkern sein, und als Mitgründer und CEO der LDA Legal Data Analytics GmbH kann ich direkt an der KI-Revolution im Rechtsmarkt mitwirken. Passt definitiv nicht annähernd in 40 Stunden, ist aber Erfüllung pur!


Welche Charaktereigenschaft schätzen Sie besonders an anderen Menschen?


Aufrichtigkeit. Dass Menschen sich wechselseitig erkennbar machen, ist die Basis für alles andere, sei es auf beruflicher oder persönlicher Ebene.


Zurück in die Zukunft: Marty McFly leiht Ihnen für ein Wochenende seinen DeLorean – wohin reisen Sie zuerst?


Zu einer der weltweiten Feiern am 1. Juli 2050 anlässlich des Erreichens der ­„Netto-Null“, also der globalen Treibhausgasneutralität, nach den Klimazielen des Pariser Abkommens. Da wir spätestens dann klimaneutral reisen können, würde ich vielleicht in Schanghai teilnehmen, da war ich noch nie.


Mit welcher realen Person oder welchem fiktiven Charakter identifizieren Sie sich morgens um 8:00 Uhr und abends um 20:00 Uhr?


8 Uhr – ist in der Regel dem Ziel gewidmet, mich für den Tag einzugrooven.
20 Uhr – put me on a tennis court and I am a Roger-Federer-Wannabe :-).


Wenn Sie die Chance hätten, eine Woche bei einer Boulevardzeitung als Blattmacher zu arbeiten, welche Schlagzeile würden Sie produzieren?


Es wäre eine Serie zu: „Land der Chancen – Wie wir alle mitmachen können!“ – ­Montag zu Demokratie, Dienstag zum Ehrenamt, Mittwoch zu Gründungen/Start-ups, Donnerstag zu Erfolgsgeschichten der Transformation in der Industrie und Freitag zu neuen Chancen im Handwerk.


Spielen Sie gelegentlich privat den Advocatus Diaboli – oder lassen Sie den Juristen im Büro zurück?


Den Juristenhut versuche ich schon im Büro zu lassen. Als Mensch bin ich zwar Optimist, aber auch Idealist. Der Advocatus Diaboli – der ich schon mal sein kann – hilft mir gedanklich, Risiken zuzuspitzen, die ich sehe, weil in Organisationen oder der Gesellschaft kein Fokus auf konkrete Probleme und Lösungsräume gelegt wird – call it a rant ;-). Und dann zieht es mich glücklicherweise meist wieder schnell in das Gewand des Advocatus Angeli und zu Ideen, wie die Dinge gelingen könnten. Das macht auch viel mehr Freude!


Wenn Sie erfahren würden, dass Sie vermutlich nur noch 365 Tage zu leben haben, was stünde ganz oben auf Ihrer Bucket-List?


Eine Bucket-List zu machen, weil ich keine habe. Mir ist das Konzept nicht so nahe, weil ich es sehr schön finde, immer wieder neu herauszufinden, was das nächste schöne Erlebnis oder der nächste schöne Ort ist, den ich beziehungsweise wir als Paar oder Familie ins Auge fassen wollen. So viel kann ich also sagen: Es hätte 365x etwas mit meinen Lieben zu tun!


Sie treffen die Göttin Justitia zu Nektar und Ambrosia auf dem Olymp, worüber unterhalten Sie sich, während Sie zu Tische liegen?


Wie sieht eine qualifizierte Gottheit eigentlich das Thema „KI in der Justiz“? Gibt es im Sinne einer funktionierenden und ­skalierenden Justiz gar eine Pflicht zur Unterstützung des gesetzlichen Richters mit KI? Wo liegt die Grenze der Unterstützung versus Entscheidung durch KI? Gibt es Bereiche, die einer automatisierten (Erst-)Entscheidung durch KI zugänglich sein sollten? – Das wären so meine Themen. Ich wäre aber noch neugieriger, wie Justitia herself auf das heutige Rechtswesen blickt, und würde versuchen, ihr dazu möglichst viel zu entlocken! Und am Ende eines erkenntnisreichen Abends würde ich nach einem Doggy Bag fragen (ich hoffe, das gibt’s auf dem Olymp), denn Ambrosia soll ja lebensverlängernd wirken …


Wie unterscheiden sich heutige ­Berufseinsteiger von Ihnen, als Sie in dieser Situation waren?


Wir sind damals auf einen vollen und anspruchsvollen Arbeitsmarkt für Juristinnen und Juristen gestoßen, der aber recht berechenbar funktioniert hat. Praktika, LLM, Promotion etc. waren das erwartete Beiwerk zu akzeptablen Noten. – Das ändert sich gerade radikal und sehr schnell. KI wird den Markt für klassische Juristen enger machen und Berufsfelder öffnen, die (zumindest auch) ganz andere Kompetenzen erfordern, die allesamt in der Ausbildung nicht vorkommen: Prozessdesign, Projektmanagement, Tech- und KI-Kompetenz etc. Damit wird der extracurriculare Bereich noch viel wichtiger und vielschichtiger, und es ist Aufgabe aller am Rechtsmarkt und der Ausbildung Beteiligten, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass junge Kolleginnen und Kollegen sich das aneignen können.


Hinweis der Redaktion:


Die Ausarbeitung der Fragen geht zurück auf Überlegungen der beiden ersten Praktikanten des BWD. Emma Fischer studiert inzwischen an der WHU, Matthias Bautsch an der Universität Passau. (tw)

Autor

Dierk Schindler

Dr. Dierk Schindler

Vice President Legal, Purchasing and Logistics & Legal Innovation bei BOSCH/ Vorstand Liquid Legal Institute e.V./CEO LDA Legal Data Analytics GmbH


d.schindler@liquid-legal-institute.org
http://www.liquid-legal-institute.com/