Schaut man sich auf der Website des BWD die verschiedenen Task Forces an, so sind viele der Arbeitsgruppen selbsterklärend: Arbeitszeitgesetz, Cyber Security, ESG, Fremdbesitz, schnelle und effiziente Justiz. Der Name lässt erahnen, worum es geht. Doch was steckt hinter „Management 360 Grad“? Wer trifft sich dort zu welchen Themen und mit welchem Ziel?
Die Anfänge in Bensberg
Als wir in den Vorgesprächen zur Gründung eines Bundesverbands zusammensaßen und gemeinsam überlegten, welche Themen uns am Herzen liegen, gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte:
Aktuelle gesetzespolitische Vorhaben, bei denen wir als Kanzleien ein natürliches Bedürfnis haben, unsere Interessen in Berlin zu bekunden. Die schnelle und effiziente Justiz oder die Frage zur Zukunft des Fremdbesitzes oder der Erfolgshonorare sind gute Beispiele für diese Kategorie.
Es gab auch Themen, bei denen wir uns mit dem enormen Fachwissen aller unserer Kanzleien gut auf der Berliner Bühne einbringen können: Das Arbeitszeitgesetz oder das Thema Whistleblowing/Hinweisgeberschutz sind entsprechende Beispiele.
Und dann gab es noch zwei Kategorien, die für alle Beteiligten ein besonderes Anliegen waren: Was ist mit den Themen, die ganz spezifisch beim Managing Partner oder COO landen und bei denen das Kartellrecht keine Einschränkungen bei einem gemeinsamen Austausch vorgibt? Und wo behandeln wir Managementthemen, die im Zusammenhang mit den Business Services entstehen?
Die genauen Inhalte
Versicherungsschutz bei tragischen Schicksalsschlägen
Wie gestalten wir Versicherungsschutz für Partner und deren Familien bei tragischen Schicksalsschlägen aus? Leider kommt es häufiger als vermutet vor, dass Partner berufsunfähig werden und die Familien ihr Lebensmodell auch finanziell schlagartig ändern müssen. Wie kann eine Partnerschaft darauf partnerschaftlich reagieren und gleichzeitig finanziell kalkulierbar vorgehen?
Fernwirkung der Versicherer
Wie begegnen wir Versicherern, die aus politischen Gründen Einfluss auf Mandatsannahmen nehmen möchten? In London sehen wir die Tendenz aufkommen, dass Versicherer die Kanzleibranche dazu „bewegen“, Mandate niederzulegen oder jedenfalls nicht neu anzunehmen, wenn sie gewissen allgemeinpolitischen Strömungen zu widersprechen scheinen.
Generationenwechsel und die Rückkehr ins operative Geschäft
Wie gelingt der Generationenwechsel? Viele Kanzleien werden über viele Jahre, teilweise Jahrzehnte von Führungspersönlichkeiten geprägt. Steht dann der Wechsel an, sollten einige wichtige Aspekte nicht unterschätzt werden. Aber auch die Rückkehr aus der Managementrolle zurück ins Business kann viele Stolpersteine bereithalten. Wie lässt sich dies gut vorbereiten? Und erfolgreich umsetzen?
Büroumzüge in Zeiten vielfältiger Anforderungen
Welche Fehler kann man bei Büroumzügen vermeiden? Büroumzüge geschehen in unseren Kanzleien sehr regelmäßig. Gerade in Zeiten, in denen Anforderungen an nachhaltiges Bauen und an die Flexibilität von Raumkonzepten stetig wachsen, kann der vertrauensvolle Austausch untereinander im BWD sehr hilfreich sein.
Einbringung in Kammerversammlungen
Wie positionieren wir uns gegenüber den verschiedenen Kammern? Haben wir spezifische Interessen, die mehr Aufmerksamkeit und Beachtung innerhalb der Kammer(‑versammlungen) finden sollten? Gibt es Besonderheiten bei Doppelmitgliedschaften in zwei Kammern, zum Beispiel der Rechtsanwaltskammer und gleichzeitig der Steuerberaterkammer? Was bedeutet das für betroffene Kanzleien?
Karriereperspektiven von Nicht-Berufsträgern
Welche Karriereperspektiven eröffnen wir für „Nicht-Berufsträger“? In Berufsausübungsgesellschaften, deren Unternehmensgegenstand die Beratung und Vertretung in Rechtsangelegenheiten ist, ist die Integration von nicht anwaltlichen Professionen, insbesondere im finanziellen und technischen Bereich, der Standard. Es fehlt jedoch oft an dem letzten Schritt hin zur Partnerschaft oder „As-if-Partnerschaft“. Und ganz grundsätzlich: Sollten wir nicht wegkommen von der Bezeichnung als „Nicht-Berufsträger“? Gerade mit Blick auf die nachrückenden Generationen? – Wertschätzung, Einbindung und Purpose waren niemals wichtiger als jetzt.
Kanzlei 2030
Wie sieht das Kanzleimodell der Zukunft aus? Liegt die Zukunft weiter in der inhabergeführten Struktur, oder gleicht sich der Rechtsberatungsmarkt weiter an andere Wirtschaftsbranchen an? Wie werden die Automatisierung und die künstliche Intelligenz die Strukturen verändern und Einfluss auf die Karriereperspektiven nehmen (vgl. den vorherigen Punkt)? Und welche Folgen werden das anhängige Verfahren um das Fremdbesitzverbot (vgl. etwa das Vorlageverfahren des Bayerischen Anwaltsgerichtshofs [AGH, Beschluss vom 20.04.2023, Az. BayAGH III-4-20/21] zum Europäischen Gerichtshof) oder allein die nun begonnene Diskussion haben?
Die Erstreckung der Sozietätspflicht und andere Besonderheiten bei Konflikten
Wie gehen wir mit den besonders beliebten Druckpunkten bei Conflict Checks sowie der Erstreckung der Sozietätspflicht um? Gerade bei Kanzleiwechseln stellt sich die Frage, welche frühere Mitarbeit in der abgebenden Kanzlei die Fortführung bestehender oder die Aufnahme neuer Mandate in der aufnehmenden Kanzlei sperrt und inwieweit auch unterstützende Tätigkeiten im Rahmen eines Referendariats diese Wirkung bereits entfalten.
Führung und Kommunikation in partnerschaftlichen Strukturen
Angesichts der besonderen partnerschaftlichen Strukturen: Wie sieht gute Führung in Kanzleien aus? Wie muss Kommunikation aussehen, die die Partner und die Mitarbeiter außerhalb der Partnerschaft – in allen Bereichen der Sozietät – in wertschätzender Weise anspricht und zum Engagement motiviert?
Sehr vertrauensvolle Atmosphäre
Die Teilnehmer der Task Force „Management 360 Grad“ des BWD treffen sich drei- bis viermal im Jahr ganz bewusst in unterschiedlichen Besetzungen. Mal sind es die Managing Partner und COOs, mal sind es die jeweils für ein bestimmtes zu diskutierendes Thema verantwortlichen Partner und mal die Leiter der internen Services, die die Runde bereichern. Unser Grundprinzip ist immer ein offener und vertrauensvoller Austausch.
Dr. Georg Anders, Partner und COO bei Heussen, nimmt es so wahr: „Die Task Force ,Management 360 Grad‘ ist einer der Gründe, warum ich unsere Kanzlei gerne im BWD vertrete. Der offene Austausch zwischen den Kolleginnen und Kollegen ist das, was diesen Verband so besonders macht. Alle sprechen offen miteinander, können sich aber auch darauf verlassen, dass nichts Persönliches oder Vertrauliches den Raum verlässt.“
Unterstützung für die tägliche Arbeit
Die Treffen sollen allen Beteiligten weiterhelfen, die genannten Themen aufzunehmen und Ergänzungen oder Entwicklungen in der eigenen Kanzlei anzustoßen. Dr. Stephan Morsch, Managing Partner von SKW Schwarz, beschreibt seine Erfahrungen mit der neuen BWD Task Force so: „Ich schätze die Treffen der Task Force ,Management 360 Grad‘, weil dort Managing Partner ganz unterschiedlicher Kanzleigrößen und -formate zum persönlichen Austausch zusammenkommen. Die Anregungen, die man nach den Treffen mit in die eigene Kanzlei zurücknimmt, sind sehr wertvoll und vielfältig.“
Dazu auch noch einmal Dr. Georg Anders: „Gerade in der Task Force ,Management 360 Grad‘ sitzen keine Konkurrenten am Tisch, sondern echte Partner und manchmal auch Leidensgenossen. Wir können die Fehler vermeiden, die andere vielleicht schon gemacht haben, oder – noch besser – bereits vorher gemeinsam Lösungen finden.“
So soll es weitergehen – schon in Kürze bei dem nächsten Treffen der Task Force in Frankfurt am Main: Dr. Hubertus Kolster, langjähriger Managing Partner und heutiger Senior Partner von CMS, freut sich darauf, einige Impulse für den Austausch zu „Führung und Kommunikation in partnerschaftlichen Strukturen“ bereitzustellen, und deutet bereits hier an: „Die Führung einer Partnerschaft setzt nicht nur eine klare Strategie für die Zukunft voraus, sondern auch die Fähigkeit, bei der Umsetzung alle mitzunehmen und zu motivieren – fortwährende Kommunikation und Empathie sind dabei nahezu unabdingbar.“
Autor

Baker Tilly, Frankfurt am Main
Leiter der Task Force „Management 360 Grad“ im BWD
Rechtsanwalt, Partner, COO Tax & Legal/Legal Director International
