Das BWD-Barcamp

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AI, Legal Tech, KPIs, ESG – Anglizismen, die Kanzleien aktuell bewegen. Diese haben eines gemeinsam: Es geht um die Weiterentwicklung eigener Prozesse oder Beratungsprodukte. Im Vordergrund steht dabei: der Mandant. Ein wesentlicher Baustein der Anwaltskanzlei als „people’s business“ sind aber deren Persönlichkeiten. Doch wie gewinnt und – vor allem – wie hält eine Anwaltskanzlei gutes Personal? Was wollen ­Talente von morgen eigentlich, und wie erspürt eine Kanzlei deren Bedürfnisse, um sich einen Wettbewerbsvorsprung zu verschaffen? Vielleicht hilft dabei ein weiterer Anglizismus: Barcamp!

Barcamp: Was ist das?

Ein Barcamp ist ein junges Veranstaltungsformat. Es ist eine Tagung mit offenen Workshops und damit der ­Gegenentwurf zur klassischen Konferenz mit fester Agenda. Die Teilnehmer gestalten Inhalte und Ablauf selbst, ihre Unbefangenheit ebnet im besten Fall den Weg zur zündenden Idee. Den Teilnehmern soll mit diesem Format die Möglichkeit eröffnet werden, Erfahrungen und Ideen auszutauschen und auf diese Weise Ergebnisse zu erarbeiten, die wegen einiger Hemmschwellen in traditionelleren Formaten eher nicht entstanden wären. Vor allem für die beteiligten Wirtschaftskanzleien bot sich dadurch die spannende Gelegenheit, kanzleiübergreifend und anonym das Meinungsbild der jungen Teilnehmer zu von diesen selbst bestimmten Themen einzuholen. Die BWD-Vorstände ­Philipp Reusch (reuschlaw) als Ideengeber sowie Stefan Rizor und Prof. Dr. Thomas Wegerich waren gespannt, ob und wie ein solches Barcamp im BWD angenommen würde.

Synergien durch Start-up-Spirit

Am 13.09.2023 trafen sich knapp 50 junge Vertreter der BWD-Mitgliedskanzleien aus Anwaltschaft, Business ­Development und Human Resources in der „Sturmfreien Bude“ in Köln. Anzug und Kostüm blieben daheim, weil ein sportlich-freigeistiges Brainstorming das interaktive Miteinander an diesem Tag prägen sollte. Bei Kaffee, Snacks und einer hervorragenden Aussicht über die Domstadt wurde von 10:00 bis 18:00 Uhr leidenschaftlich diskutiert, aber auch herzlich gelacht – und das nicht nur während der humorvollen Eröffnung durch Stefan Rizor, der damit den Grundstein für den an diesem Tag erblühenden Start-up-Spirit legte. Zu Beginn durften Freiwillige aus dem Teil­nehmerkreis spontan Themen auf einer Karteikarte niederschreiben und diese grob skizzieren (unter anderem Social Media, Mentoring & Coaching, Identifikation mit dem ­Arbeitgeber). Anschließend diskutierten zwei Gruppen gleichzeitig die Thematik, moderiert vom jeweiligen Impulsgeber, der die Gedanken auf einem Smartboard zusammenfassen konnte. Untermalt wurde dies buchstäblich von zwei Graphic Artists, die den Gesprächsverlauf und das Ideen-Ping-Pong simultan-kreativ visualisierten.

Was bewegt die Next Generation im BWD?

Überraschenderweise brachte kein Teilnehmer die Themen Vergütung, Arbeitszeiten oder Karrierestufen aufs Tableau, ebenso wenig ging es um Job-Bikes, Obstkörbe oder ähnliche „Goodies“. Stattdessen standen neben Dauerbrennern wie „Frauen in der Partnerschaft – a long way to go?“, „Implementierung des Generationswechsels“, „Digitalisierung“ auch echte neue Themen wie „Arbeitsorte (Homeoffice/Ausland)“, „Einsatz von KI“ oder „3 Pain-Points der Wirtschaftskanzlei aus Sicht von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Mandanten“ auf dem Programm. Ganz nebenbei und spielerisch lernte der aufmerksame Zuhörer auch etwas über Entwicklungsprozesse in anderen Wirtschaftskanzleien: Denn während so mancher Satz mit „Bei uns ist es so, dass …“ begann, hieß es gelegentlich auch „Mittlerweile ist es bei uns so, dass …“.

Ein bedeutendes Anliegen der jüngeren Generation scheint wertschätzende Kommunikation zu sein und sich „gesehen“ zu fühlen. Ein institutionalisierter Austausch zwischen Partner und Associate, als Incentive vielleicht auch in ­einem eigenen Buchungscode abgebildet, würde bei vielen auf ­positive Resonanz stoßen. Ein Lerneffekt für manche ­Angestellte war der Einwurf von Stefan Rizor an dieser ­Stelle: Auch Partner freuten sich über Wertschätzung und Lob.

Beim Thema Homeoffice hat sich offenbar ein Branchenstandard gebildet: Gelebt wird, was individuell funktioniert. Das ist häufig ein 60/40-Modell, aber auch – bei langen Anfahrtszeiten – Präsenz nur im Ausnahmefall. Vereinzelt wird Homeoffice nur unter dem Vorbehalt ­vorheriger Absprache gewährt. Manche Kollegen haben ­physische Anwesenheit auch schon als Katalysator für spontanen Austausch und die eigene Lernkurve schätzen gelernt.

Im Bereich „Social Media“ haben sich bisher offenbar nur wenige Wirtschaftskanzleien damit auseinandergesetzt, wie Akquise und Markenpflege gerade auch in Kombination mit privaten Accounts ihrer Angestellten ablaufen sollen – Angestellte wünschen sich zuweilen eine konkret ­umrissene Kanzleistrategie und eine offene Diskussion darüber, wie sich Synergien zwischen Kanzleiaccounts und Privat­accounts erzielen lassen.

Außerdem sprachen die Teilnehmer darüber, dass Identifikation mit dem Arbeitgeber weniger über die strukturell relativ ähnlichen Beratungsprodukte erfolgt. Der Kanzleikultur, den tatsächlich gelebten Werten, kommt deshalb eine entscheidende Bedeutung zu. Dies verdeutlicht ­zugleich, wie fordernd es sein kann, von jungen ­Angestellten priorisierte Faktoren miteinander in Einklang zu bringen: Flexibilität des Arbeitsorts einerseits und die Pflege einer Kanzleikultur andererseits werfen die Frage auf, wie sich nachhaltige Verbundenheit im virtuellen Kontakt erzeugen lässt.

Es zeigte sich bei den meisten Themen, dass die Vielgestaltigkeit der Wirtschaftskanzleien sich auch in deren Ansatz zu vielen dieser Punkte niederschlägt. Ob multidisziplinäre Partnerschaft, Boutique oder mittelständische Full-­Service-Einheit: Klare Tendenzen oder Parallelstrukturen bei Kanzleien mit ähnlicher Positionierung ließen sich nicht ausmachen. So mancher nahm als Eindruck mit, dass der eigene Arbeitgeber unter dem einen oder anderen Aspekt einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz hat.

Ausblick

Im Nachgang haben sich die BWD-Mitgliedskanzleien neugierig berichten lassen, was die junge Generation ­bewegt. Das Barcamp hat durch den offenen Austausch manches an die Oberfläche gespült, was bei einem direkten Feedback innerhalb der Wirtschaftskanzlei vielleicht nicht von Associate-Seite artikuliert würde. Das war sicher auch dem Format zu verdanken: Der ungestörte „Stream of Consciousness“ auf Angestelltenebene quer über Kanzleigrenzen unterschiedlichen Zuschnitts hinweg war für alle bereichernd. Der BWD als Forum für gemeinsamen Austausch kann Erkenntnisse fördern, die jeder Mitglieds­kanzlei dabei helfen, ihr „Produkt“ gegenüber Angestellten zu optimieren. Das kommt womöglich allen zugute – und in Zeiten des Absolventenmangels gerade zur rechten Zeit: Die zunehmende Automatisierung einfacher Prozesse ­gefährdet das Geschäftsmodell nicht spezialisierter Kanzleien, immer weniger Absolventen wollen in Justiz und Verwaltung. Nicht wenig spricht hier für den Weg in eine Wirtschaftskanzlei.

Nach dem Barcamp fuhren viele mit strahlenden Gesichtern wieder Richtung Heimat – der zwanglose Austausch beflügelte und machte Lust auf eine Wiederholung mit ähnlichem Ansatz. Vielleicht ja schon im nächsten Sommer? Wir legen uns fest: Es würde sich lohnen!

Hinweis der Redaktion:
Am 15.08.2024 lädt der BWD Associates und jüngere Vertreter aus den Rechtsabteilungen des Advisory Boards zum zweiten Barcamp ein, diesmal in der „Sturmfreien Bude“ in Düsseldorf. Unabhängig davon trifft sich die Barcamp Class of 2023 im Sommer in Frankfurt. Auf diese Weise entsteht innerhalb des BWD ein wertvolles Netzwerk für die Next Generation der Anwälte und Inhousevertreter. (tw)

 

Autor

Lisa Norman Schalast, Frankfurt am Main Rechtsanwältin, Associate lisa.norman@schalast.com www.schalast.com

Lisa Norman
Schalast, Frankfurt am Main
Rechtsanwältin, Associate
lisa.norman@schalast.com
www.schalast.com

 

Autor

Dr. Konstantin Filbinger Ashurst, München Rechtsanwalt, Associate konstantin.filbinger@ashurt.com www.ashurst.com

Dr. Konstantin Filbinger
Ashurst, München
Rechtsanwalt, Associate
konstantin.filbinger@ashurt.com
www.ashurst.com