Mit Open-Source-Recherchen versteckte Vermögenswerte aufdecken

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Das Aufspüren und Einfrieren versteckter Vermögenswerte oder Asset-Tracing hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine und den darauffolgenden Sanktionen gegen regierungsnahe Oligarchen ist ersichtlich, wie wichtig es ist, Vermögenswerte einer Person zuordnen zu können. Amerikanischen Strafverfolgungsbehörden ist es gelungen, Vermögenswerte sanktionierter russischer Geschäftsmänner und Politiker im Wert von mehr als 30 Milliarden US-Dollar zu blockieren oder einzufrieren. Doch bevor Behörden Zugriff auf solche Vermögenswerte haben, müssen diese zunächst aufgedeckt und die Eigentümer identifiziert werden. Ein solches Asset-Tracing ist auch im wirtschaftlichen Geschäftsverkehr jenseits der internationalen Politik üblich. Es wird auch genutzt, wenn etwa Strafzahlungen oder Schiedssprüche durchgesetzt oder Gläubiger eines in Konkurs gehenden Unternehmens entschädigt werden sollen. In diesem Beitrag wird das Konzept des Asset-Tracings erläutert und beschrieben, wie mit öffentlich zugänglichen Informationen versteckte Vermögenswerte ausfindig gemacht werden können.

Verborgene Vermögenswerte: Wo ist zu suchen?

Mehrere Veröffentlichungen durch Whistleblower in den vergangenen Jahren haben gezeigt, wie Konzerne und vermögende Personen ihre Vermögenswerte verstecken und so der Besteuerung entziehen und damit auch teils Sanktionen umgehen. Über Swiss Leaks, Lux Leaks bis hin zu den Panama Papers ist belegt worden, wie Werte in Billionenhöhe in Steueroasen versteckt werden. Das Wissen über derartige Praktiken wird westlichen Regierungen auch geholfen haben, Vermögen unter anderem russischer Oligarchen und ihrer Strohleute aufzuspüren und zu beschlagnahmen.

Es gibt vielfältige Wege, Vermögenswerte und ihre Eigentümer zu verschleiern. Die vielleicht beliebteste Technik ist die Gründung von Schein-, Mantel- und Vorratsgesellschaften sowie Offshore-Trusts. Wer sein Vermögen verstecken möchte, kann etwa Bankkonten im Namen derartiger juristischer Personen eröffnen und dort Geld einzahlen. Solche Scheingesellschaften sind oft so konzipiert, dass die wirtschaftlichen Eigentumsverhältnisse verschleiert werden. Wenn sie in einem Offshoreland gegründet werden, in dem es keine Vorschriften zur Transparenz der Eigentumsverhältnisse gibt, wird es schwierig, die Eigentümer zu identifizieren. Das erleichtert es, Gelder und Vermögenswerte vor Steuer- und Vollstreckungsbehörden zu verbergen.

Zwischen den Bankkonten von Mantelfirmen – sogenannten shell companies – lässt sich Geld oft unentdeckt bewegen. In einigen Jurisdiktionen muss die Identität der begünstigten Person nicht öffentlich gemacht werden. Lediglich der gesetzliche Vertreter der Mantelfirma muss bekannt sein, der allerdings oftmals in keinem direkten Verhältnis zur begünstigten Person steht. Somit lässt sich zwar nachvollziehen zwischen welchen Firmen Geld überwiesen wurde, die natürliche Person, die letztlich dahintersteht, ist kaum zu ermitteln. Auch mittels gemeinnütziger Organisationen und Stiftungen können Vermögenswerte versteckt werden, da in einigen Jurisdiktionen der wirtschaftliche Eigentümer solcher Rechtsformen anonym bleiben kann.

Des Weiteren eignen sich (Familien-)Kommanditgesellschaften, um Vermögen zu verstecken. Typischerweise bietet hier ein Komplementär seinen Geschäftspartnern, Freunden oder Familienmitgliedern an, in eine Kommanditgesellschaft zu investieren. Diese „Investoren“ haften rechtlich nicht für die Schulden des Unternehmens und können keine aktive Rolle bei der Führung des Unternehmens übernehmen. Eine Familienkommanditgesellschaft wird in der Regel so eingerichtet, dass ein oder mehrere Familienmitglieder als Komplementäre fungieren. Oft besitzt der Komplementär nur einen nominalen Anteil von einem oder zwei Prozent an der Gesellschaft. Die übrigen Anteile werden in Form von Kommanditanteilen gehalten. Die Komplementäre einer Familienkommanditgesellschaft haften unbeschränkt für die Aktivitäten der Gesellschaft. Daher unterliegt nur ein kleiner Teil des Familienvermögens der unbeschränkten Haftung. Gläubiger können somit im Zweifel nicht direkt auf das Vermögen der Familienkommanditgesellschaft zugreifen und würden höchstens einen Teil ihrer investierten Summe zurückerhalten.

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die oben genannten juristischen Personen auch nach ihrer Liquidation noch für die Aufbewahrung von Vermögenswerten nützlich sein können. In manchen Fällen können die Vermögenswerte, die während der aktiven Zeit der juristischen Person erworben wurden, weiter bestehen und unter demselben Namen weitergeführt werden.

Derartige Strukturen werden genutzt, um legal sowie illegal erworbene Vermögenswerte und Barmittel zu verstecken. Häufige Gründe sind der Versuch, eine Firma vorbeugend davor zu schützen, nach Verlust eines Rechtsstreits eine Strafe zu zahlen. Auch kann Konkursmasse so vor dem Zugriff der Gläubiger versteckt werden.

Versteckte Assets ans Tageslicht bringen: Wie geht man vor?

Diese Vielzahl an Verschleierungsschemata verdeutlicht, welchen Schwierigkeiten sich Vollstreckungs- und Steuerbehörden gegenübersehen. Während technische Fortschritte Kapitalmobilität zunehmend erleichtern, wird es für Ermittelnde immer aufwendiger Vermögenswerte aufzuspüren. Neben technischer Expertise bedarf es daher auch internationaler Kooperation.

In der Regel werden im Verlauf einer Untersuchung verschiedene Ermittlungsmethoden kombiniert, etwa forensische Buchhaltung, Inspektionen vor Ort, technische und physische Überwachungsmaßnahmen, Interviews mit Hinweisgebern, das Versenden von Anfragen an Regierungsbehörden usw. Je nachdem ob die Ermittlungen von staatlichen Behörden oder Privatakteuren durchgeführt werden, kann sich die Herangehensweise unterscheiden. Behörden sind oftmals mit mehr Befugnissen ausgestattet und können Methoden einsetzen, die Privatakteuren nicht zur Verfügung stehen. Da allerdings viele Versuche Vermögenswerte zu verstecken Spuren hinterlassen, kann eine Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen als Startpunkt dienen. Daher ist es in vielen Fällen sinnvoll, sich professionelle Hilfe aus dem Privatsektor zu suchen, insbesondere wenn sich die gesuchten Vermögenswerte über mehrere Jurisdiktionen erstrecken.

Recherchen in öffentlich verfügbaren Quellen: Was kann man finden?

Asset-Tracing-Untersuchungen beginnen damit, Informationen zu sammeln. Wichtig sind hierbei Daten zu Zielpersonen, ihren Unternehmen, aktuellen und früheren Geschäftspartnern und auch Informationen zu verbundenen Personen und deren Geschäften. Diese Informationen lassen sich in Handelsregistern, Kreditauskünften sowie in Geschäftsberichten von Unternehmen finden. Auch staatliche Institutionen veröffentlichen oftmals verwertbare Daten, etwa Jahresabschlüsse oder Finanzberichte eines Unternehmens, Patente, Gerichtsprozesse, Grundeigentum und andere öffentliche Bekanntmachungen eines Unternehmens, um seine Betriebsstätten, das Geschäftsmodell, die Gesamtzahl der gehaltenen Aktien und andere öffentlich zugängliche Informationen zu identifizieren.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche kostenpflichtige Datenbanken und Recherchetools, mit deren Hilfe sich gezielt Informationen zu Personen und Unternehmen finden lassen. So lassen sich etwa aktuelle und vergangene Beteiligungen und Mandate von Personen nachvollziehen. Ferner ermöglicht die Prüfung von Gerichts- und Prozessdatenbanken, Informationen über Rechtsstreitigkeiten und damit verbundene potentielle Gläubiger und Schuldner zu identifizieren. Bei potentiellen Verbindlichkeiten werden Konkursregister und Aufsichtsbehörden auf Geldstrafen oder Sanktionen überprüft.

Es ist möglich auch in digitalen Archiven nachzusehen, die zwischengespeicherte Seiten von Websites enthalten, so dass man in der Zeit zurückgehen und Webseiten sehen kann, die vor Jahren gelöscht oder geändert worden sind. Medienrecherchen sind ebenfalls von großer Bedeutung, insbesondere bei hochrangigen Zielpersonen, da die Möglichkeit besteht, dass jemand bereits Informationen über den Verbleib ihres Vermögens verbreitet hat.

Bei der Suche nach materiellen Vermögenswerten sind oftmals die Immobilienregister in allen Ländern, in denen die Zielperson und die mit ihr verbundenen Unternehmen vermutlich Immobilien besitzen, eines der ersten Ziele. Der Umfang der verfügbaren Informationen variiert stark zwischen den betroffenen Jurisdiktionen: In manchen Ländern sind die Informationen über den Käufer/Verkäufer, die Identität der abschließenden Anwälte und Eigentumsgesellschaften nicht einsehbar.

Bei den Nachforschungen sollte man nach Mustern von Unstimmigkeiten, unlogischem Verhalten und ungewöhnlichen Transaktionen und Aufzeichnungen suchen. Diese können die verzweifelten Versuche offenbaren, die Gelder außer Sichtweite zu bringen.

Sobald die gezielte Recherche mittels verschiedener Quellen abgeschlossen worden ist, ist es wichtig, die gesammelten Informationen schnell und effizient zu verstehen und einzuordnen. Datenvisualisierungstechniken ermöglichen dabei komplexe Beziehungen in leicht lesbaren Formaten grafisch darzustellen, um Verbindungen zwischen Organisationen, Personen und Transaktionen besser nachvollziehen zu können.

Um sicherzustellen, dass im Rahmen des Asset-Tracings Vermögenswerte auf der ganzen Welt identifiziert werden können ist ein breites internationales Netzwerk unerlässlich. Informationen, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, können von Land zu Land stark variieren. So stehen in einigen Ländern Informationen aufgrund gesetzlicher Vorschriften nur eingeschränkt zur Verfügung. Andere Länder weisen einen deutlich höheren Transparenzgrad auf und in diesen ist beispielsweise sogar die Steuererklärung eines jeden Bürgers öffentlich einsehbar oder es gibt die Möglichkeit Vorstrafenregister einer Person zu prüfen. Mit einem internationalen Netzwerk geht auch eine breite Fremdsprachenkompetenz einher, die auch die Auswertung komplexer Informationen aus verschiedenen Jurisdiktionen in all ihren Nuancen auszuwerten ermöglicht.

Wenn am Ende einer derartigen Recherche Vermögenswerte ausfindig gemacht werden konnten, dienen die entsprechend gewonnen Informationen zur Vorbereitung des anschließenden Einfrierens und der Beschlagnahme von Vermögenswerten.

Open-Source-Recherchen als erste Schritte zur Vermögensidentifizierung

Sei es, um Sanktionen durchzusetzen, die Forderungen von Gläubigern zu erfüllen, unerlaubt abgespaltene Unternehmensteile zu identifizieren oder Veruntreuung von Geldern zu beweisen, Asset-Tracing ist von enormer Bedeutung. Wie in diesem Beitrag beschrieben, lassen sich bereits mit der Analyse öffentlich zugänglicher Informationen wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Wichtig hierbei sind ausgeprägte Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Recherchetechniken und Datenquellen: In einer zunehmend digitalen Welt gibt es immer wieder neue Recherchetools, die die Suchmöglichkeiten vereinfachen und erweitern, ein Zugang kann hier eine Schlüsselrolle bei der Suche nach Vermögenswerten spielen. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist der Zugriff auf ein internationales Expertennetzwerk, um zielgerichtet und schnell Vermögenswerte über mehrere Jurisdiktionen zu ermitteln.

 

cornelia.steensgaard-hansen@pwc.com

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