Aktuelle Ausgabe

Mercedes-Benz gewinnt mit „Speedboat AML“

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Am 04.12.2025 erhielt die Mercedes-Benz Group den zum zweiten Mal verliehenen Inhouse Matters Award für die innovativste Rechtsabteilung. Die Juroren Prof. Dr. Madeleine Bernhardt (Bucerius Law School), Prof. Dr. Bruno Mascello (Universität St. Gallen) und Prof. Dr. Michael Smets (Said Business School, University of Oxford) entschieden sich mit „Speedboat AML“ für ein Prozesstool, das Geldwäscheverdachtsmeldungen auf ein neues Niveau hebt. Karin Gangl, Leiterin Rechtspublikationen im F.A.Z.-Fachverlag, sprach mit Dr. Steffen Nolte, der das Projekt innerhalb des Autokonzerns verantwortete, sowie mit dem Projektleiter Daniel Pantina und dem IT-Experten Coskun Yasa.

Deutscher AnwaltSpiegel: Ihr Projekt „Speedboat AML“ hat in einem hochkompetitiven Umfeld den Preis für die innovativste Rechtsabteilung gewonnen. Was waren die Schlüsselfaktoren, die den Erfolg dieses Projekts ermöglicht haben?

Dr. Steffen Nolte: Der Erfolg unseres Projekts basiert auf drei zentralen Faktoren: einer klaren Zielausrichtung, einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit und der konsequenten Nutzung intern vorhandener Technologien. Wir haben den Prozess zur Erstattung von Geldwäscheverdachtsmeldungen im Güterhandel optimiert und vollständig digitalisiert – von der strukturierten Erfassung von Verdachtsmomenten über KI-gestützte Textgenerierung bis hin zur automatisierten, behördengerechten Übermittlung. Dabei standen auch immer fachliche Effizienzen und Synergien im Vordergrund. So sind die Geldwäscheverdachtsmomente, die an die Financial Intelligence Unit (FIU) gemeldet werden müssen, häufig eng mit der sogenannten Jedermannspflicht zur Meldung von Verdachtsmomenten verzahnt, die sich auf mögliche Umgehungen von Sanktionen und Embargos beziehen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Compliance, Recht und IT sowie den operativen Geschäftsbereichen der First Line war dafür entscheidend. Mit internen Tools haben wir Workflow-Automatisierung, KI-gestützte Textentwürfe, Datenbanklogiken und XML-Generierung so kombiniert, dass Qualität, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit optimal aufeinander abgestimmt sind.

Deutscher AnwaltSpiegel: Welche technologischen Ansätze und Prozesse haben Sie für die Optimierung der Geldwäscheverdachtsmeldungen eingesetzt, und wie haben diese die Effizienz und Genauigkeit verbessert?

Daniel Pantina: Unser „Speedboat AML“ nutzt eine Workflow-Engine, vordefinierte Logiken und Risikokriterien, um relevante Verdachtsmomente strukturiert erfassen zu können. Die KI erstellt daraus hochwertige Textentwürfe für die Meldungen, während Java-Script-basierte Logiken automatisch XML-Dateien generieren, die direkt für die elektronische Übermittlung an die Behörden geeignet sind. Eine revisionssichere Datenerfassung sorgt dafür, dass jeder Schritt jederzeit nachvollzogen werden kann und gleichzeitig umfassende Datenanalysen möglich sind. Das Ergebnis ist überzeugend: rund 30% kürzere Bearbeitungszeiten für alle am Prozess beteiligten Nutzer, deutlich weniger Rückfragen, konsistentere Datenqualität und standardisierte Meldungen. Ein weiterer Vorteil: Der intuitive Prozess reduziert zugleich den Aufwand für Complianceschulungen und -kommunikation – für alle Beteiligten.

Deutscher AnwaltSpiegel: Sie haben „Speedboat AML“ ohne externe Beratung umgesetzt. Welche internen Ressourcen und Kompetenzen waren entscheidend und welche Herausforderungen traten bei der Implementierung auf?

Dr. Steffen Nolte: Den Grundstein bilden unsere fachliche Expertise in der Geldwäscheprävention, die internen Digital- und Workflowkompetenzen, die IT-Unterstützung aus Recht und Compliance sowie das Feedback der Anwender aus den operativen Bereichen, zum Beispiel dem Vertrieb. Auf dieser Basis konnten wir das Prozessdesign, die KI-Integration, den XML-Generator und die sichere Datenerfassung vollständig intern umsetzen. Die Herausforderungen lagen vor allem im Workflow-Design, den heterogenen Stakeholder-Anforderungen, den Datenschutz- und Datensicherheitsvorgaben sowie in den begrenzten IT-Kapazitäten. Durch agiles Projektmanagement, gezielte Workshops und Coachings konnten wir diese Hürden aber erfolgreich meistern. Damit haben wir unser selbstgestecktes Ziel erreicht, den Prozess ausschließlich mit eigenen Bordmitteln aufzusetzen, das heißt, ohne externe Kosten zu generieren.

Deutscher AnwaltSpiegel: Welche messbaren Erfolge konnten durch das Projekt erzielt werden – sowohl hinsichtlich Zeit und Kosten als auch in Bezug auf die Qualität der Verdachtsmeldungen?

Coskun Yasa: Durch die Standardisierung und Automatisierung sinkt der Bearbeitungsaufwand pro Meldung für alle Beteiligten um etwa 30%. Da wir ausschließlich bereits vorhandene Lizenzen nutzen, entstehen keine zusätzlichen Wartungskosten. Gleichzeitig sorgen standardisierte Eingabemasken in Verbindung mit KI-gestützten Textentwürfen dafür, dass Meldevorgänge vollständiger, konsistenter und präziser werden. Das trägt ferner dazu bei, dass sowohl Mitarbeitende als auch Behörden deutlich weniger Rückfragen stellen. Eine revisionssichere Dokumentation, klare Nachvollziehbarkeit und die strukturierte Kompatibilität zu den behördlichen Schnittstellen im GoAML-Portal der Financial Intelligence Unit (FIU) erhöhen außerdem die Prüfungsfestigkeit und schaffen gleichzeitig eine verbesserte Basis für Data Analytics – etwa für Cluster- und Trendanalysen. Darüber hinaus ist die Lösung unkompliziert aufgebaut und lässt sich deshalb einfach auf weitere Konzerntochtergesellschaften und weitere Use-Cases übertragen. Ein wesentlicher Vorteil des Prozesses besteht aus unserer Sicht also darin, dass er leicht und ohne großen Aufwand skalierbar ist.

Deutscher AnwaltSpiegel: Welche langfristigen Pläne gibt es, das Projekt weiter auszubauen und auf andere Unternehmensbereiche zu übertragen? Welche technologischen oder organisatorischen Innovationen planen Sie?

Dr. Steffen Nolte: Wir prüfen aktuell, auf welche zusätzlichen Anwendungsfelder wir unseren Prozess weiter ausrollen können. Dafür setzen wir auf eine skalierbare Plattformstrategie mit klaren Entwicklungsschritten: Zunächst wollen wir den Prozess auf weitere Konzerneinheiten – auch international – ausrollen. Perspektivisch könnten sogar externe Vertriebspartner eingebunden werden. In einem zweiten Schritt wollen wir die Automatisierung der Texterstellung verbessern, vor allem für komplexe Verdachtsmomente und Typologien. Wichtig ist uns dabei immer eine fest verankerte „Human-in-the-Loop“-Kontrolle. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die elektronische Übermittlung an die Behörden noch nahtloser und effizienter zu gestalten. Durch eine künftig verbesserte Strukturierung der Daten können Risiken noch früher erkannt werden. Außerdem wollen wir diese Compliancelösung noch enger in bestehende End-to-End-Prozesse einbinden. Perspektivisch erwarten wir zusätzliche Effizienzgewinne, insbesondere wenn neue regulatorische Anforderungen wie die EU Geldwäscheverordnung ab 2027 hinzukommen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Dr. Nolte, Herr Pantina und Herr Yasa, wir danken Ihnen herzlich für Ihre ausführlichen und aufschlussreichen Antworten.

Hinweis der Redaktion:
Die Ausschreibung für die Inhouse Matters Awards 2026 beginnt am 16.03.2026. Informationen zur Ausschreibung finden Sie in Kürze auf unserer Website

Autor

Dr. Steffen Nolte Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart Stv. Konzern-Geldwäschebeauftragter, Leiter Anti-Money Laundering & Counter Terrorist Financing

Dr. Steffen Nolte

Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart
Stv. Konzern-Geldwäschebeauftragter, Leiter Anti-Money Laundering & Counter Terrorist Financing


steffen.nolte@mercedes-benz.com
www.mercedes-benz.com


Autor

Daniel Pantina Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart Experte Geldwäscheprävention

Daniel Pantina

Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart
Experte Geldwäscheprävention


daniel.pantina@mercedes-benz.com
www.mercedes-benz.com


Autor

Coskun Yasa Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart Manager Digitalisierung Trade Compliance

Coskun Yasa

Mercedes-Benz Group AG, Stuttgart
Manager Digitalisierung Trade Compliance


coskun.yasa@mercedes-benz.com
www.mercedes-benz.com