Das Ziel: Aufbau eines unabhängigen europäischen Legal-Tech-Champions

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Die international aufgestellte französische Septeo-Gruppe hat den etablierten und im deutschen Rechtsmarkt sowie in weiteren ausländischen Rechtsmärkten seit vielen Jahren führenden Softwareanbieter stp.one im ersten Quartal 2026 akquiriert. Damit ist ein neuer starker Player im Rechtsmarkt entstanden – auch, aber eben nicht nur auf Deutschland konzentriert. Nun ist die Integration der beiden Unternehmen weit fortgeschritten. Über die damit verbundene spannende Entwicklung und über die Optionen des neuen starken Unternehmens im deutschen Rechtsmarkt sprach Thomas Wegerich mit Fabian Padilla Crisol.

Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Padilla Crisol, stp.one ist seit Februar 2026 Teil der Septeo-Gruppe. In der Kommunikation zur Transaktion ist vom Aufbau eines unabhängigen europäischen Legal-Tech-Champions die Rede. Was bedeutet dieser Anspruch konkret für den deutschen Rechtsmarkt – insbesondere für Unternehmensrechtsabteilungen, Insolvenzverwalter und wirtschaftsberatende Kanzleien?

Fabian Padilla Crisol: Für die Kanzleien, Legal-Departments und Insolvenzverwalter heißt das, dass sie mit Septeo einen verlässlichen, anerkannten und erfahrenen Partner an der Seite haben – schon heute, aber erst recht in Zukunft. Und genau das ist der Kern unseres Anspruchs: Wir wollen nicht einfach Software liefern, sondern unsere Kunden langfristig dabei unterstützen, ihre Arbeit digital souverän zu gestalten. Wir unterstützen sie nicht nur bei der Digitalisierung ihrer Kernprozesse, sondern sorgen auch für ein hohes Maß an digitaler Souveränität – also Unabhängigkeit –, weil wir Daten in europäischen Rechenzentren gemäß europäischen Complianceregeln hosten. Außerdem ist unsere Produktstrategie europäisch. Das bedeutet: Europäische Anforderungen werden bei uns nicht nachträglich „draufgesetzt“, sondern sind von Anfang an Teil der Produktentwicklung. Bei der Entwicklung unserer Plattformen haben wir wichtige Rahmenbedingungen wie den EU AI Act, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), Verschwiegenheitspflichten oder andere rechtliche Vorgaben im Blick.

Der vielleicht größte Vorteil für unsere Anwender liegt aber in unserer Innovationskraft. In der Septeo-Gruppe haben wir ein Team aus mehr als 1.000 Entwicklerinnen und Entwicklern – außerdem können wir bei der Entwicklung juristischer Software auf eine 30-jährige Expertise zurückgreifen. Das gibt uns eine ganz andere Schlagkraft. Wir können Innovationen schneller entwickeln, umfassender umsetzen und früher in die Praxis bringen. Das ist für die Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen, die mit unseren Lösungen arbeiten, ein großer Vorteil – gerade beim Thema KI eröffnet uns das Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren.

Deutscher AnwaltSpiegel: Septeo und stp.one verbinden nun starke Marktpositionen in der DACH-Region sowie in Nord-, Mittel- und Osteuropa mit der Präsenz von Septeo in Frankreich, auf der Iberischen Halbinsel und in den Beneluxstaaten. Wie lässt sich daraus eine europäische Legal-Tech-Strategie entwickeln, die Skalierung ermöglicht, aber die Besonderheiten lokaler Rechtsmärkte respektiert?

Fabian Padilla Crisol: Wichtig ist hier, dass wir zwei Dinge unterscheiden: Recht ist lokal, aber Technologie ist es nicht. Ein Insolvenzverfahren in Deutschland folgt ganz anderen Regeln als beispielsweise eines in Frankreich, und das wird so bleiben. Aber die Frage, wie man Dokumente sicher verarbeitet, KI-Modelle verlässlich betreibt oder Cloudplattformen vor Cyberangriffen schützt, stellt sich in Karlsruhe genauso wie in Montpellier. Genau an dieser Schnittstelle setzt unsere europäische Legal-Tech-Strategie an. Wir bauen eine gemeinsame technologische Basis sowie eine gemeinsame Sicherheits- und KI-Infrastruktur auf und entscheiden auch zusammen über Investitionen.

Was wir dagegen nicht zentralisieren, ist das Wissen über die jeweiligen Rechtsmärkte. Die fachlichen Aspekte – etwa das Insolvenz- oder Vergütungsrecht oder die Vorgaben für den elektronischen Rechtsverkehr – bleiben dort, wo sie hingehören: bei den lokalen Teams. Sie haben die jahrzehntelange Expertise, sie kennen die Märkte und ihre Besonderheiten und sie kennen die Pain-Points der Anwender. Das Zusammenspiel ist entscheidend: zentrale Technologie, lokales Know-how und die Investitionskraft einer europäischen Gruppe. Oder kurz gesagt: Wir zentralisieren, was sich sinnvoll skalieren lässt – und wir lassen lokale Verantwortung dort, wo Expertise vor Ort unverzichtbar ist. Skalierung und lokale Präzision sind deshalb kein Widerspruch – sie ergänzen sich.

Deutscher AnwaltSpiegel: Die Transaktion verspricht schnellere Innovationen, stärkere F&E-Kapazitäten, verbesserten Kundenservice sowie Lösungen für Datensicherheit und Compliance. Wo werden Kanzleien und Rechtsabteilungen diese Mehrwerte zuerst spüren – in integrierten Workflows, in KI-gestützten Anwendungen oder in verlässlicheren Daten- und Plattformarchitekturen?

Fabian Padilla Crisol: Ich drehe die Reihenfolge Ihrer Aufzählung bewusst um. Denn ich glaube, dass wir bei KI am schnellsten konkrete Veränderungen sehen werden. KI-Funktionen bauen allerdings auf einem Fundament auf, das mindestens genauso wichtig ist: Datenqualität und eine verlässliche Daten- und Plattformarchitektur. Eine KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Deshalb fließt ein erheblicher Teil unserer Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten zunächst in dieses Fundament.

Darauf setzen unsere KI-Anwendungen auf – und genau dort wird es für die Anwender konkret. Sie verbessern schon heute die Workflows in Kanzleien und Rechtsabteilungen und nehmen ihnen Aufgaben ab, die viel Zeit kosten, aber nicht zwingend juristische Expertise erfordern. Ich kann Ihnen gern ein Beispiel nennen, etwa aus unserem Insolvenzgeschäft. Mit unserem digitalen Forderungsmanagement geben wir Insolvenzverwaltern eine Lösung an die Hand, die gerade bei Massenverfahren einen erheblichen Unterschied macht. Das sorgt für mehr Automatisierung und Transparenz und schafft vor allem eines: mehr Zeit für die Aufgaben, bei denen juristisches Know-how wirklich gefragt ist.

Deutscher AnwaltSpiegel: Gerade Inhouse-Teams stehen unter wachsendem Druck, mehr Aufgaben mit begrenzten Ressourcen zu bewältigen und zugleich Governance, Nachvollziehbarkeit und regulatorische Sicherheit zu gewährleisten. Welche Rolle kann ein Anbieter wie Septeo/stp.one künftig dabei spielen, Legal-Departments nicht nur technisch, sondern auch strategisch in ihrer Transformation zu begleiten?

Fabian Padilla Crisol: Ähnlich wie andere Unternehmensbereiche stehen auch Rechtsabteilungen derzeit vor der Herausforderung, mit einer gleich bleibenden Anzahl von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mehr Volumen, mehr Regulierung und mehr Nachweispflichten zu bewältigen. Das klingt zunächst nach einem klassischen Effizienzproblem. Ich glaube aber, dass es um etwas Grundsätzlicheres geht: Die Antwort kann nicht sein, einfach schneller zu arbeiten. Wir müssen anders arbeiten.

Routinevorgänge und administrative Aufgaben müssen strukturiert ablaufen und im System nachvollziehbar sein, damit die juristische Kapazität dort eingesetzt werden kann, wo sie dringend benötigt wird. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe. Wir sorgen dafür, dass Governance, Dokumentation und regulatorische Sicherheit keine zusätzlichen To-dos werden, sondern möglichst selbstverständlich in den Arbeitsablauf integriert sind. Im Idealfall merkt der Anwender gar nicht mehr, wie viel im Hintergrund automatisiert und dokumentiert wird. Diese Unterstützung können wir nur deshalb leisten, weil in die Entwicklung unserer Plattformen die gesammelte Prozesserfahrung aus tausenden Rechtsabteilungen, Kanzleien und Verfahren in ganz Europa einfließt. Wir verbinden also Technologie mit etwas, das mindestens genauso wichtig ist: dem Verständnis dafür, wie juristische Arbeit tatsächlich funktioniert.

Deutscher AnwaltSpiegel: Der europäische Legal-Tech-Markt ist in Bewegung: Internationale Anbieter, KI-native Start-ups und etablierte Softwarehäuser konkurrieren um Vertrauen, Datenzugang und Prozessnähe. Was muss ein europäischer Anbieter heute besser verstehen als globale Plattformen – und woran werden Ihre Kunden in zwei bis drei Jahren erkennen, dass der Zusammenschluss von Septeo und stp.one tatsächlich Mehrwert geschaffen hat?

Fabian Padilla Crisol: Globale Plattformen verstehen perfekt, wie Skalierung funktioniert. Was sie strukturell jedoch unterschätzen, ist, dass der europäische Rechtsmarkt kein einheitlicher Markt ist, auf den man einfach dieselbe Software ausrollen kann. Der europäische Rechtsmarkt ist vielmehr ein Geflecht aus speziellen juristischen Rahmenbedingungen. Deshalb muss europäische Legal-Tech zwei Dinge gleichzeitig können: skalieren und lokal denken. Berufs- und Verfahrensrecht, elektronischer Rechtsverkehr oder regulatorische Anforderungen sind keine Details, die man später ergänzen kann. Sie sind Teil der Statik einer Plattform – und damit entscheidend für ihren Erfolg.

Und woran Sie uns messen können? Am Ende zählt für uns nicht, wie viele neue Funktionen wir ankündigen, sondern was beim Anwender ankommt. Ich würde mir wünschen, dass unsere Anwender in drei Jahren sagen, dass die Anzahl der Unterbrechungen in ihren Kernprozessen gesunken ist. Dass sie von unseren KI-Funktionen profitieren, weil ihnen die KI all die Aufgaben abnimmt, die Zeit und Kraft kosten, aber mit juristischer Arbeit wenig zu tun haben. Und vielleicht ist das der beste Beweis für unseren Erfolg: Wenn unsere Kunden sagen, dass sie mehr Zeit für das haben, wofür sie eigentlich da sind – für gute juristische Arbeit. Und ja – dass sich unsere Kunden freuen, persönliche Ansprechpartner vor Ort zu haben, die ihnen mit Sachverstand, Erfahrung und technischer Expertise zur Seite stehen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Padilla Crisol, vielen Dank für die Einblicke, die Sie unseren Lesern gewährt haben. Wir werden die weitere Entwicklung der Septeo-Gruppe im deutschen Rechtsmarkt, aber auch in den weiteren internationalen Rechtsmärkten redaktionell begleiten. 

Autor

Fabian Padilla Crisol Septeo Legal Solutions Deutschland GmbH, Karlsruhe Managing Director CNEE

Fabian Padilla Crisol

Septeo Legal Solutions Deutschland GmbH, Karlsruhe
Managing Director CNEE


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