Legal Project Management: der Praxistest

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Von Arne Gärtner, Dipl.-Kfm., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bucerius Center on the Legal Profession, Bucerius Law School, Hamburg

Legal Process Outsourcing (LPO) ist ein Trend, der – aus den USA kommend – seit einigen Jahren auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt. Insbesondere in Zeiten der „More-for-less“-Challenge tendieren Unternehmen zunehmend zu einem modularen Einkaufsverhalten, und auch für viele Kanzleien stellt sich immer häufiger die Frage, welche Leistungen eventuell durch LPO-Anbieter – und dadurch deutlich effizienter und günstiger als durch eigene Associates – erbracht werden können. LPO-Anbieter gelten bereits heute als neue Marktteilnehmer auf dem Rechtsmarkt. Aber mit dieser neuen Dienstleistung sind sowohl aus Unternehmens- als auch aus Kanzleisicht viele offene Fragen verbunden. Insbesondere wird immer wieder diskutiert, welche Leistungen eigentlich sinnvollerweise an LPO-Anbieter gegeben werden können. Auch werden durch LPO ganz neue Anforderungen an das Legal Project Management gestellt. Darüber hinaus ist auch nicht abschließend geklärt, wie in Zukunft die Rollenverteilung der einzelnen Akteure sein wird, wenn diverse Module durch LPO-Anbieter erbracht werden. Weiterhin ist unklar, ob eigentlich die Unternehmen selbst oder die Kanzleien den LPO-Anbieter beauftragen – denn beide Wege sind möglich.

Alle an Bord: LPO-Anbieter, Unternehmen, Sozietät
Diese und weitere Fragen wurden am 23.05.2013 im Rahmen eines vom Deutschen AnwaltSpiegel und dem LPO-Anbieter Cornuum unter dem Titel „Die moderne juristische Projektgestaltung – Legal Project Management auf dem Prüfstand der Praxis“ organisierten Roundtables in Frankfurt am Main diskutiert. Besonders interessant war, dass im Rahmen dieser Veranstaltung einmal alle Beteiligten (also eine Kanzlei, ein Unternehmen und ein LPO-Anbieter) zu Wort kamen. Abgerundet wurde dieser Dreiklang durch den Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession, Markus Hartung, der diesen Trend aus Sicht eines Marktbeobachters analysierte.

Den Anfang machte Hartmut Renz (Group Compliance Officer Capital Markets bei der Helaba) mit seinem Vortrag „Compliance-Projektmanagement“, der das Thema zunächst aus der Perspektive eines Compliance­-Officers beleuchtete. Renz begann, indem er zunächst einen gegenteiligen Trend, nämlich das Compliance Process Insourcing, ansprach und von diesem Ausgangspunkt dann weiter in das Arbeitsumfeld eines Compliance-Officers einstieg. Nach Renz muss der Compliance-Officer in einer Bank insbesondere über folgende Kompetenzen verfügen: Produkt-Know-how, Kenntnis des Vertriebs, Prozess-Know-how und Kenntnis des regulatorischen Umfelds einer Bank. Darüber hinaus thematisierte er die Zusammenarbeit zwischen der Rechts- und der Compliance-Abteilung in einer Bank und betrachtete die Thematiken Projektmanagement, Aufgabenverteilung und Modularisierung aus der unternehmensinternen Perspektive.

Die „More-for-less“-Challenge
Im Anschluss griff Markus Hartung zunächst die drei wesentlichen Trends auf, die nach Richard Susskind zurzeit den Rechtsmarkt beherrschen, und leitete daraus ab, weshalb das Thema Legal Process Outsourcing an Bedeutung gewinnt. Speziell die „More-for-less“-Challenge führt dazu, dass Unternehmen – ausgelöst durch interne Sparprogramme – von ihren Dienstleistern immer mehr Leistungen fordern, aber gleichzeitig weniger dafür zahlen wollen. Diese Forderung können sie auch durchsetzen, da sich die Wettbewerbssituation auf dem Rechtsmarkt in den letzten Jahren zuungunsten der Kanzleien geändert hat (Stichwort: „Hypercompetition“). Daher sind Kanzleien gezwungen, dieser Forderung nachzugehen, was dazu führt, dass sie sich zunehmend mit dem Thema LPO auseinandersetzen (müssen), um ihre Leistungen günstiger erbringen zu können. Gleichzeitig legte Hartung dar, dass die verschiedenen Kanzleien aber teilweise ganz unterschiedliche Strategien verfolgen, um sich gegenüber ihren Wettbewerbern durchzusetzen. Grob zusammengefasst, verfolgen einige Sozietäten das Ziel, einen möglichst hohen Marktanteil zu erobern – teilweise durch große Merger. Andere versuchen hingegen, möglichst profitabel zu sein. Zum Schluss seines Vortrags legte Hartung dar, dass laut einer aktuellen Umfrage inzwischen knapp 50% der Anwälte den Druck spürten, der durch LPO-Anbieter entsteht, und bildete dadurch den Übergang von den allgemeinen Entwicklungen auf dem Rechtsmarkt zum Thema LPO.

Die Perspektive des LPO-Anbieters
Behnam Sadough (geschäftsführender Gesellschafter, Cornuum GmbH) und Dr. Clas-Steffen Feuchtinger (Director Legal, Cornuum GmbH) legten den etwa 50 Teilnehmern des Roundtables anschließend die Perspektive eines LPO-Anbieters dar. Sadough versuchte in seinem Vortrag mit dem Titel „Legal Process Outsourcing und die Modularisierung des Rechtsmarkts“ zunächst, verschiedene Begriff näher zu definieren, die bisher in Deutschland oft schwammig verwendet werden. Im Laufe seines Referats zeigte er, wie sich Dienstleistungen auf dem Rechtsmarkt und Rechtsdienstleistungen unterscheiden. Er differenzierte im speziellen zwischen der klassischen Rechtsdienstleistung (die sich wiederum in die Bereiche Highendberatung, Legal Housekeeping und Legal Commodities untergliedern lässt), Dienstleistungen mit juristischem Know-how (etwa: Legal Informa­tion Management oder Legal Project Management) und Dienstleistungen, für die kein juristisches Know-how vorhanden sein muss (etwa: Personaldienstleistungen oder Softwareanbieter). Nachdem Behnam Sadough im Folgenden kurz auf die verschiedenen LPO-Konzepte (Onshore, Offshore und Nearshore) eingegangen war, stellte er einige Besonderheiten von LPO in Deutschland vor: Er ging auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen, den Qualitätsanspruch und das Sicherheitsbedürfnis der Kunden sowie den juristischen Arbeitsmarkt in Deutschland ein. Anschließend stellte er die einzelnen Leistungen von Cornuum als Highend-LPO-Anbieter in Deutschland vor (zum Beispiel Legal Information Management oder Legal Project Management) und ging auf die Bereiche ein, in denen diese Leistungen Anwendung finden (Audits, Due Diligence und Contract Management).

Um den Teilnehmern das Thema LPO auch praktisch näherzubringen, stellte Dr. Feuchtinger daran anschließend ein Praxisbeispiel aus dem Bereich Kartellrecht/Audit vor. Er schilderte sehr detailliert den Projektablauf und skizzierte alle Schritte von der Planung – die generell im sehr engen Kontakt mit dem Kunden erfolgt und eine genaue Zieldefinition beinhaltet – und der eigentlichen Durchführung eines LPO-Projekts. Den Zuhörern wurde dadurch sehr deutlich, dass LPO keine Einbahnstraße (im Sinne einer verlängerten Werkbank des Unternehmens oder der Kanzlei) ist und nur durch eine partnerschaftliche, enge und langfristige Zusammenarbeit zwischen beiden Akteuren gut funktionieren kann. Der Referent zeigte dabei auf, wie durch eine gezielte Analyse und systematische Vorgehensweise bei der Umsetzung juristischer Großprojekte Kosten- und Qualitätsvorteile im Sinne einer effektiven wie effizienten Fallbearbeitung generiert werden können.

Die Sozietätsperspektive
Dr. Michael Holzhäuser (Partner, DLA Piper) hielt zum Abschluss einen Vortrag mit dem Titel „Innovation in der kartellrechtlichen Beratung – Aspekte der Nutzung eines modularen Systems“ und rundete damit den Dreiklang aus Unternehmens-, LPO– und Kanzleiperspektive auf das Thema Legal Process Outsourcing ab. Eingangs griff Holzhäuser einige der Trends auf, die bereits Markus Hartung in seinem Vortrag erwähnt hatte. Insbesondere stellte er heraus, dass Anwälte laut einer Umfrage zwar in den Bereichen technische Kompetenz und Qualität gut, in den Bereichen Produktivität und „Value for Money“ allerdings nicht so gut abschneiden, wodurch sie der Herausforderung gegenüberstehen, sowohl kostengünstige als auch qualitativ hochwertige Leistungen zu erbringen. Eine Möglichkeit, diesem Ziel näherzukommen, ist für ihn professionelles Projektmanagement. Darüber hinaus spielen auch die Modularisierung der Leistungserbringung und die anschließende Überlegung, welche Module durch welchen Akteur am effizientesten erbracht werden können, eine wichtige Rolle.
Als Beispiel brachte Holzhäuser ein Bußgeldverfahren der Kartellbehörde an, das oftmals einem Wettlauf gegen die Zeit gleichkommt. In solchen Situationen setzt DLA gerne auch auf LPO-Anbieter, da diese sehr große Datenmengen in kürzester Zeit auswerten können. Danach erläuterte er, wie die Zusammenarbeit mit einem LPO-Anbieter seiner Meinung nach am besten funktionieren kann. Er stellte dabei deutlich heraus, dass insbesondere die Planungsphase sehr umfangreich ist und teilweise mit hohen Investitionen verbunden sein kann. Allerdings wurde auch deutlich, dass nur so das eigentliche Projekt reibungslos ablaufen kann. Abschließend hob er hervor, dass die Zusammenarbeit mit einem LPO-Anbieter umso besser funktionieren kann, je länger und enger das Arrangement angelegt ist.

Fazit
Den Anwesenden wurde an diesem Tag ein fundierter und praxisnaher Einblick in das Thema Legal Process Outsourcing geboten. Die Diskussionen rund um die Vorträge zeigten, dass dieses Thema sowohl bei Unternehmensjuristen als auch bei niedergelassenen Anwälten oben auf der Tagesordnung steht, was nicht zuletzt dadurch deutlich wurde, dass die besprochenen Fragen auch bei dem Empfang im Anschluss noch sehr lange weiter intensiv diskutiert wurden. Während der Diskussionsphase kam von Unternehmens- und Kanzleiseite sowie auch von dem LPO-Anbieter der Wunsch nach einem professionellen Management zur Integration und Organisation aller Module auf dem Rechtsmarkt auf. Daraus kann sich perspektivisch eine zusätzliche Qualifikation auf dem Rechtsmarkt entwickeln.

Kontakt: arne.gaertner@law-school.de