Keine Angst vor Querulanten

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Oder: Warum Sie gerade bei schwierigen Entscheidungen Kritiker benötigen
Von Torsten Schneider

Denken Sie auch manchmal, dass Sie bestimmte Entscheidungen besser anders getroffen hätten? Oder haben Sie im Nachhinein festgestellt, dass Dinge anders gelaufen sind, als Sie es erwartet haben? Eine Ursache könnte darin liegen, dass Ihr Umfeld Sie bei der Entscheidungsfindung nicht optimal unterstützt hat. Vielleicht haben Sie sich zu oft von Personen beraten lassen, die genauso denken wie Sie, und zu selten unbequeme Personen einbezogen.

Natürlich ist es angenehm, wenn wir Menschen um uns herum haben, die uns unterstützen und unsere Ansichten teilen. So ein Umfeld steigert unser Wohlbefinden und schafft Gelassenheit. Mit Gleichgesinnten ist es einfacher, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Deshalb arbeiten wir am liebsten mit solchen Menschen zusammen oder holen sie in unser Team. Grundsätzlich ist dies auch effizient. Leider kann genau diese von uns so geschätzte reibungslose Zusammenarbeit uns hindern, die Ideen und Lösungen zu verfolgen, die unsere Vorhaben wirklich weiterbringen.

Andererseits ist es unangenehm, wenn Menschen uns widersprechen oder schwer zu überzeugen sind. Doch ein gesundes Maß an Konflikten und unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb eines Teams helfen uns, die besten Lösungen zu finden. Wenn jeder in der Gruppe die gleiche Perspektive oder Herangehensweise hat wie wir oder sich aus Angst vor negativen Folgen nicht traut, eine andere Sichtweise zu artikulieren, werden wir immer wieder unsere eigene Lösung bevorzugen. Allein oder nur mit Gleichgesinnten erkennen wir weder die Grenzen des eigenen Denkens, noch schaffen wir es, sie aufzubrechen. Suboptimale Entscheidungen und Fehler sind mögliche Konsequenzen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie müssen eine Entscheidung von großer Tragweite treffen. Ihre beiden besten Freunde könnten möglicherweise bei der Entscheidung helfen. Die Zeit reicht jedoch nicht, um beide nach ihrer Meinung zu fragen. Der eine Freund, nennen wir ihn Peter, liegt mit Ihnen häufig auf einer Wellenlänge, geht ähnlich an Probleme heran und stimmt im Ergebnis oft mit Ihnen überein. Der andere, Paul, ist eher der kritische Typ, hinterfragt die Dinge anders und ist häufiger anderer Meinung als Sie. Wen rufen Sie an? Wie gesagt, es geht um eine Entscheidung mit wirklich weitreichenden Konsequenzen – und der eingeschlagene Weg kann nur mit enormem Aufwand korrigiert werden.

Ich wüsste sehr genau, wen ich anrufen würde, wenn ich wirklich alle Seiten der Lösung betrachten wollte. Leider würde es mit Paul wahrscheinlich kein einfaches Gespräch werden. Dennoch wäre ich froh, so unterschiedliche Freunde wie Peter und Paul zu haben. Beide werden sich mit meinem Problem jedoch nur dann ernsthaft auseinandersetzen, wenn sie daran glauben, dass ihre Argumente wirklich gehört werden.

Damit Sie bei wichtigen Entscheidungen von Ihrem Umfeld optimal unterstützt werden, sind hier fünf Tipps:

1. Integrieren Sie Menschen in Ihr Netzwerk, die Ihnen widersprechen
Sich aktiv auf Konflikte einzulassen ist für die meisten Menschen keine einfache Sache. Viele tendieren dazu, gegenteilige Argumente und Diskussionen zu vermeiden. Es gibt ja generell auch nicht die Notwendigkeit, sich mit Menschen zu umgeben, die Ihnen oder Ihrer Sache kritisch gegenüberstehen. Doch wenn Sie Ihre blinden Flecken ernsthaft erkennen wollen, sollten Sie überprüfen, wer in Ihrem Umfeld bereit ist, Ihnen zu widersprechen. Allerdings: Widersprechen allein genügt nicht. Diese Menschen sollten zudem eine andere Herangehensweise bei der Lösung von Problemen verfolgen.

Doch wie findet man solche Menschen? Ein vielversprechender Weg ist es, sich eine Liste von den fünf Personen zu machen, die es Ihnen in der Vergangenheit bei wichtigen Entscheidungen am schwierigsten gemacht haben. Schreiben Sie dann die Gründe auf, warum. Dann nutzen Sie diese Liste, um ein Bild von den Menschen zu bekommen, die Ihre Denkweise erschüttern können. Jetzt suchen Sie in Ihrem Umfeld solche Menschen und integrieren diese in Ihr Entscheidungsnetzwerk. Möglicherweise müssen Sie jetzt Ihr Netzwerk um ganz neue Menschen erweitern.

2. Fördern Sie andere Meinungen
Fordern Sie andere Meinungen aktiv ein, und behandeln Sie diese gleichberechtigt, also mit Offenheit und Respekt. Leidenschaftlich geführte harte Auseinandersetzungen brauchen weder Aggression noch Rücksichtslosigkeit. Nötig sind vielmehr Souveränität und innere Gelassenheit. Stellen Sie Grundregeln auf, die jedem zeigen, wie ein Diskurs ablaufen soll und wo die Grenzen sind. Gehen Sie wertschätzend mit anderen Meinungen um.

Wenn Menschen sich Sorgen um negative Auswirkungen von abweichenden Meinungen machen, werden sie sich zurückhalten. Oder, noch schlimmer, sie werden aufhören, über Alternativen nachzudenken. Dann werden sie in ihrer eigenen Welt gefangen bleiben. Denken Sie daran, es geht nicht darum, in der Debatte zu gewinnen, sondern die Antworten zu finden, die es Ihnen erlauben, das beste Ergebnis zu erreichen.

3. Werden Sie nicht persönlich
Ein leidenschaftlich geführter Diskurs kann hart werden, vor allem, wenn starke Persönlichkeiten beteiligt sind. Bei öffentlich geführten Diskussionen, etwa in Talkshows, werde ich oft das Gefühl nicht los, eine Schlacht zu beobachten, bei der es nur darum geht, den anderen oder seine Meinungen zu vernichten.

Achten Sie darauf, dass es im Diskurs einzig und allein um die Suche nach der besten Lösung geht. Selbstverständlich kann es im Eifer des Gefechts ungewollt zu verbalen Attacken oder unsachlichen Äußerungen kommen. Inakzeptabel ist es jedoch, wenn Menschen mit anderer Meinung kleingemacht, persönlich herabgewürdigt oder in die Ecke gedrängt werden. Geraten Sie in eine solche Situation, seien Sie der Erste, der den Teufelskreis durchbricht. Bringen Sie Ruhe und Sachlichkeit zurück, und lenken Sie die Aufmerksamkeit wieder auf das eigentliche Ziel. Ein Lächeln oder ein wenig Humor können Wunder bewirken.

Eine gute Strategie, um selbst auf den Weg der Sachlichkeit zurückzukehren, ist es, in der Diskussion die Perspektive zu wechseln. Versuchen Sie, Ihre Sichtweise so vorzutragen, als ob Sie in der Position der anderen Seite seien. Die Gefahr, dass die Argumente als unsachlich und persönlich verletzend wahrgenommen werden, ist dann deutlich geringer.

4. Teilen Sie Lob und Anerkennung
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Stellen Sie sicher, dass alle, die an der Lösung beteiligt waren, auch am Erfolg teilhaben – egal, welche Position zuvor vertreten wurde. Lassen Sie vor allem auch diejenigen, die anderer Meinung waren, wissen, dass deren Beiträge wichtig waren.

Wenn der Diskurs einmal sehr emotional verlaufen ist, dann ist spätestens jetzt der Zeitpunkt, um die Situation geradezurücken. Zeigen Sie Einsicht, und bitten Sie um Entschuldigung. Je glaubhafter Sie allen Beteiligten das Gefühl geben, dass andere Meinungen gewollt sind und als Beitrag zur Lösungsfindung akzeptiert werden, desto mehr werden sich diese Menschen auch in der Zukunft anstrengen, ihren Beitrag zu leisten.

5. Geben Sie dem Widerstand einen Sinn
Wenn wir auf Widerstand stoßen, hinterfragen wir oft das Verhalten der anderen Person: „Warum macht sie das?“ oder „Wie meint sie das?“. Meist beantworten wir uns die Frage dann selbst. Ergebnis: Wir kontern und setzen dem anderen auch Widerstand oder die Kraft der höheren Hierarchie entgegen. Weitaus sinnvoller wäre es, das zunächst unverständliche Verhalten als Hinweis auf alternative Lösungen zu deuten. Stellen Sie sich hierzu die Frage: Wozu ist es gut, dass jemand anderer Meinung ist als Sie oder die Mehrheit? Wozu ist es gut, dass andere Meinungen den Entscheidungsprozess in die Länge ziehen? Fragen Sie „Wozu?“ statt „Warum?“ Alles ist wie immer nur eine Frage des Blickwinkels.

Fazit: Kritikfähigkeit ist Stärke
Breiter Konsens und gleichförmiges Denken bringen nur oberflächlichen Gewinn. Selten zeugen sie von Agilität und Führungsstärke. Das wirkt sich auf die Ergebnisse aus. Wenn keiner stört, nörgelt und hinterfragt, geht alles seinen altgewohnten Weg, bis dieser in der Gleichförmigkeit endet.

Starke Persönlichkeiten umgeben sich auch mit unbequemen Menschen, weil diese den Finger schmerzvoll in die Wunde legen. Erst dadurch wird oftmals klar, was nicht stimmig ist und wo weitere Informationen lohnen. Widerspruch oder kritische Fragen sind zwar unbequem, können jedoch enormes schöpferisches Potential wecken.

Die Perspektive zu wechseln, andere Sichtweisen in das eigene Handeln zu integrieren und Emotionen auszugleichen ist eine Kernkompetenz starker Führungskräfte.

torsten.schneider@luther-lawfirm.com