Ein Gespräch mit Lea van Eckert, Syndikusrechtsanwältin Arbeitsrecht bei dm-drogerie markt Deutschland, und Viktor von Essen, CEO von Libra by Wolters Kluwer.
Künstliche Intelligenz hat die Inhouse-Rechtsabteilungen erreicht – nicht mehr als Zukunftsversprechen, sondern als konkretes Arbeitswerkzeug. Für Complianceverantwortliche stellt das eine doppelte Herausforderung dar: Sie sind nicht nur Anwender von Legal-AI, sondern auch für deren regelkonformen Einsatz verantwortlich. Wie sich diese Anforderungen in der Praxis zusammenführen lassen, zeigt das Beispiel von dm-drogerie markt Deutschland. Lea van Eckert, Syndikusrechtsanwältin Arbeitsrecht bei dm, und Viktor von Essen, CEO von Libra by Wolters Kluwer, sprechen im Interview über den Einstieg in die KI-gestützte Rechtsarbeit, die Rolle von Compliance und Governance – und darüber, warum die juristische Verantwortung beim Menschen bleibt.
ComplianceBusiness: Frau van Eckert, Legal-AI ist aktuell in aller Munde: Was war für den Rechtsbereich von dm die konkrete Ausgangssituation, sich mit Legal-AI zu befassen? Gab es bestimmte Aufgaben oder ein bestimmtes Arbeitsvolumen, das den Anstoß gegeben hat?
Lea van Eckert: Der konkrete Auslöser war bei uns der Arbeitsalltag: In unserem Inhouse-Rechtbereich entstehen täglich sehr unterschiedliche Aufgaben – interne rechtliche Anfragen, Recherchen, Formulierungsarbeit, Entwürfe und umfangreiche Unterlagen, die geprüft und eingeordnet werden müssen. Wir wollten testen, ob Legal-AI uns genau bei diesen wiederkehrenden und dokumentenintensiven Aufgaben sinnvoll unterstützen kann.
Wir haben verschiedene Lösungen ausprobiert. Für Libra hat am Ende gesprochen, dass sich umfangreiche Dokumentensammlungen und unterschiedliche Assistenten gut in die tägliche Arbeit integrieren lassen und dass BRAO-Konformität sowie hohe Datenschutzstandards erfüllt sind.
ComplianceBusiness: Herr von Essen, Legal-AI wird häufig mit pauschalen Effizienzversprechen beworben. Welche Aufgabentypen für Inhouse-Teams sind nach Ihrer Einschätzung tatsächlich für den KI-Einsatz geeignet – und wo empfehlen Sie, bewusst zurückhaltend zu bleiben?
Viktor von Essen: Der sinnvollste Einsatz von Legal-AI in Inhouse-Teams ist dort, wo juristische Arbeit heute am meisten Zeit verliert: beim Sichten, Strukturieren und Vergleichen großer Dokumentenmengen. Genau dafür ist KI gemacht – für Recherche, Analyse umfangreicher Dokumentensätze, Vergleich von Versionen und für erste Entwürfe bei wiederkehrenden Dokumenttypen.
Gleichzeitig muss einem klar sein, wo KI an Grenzen kommt. Generative Systeme können sprachlich überzeugend wirken, auch wenn Kontext fehlt oder Nuancen falsch gesetzt sind. Deshalb gilt im Rechts- und Complianceumfeld ohne Kompromiss: „Human-in-the-loop“. Die KI liefert Vorschläge, Struktur und Tempo, aber die juristische Bewertung, die Risikoeinordnung und die finale Freigabe bleiben beim Menschen und sind im Prozess verankert. Und genau deshalb denken wir KI nicht als „Add-on-Tool“, sondern als Infrastruktur moderner Rechtsarbeit: eine integrierte Arbeitsumgebung, in der Recherche, Analyse, Entwurf und Prüfung ohne Reibungsverluste durch Toolwechsel, Copy-Paste und Versionschaos sicher und nachvollziehbar zusammenlaufen. Das ist der Unterschied zwischen einem Effizienzversprechen und einem professionellen, verantwortungsbewussten Einsatz im Alltag.
ComplianceBusiness: Bei dm setzt der Rechtsbereich Legal-AI unter anderem für erste Entwürfe von Klageerwiderungen und Betriebsvereinbarungen sowie für den Vergleich von Tarifverträgen ein. Wie sieht der konkrete Workflow aus – von der Aufgabenstellung bis zur finalen juristischen Prüfung? Und wo liegen die Grenzen dessen, was KI-Systeme bei komplexen deutschsprachigen Rechtstexten verlässlich leisten können?
Lea van Eckert: Der Workflow beginnt mit einer klaren Aufgabenstellung: Wir legen fest, welche Dokumente und Quellen Libra heranziehen soll, und formulieren den Prompt entsprechend präzise. Libra erstellt dann einen ersten Arbeitsstand, zum Beispiel einen Entwurf für eine Klageerwiderung, einen Vorschlag für eine Betriebsvereinbarung oder eine strukturierte Gegenüberstellung von Tarifverträgen. Gerade bei wiederkehrenden Aufgaben helfen mit unseren Unternehmensrichtlinien trainierte Assistenten, Standards und typische Anforderungen konsistent abzubilden. Die finale juristische Prüfung und Freigabe bleiben immer bei uns.
Viktor von Essen: „Purpose-built“ Legal-AI kann bei komplexen deutschsprachigen Rechtstexten heute bereits einen großen Teil der Vorarbeit übernehmen: Dokumente erschließen, Inhalte strukturieren, Unterschiede herausarbeiten und belastbare erste Entwürfe erstellen.
Dadurch verschiebt sich die Arbeit im Legal-Team auf das, was nicht delegierbar ist: juristische Einordnung im konkreten Kontext, präzise Finalisierung an den entscheidenden Stellen sowie die abschließende Prüfung und Freigabe. Das ist der produktive Modus: KI bereitet vor und beschleunigt – das Legal-Team entscheidet, finalisiert und verantwortet.
ComplianceBusiness: Bei dm wurde Legal-AI als bereichsübergreifendes Projekt unter Einbindung von dmTECH eingeführt. Was hat diese Projektarchitektur erforderlich gemacht – welche Anforderungen stellten IT-Sicherheit und Datenschutz, und wie haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Einführung reagiert?
Lea van Eckert: Die Projektarchitektur war notwendig, weil der Einsatz von Legal-AI im Rechtsbereich nicht nur ein Tool-Rollout ist, sondern ein Transformationsprojekt: Es betrifft den Umgang mit hochsensiblen Informationen und damit sofort IT-Sicherheit, Compliance, Datenschutz, Governance und Prozessdesign. Das lässt sich nicht „einfach so nebenbei“ und losgelöst von anderen Unternehmensbereichen einführen. Wir haben die Einführung deshalb als bereichsübergreifendes Projekt aufgesetzt und unter Einbindung von dmTECH umgesetzt.
Auf der Anforderungsseite waren BRAO-Konformität und hohe Datenschutzstandards zentral. Aktuell arbeiten rund 35 Juristinnen und Juristen mit Libra. Die Akzeptanz entsteht vor allem über praktische Anwendungsfälle. Wenn Kolleginnen und Kollegen sehen, dass die Lösung bei Recherchen, Formulierungen, Dokumentenprüfung oder wiederkehrenden Entwürfen einen spürbaren Mehrwert hat, wird der Nutzen unmittelbar greifbar.
Viktor von Essen: dm zeigt, wie Legal-AI in einer großen Organisation wirklich produktiv gemacht wird: als orchestriertes Transformationsprojekt. Entscheidend war, dass Datenflüsse, Zuständigkeiten, Prüfprozesse und Governance von Anfang an mitgedacht wurden und dass Legal-AI damit in den realen juristischen Workflow integriert wird, statt als zusätzlicher Kanal neben den bestehenden Systemen zu laufen.
ComplianceBusiness: Wie sichern Sie die Qualität KI-generierter Entwürfe in der Praxis ab – und wer trägt die Verantwortung, wenn ein solcher Entwurf fehlerhaft ist: der ausführende Mitarbeiter, das Unternehmen als Betreiber oder der Anbieter? Welche Rolle spielt dabei der EU AI Act, der für KI-Systeme in sensiblen Anwendungsbereichen konkrete Betreiberpflichten definiert?
Lea van Eckert: Wir behandeln KI-generierte Inhalte grundsätzlich als Arbeitsstand – nicht als fertiges Ergebnis. Das heißt: Entwürfe und Analysen werden bei uns immer juristisch geprüft, eingeordnet und bei Bedarf überarbeitet. Das gilt gerade für sensible Dokumente wie Klageerwiderungen, Betriebsvereinbarungen oder Tarifvertragsvergleiche.
In der Praxis sichern wir Qualität über eine klare Vorgehensweise: Wir starten mit einem präzisen Arbeitsauftrag, legen fest, welche Unterlagen und Quellen herangezogen werden sollen, und prüfen das Ergebnis anschließend inhaltlich, sprachlich und im Abgleich mit unseren internen Standards. Ohne diese Prüfstrecke wird KI bei uns nicht eingesetzt. Was die Frage nach der Verantwortung angeht: Die finale rechtliche Bewertung und Freigabe bleiben bei den Juristinnen und Juristen beziehungsweise in der Organisation.
Zum EU AI Act: Wir verstehen ihn als Bestätigung dieses Ansatzes. Wer KI in sensiblen Bereichen nutzt, braucht nachvollziehbare Abläufe, Verantwortlichkeiten und menschliche Kontrolle. Genau darauf ist unsere Nutzung ausgerichtet.
Viktor von Essen: Aus Anbietersicht ist entscheidend, dass Legal-AI in einer professionellen, kontrollierbaren Arbeitsumgebung genutzt wird: Libra by Wolters Kluwer unterstützt bei Analyse, Strukturierung und Entwürfen, die juristische Bewertung und Freigabe bleibt beim Legal-Team. Der EU AI Act unterstreicht genau diese Logik: KI muss so eingesetzt werden, dass Zuständigkeiten, Prüfprozesse und Governance klar geregelt sind, und die Plattform muss diese kontrollierte Nutzung im Workflow technisch unterstützen.
ComplianceBusiness: Lässt sich der Effekt des KI-Einsatzes inzwischen an konkreten Kennzahlen ablesen – etwa Bearbeitungszeiten, Vorgangsvolumina oder dem Verhältnis interner zu externen Kosten? Und was empfehlen Sie den Inhouse-Teams von Unternehmen, die den Einstieg planen: Womit am besten anfangen – und worüber sollte man sich keine Illusionen machen?
Lea van Eckert: Wir sehen den Effekt im Alltag deutlich, würden ihn zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht primär über einzelne Kennzahlen erzählen. Der Nutzen zeigt sich vor allem bei Aufgaben, die sonst viel Zeit binden und repetitiv sind.
Für uns sind Zeitersparnis, hohe Genauigkeit bei der Dokumentenprüfung und bessere erste Arbeitsstände die wichtigsten Effekte. Gerade bei umfangreichen Unterlagen hilft es, schneller Struktur in den Sachverhalt zu bringen und auf dieser Grundlage juristisch weiterzuarbeiten.
Für den Einstieg empfehle ich, nicht mit einem abstrakten KI-Projekt zu starten, sondern mit konkreten, wiederkehrenden Use-Cases, an denen das Team schnell lernt, wie man mit Legal-AI produktiv arbeitet. Gleichzeitig sollte man sich bewusst machen: Das ist ein Transformationsprojekt, nicht nur ein Tool-Rollout. Es braucht Bereitschaft im Legal-Team und je nach Setup auch die enge Einbindung von IT, Compliance, Datenschutz und Governance, damit der Einsatz im Alltag wirklich tragfähig wird.
Viktor von Essen: Es ist eine große Illusion zu glauben, dass sich der juristische Alltag allein durch die Implementierung einer KI-Plattform „von selbst“ optimiert. In der Praxis entfaltet Legal-AI ihren Nutzen dort, wo sie Informationsarbeit und Abläufe effizienter macht und eine klare Prüfstrecke verankert ist. Unsere Rolle als Libra by Wolters Kluwer besteht darin, diese produktive Nutzung gemeinsam mit dem jeweiligen Rechtsteam zu realisieren: im kontinuierlichen Austausch, mit festen Ansprechpartnern aus unserem Legal-Engineering-Team und pragmatisch entlang der Fragen, die im juristischen Arbeitsalltag tatsächlich entstehen. Unsere Zusammenarbeit mit Lea van Eckert und dem Team bei dm ist für uns ein gutes Beispiel dafür, wie Legal-AI als gemeinsames Projekt sauber eingeführt wird und dann im Alltag echten Nutzen stiftet.
ComplianceBusiness: Frau van Eckert, Herr von Essen – besten Dank für Ihre aufschlussreichen Ausführungen!



