Generative KI, neue Geschäftsmodelle, veränderte Anforderungen an Kanzleien und Rechtsabteilungen und nicht zuletzt regulatorische Fragen: Legal Tech ist längst kein Nischenthema mehr, sondern betrifft den gesamten Rechtsmarkt. Der Legal Tech Day bringt hierzu am 17. September 2026 in Berlin Vertreterinnen und Vertreter aus Kanzleien, Rechtsabteilungen, Technologieunternehmen, Justiz und Politik zusammen.
Der Deutsche AnwaltSpiegel begleitet den Legal Tech Day als Medienpartner. Im Vorfeld haben wir mit Alisha Andert, geschäftsführende Vorständin des Legal Tech Verbands Deutschland, und Stefan C. Schicker, Vorstandsvorsitzender des Verbands und CEO von Inspiring Pioneers, über den Reifegrad des deutschen Legal-Tech-Markts, den produktiven Einsatz künstlicher Intelligenz und die Zukunft des Rechtsmarkts gesprochen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Frau Andert, Herr Schicker, der Legal Tech Day hat sich in den vergangenen Jahren von einem Treffen der Legal-Tech-Szene zu einer Veranstaltung entwickelt, auf der Kanzleien, Rechtsabteilungen, Technologieanbieter, Justiz und Politik miteinander diskutieren. Wo steht der deutsche Legal-Tech-Markt 2026 – und welche Entwicklung der vergangenen Jahre halten Sie für besonders prägend?
Stefan C. Schicker: Der Markt hat die Phase der Selbstvergewisserung hinter sich. 2020 mussten wir noch begründen, warum Technologie im Rechtsmarkt überhaupt eine Rolle spielt. Heute ist das keine Diskussion mehr, sondern eine Strategiefrage in jeder Kanzlei und in jeder Rechtsabteilung. Die Frage muss lauten: Wie?, nicht: Ob?
Prägend war weniger ein einzelnes Produkt als vielmehr der Wegfall der Einstiegshürde: Generative KI ist ohne IT-Projekt und ohne Change-Programm auf den Schreibtischen gelandet. Das hat Tempo und Erwartungshaltung verändert. Gleichzeitig ist der Markt härter geworden – Konsolidierung, radikale Geschäftsmodellwechsel, auch das Scheitern gut finanzierter Anbieter. Das gehört zur Reife dazu, und wir bilden es beim Legal Tech Day bewusst ab.
Alisha Andert: Am meisten überzeugt mich die Breite. Wenn wir für den Legal Tech Monitor in den Markt hineinfragen, antworten Großkanzleien und Einzelkanzleien, Rechtsabteilungen aus Mittelstand und Konzernen – und die Justiz. Die Themen reichen von Dokumentenautomation über Agentenanwendungen bis hin zu Governance und Haftung. Das ist der eigentliche Unterschied zu früher: Legal Tech ist kein Nischenthema für eine Community von Überzeugten mehr, sondern eine Frage, die den gesamten Rechtsmarkt betrifft.
Deutscher AnwaltSpiegel: Viele Kanzleien und Rechtsabteilungen beschäftigen sich inzwischen nicht mehr mit der Frage, ob sie KI und Legal Tech einsetzen, sondern wie. Gleichzeitig zeigt das diesjährige Programm des Legal Tech Day mit Themen wie „Build, Buy or Wait?“ oder konkreten AI-Use-Cases, wie unterschiedlich die Strategien noch sind. Welche Entscheidungen müssen General Counsels und Kanzleimanagement derzeit besonders sorgfältig treffen?
Alisha Andert: Die Build-or-Buy-Frage hat sich grundlegend verschoben. Bauen hieß früher: Entwicklerteam, Roadmap, Mehrjahresbudget. Heute bauen Juristinnen und Juristen mit generativen Tools in Stunden selbst funktionierende Anwendungen. Das ist eine echte Machtverschiebung – und macht die Entscheidung anspruchsvoller, nicht einfacher.
Ich würde sie deshalb als Fragen formulieren, die jede Organisation für sich beantworten muss: Was ist bei uns wirklich eigen – und was ist Standard, den andere besser können? Was passiert mit dem selbstgebauten Prototyp am Montag danach: Wer betreibt ihn, wer verantwortet sein Ergebnis? Und wie gut kennen wir unsere Prozesse, bevor wir sie automatisieren?
Eine Antwort habe ich allerdings: Wer seine Daten im Griff hat und sie zwischen Systemen bewegen kann, hat den eigentlichen Wettbewerbsvorteil. Modelle und Anbieter wechseln schnell. Die Daten bleiben.
Stefan C. Schicker: Das Datenthema betrifft vor allem auch Kanzleien. Für sie kommt aber noch eine Entscheidung hinzu, die niemand gern trifft: die ökonomische. Effizienzgewinn und Stundenhonorar stehen im Widerspruch. Wer Automatisierung ernsthaft betreibt, ohne das Preismodell mitzudenken, optimiert die eigene Marge weg.
Dazu kommt Governance – die Verantwortung für KI-gestützte Arbeitsergebnisse, Mandantendaten und berufsrechtliche Grenzen. Das ist Leitungsaufgabe, keine IT-Frage. Und schließlich die Ausbildung: Wenn Technologie die klassische Einstiegsarbeit übernimmt, müssen wir neu beantworten, woran junge Kolleginnen und Kollegen das Handwerk lernen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Gerade bei künstlicher Intelligenz ist die Diskrepanz zwischen öffentlicher Aufmerksamkeit und tatsächlicher Implementierung mitunter groß. Die Legal Tech Night widmet sich deshalb ausdrücklich der Frage, was Kanzleien bei der Einführung von KI gelernt haben, während beim Legal Tech Day praktische Use-Cases gezeigt werden. Was trennt 2026 diejenigen Organisationen, die KI bereits produktiv einsetzen, von denen, die noch überwiegend testen und pilotieren?
Alisha Andert: Fast nie die Technologie. Die Unterschiede liegen in der Organisation.
Wer produktiv arbeitet, hat eine Person mit Namen, Mandat und Budget. Wer pilotiert, hat eine Arbeitsgruppe. Produktive Häuser definieren vorab, woran sie erkennen, dass ein Pilot skaliert wird – und woran sie erkennen, dass er beendet werden muss. Ohne die zweite Hälfte sammeln sich Projekte an, die niemand abschließt, weil niemand sie abschließen muss. Und sie haben den Ausgangszustand gemessen: Ohne Beleg gibt es kein Budget für den Rollout.
Und dieser Punkt ist der wichtigste: Adoption scheitert an Menschen, nicht an Modellen. Wer keine Zeit für Training im Arbeitsalltag einplant, kauft Lizenzen mit einstelliger Nutzungsquote.
Genau deshalb setzen wir am 16. September vor der Legal Tech Night auf zwei parallele Roundtables statt auf eine Bühne – einen zu Legal AI in der Kanzleipraxis sowie ein AI Legal Lab, in dem die Teilnehmenden selbst einen KI-Agenten bauen. In kleinen Runden wird über das gesprochen, was in Panels selten vorkommt: Umwege, Fehleinschätzungen, eingestellte Projekte. Dieser Austausch ist derzeit wertvoller als jede weitere Produktdemo.
Deutscher AnwaltSpiegel: Der Legal Tech Verband wurde 2020 gegründet, um der Digitalisierung des Rechtsmarkts eine berufsübergreifende und politische Stimme zu geben. Sechs Jahre später sind viele Technologien deutlich weiter, zugleich bleiben strukturelle und regulatorische Hürden bestehen. Was kann der Rechtsmarkt heute selbst lösen – und an welchen Stellen sind Politik, Justiz oder Regulierung gefordert?
Alisha Andert: Vieles kann der Markt selbst und sollte es nicht der Politik zuschieben: Kompetenzaufbau ist eine Investitionsentscheidung, keine Regulierungsfrage. Datenqualität, saubere Prozesse und funktionierende Schnittstellen ebenso. Und Transparenz darüber, was tatsächlich funktioniert und was Marketing ist – dafür machen wir den Legal Tech Monitor bewusst unabhängig.
Gefordert ist die Politik dort, wo der Rahmen selbst unklar ist. Das Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) braucht eine echte Überarbeitung: Wer Rechtsdienstleistungen erbringen darf, in welcher Form, auf welchem Weg und in welcher Zusammenarbeit, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Seit über einem Jahrzehnt wird das in Einzelfallentscheidungen beantwortet – keine tragfähige Grundlage für Investitionen.
Ferner braucht es Klarheit bei der Finanzierung des Rechtsmarkts; der Zugang zu Kapital ist eine strukturelle Frage. Und schließlich ist die Justiz gefordert: durchgängig digitale Verfahren, strukturierter Parteivortrag, offene Schnittstellen. 16 Insellösungen sind kein Fortschritt.
Stefan C. Schicker: Hinzu kommt das anwaltliche Berufsrecht. Es muss modernisiert werden, damit Kanzleien KI rechtssicher einsetzen können. Bei Verschwiegenheit, Auslagerung und Verantwortung für technikgestützte Arbeitsergebnisse bewegen wir uns in einem Rahmen, der für die analoge Kanzlei geschrieben wurde. Unsicherheit schützt niemanden – sie bremst nur diejenigen, die es richtig machen wollen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Wagen wir zum Abschluss den Blick in die Glaskugel: Wenn wir uns beim Legal Tech Day 2030 wiedersehen – was sollte sich bis dahin im deutschen Rechtsmarkt grundlegend verändert haben? Und woran würden Sie erkennen, dass Legal Tech nicht nur juristische Arbeit effizienter gemacht, sondern tatsächlich zu einem besseren Rechtssystem beigetragen hat?
Stefan C. Schicker: Ich würde es daran erkennen, dass der Legal Tech Day ein ganz normaler Branchentreff der Rechtsbranche geworden ist. Nicht, weil das Thema verschwunden wäre, sondern weil es selbstverständlicher Teil der Alltagsarbeit ist – und weil sich dann alle im Raum als „Legal & Techies“ verstehen: die Mitarbeitenden von Kanzleien ebenso wie Richter und General Counsels.
Alisha Andert: Effizienz allein sagt nichts. Sie ist erst dann ein Fortschritt für das Rechtssystem, wenn sie nicht beim Anbieter bleibt, sondern beim Rechtsuchenden ankommt. Woran ich das 2030 erkennen würde: Fälle, die heute an den Kosten scheitern, werden bearbeitbar. Verfahren dauern kürzer, weil die Justiz digital durchgängig arbeitet. Und in den juristischen Berufen bleibt mehr Zeit für Substanz.
Der Maßstab ist am Ende einfach: mehr durchgesetztes Recht, nicht mehr abgerechnete Stunden.
Deutscher AnwaltSpiegel: Frau Andert, Herr Schicker, wir danken Ihnen für das Gespräch und freuen uns auf den Legal Tech Day 2026 in Berlin.



