Exportfinanzierungen waren schon immer von politischen und wirtschaftlichen Risiken geprägt. Die aktuelle geopolitische Lage markiert jedoch einen strukturellen Wendepunkt. Politische Unsicherheiten wie etwa die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine wirken nicht mehr nur punktuell oder regionalspezifisch, sondern entwickeln sich zu einem dauerhaften, systemischen Risikofaktor internationaler Finanzierungsentscheidungen. Sanktionen, Exportkontrollen, Zölle, Investitionsprüfungen und industriepolitische Fördermaßnahmen werden verstärkt als geopolitische Instrumente eingesetzt, häufig mit extraterritorialer Wirkung und hoher Unvorhersehbarkeit.
Die deutsche Finanzaufsicht beschreibt geopolitische Umbrüche inzwischen ausdrücklich als einen der zentralen Risikotreiber für den Finanzsektor und betont, dass historische Erfahrungswerte für die Risikomodellierung zunehmend an Aussagekraft verlieren (vgl. BaFin, Risiken im Fokus 2025). Diese Entwicklung trifft Exportfinanzierungen in besonderer Weise, da sie ihrem Wesen nach häufig langfristig angelegt und strukturell komplex aufgebaut sind und damit eine entsprechend hohe Anfälligkeit für politische Brüche aufweisen.
Internationale Trends: Fragmentierung statt Globalisierung
Auf internationaler Ebene lässt sich eine zunehmende geoökonomische Fragmentierung beobachten. Globale Wertschöpfungs- und Finanzierungsstrukturen werden hinterfragt, verkürzt oder regional neu ausgerichtet. Die Deutsche Bundesbank zeigt in aktuellen Analysen, dass sich deutsche Kapitalanlagen und Handelsbeziehungen stärker auf politisch „westlich“ orientierte Staaten konzentrieren, während Engagements in geopolitisch sensiblen Regionen zurückgehen (vgl. Bundesbank, April 2026).
Für kommerzielle Exportfinanzierungen bedeutet dies strukturelle Herausforderungen: Multilaterale, großvolumige Finanzierungen mit hoher geografischer Diversifikation können häufig nur mit Unterstützung von multilateralen Entwicklungsbanken, sogenannten Development Finance Institutions (DFIs), umgesetzt werden. Daneben gewinnen kleinere, modulare Strukturen, Mehrländer-Setups und abgegrenzte Projektfinanzierungen an Bedeutung. Kommerzielle Banken und Investoren reagieren mit einer stärkeren Segmentierung von Risiken, kürzeren Laufzeiten und erhöhtem Fokus auf politische Absicherungselemente.
Parallel dazu nehmen regulatorische Eingriffe und handelspolitische Maßnahmen zu. Studien der Bundesbank belegen, dass steigende geopolitische Risiken in Handelspartnerländern unmittelbare Auswirkungen auf Importvolumen, Preise und Lieferkettenstabilität haben (vgl. Bundesbank Research Brief, März 2025). Diese Effekte schlagen mittelbar auf die Finanzierbarkeit von Exportprojekten durch.
Der deutsche Blickwinkel: Exportnation unter Unsicherheitsdruck
Deutschland ist als exportorientierte Volkswirtschaft in besonderer Weise von geopolitischen Entwicklungen betroffen. Nach Angaben von Deloitte lag der Exportanteil Deutschlands zuletzt bei rund 42% des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig ist seit einigen Jahren teilweise eine strukturelle Verschiebung der Absatzmärkte hin zu politisch stabileren, insbesondere europäischen Regionen zu beobachten, während Aktivitäten in geopolitisch belasteten Regionen (auch aufgrund von Sanktionen) zurückgehen (vgl. Deloitte Economic Briefing, Deloitte Global Economics Research Center, März 2026).
Diese Entwicklung wird durch den seit Ende Februar 2026 eskalierten Konflikt im Nahen Osten weiter verstärkt. Der Konflikt wirkt sich insbesondere über die Energiemärkte auf die deutsche Wirtschaft aus. Das ifo Institut weist darauf hin, dass deutlich gestiegene Preise für Öl und Erdgas sowie die hohe Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Konflikts die konjunkturelle Erholung in Deutschland dämpfen. Dies betrifft auch exportorientierte Industrieunternehmen, deren Geschäftsmodelle auf stabile außenwirtschaftliche Rahmenbedingungen angewiesen sind (vgl. ifo Institut, ifo Konjunkturprognose Frühjahr 2026).
Diese Unsicherheiten spiegeln sich zunehmend im Verhalten international tätiger Unternehmen wider. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) berichtet, dass 58% der international aktiven deutschen Unternehmen im Jahr 2025 eine Zunahme von Handelshemmnissen festgestellt haben. Besonders genannt werden Sanktionen, Exportkontrollen, Zölle sowie lokale Zertifizierungs- und Zulassungsvorgaben. Seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten haben sich diese Belastungen durch steigende Energie- und Transportkosten sowie erhöhte politische Risiken weiter verschärft (vgl. DIHK, Middle East: Impact on the German Economy).
Für Finanzierer führt diese Gemengelage zu einer Anpassung der Risikobewertung. Exportfinanzierungen werden vermehrt im Kontext geopolitischer Abhängigkeiten, regulatorischer Risiken und möglicher Liefer- und Absatzstörungen beurteilt. In der Praxis führt dies dazu, dass Exportfinanzierungen selektiver strukturiert, Due-Diligence-Prüfungen ausgeweitet und Entscheidungsprozesse verlängert werden. Der Konflikt im Nahen Osten wirkt dabei nicht isoliert, sondern verstärkt einen bereits zuvor erkennbaren Trend hin zu einer stärker risikosensitiven und geopolitisch informierten Kreditvergabe.
Staatliche Absicherung als Stabilitätsanker
Vor diesem Hintergrund gewinnen staatliche Exportkreditgarantien erneut an strategischer Bedeutung. Der Jahresbericht 2024 zu den Exportkreditgarantien des Bundes macht deutlich, dass geopolitische Risiken und politische Schäden spürbar zugenommen haben. Gleichzeitig bleibt das Instrument ein zentrales Stabilisierungs- und Ermöglichungsinstrument für Exporte in risikobehaftete Märkte (vgl. BMWK, Exportkreditgarantien 2024).
Hermesdeckungen dienen dabei nicht nur der Risikoabsicherung, sondern zunehmend auch industrie- und außenwirtschaftspolitischen Zielsetzungen. Förderentscheidungen berücksichtigen verstärkt Transformations-, Nachhaltigkeits- und Resilienzaspekte. Exportfinanzierung wird damit zunehmend Teil staatlicher Risiko- und Standortpolitik (vgl. Habeck, BMWE, „Wir stärken die deutsche Exportwirtschaft“). In 2025 hat die Bundesregierung ein umfangreiches Maßnahmenpaket für die Hermesdeckungen beschlossen und umgesetzt; dieses erweitert die Möglichkeiten zur Übernahme von Exportkreditgarantien. Die sechs Maßnahmen zielen darauf ab, die industrielle Wertschöpfung in Deutschland zu halten, qualifizierte Industriearbeitsplätze zu sichern, die Finanzierung deutscher Exporte zu erleichtern und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft zu stärken (vgl. Das neue Maßnahmenpaket).
Wandel im Mandantenverhalten
Parallel verändert sich das Verhalten exportorientierter Unternehmen deutlich. Mandanten suchen rechtliche Beratung nicht mehr erst in der Umsetzungsphase, sondern zunehmend bereits in frühen strategischen Planungsstadien. Erwartet wird keine isolierte Rechtsprüfung, sondern eine integrierte Betrachtung von Finanzierung, Regulierung, Sanktionen und vor allem auch geopolitischen Szenarien.
In der Vertragsgestaltung spiegeln sich diese Erwartungen wider. Regulatory-Change-, Hardship- und Sanktionsklauseln gewinnen an Umfang und Bedeutung. Finanzierungsverträge werden stärker konditional ausgestaltet, Kündigungs- und Anpassungsmechanismen präziser definiert. Ziel ist es, politische Volatilität strukturell abzufedern, ohne Projekte vollständig zu blockieren.
Fazit
Die geopolitische Lage wird auf absehbare Zeit volatil bleiben. Für Exportfinanzierungen bedeutet dies nicht das Ende internationaler Projekte, wohl aber eine dauerhafte Verschiebung der Maßstäbe, nach denen sie strukturiert, bewertet und abgesichert werden. Rechtliche Flexibilität, politische Risikokompetenz und interdisziplinäre Beratung werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.
Exportfinanzierung entwickelt sich damit von einem technisch-finanziellen Instrument zu einem strategischen Steuerungswerkzeug im geopolitischen Umfeld mit erheblichen Implikationen für Unternehmen, Finanzierer und beratende Berufe.
Autor

Dr. Bernhard Fiedler, LL.M.
bernhard.fiedler@nortonrosefulbright.com
www.nortonrosefulbright.com


