Nachhaltiges Risikomanagement für eine resilientere Bankenlandschaft

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Für den Finanzsektor dürfte bereits seit geraumer Zeit klar sein, dass das Thema Nachhaltigkeit gekommen ist, um zu bleiben. Während die meisten Kreditinstitute und Wertpapierfirmen noch dabei sind, die Transparenzvorgaben nach der Offenlegungs-Verordnung (Verordnung (EU) 2019/2088 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27.11.2019 über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor) umzusetzen sowie geeignete Prozesse für die ab 02.08.2022 verpflichtend durchzuführende Nachhaltigkeitspräferenzabfrage (Delegierte Verordnung (EU) 2021/1253 der Kommission vom 21.04.2021 zur Änderung der Delegierten Verordnung (EU) 2017/565 im Hinblick auf die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsfaktoren, -risiken und -präferenzen in bestimmte organisatorische Anforderungen und Bedingungen für die Ausübung der Tätigkeit von Wertpapierfirmen) zu implementieren, schwappt die „grüne Welle“ nun auch ins Risikomanagement der Banken. Durch eine umfassende Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten in das Risikomanagement soll der Bankensektor widerstandsfähiger gegenüber Nachhaltigkeitsrisiken werden. Wer sich die hierzu von EZB, EBA und BaFin verfassten aufsichtlichen Erwartungen (EBA Report on Management and Supervision of ESG Risks for Credit Institutions and Investment Firms EBA/REP/2021/18; EZB Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken, November 2020; BaFin, Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken, 20.12.2019) anschaut, dem wird schnell klar, dass hier eine Mammutaufgabe auf die Institute zukommt: Bestandsaufnahmen, Analysen und Prozessimplementierung sind notwendig, um sogenannte ESG-Risiken umfassend in die Bereiche Geschäftsstrategie, Governance, Risikomanagement sowie interne Berichterstattung zu integrieren.

Nachhaltigkeitsoffensive mit Ansage

All dies kommt indes nicht überraschend: So ist die Einbettung von Nachhaltigkeit in das Risikomanagement einer der drei Grundpfeiler des Aktionsplans „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ der Europäischen Kommission aus dem März 2018, der die Ziele der EU für die infolge von Klima­krise und Umweltzerstörung dringend erforderliche Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem beschreibt. Neben der Umlenkung privaten Kapitals in nachhaltige Investitionen sowie der Förderung von Transparenz und Langfristigkeit ist die Einbeziehung von Nachhaltigkeit in das Risikomanagement von Finanzinstituten deshalb ein wichtiger Bestandteil der Sustainable-Finance-Strategie der Europäischen Kommission. Der dahinterstehende Gedanke lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Wenn Banken bei ihren Kreditentscheidungen auch mögliche Nachhaltigkeitsrisiken ihrer Kreditnehmer bepreisen, beeinflusst dies zwangsläufig den erforderlichen Transformationsprozess der Realwirtschaft. Zugleich senkt dies die eigenen Kreditrisiken der Institute, was einen positiven Effekt auf die Eigenmittel haben kann.

Die EU erhöht das Tempo

Mit Veröffentlichung ihrer neuen Sustainable-Finance-Strategie im Juli 2021 hat die Europäische Kommission das Tempo in Sachen nachhaltiges Risikomanagement merklich angezogen. Die Finanzwirtschaft soll resilienter gegenüber Nachhaltigkeitsrisiken und Greenwashing werden und damit zugleich einen Beitrag zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem leisten. Entsprechende Gesetzgebungsvorhaben zur Verankerung von Nachhaltigkeitsaspekten in Eigenmittelrichtlinie (CRD) (Richtlinie 2013/36/EU des europäischen Parlaments und des Rates vom 26.06.2013) und Eigenmittelverordnung (CRR) (Verordnung (EU) Nr. 575/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26.06.2013 über Aufsichtsanforderungen an Kreditinstitute und zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 648/2012) wurden angekündigt und bereits kurze Zeit später durch das Bankenpaket aus dem Oktober 2021 in konkrete Gesetzgebungsvorschläge gegossen. War den Instituten zunächst noch unverbindlich durch aufsichtliche Erwartungen nahegelegt worden, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auch im Bereich Risikomanagement auseinanderzusetzen, soll dies nunmehr aller Voraussicht nach ab 2025 über entsprechende Änderungen von CRD und CRR für die Institute verbindlich werden.

Die Vorschläge des Bankenpakets sehen vor, dass Kreditinstitute künftig verpflichtet sind, Nachhaltigkeitsrisiken in allen internen Prozessen umfassend zu berücksichtigen und zu steuern. Hierfür sollen Kreditinstitute in ihren Strategien und internen Prozessen insbesondere die Kurz-, Mittel- und Langfristhorizonte von ESG-Risiken aufnehmen und für die Bewertung ihres internen Kapitalbedarfs berücksichtigen. Leitungsorgane sollen verpflichtet werden, konkrete Pläne zur Bewältigung von ESG-Risiken aufzustellen. Auch sogenannte Klima-Stresstests sollen künftig regelmäßig von den Instituten durchgeführt werden.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Um die Einhaltung der verpflichtenden Vorgaben zur Einbeziehung von Nachhaltigkeit in die bankinternen Strategien und Prozesse wirksam überwachen zu können, wird eine Nachhaltigkeitsdimension in den aufsichtlichen Rahmen eingeführt. Dieser gibt den Aufsichtsbehörden geeignete Überwachungsbefugnisse an die Hand, damit sie das nunmehr verpflichtende systematische Management von ESG-Risiken durch die Kreditinstitute auch entsprechend überprüfen und bewerten können.

Nachhaltigkeitsimplementierung erfordert ganzheitlichen Ansatz

Die Umsetzung dieser Vorgaben in Säule II der Bankaufsicht wird für viele Institute erhebliche Herausforderungen mit sich bringen. Dabei dürfte es maßgeblich darauf ankommen, das Thema Nachhaltigkeit als ganzheitliche Aufgabe zu verstehen, das innerhalb der Institute verzahnt auf allen Ebenen in Angriff zu nehmen ist. So muss die Geschäftsleitung die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken in alle internen Bankprozesse als ihre Verantwortlichkeit begreifen und wahrnehmen. Nachhaltigkeitsrisiken sollten auch im Rahmen der internen Governance-Richtlinien Berücksichtigung finden und von den internen Funktionen (Compliance, Risikocontrolling und interne Revision) identifiziert und bewertet werden.

Die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement bedeutet beispielsweise, dass identifizierte Nachhaltigkeitsrisiken in der Kreditrisikostrategie sowie im Kreditrisikoappetit Berücksichtigung finden sollen und deshalb auch bei der Kreditbearbeitung künftig eine maßgebliche Rolle spielen dürften. Hierfür wird es unter anderem erforderlich werden, den Kreditvergabeprozess so zu gestalten, dass nachhaltigkeitsrelevante Informationen und Daten, die Rückschlüsse über mögliche Nachhaltigkeitsrisiken der Kreditnehmer zulassen, verfügbar gemacht werden, damit sie in die Kreditentscheidung einfließen können.

Ausblick

Offen ist zum jetzigen Zeitpunkt noch, ob die EU das Thema Nachhaltigkeit im Bankaufsichtsrecht über den Bereich der Säule II hinaus noch weiter regulieren wird. In Diskussion und Prüfung befindet sich augenblicklich die Frage, ob auch eine aufsichtsrechtliche Behandlung von Risikopositionen mit ökologischen und/oder sozialen Auswirkungen bei der Eigenmittelunterlegung im Rahmen der Säule I gerechtfertigt wäre. Konkret geht es darum, ob „grüne Kredite“ bei der Eigenmittelunterlegung mit einem Supporting Factor privilegiert und umgekehrt die Finanzierungen umweltschädlicher Aktivitäten mit einer erhöhten Eigenmittelunterlegung sanktioniert werden sollen (Penalising Factor).

Während Art. 501c CRR in seiner aktuell geltenden Fassung einen Analysebericht der EBA hierzu bis zum Jahr 2025 vorsieht, hat die Europäische Kommission im Bankenpaket 2021 nun den Vorschlag gemacht, den Bericht der EBA bereits auf das Jahr 2023 vorzuziehen. Das zeigt, dass man auf EU-Ebene das hochkomplexe und stark umstrittene Thema offenbar nicht vorschnell zur Seite legen will. Um mit Finanzwirtschaft und Stakeholdern hierzu in den Dialog zu treten und um bei Ausarbeitung des finalen Berichts viele unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen zu können, hat die EBA am 02.05.2022 ein entsprechendes Diskussionspapier (The Role of Environmental Risks in the Prudential Framework, Discussion Paper, EBA/DR/2022/02, 02.05.2022) zur Konsultation veröffentlicht. Darin werden konkrete Handlungsoptionen erörtert, die auf die Implementierung von Supporting- und Penalising-Faktoren abzielen. Ob aber die Wucht der „grünen Welle“ so groß sein wird, dass sie tatsächlich den aufsichtlichen Rahmen in Säule I (siehe hier) erreichen wird, bleibt angesichts gewichtiger politischer Widerstände abzuwarten.

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