Aktuelle Ausgabe

Mobilitätstrends auf dem Prüfstand

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken


Die Mobilität befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Wandels. Um diesen besser zu verstehen, hat Norton Rose Fulbright gemeinsam mit dem Zukunftsinstitut eine umfassende Megatrendstudie ­erarbeitet. Ziel war es, die wichtigsten Treiber und Entwicklungslinien der ­Mobilität von morgen zu identifizieren. Grundlage der Studie ist eine systemische Analyse bestehender Daten, Experteninterviews und ein interdisziplinärer Diskurs entlang zentraler Zukunftsfragen.


Die Studie benennt 14 zentrale Trends, die Mobilität in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Technik neu definieren. Im Folgenden fassen wir die Trends in der offiziellen Reihenfolge der Studie zusammen und kommentieren sie aus wirtschaftlicher und rechtlicher Perspektive. Ziel ist es, nicht nur die Transformation zu beschreiben, sondern insbesondere zu zeigen, wie sich rechtliche Rahmen­bedingungen als strategischer Hebel für die Mobilitäts­entwicklung nutzen lassen.

  1. Green Shift
    Der Mobilitätssektor verschiebt sich ökologisch – zum Beispiel vom Verbrenner zur Kreislaufwirtschaft, die im Idealfall nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv wird. Nachhaltigkeit wird zur Leitwährung unternehmerischer Mobilitätsstrategien.
    Rechtliche Perspektive: Unternehmen sehen sich zunehmend verpflichtet, Umwelt- und Klimaziele nicht nur zu kommunizieren, sondern auch regulatorisch nachzuweisen. Das umfasst etwa die Integration der EU-Taxonomie in die Finanz- und Investitionspraxis, die Einhaltung strenger CO₂ -Grenzwerte sowie die rechtssichere Gestaltung von Nachhaltigkeitsberichten und Liefer­verträgen.
  2. Regulatory Complexity
    Mobilität unterliegt einer zunehmenden Dichte und Dynamik regulatorischer Anforderungen. Nationale, europäische und globale Rahmenbedingungen greifen in­einander bzw. entfalten Konfliktpotential und können zu Wettbewerbsverzerrungen führen.
    Rechtliche Perspektive: Unternehmen müssen komplexe Anforderungen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten – etwa Datenschutz, Produktsicherheit, Cybersicherheit, ESG-Compliance – in einem konsistenten Governancesystem abbilden. Dabei gilt es, Haftungsrisiken frühzeitig zu erkennen und sektorspezifische Regulierungen miteinander zu verzahnen.
  3. Efficient Logistics
    Lieferketten und städtische Logistik werden effizienter und smarter. Neue datenbasierte Technologien ermöglichen eine präzisere Steuerung von Waren- und Verkehrsflüssen.
    Rechtliche Perspektive: Rechtliche Herausforderungen entstehen insbesondere im Bereich der Genehmigung von Logistikinfrastrukturen, dem Schutz von Daten und der Nutzung künstlicher Intelligenz, der Nutzung öffentlicher Flächen sowie beim Schutz von Beschäftigtenrechten in hochautomatisierten Lieferketten. Zudem gewinnen vertragliche Ausgestaltungen in multilateralen Lieferbeziehungen an Bedeutung.
  4. Sustainable Fuels
    Alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff, Methanol und E-Fuels gewinnen an Relevanz. Der Energiemix der Zukunft wird diverser, dezentraler und natürlich umweltfreundlicher.
    Rechtliche Perspektive: Neue regulatorische Rahmenbedingungen sind erforderlich, um die Produktion, Speicherung und Verteilung nachhaltiger Kraftstoffe rechtssicher zu gestalten. Regulatorische Rahmenbedingungen müssen ausgewogen sein und Wettbewerbsverzerrungen verhindern. Hinzu kommen komplexe Fragen zur steuerlichen Behandlung und zur öffentlichen Förderung emissionsarmer Technologien.
  5. Co-Creation Frameworks
    Mobilität wird gemeinsam mit Stakeholdern gestaltet. Nutzer, Kommunen, Unternehmen, private und staatliche Investoren entwickeln gemeinsam Lösungen.
    Rechtliche Perspektive: Beteiligungsprozesse müssen verlässlich strukturiert sein. Hier spielen zum Beispiel rechtssichere Kooperationsverträge, geistige Eigentumsrechte und klare Governancestrukturen eine zentrale Rolle, insbesondere bei Public-Private-Partnerships oder interdisziplinären Mobilitätsprojekten. Grenzüberschreitende Joint Ventures internationaler Akteure sind auf dem Vormarsch.
  6. Electrified Mobility
    Elektrifizierung der Antriebe in allen Verkehrsträgern. Dabei geht es nicht nur um Pkw, sondern auch um Busse, Lkw, Eisenbahnen, Schiffe und Flugzeuge.
    Rechtliche Perspektive: Der flächendeckende Ausbau elektrischer Infrastrukturen bedarf klarer rechtlicher und steuerlicher Rahmenbedingungen, insbesondere für Netzanschlüsse, Strompreisgestaltung und Nutzerzugänge sowohl aus Sicht der Netz- und Anlagenbetreiber als auch Immobilienwirtschaft. Technische Sicherheitsnormen und Zulassungsvorgaben müssen ebenfalls kontinuierlich angepasst werden. Infrastrukturnetze müssen vorhanden sein, um die Nutzerakzeptanz zu fördern.
  7. Inclusive Mobility
    Mobilität muss für alle zugänglich und gerecht sein. Ziel ist ein barrierefreies, integratives Mobilitätssystem ohne Mobilitätsarmut.
    Rechtliche Perspektive: Rechtliche Verpflichtungen ergeben sich etwa aus Antidiskriminierungsgesetzen, dem Behindertengleichstellungsgesetz sowie aus kommunalen Förderprogrammen und betrieblichen Mobilitätsangeboten. Mobilitätsanbieter sind aufgefordert, Barrierefreiheit aktiv in ihre Produkt- und Infrastrukturplanung zu integrieren.
  8. Electric Aviation
    Elektrisch angetriebene Luftfahrt steht vor dem Markteintritt. Kleine elektrische Flugzeuge könnten neue Verbindungen und Märkte erschließen.
    Rechtliche Perspektive: Neue Luftfahrzeugklassen stellen die bestehenden Luftverkehrsgesetze auf die Probe. Fragen zu Zulassung, Versicherung, Flugrouten und Sicherheitsverantwortung müssen regulatorisch klar adressiert werden, um Innovationen markt- und rechtssicher zu machen.
  9. Intelligent Transportation Systems
    Daten- und KI-gestützte Verkehrssteuerung optimiert Mobilitätsflüsse. Verkehr wird vorausschauend, adaptiv und effizient.
    Rechtliche Perspektive: Die Einführung intelligenter Systeme erfordert belastbare Regelwerke zum Datenschutz und zur Cybersicherheit, zur Datenhoheit und zur Verantwortung für algorithmische Entscheidungen. Produkthaftung und Transparenzpflichten gegenüber Nutzern rücken in den Fokus.
  10. Liveable Cities
    Städte werden an neue Mobilitätsbedürfnisse angepasst. Der öffentliche Raum wird neu verteilt, Lebensqualität rückt in den Mittelpunkt. Quartiersentwicklungen nehmen an Bedeutung zu.
    Rechtliche Perspektive: Baurecht, Umweltrecht und Mobilitätsförderung müssen stärker integriert werden. Kommunen benötigen rechtliche Spielräume, um etwa autofreie Zonen, Verkehrsberuhigungen oder neue Mobilitätshubs wirksam und rechtssicher umzusetzen. Anforderungen und Unterstützungsprogramme für bezahlbares Wohnen sind zu harmonisieren.
  11. Mobility-as-a-Service (MaaS)
    Nutzung ersetzt Besitz, Mobilität wird zur Dienstleistung. Nutzer wählen flexibel zwischen Verkehrsmitteln per App.
    Rechtliche Perspektive: Die rechtliche Gestaltung digitaler Mobilitätsplattformen muss Aspekte wie vertragliche Haftung, Datenschutz, Preistransparenz und Nutzerrechte kohärent abbilden. Auch die Zusammenarbeit zwischen ­öffentlichen und privaten Anbietern bedarf klarer rechtlicher Regelungen.
  12. Aerial Density
    Zunehmende Nutzung des urbanen Luftraums durch Drohnen und Flugtaxis. Mobilität wird dreidimensional.
    Rechtliche Perspektive: Der regulatorische Rahmen für unbemannte Flugobjekte ist noch im Aufbau. Luftraumzugang, Betriebsbeschränkungen, Sicherheitsauflagen und Anwohnerrechte müssen in einem harmonisierten Rechtsrahmen zusammengeführt werden.
  13. Rail Alignment
    Die Schiene wird zur Rückgrat-Infrastruktur nachhaltiger Mobilität. Verlagerung des Güter- und Personenverkehrs auf die Bahn wird politisch forciert, bei gleichzeitiger Harmonisierung und Standardisierung zur Effizienzsteigerung, wie zum Beispiel durch das European Train Control System (ETCS).
    Rechtliche Perspektive: Der Ausbau der Bahninfrastruktur erfordert komplexe Planfeststellungsverfahren, transparente Trassenvergaben und Investitionssicherheit. Gerade im grenzüberschreitenden Bahnverkehr stoßen teilweise unterschiedliche nationale Regime weiterhin aufeinander. Europäische und nationale Normen müssen hier weiter harmonisiert werden, was für die Marktteilnehmer weiteren Wandel bedeutet.
  14. Seamless Mobility
    Mobilität wird intermodal, durchgängig und nahtlos. Nutzer erleben Übergänge zwischen Verkehrsträgern als lückenlos.
    Rechtliche Perspektive: Die rechtliche Harmonisierung von Ticketing-Systemen, Haftungsschnittstellen und Nutzungsrechten ist entscheidend für das Funktionieren nahtloser Mobilitätsketten. Datenschutz- und Verbraucherschutzaspekte sind ebenfalls zu berücksichtigen.

Fazit


Die Megatrendstudie liefert Impulse, wie Mobilität in Wirtschaft, Gesellschaft und Recht weitergedacht werden muss. Viele Entwicklungen sind nicht nur technologische, sondern auch juristische Transformationsprozesse. Wer rechtliche Weichen frühzeitig stellt, kann Innovation ­aktiv mitgestalten.

Ein zentraler Befund lautet: Rechtliche Fragen durchziehen sämtliche Trends – von der urbanen Raumverteilung über technologische Schnittstellen bis hin zu ESG-Vorgaben und internationaler Plattformregulierung. Der Mobility-Trendradar visualisiert die den identifizierten Trends immanenten Komplexitäten und clustert diese in Dringlichkeiten (Discover, Develop, Create, Act). Die Rechtswissenschaft ist hier nicht nur Beobachterin, sondern Mitgestalterin.

Die Zukunft der Mobilität ist gestaltbar. Auch rechtlich.


Hinweis der Redaktion:
Die vollständige Studie ist hier erhältlich: Zukunftsinstitut – 14 Trends für die Zukunft der Mobilität. (tw). 

Autor

Karsten Kuehnle, Norton Rose Fulbright

Karsten Kuehnle

Norton Rose Fulbright, Frankfurt am Main
Rechtsanwalt, Partner


karsten.kuehnle@nortonrosefulbright.com
www.nortonrosefulbright.com