Mit wachsendem Bewusstsein für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung steigen auch die Anforderungen an die Transparenz und Rechenschaftspflicht von Unternehmen. Nachhaltigkeit ist inzwischen ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie und macht vor dem Steuerrecht keinen Halt. Die Einführung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) im Sommer 2024 verdeutlicht diese Entwicklung. Sie verpflichtet Unternehmen, ihre Aktivitäten in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance, kurz: ESG) im Rahmen ihres Konzernabschlusses offenzulegen. Ziel ist, die Reputation eines Unternehmens zu nutzen, um dieses dazu zu bringen, die sozialen und ökologischen Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit zu reflektieren.
Hierbei werden auch verstärkt steuerliche Aspekte in den Fokus der ESG-Berichterstattung genommen, was das „Tax Compliance Management System“ (Tax CMS) besonders bedeutsam macht. Ein Tax CMS hilft Unternehmen, eine nachhaltige Steuerstrategie systematisch durch ein sogenanntes „Tax Operating Model“ (TOM) im Unternehmen zu implementieren. Durch Kontrollen und Maßnahmen wird zudem sichergestellt, dass alle relevanten Steuerprozesse transparent und gesetzeskonform ausgestaltet sind. Eine Offenlegung der Steuerstrategie schafft somit eine Verbindung zwischen Steuertransparenz und öffentlichem Image eines Unternehmens, das durch Nachhaltigkeitsberichterstattung geprägt ist. Indem Unternehmen ihre Steuerstrategien offenlegen, können sie das Vertrauen der Öffentlichkeit stärken und Risiken im Zusammenhang mit intransparentem oder aggressivem Steuerverhalten vermeiden. Die Schnittstelle zwischen ESG und Tax CMS zeigt sich dabei besonders in drei Bereichen: Nachhaltigkeitsberichterstattung, soziale Verantwortung und Steuergestaltung sowie Steuertransparenz und Governance.
Nachhaltigkeitsberichterstattung
Die CSRD verpflichtet Unternehmen zur umfassenden Offenlegung ihrer ESG-Strategie, inklusive Steuerplanung und deren gesellschaftlichen Auswirkungen. Ein wirksam implementiertes Tax CMS stellt sicher, dass steuerliche Informationen gemäß den Vorgaben der „Global Reporting Initiative“ (GRI) – insbesondere der „GRI 207: Tax 2019“ – sowie gemäß der CSR und anderer internationaler Rahmenwerke vollständig und präzise berichtet werden. Diese Standards sehen vor, dass Unternehmen sowohl qualitative als auch quantitative Informationen zur Steuerstrategie veröffentlichen und ihre Maßnahmen zur Förderung einer nachhaltigen Steuerpolitik dokumentieren. Zum Beispiel erfasst der Berichterstattungsrahmen der GRI 207 unter anderem die Offenlegung der Steuerverantwortlichkeiten, den Governancerahmen und Maßnahmen zur Überwachung von Steuerrisiken. Unternehmen mit einem wirksamen Tax CMS können durch dieses ihre Steuerstrategie entsprechend der Regelungswerke einfach offenlegen und einen negativen Einfluss auf ihre Reputation verhindert. Zudem gewährleistet ein Tax CMS auch die Vollständigkeit der nach den Regelungen auferlegten Berichtspflichten. Unternehmen vermeiden so Anschuldigungen, sie würden Informationen gezielt verbergen, und demonstrieren ihren Willen, eine nachhaltige Wertschöpfungskette zu fördern.
Soziale Verantwortung und Steuergestaltung
Der wachsende gesellschaftliche Anspruch an eine verantwortungsvolle Unternehmensführung inkludiert auch eine gerechte Steuergestaltung. Unternehmen stehen zunehmend in der Pflicht, ihre Steuerpolitik mit Blick auf ihre soziale Verantwortung zu überprüfen und anzupassen. Steuern sind eine Hauptquelle zur Finanzierung öffentlicher Güter wie Bildung, Gesundheit und Infrastruktur, weshalb von Unternehmen erwartet wird, dass sie einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuern ist somit ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens. Die Einbindung von ESG-Prinzipien in die Steuerstrategie verknüpft steuerliche Verantwortung und Erwartungen hinsichtlich Transparenz und Fairness. Eine durchdachte und nachhaltige Steuerstrategie stärkt nicht nur das Vertrauen der Öffentlichkeit, sondern hilft auch, Risiken zu mitigieren. Dies ist besonders relevant, da auch Investoren zunehmend Wert auf ethische Unternehmensführung legen und erwarten, dass Unternehmen ihren steuerlichen Verpflichtungen nachkommen. Zudem gewährleisten die im Rahmen eines Tax CMS implementierten Maßnahmen die ordnungsgemäße Einhaltung sowie die fristgemäße Erfüllung aller relevanter Steuerregularien. Durch eine klare und standardisierte ESG-Berichterstattung können Unternehmen ihre nachhaltige Steuerstrategie im Vergleich zu anderen Unternehmen hervorheben.
Steuertransparenz und Governance
Steuertransparenz ist ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmensführung und bildet die Grundlage für nachhaltige Geschäftsbeziehungen. Die Offenlegung der Steuerstrategie stärkt das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Unternehmen und unterstützt eine ethische Darstellung der Steuerstrategien. Standards wie die „GRI 207: Tax 2019“ geben klare Leitlinien zur strukturierten Offenlegung der Steuerstrategie und betonen die Transparenz in steuerlichen Entscheidungen. Die Berichterstattung nach den GRI-207-Standards umfasst unter anderem die Integration der Steuerkonzepte in die Unternehmensstruktur und die Maßnahmen zur Risikoüberwachung. Diese Vorgaben helfen Unternehmen, eine systematische und transparente Steuerstrategie zu entwickeln, die das Vertrauen der Stakeholder stärkt und ein verantwortungsvolles Steuerverhalten fördert. Zusätzlich verlangt die GRI 207, dass Unternehmen ihre länderspezifischen Steuerverpflichtungen sowie die Auswirkungen ihrer Steuerstrategie auf Nachhaltigkeitsziele offenlegen. Dieser Ansatz fördert die öffentliche Diskussion über Steuerethik und leistet einen Beitrag zur Entwicklung von nachhaltigen Wertschöpfungsketten. Der Einsatz solcher Transparenzstandards zeigt sich insbesondere in der Berichterstattung über Steuerzahlungen pro Land. Diese detaillierte Offenlegung ermöglicht es Unternehmen, ihre Steuerstrategie im globalen Kontext zu positionieren und das Vertrauen internationaler Märkte zu gewinnen. Ein gut integriertes Tax CMS, das auf ESG-Standards basiert, kann ein wertvolles Instrument sein, um Steuergestaltungen zu regulieren und eine nachhaltige Steuerpolitik zu unterstützen.
Die Kombination von Tax CMS und ESG-Berichtspflichten bietet Unternehmen umfassende Chancen, sich sowohl in steuerlichen als auch in gesellschaftlichen Verantwortungsbereichen zu profilieren. Die Verknüpfung von Tax CMS und ESG-Anforderungen ermöglicht es ihnen nicht nur, steuerliche Verpflichtungen zu erfüllen, sondern auch Effizienzpotentiale bei der Optimierung der Steuerprozesse zu nutzen. In einer zunehmend auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaft wird die Fähigkeit eines Unternehmens, als ökologisch verantwortlich und transparent wahrgenommen zu werden, zu einem Wettbewerbsvorteil. Die kontinuierliche Weiterentwicklung und Erhöhung des Reifegrades eines Tax CMS an die verschiedenen internationalen Standards trägt zur Entwicklung der Steuertransparenz bei und unterstützt Unternehmen, langfristig den Erwartungen an nachhaltiges Wirtschaften gerecht zu werden. Verstärkt wird dies zudem durch den neuen kooperativen Ansatz der Finanzverwaltung, der im Rahmen einer Erprobungsphase nach § 38 Einführungsgesetz zur Abgabenordnung (EGAO) Prüfungserleichterungen für Betriebsprüfungen vorsieht, sofern Unternehmen ein wirksames Tax CMS implementiert haben.
Autor
Andreas Brunnhübner
Rödl & Partner, Nürnberg
Diplom-Kaufmann, Steuerberater, Partner
Autor
Bianca Kolb
Rödl & Partner, Nürnberg
Steuerberaterin, Associate Partner



