Geopolitische Spannungen, neue Sanktionen und immer komplexere Regulierungen verändern die Rolle von Rechtsabteilungen rasant. Neben ihrer klassischen Aufgabe der internen Rechtsberatung für Unternehmen wird der General Counsel durch wachsenden Regulierungs- und Kostendruck mehr und mehr zum strategischen Partner des Topmanagements und zum Mitgestalter von Transformationen unter kritischen Bedingungen.
Moderiert von Marcus Jung, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, luden die internationale Unternehmensberatung FTI Consulting gemeinsam mit F.A.Z. Konferenzen und dem Deutschen AnwaltSpiegel am 18.11.2025 zum ersten General Counsel Dialogue in Deutschland ein, um unter dem Motto „Navigating the New Normal: Recht, Risiko, Resilienz“ mit führenden Köpfen über aktuelle geopolitische und technologische Herausforderungen und ein neues Selbstverständnis zu diskutieren.
Ähnliche Veranstaltungen von FTI Consulting finden bereits seit einigen Jahren unter dem Titel „Modern General Counsel“ in Großbritannien und den USA zu Themen wie künstliche Intelligenz, Fusionskontrolle, Cybersecurity, Datenschutz und Krisenmanagement statt. Christian Säuberlich, Senior Managing Director und Country Leader DACH von FTI Consulting, betonte in seiner Begrüßung, dass die weltweiten Krisen und Transformationen radikalere Maßnahmen erfordern als in der Vergangenheit und dass Rechtsabteilungen mehr denn je als „Frühwarnsysteme und Brückenbauer“ zwischen den Fachbereichen fungieren.
Regulierung und Realität
Mit Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz, eröffnete einer der gefragtesten Gesprächspartner für Geopolitik den Austausch. Seine Keynote „Zwischen Regulierung und Realität – Die neue Rolle des General Counsel“ machte deutlich, dass die europäische Sicherheitsordnung durch neue Bedrohungen fundamental gefährdet ist und dass auch Unternehmen in einem Umfeld agieren müssen, in dem Gewalt als Mittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen eingesetzt wird. Sowohl China und Russland als auch die USA schaffen fortwährend Fakten, die nichts mehr mit der vertrauten regelbasierten Weltordnung zu tun haben.
Lange warnte daher mit dem unter Militärs vertrauten Motto „Achtung, das ist keine Übung!“, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen, die sich auch in der täglichen Arbeit der General Counsels niederschlägt. Vom „Hüter der Rechtsordnung“ verwandelt sich deren Rolle hin zu einem Navigator durch gefährliches Terrain, da widerstreitende Sanktionsregimes, strengere, weil politisch aufgeladene Complianceanforderungen sowie die Verteidigung von Reputation und technologischer Souveränität zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dabei geht es nicht darum, sich gänzlich von der regelbasierten Ordnung zu verabschieden, doch müssen diese Regeln eben durchgesetzt werden, „indem wir Partner finden und mit diesen Partnern gemeinsam Macht aufbauen“.
Risiko und Innovation
In der zweiten Keynote „Wie KI als Gamechanger die strategische Position der General Counsels revolutioniert“, richtete Hans-Peter Fischer, Senior Managing Director und Head of Cybersecurity Germany bei FTI Consulting, den Fokus auf die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz und Cybersicherheit. Als bekennender „Tekkie mit berufsbedingter Paranoia“ nahm er zwar vor allem deren Risiken und Missbrauch in den Blick, nicht ohne aber das revolutionäre Potential für die Transformation von Businessmodellen hervorzuheben. So entstehen zwar neue Risiken, die gemanagt werden müssen, doch erhält man auch neue Werkzeuge und Hilfsmittel an die Hand, um Risiken besser beurteilen zu können, indem gewaltige Datenmengen strukturiert ausgewertet werden.
Der General Counsel übernehme hier eine vermittelnde und ausgleichende Position, „da KI zwar technisch komplex, aber keineswegs nur ein Technikthema sei“, sondern sich auf alle Geschäfts- und Lebensbereiche auswirke. Mit einer Klärung grundsätzlicher Begriffe und konkreten Fallbeispielen aus der Beratungspraxis reflektierte Fischer ein strategisches Verständnis von KI-Implementierung in Unternehmen. Diese verlange „Transparenz, eine klare Verteilung von Rollen und Verantwortlichkeiten sowie eine tiefe Sicherheitsprüfung“, um die Balance zwischen Risiko und Innovation zu halten. Denn auch hier geht es darum, strukturelle Abhängigkeiten zu minimieren und die Qualität der Unternehmensprozesse sicherzustellen.
Relevanz und Resilienz
Vor diesem eher düsteren Panorama führte die anschließende Paneldiskussion die verschiedenen Fäden zusammen, um sie auf ihre praktische Relevanz für die tägliche Arbeit in den Rechtsabteilungen hin zu prüfen. Moderator Marcus Jung sprach mit Dr. Claudia Junker, Generalbevollmächtigte und General Counsel bei der Deutschen Telekom AG, Dr. Karsten Hardraht, Chefsyndikus und Leiter des Bereichs Recht der KfW Bankengruppe, Nico Lange sowie mit Peter Werner, Managing Director in den Bereichen Forensic & Litigation bei FTI Consulting, über die gravierenden Veränderungen und wie diese inhouse gemeistert werden können.
Trotz der für Anwälte typischen Risikoaversion und der auch im internationalen Kontext spürbaren Konflikte betonten die beiden Unternehmensvertreter die Doppelfunktion der Inhousejuristen als interne Rechtsdienstleister und Risikomanager, die für den Unternehmenserfolg verantwortlich sind. „Der General Counsel muss ganz sicher ein ,Role Model‘ für Integrität sein“, forderte Junker, und Hardraht ergänzte, dass es das Ziel sei, „Stabilität in fragilen Zusammenhängen“ zu gewährleisten. Neben Flexibilität und Führungsstärke brauche es für diese Rolle vor allem Mut, Veränderungen selbst herbeizuführen, wie Lange unterstrich. Werner verwies in diesem Kontext auf das GRC-Modell der „Three Lines of Defence“: Im Gefüge aus operativem Business, Compliance- und Risikomanagement sowie interner Revision und Überwachung übernehmen die General Counsels immer mehr die Aufgabe, „die Verteidigungslinien miteinander zu verbinden und deren Informationen zusammenzuführen“. Dabei gehe es darum, die möglichen Risiken zwar im Blick zu behalten, aber gleichzeitig auch unternehmensbezogen einzuschätzen, was davon Relevanz hat und wie die Resilienz gestärkt werden kann. So wie geopolitisch die gesamte Gesellschaft darüber entscheide, welche Ordnung sich durchsetzt, seien es in der Rechtsabteilung und im Unternehmen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Regeln umsetzen und mit Leben füllen. Angesichts transnationaler Handels- und Sicherheitsinteressen um Rohstoffe oder Technologien sei es geboten, ressortübergreifend zu denken und zu agieren.
Herausforderungen und Chancen
Für die Rolle des General Counsel sind aber nicht nur die Themen Geopolitik und deren Herausforderungen relevant, sondern ebenso die Chancen, die sich z.B. in den Bereichen KI oder Legal Tech und aus deren zu erwartenden Effizienzsteigerungen ergeben. Wer als Jurist nicht in der Lage ist, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten verantwortungsvoll einzusetzen, wird über kurz oder lang nicht mehr gefragt sein.
Nach einem kurzen Ausblick auf die Integration künstlicher Intelligenz in die juristische Ausbildung und den Bereich Legal Operations ging es über zum gemütlichen Teil des Abends, bei dem die anwesenden General Counsels ausreichend Gelegenheit hatten, ihre Erfahrungen mit den Panelisten und Consultants zu teilen.


