Aktuelle Ausgabe

Trendwende beim Recruiting im Rechtsmarkt

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Die Büroschließungen von Goodwin Procter, Cleary Gottlieb Steen & Hamilton oder Pinsent Masons haben binnen sechs Monaten die Branche durchgerüttelt. Der deutsche Kanzleimarkt steht unter enormem Druck – Kostenlast, Innovationsdruck und vor allem der Kampf um die besten Köpfe bestimmen das Geschehen. Vorbei die Zeiten, in denen Großkanzleien auf Vorrat einstellten. Die angespannte Marktlage wirkt sich auch auf das Recruiting aus. Doch es gibt noch immer Rechtsgebiete, die unverändert einen hohen Personalbedarf aufweisen.

Besonders die Bereiche, die durch die geopolitischen und regulatorischen Gegebenheiten gefragt sind, zeigen im aktuellen Recruitingmarkt bei Kanzleien eine hohe Dynamik. Ein Glücksfall etwa für Restrukturierungs- und Insolvenzexperten, die weiterhin stark gefragt sind. Auch das damit verbundene Arbeitsrecht ist bei Restrukturierungen und Transformationen viel gefragt.

Restrukturierer brauchen Erfahrung

Die Branche hatte Ende 2023 und Anfang 2024 ein regelrechtes Wechselkarussell erlebt. Der Umschwung kam Mitte 2024, berichtet Cordula Casaretto, selbständige Personalberaterin im Bereich Restrukturierung und Insolvenz: „Kanzleien sind im Insolvenzrecht anspruchsvoller geworden.“

Diese Beobachtung deckt sich auch mit den neuesten Recherchen. Insbesondere für Einsteiger ist der Markt aktuell schwierig. „Idealerweise hat der Kandidat oder die Kandidatin drei bis fünf Jahre Erfahrung“, meint Casaretto. Kanzleien haben aufgrund des hohen Mandatsaufkommens nicht mehr ausreichend Zeit, jemanden einzuarbeiten. Auch Wechsler sind anspruchsvoller geworden: „Kandidaten insbesondere aus den insolvenzverwaltenden Kanzleien ist es besonders wichtig, dass der Unterbau von Insolvenzsachbearbeitern und Wirtschaftsjuristen in einer Kanzlei solide ist, um die Menge an Verfahren gut abarbeiten zu können“, so Casaretto.

Sanktionen schaffen Nachfrage

Durch die politischen Sanktionen – etwa im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, aber auch durch die verschärften ESG-Vorgaben, Geldwäscheprävention und drängende Fragen zu den Lieferketten – wird ebenfalls in den Bereichen Compliance und Regulatory anhaltend stark gesucht.

Doch das sind nicht die einzigen stark nachgefragten Rechtsgebiete: „Das Energierecht hat sich durch die Energiewende zu einem der am schnellsten wachsenden Beratungsfelder entwickelt“, berichtet Headhunterin Isabell Stoffers von Indigo Headhunters: „Durch die Energiewende entstehen völlig neue Beratungsfelder – von Infrastrukturausbau bis zur komplexen Regulatorik“, so die in Frankfurt am Main ansässige Personalberaterin. Viele Kanzleien bauten in diesem Bereich groß auf, was auch den Nachwuchs anspreche. Derzeit seien aber besonders Partner gefragt, die darüber hinaus Geschäft mit in die Kanzlei einbringen würden.

M&A: Boutiquen nutzen ihre Chance

Der Bereich M&A galt seit jeher als heiß begehrt und viel gefragt. Mittlerweile ist der Wind rauer geworden. „Kanzleien stellen im M&A nicht mehr auf Vorrat ein“, meint Marcel Fejer, selbständiger Personalberater, der sich sowohl auf den nationalen als auch internationalen Markt spezialisiert hat. Während die großen Namen zurückhaltender agieren, scheinen Boutiquen ihre Chance zu wittern. Fejer beobachtet, dass vor allem die kleineren, spezialisierten Einheiten im M&A noch regelmäßig einstellen – vom Einsteiger bis zum Senior Partner: „Boutiquen haben den Vorteil der flachen Hierarchien und man arbeitet enger mit dem Partner zusammen.“ Das gefalle den Bewerberinnen und Bewerbern.

Die Verlierer der neuen Zeit

Nicht alle profitieren vom Wandel. Marken- und Urheberrecht scheinen ihre besten Tage hinter sich zu haben. Und auch klassische Litigation wird zunehmend von Dispute-Resolution abgelöst. Real Estate leidet unter gestiegenen Zinsen und hohen Baukosten. „Der Investitionsrückgang ist deutlich spürbar“, so die Einschätzung aus der Branche. Auch öffentliches Recht ist abgesehen vom Energiesektor und von Infrastrukturprojekten eher schwach nachgefragt.

Was Kanzleien wirklich wollen

Die Anspannung im juristischen Recruitingmarkt ist auch anhand der Gehälterdebatte wahrzunehmen. In der Außenwahrnehmung scheint der Anstieg der Gehälter immer noch kein Ende zu finden, doch es ist eine Wende im Markt zu spüren. „Kanzleien erhöhen ihre Gehälter zwar weiter, aber dafür fordern sie auch deutlich mehr“, sagt Casaretto.

Und eines bleibt: „Top-Bewerber sind immer noch umgarnt“, so Fejer. Er nimmt zudem wieder eine deutlich stärkere Notenfixierung bei den Kanzleien wahr als noch vor wenigen Jahren. „Bei Mittelständlern zählt vor allem das Gesamtpaket. Da werden bei den Noten auch mal zwei Augen zugedrückt“, so Casaretto.

Allumfassend ist zu registrieren, dass Kanzleien Wachstumsmärkte besetzen wollen und dafür insbesondere erfahrene Anwältinnen und Anwälte mit einem etablierten Netzwerk suchen, resümiert Stoffers. Auch Senior Associates mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung seien gefragt, vor allem, weil sie noch prägbar in der Kanzleikultur sind, so Stoffers. Im Vergleich mit Berufseinsteigern könnten sie aber bereits produktiv an Mandaten arbeiten, sobald man sie einstellt.

Das Ende der Billable Hours?

Die Anforderungen der Kanzleien gilt es nun mit jenen der Bewerber zu synchronisieren. Bewerber wünschen sich neben Work-Life-Balance, planbaren Arbeitszeiten und spannenden Aufgaben vor allem alternative Karrierewege, und immer mehr Kanzleien reagieren darauf. Gleiss Lutz führte kürzlich eine Salary-Partnerschaft ein – nicht als obligatorische Durchgangsstufe, sondern als „fakultative Ergänzung des Karrieretracks“. Hengeler Mueller hatte bereits vor zwei Jahren diesen Schritt gewagt.

Casaretto beobachtet vor allem einen Wandel bei den Arbeitsmodellen: „Billable Hours sind nicht mehr sehr beliebt. Vorgaben über 1.600 abrechenbare Stunden im Jahr wollen Bewerber nicht mehr so gerne.“ Flexibilität wird zum entscheidenden Faktor. Homeoffice bleibt wichtig, auch wenn viele Kandidaten wieder gerne ins Büro gehen. „Aber zu wissen, dass man nicht muss, ist wichtig“, so Casaretto.

Entgegen dieser Wünsche dreht sich der Markt diesbezüglich wieder: Manche Kanzleien gehen wieder auf fünf Präsenztage zurück und reduzieren ihre Homeoffice-Möglichkeiten. Selbständiges Arbeiten wird zum wichtigsten Asset der neuen Juristengeneration.

„Astronomische Gehälter werden Vergangenheit“

Wohin geht nun die Reise? „Expertise im juristischen Bereich wird immer gefragt sein“, prognostiziert Stoffers. Der Markt werde sich mittelfristig auf Senior-Rollen konzentrieren. Juristen, die Tech-Themen als selbstverständlich ansehen, werden die Karrieren der Zukunft prägen.

Digitalkompetenz wird unabhängig von der Seniorität zur Grundvoraussetzung. Der Nachwuchs wird weiterhin gebraucht und ausgebildet, aber nicht mehr zu den astronomischen Einstiegsgehältern der Vergangenheit. „Das hohe Anspruchsdenken der Berufseinsteiger wird sich auf natürliche Weise regulieren“, ist Stoffers überzeugt. Wer jetzt nicht die richtigen Talente findet und bindet, könnte schon bald den Schließungswellen zum Opfer fallen. Der Kampf um die besten Köpfe wird mit härteren Bandagen geführt werden. ß

Hinweis der Redaktion:
Dieser Beitrag erschien zunächst im Magazin FINANCE online am 25.09.2025 (siehe hier). (tw)

Autor

Esra Laubach, FINANCE

Esra Laubach

F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH, Frankfurt am Main
Redakteurin FINANCE


esra.laubach@finance-magazin.de
www.finance-magazin.de