Der Legal Tech Day & Night 2026, veranstaltet vom Legal Tech Verband Deutschland e.V. (LTV) am 16. und 17.09.2026 in der Berliner Kulturbrauerei, versammelte über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kanzleien, Rechtsabteilungen, Legal-Tech-Unternehmen, Wissenschaft und Politik. Anders als in den Vorjahren stand nicht mehr die grundsätzliche Frage im Fokus, ob KI den Rechtsmarkt verändert – sondern wie Kanzleien und Rechtsabteilungen mit dieser Veränderung konkret umgehen. Stefan Schicker und Maraja Fistanić, die beiden Vorstandsvorsitzenden des LTV, führten charmant durch den Tag.
Rechtsabteilungen zwischen Eigenbau und Integration
Besonders deutlich wurde das im Panel „Build, Buy or Wait? Wie Rechtsabteilungen heute strategisch entscheiden“. Martin Clemm (Ex-General-Counsel, Software AG), Dr. Valesca Molinari (General Counsel, Payrails), Mareike Petrowitsch (General Counsel, Urban Sports Club) und Dr. Katharina Reus (General Counsel, HARTMANN GROUP) diskutierten unter der Moderation von Tobias Voßberg offen über eigene Fehlentscheidungen bei Build-or-Buy-Fragen – bewusst ohne Tool-Demos. Der Tenor: Eine KI-Strategie, die losgelöst von der übergeordneten Unternehmensstrategie entwickelt wird, scheitert in der Praxis meist. Erfolgreicher sind Rechtsabteilungen, die neue Tools in bestehende Gesamtprozesse einbetten, statt parallele Insellösungen aufzubauen – auch wenn das bedeutet, mit vorhandenen Systemen zu arbeiten, statt auf das nächste große neue Tool zu warten.
Verschiebung zwischen Kanzleien und Rechtsabteilungen
Wie weitreichend dieser Trend bereits ist, zeigte die Sneak-Preview des „Legal Tech Monitor 2026“, den Dr. Lauritz Gerlach vorstellte: 57% der befragten Unternehmensjuristinnen und -juristen erledigen mittlerweile selbst, was vor zwei bis drei Jahren noch an Kanzleien ausgelagert wurde. 73% würden Mandate gezielt bei Kanzleien bündeln, die durch KI nachweislich Kosten senken. 39% der Kanzleien haben ihre Abrechnungsmodelle als Reaktion bereits angepasst. Das bedeutet: Der Preisdruck über Legal-Tech-Effizienz wird zum Wettbewerbsfaktor – wer hier nicht liefert, verliert Mandate an schnellere Wettbewerber. Die vollständige Studie erscheint Ende 2026.
Vom Pilotprojekt zur Praxis
Wie sich das im Arbeitsalltag konkret niederschlägt, demonstrierte die Session „Show, don’t sell: Praktische AI Use Cases“ – bewusst ohne Sales-Pitches, sondern mit Tool-Beispielen aus dem juristischen Alltag. Der Fokus lag auf Anwendungen, die bereits im Regelbetrieb laufen, statt auf Zukunftsvisionen.
Faktor Mensch
Dass technologische Reife allein nicht reicht, machte Wirtschaftspsychologin Vera Starker in ihrer Keynote „KI braucht Fokus“ deutlich. Ihre These: Wenn KI Routineaufgaben abnimmt, sollte die frei werdende Zeit nicht automatisch mit neuen Aufgaben gefüllt werden – Konzentration und Erholung sind Voraussetzung für gute juristische Entscheidungen, nicht deren Gegenteil. Wer KI-Rollouts als reines Effizienzprojekt plant, übersieht das. Hängen blieb ferner ihr Satz: „Früher hatten alle Rücken, heute haben alle Hirn.“
Politischer Rahmen
Den politischen Rahmen steckte Bundesjustizministerin Dr. Stefanie Hubig ab: KI erleichtere den Zugang zum Recht, ersetze aber nicht die menschliche rechtliche Entscheidung – gerade angesichts KI-generierter Schriftsätze mit halluzinierten Inhalten, die Gerichte zusätzlich belasten. Direkt im Anschluss weitete Legal Futurist Dr. Abir Haddad (Institute for Legal Transformation) mit ihrer Keynote „Exploring Global Perspectives: How to build future legal systems“ den Blick international: Sie legte dar, wie unterschiedlich Staaten auf vergleichbare technologische Herausforderungen reagieren, und fragte, welche Prinzipien künftige Rechtsrahmen prägen müssen, um Innovation zu ermöglichen und zugleich Vertrauen und Legitimität zu sichern. Im Panel „Future-Proof-Law“ diskutierten anschließend Dr. Abir Haddad, Dr. Anna Sinell, Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales, und der Brandenburger Justizstaatssekretär Ernst Bürger, wie Recht von Beginn an digital vollziehbar gedacht werden kann – etwa über einen „digitalen Gesetzeszwilling“. Wie kontrovers die Frage der Automatisierbarkeit von Recht selbst diskutiert wird, verdeutlichte am Nachmittag die Debatte „Law as Code“ zwischen Dr. Hakke Hansen (SPRIND) und Prof. Dr. Volker Römermann (Römermann Rechtsanwälte) im Pro-und-Contra-Format.
Den Abschluss des Tages setzte Dr. Markus Richter, Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, mit einer politischen Closing-Keynote.
Geschäftsmodelle unter Druck
Dass technologischer Wandel auch für Legal-Tech-Anbieter selbst existentielle Konsequenzen hat, bewies das Panel „Pivot or Die“. Elizabeth Teutenberg (MieterEngel), Dr. Roger Gothmann (Taxdoo), Dr. Benedikt Quarch (RightNow) und Charlotte Kufus (Flank) berichteten unter Moderation von Dr. Jan Wildhirth ungeschönt über Wendepunkte, Fehlentscheidungen und teils gescheiterte Geschäftsmodelle. Das ist auch für Kanzleien und Rechtsabteilungen relevant: Wer Legal-Tech-Tools einkauft, sollte die Stabilität des Anbieters ebenso prüfen wie die Produktqualität. Für Legal-Tech-Unternehmen selbst bleibt Anpassungsfähigkeit entscheidend.
Hands-on am Vorabend
Bereits am Vorabend, bei der Legal Tech Night, ging es in einem Roundtable und einem parallel stattfindenden Workshop sehr konkret zur Sache. Unter Leitung von Lucie Höllfritsch (tact), Dr. Nils Feuerhelm (Libra) und dem LTV-Vorstandsvorsitzenden Stefan Schicker tauschte sich eine Runde über reale Erfahrungen mit Legal AI in der Kanzleipraxis aus – Rollout-Hürden, erste „Learnings“, was im Tagesgeschäft tatsächlich trägt. Parallel bauten Teilnehmende im Workshop „AI Legal Lab“ unter Anleitung von Lisa Spranz (Hugo Boss) und Kilian Springer (Distart) eigene KI-Agenten – ein niedrigschwelliger Einstieg auch für kleinere Kanzleiteams ohne eigene Entwicklungsressourcen. Im Anschluss verlieh der Verband erstmals einen eigenen Preis: Viktor von Essen, Gründer und CEO von Libra, wurde als „Legal Tech Person of the Year“ ausgezeichnet – als Auftakt für die „German Legal Tech Awards 2027“, die der Verband am 18.03.2027 in Berlin vergibt.
Legal Tech Day & Night 2026 machten deutlich: Die Frage ist nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wie gut sie in bestehende Strukturen, Strategien und Teams eingebettet wird – und wer diese Integration schneller schafft als der Wettbewerb.


