KLARTEXT ist das neue kompakte Interviewformat im Deutschen AnwaltSpiegel, das sich in loser Folge mit den disruptiven Veränderungen im Rechtsmarkt beschäftigt. Ziel ist es, einen praxisnahen Einblick in die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung und der KI-Integration aus der Perspektive von Kanzleien und Rechtsabteilungen zu geben. Thomas Wegerich sprach mit Dr. Detlef Haß, Managing Partner Deutschland bei Hogan Lovells.
Deutscher AnwaltSpiegel: KI verändert den Rechtsmarkt grundlegend. Und das disruptiv. Eine zuvor nie gesehene Veränderungsgeschwindigkeit trifft auf ein in weiten Teilen noch immer eher konservatives unternehmerisches Umfeld. – Wie geht Hogan Lovells damit um?
Dr. Detlef Haß: Immer nach unseren Werten: Clients come first. – Wir beraten unsere Mandanten auch dahingehend. Als führende Kanzlei für Innovation treiben wir die Entwicklung zur Anwendung von KI im Rechtsbereich maßgeblich selbst voran: Wir führen in der rechtlichen Beratung zu KI-Themen und wir haben unsere Legal-Tech-Aktivitäten in einem eigenen Unternehmen gebündelt, das unter der Brand ELTEMATE im Markt auftritt. ELTEMATE hat ein eigenes Band-1-Ranking von Chambers im Bereich Legal-Tech und hat diverse Preise gewonnen. Dort arbeiten von Silicon Valley bis Tokio über 100 Software-Experten, KI-Spezialisten sowie Anwälte und Anwältinnen und ein Managementteam. Sie begleiten uns auf der einen Seite mit ihrer technischen Expertise bei der Nutzung unserer internen KI-Tools und designen auf der anderen Seite gemeinsam mit unseren Rechtsexperten und Mandanten maßgeschneiderte neue KI-Tools auf einer eigenen, sicheren Nutzeroberfläche. ELTEMATE bietet unseren Mandanten und auch ausgewählten anderen Kanzleien maßgeschneiderte Lösungen für spezifische Probleme und Anwendungen an. Schaut man etwas weiter in die Zukunft, wird der Einsatz von KI sich nach unserer Einschätzung ganz natürlich anfühlen. KI wird nahtlos in sämtliche Arbeitsprozesse integriert sein – als selbstverständlicher Bestandteil der täglichen Arbeit von Anwälten. Und Mandanten erwarten den Einsatz von KI. Juristische Fachkräfte werden entsprechend geschult und so die Technologie verantwortungsvoll, reflektiert und mit fachlicher Souveränität nutzen, um effizienter erstklassige Lösungen anzubieten. Das bildet die Grundlage für starke und langfristige Mandatsbeziehungen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Erwarten Sie einen Paradigmenwechsel? Werden weniger Associates eingestellt, weil KI viele juristische Aufgaben übernimmt, die bisher jungen Berufsträgern vorbehalten waren? Wie verändert das die Ausbildung von Associates in Wirtschaftskanzleien? Und was bedeutet das für die Gehaltsspirale, die seit vielen Jahren – bisher – nur die Richtung nach Norden kennt?
Dr. Detlef Haß: Eines ist für uns klar: Der Anwalt, der Legal-Tech-Tools nutzt, wo das sinnvoll ist, hat eine Zukunft. Entsprechend haben wir intern und mit unseren Mandanten Plattformen etabliert, auf denen Use-Cases erörtert, Erfahrungen ausgetauscht und neue Arbeitsprozesse definiert werden. Unser internes Digital-Transformation-Forum ist so eine Plattform, zu der alle Mitarbeitenden in Deutschland, d.h. vom Anwalt über die Projektassistenz bis hin zu wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, eingeladen sind. Trotz aller Diskussionen über den Bedarf an Neueinstellungen, haben wir auch in 2025 unsere Kapazität erhöht, das heißt, wir hatten im Jahr 2025 im Durchschnitt mehr Fee-Earner in Deutschland als im Vorjahr. Der Umgang mit Legal-Tech ist ein fester Bestandteil unseres HL-Learn-Programms. Affinität zu Legal-Tech-Themen ist eine Einstellungsvoraussetzung bei Hogan Lovells, für alle Jobs.
Deutscher AnwaltSpiegel: Was folgt aus der absehbaren Entwicklung im Rechtsmarkt für das Geschäftsmodell von Hogan Lovells? Braucht es neue Rollen, neue Qualifikationen bei den Berufsträgern? Wenn ja: Welche?
Dr. Detlef Haß: Die Fortentwicklung der Produktionsmethoden von Rechtsdienstleistern ist nichts Neues: Schriftsätze ebenso wie Vertragsentwürfe wurden früher von Hand geschrieben und abgetippt, dann wurden sie diktiert, später von Anwälten in Textverarbeitung geschrieben und durch das Sekretariat formatiert. Nun werden sie teilweise von Legal-Tech-Tools erstellt, jedenfalls in einer ersten Entwurfsfassung, sie werden von Legal-Tech-Tools überarbeitet (Typos, Formulierungen, Übersetzungen, Formatierung). Dabei entstehen andere Produkte als zuvor: Auch das zunächst handgeschriebene oder diktierte Arbeitsprodukt sah anders aus als ein Arbeitsprodukt des Jahres 2015 ohne KI. In der Industrie würde man sagen: Die Fertigungstiefe ist eine andere. Und entsprechend kann ein Fee-Earner heute etwas anderes als ein Fee-Earner des Jahres 1990.
Deutscher AnwaltSpiegel: Konkret: Welche Erwartungshaltung Ihrer Mandanten in Bezug auf den Einsatz von KI können Sie feststellen? Und was heißt das für Vergütungsmodelle im Rechtsmarkt? – Die Billable Hour ist schon sehr oft totgesagt worden. Läutet KI jetzt das Sterbeglöckchen?
Dr. Detlef Haß: Unsere Mandanten erwarten, dass wir Legal-Tech-Tools einsetzen. Wenn wir es tun, wollen sie häufig ganz genau wissen, ob mit Abstrichen an der Qualität zu rechnen ist. Der oft beschriebene Trend zu Fixed Fees geht nur so weit, als der Aufwand weiterhin anhand der Billable Hour gemessen wird. Mandanten sind selten bereit, ein Premium zu bezahlen, soweit der nach Zeit bemessene Aufwand bekannt oder messbar ist. Solange die Produktion überwiegend toolgetrieben stattfindet, fällt dieser Maßstab weg und der Markt ist wie immer offen für andere Maßstäbe. Die kurze Antwort ist also: Nein, die Billable Hour ist nicht tot, aber alternative Modelle werden nun für alle Seiten immer interessanter.
Deutscher AnwaltSpiegel: Der Blick in die Glaskugel: Wie wird der zunehmende Einsatz von KI den Rechtsmarkt verändern in zwei und in fünf Jahren? – „Doomsday ahead“ oder (doch) weiter „Business as usual“?
Dr. Detlef Haß: Wir rechnen mit einer weiteren Teilung des Marktes, und in den verschiedenen Segmenten erwarten wir eine Konsolidierung. Weiterhin rechnen wir damit, dass die Beratungstätigkeit von Anwälten und Anwältinnen noch personenbezogener und strategischer werden wird.
Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Haß, vielen Dank für die wertvollen Einblicke, die Sie unseren Lesern gewährt haben.


