Das EU-AML-Paket

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Mit dem im Frühjahr 2024 verabschiedeten EU-AML-Paket hat die Europäische Union die wohl tiefgreifendste Reform ihrer Geldwäscheprävention seit den 1990er Jahren eingeleitet. Für uns als Gruppe Deutsche Börse – ein zentraler Akteur im Herzen der europäischen Kapitalmärkte – bedeutet dieser Wandel weit mehr als eine bloße Novellierung von Vorschriften. Es ist ein fundamentaler Paradigmenwechsel, der unser regulatorisches Umfeld, unsere Prozesse und unsere strategische Ausrichtung nachhaltig prägen wird.

Als Gruppengeldwäschebeauftragter blicke ich auf dieses Paket mit einer dualen Perspektive: Einerseits erkenne ich die signifikanten Herausforderungen und den immensen Implementierungsaufwand, der auf uns zukommt. Andererseits – und das möchte ich betonen – sehe ich klare und weitreichende Chancen, die Integrität unseres Finanzplatzes zu stärken und die Effizienz unserer Abwehrmaßnahmen auf ein neues Niveau zu heben.

Ein neuer Ordnungsrahmen: Harmonisierung statt Flickenteppich

Was die bisherigen Richtlinien nicht leisten konnten – nämlich einheitliche, unmittelbar gültige Standards in allen Mitgliedstaaten zu schaffen – gelingt nun durch die Einführung einer direkt anwendbaren Anti-Money Laundering Regulation (AMLR). Sie ersetzt die bisherige Richtlinienlogik durch ein „Single Rulebook“, das ab dem 10.07.2027 europaweit gilt. Damit reagiert die EU auf das wiederkehrende Problem eines Flickenteppichs nationaler AML-Regime, der zu strukturellen Lücken, unterschiedlichen Schwellenwerten und ineffizienter Zusammenarbeit führte. Indem die AMLR nun direkt gilt, ohne nationale Übersetzungsspielräume, schafft die EU erstmals ein einheitliches, robustes Fundament.

Ergänzt wird dies durch die sechste Geldwäscherichtlinie (AMLD6), die die nationalen Systeme – insbesondere die Rollen und Befugnisse der Financial Intelligence Units (FIUs) und die Zusammenarbeit der Behörden – strukturell modernisiert.

Ein besonderer Einschnitt ist die Gründung der neuen EU-Behörde AMLA, die mittlerweile ihre Arbeit in Frankfurt am Main aufgenommen hat. Ab 2028 wird sie rund 40 grenzüberschreitend tätige Hochrisikoinstitute direkt beaufsichtigen. Dass Frankfurt als Sitz ausgewählt wurde, ist ein starkes Signal – gerade für Finanzmarktinfrastrukturen, die hier eine zentrale Rolle bei der Sicherstellung der Marktintegrität übernehmen.

Was ändert sich konkret – und warum ist das relevant?

Die Reform berührt nahezu alle Bereiche der Geldwäscheprävention. Die erweiterte Liste der Verpflichteten reicht nun von Kryptodienstleistern über Crowdfundingplattformen bis hin zu Händlern hochpreisiger Güter. Selbst der Profifußball fällt künftig unter das Regime – ein Bereich, der aufgrund opaker Strukturen und hoher Finanzströme bislang kaum reguliert war und ab 2029 vollständig unter die AMLR fallen wird.

Ebenfalls harmonisiert wird der Einsatz von Bargeld: Transaktionen über 10.000 Euro dürfen künftig nicht mehr bar abgewickelt werden. Gleichzeitig werden identitätsbezogene Prüfpflichten verschärft und das Regime der verstärkten Kundensorgfaltspflichten neu strukturiert: Die AMLR führt erstmals zwingende Entscheidungsketten, Exitvorgaben und klare Prohibitionen ein. Die Fortführung einer Geschäftsbeziehung wird damit nicht mehr nur durch risikobasierte Abwägungen, sondern durch harte Rechtsvorgaben bestimmt. Für komplexe Strukturen, PEP-Konstellationen oder Korrespondenzbankbeziehungen bedeutet das: Die Anforderungen steigen signifikant.

Ein weiterer zentraler Schritt ist die Modernisierung der Registerlandschaft. AMLR und AMLD6 führen eine europaweite Vernetzung der Register zu wirtschaftlich Berechtigten ein – einschließlich historischer Datensätze –, schaffen eigene Regelwerke für Krypto- und Wertpapierkonten und erweitern die Abrufrechte für FIUs und die AMLA erheblich.

Risiken und Herausforderungen: Eine Transformationsaufgabe von historischem Umfang

Aus der Sicht eines gruppenweit verantwortlichen Geldwäschebeauftragten stellt die Implementierung eine Transformationsaufgabe von historischem Umfang dar, die vier zentrale Herausforderungen mit sich bringt:

  • Komplexität und Programm-Management: Die Harmonisierung reduziert zwar die Fragmentierung, erhöht aber gleichzeitig die Komplexität der Umsetzung. Bis 2029 entstehen fast 100 neue Vorgaben, Leitlinien und technische Standards – eine dichte Reformkurve, die nur mit strukturiertem Programm-Management beherrschbar ist.
  • Daten als kritischer Erfolgsfaktor: Die Integration von Informationen zu wirtschaftlich Berechtigten, Konto- und Immobilienregistern sowie Krypto-Wallet-Daten in konzernweite KYC- und Monitoring-Systeme verlangt erhebliche Investitionen in Architektur, Datenqualität und Kontrollmechanismen. Die Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit – etwa im Kontext künstlicher Intelligenz im Transaktionsmonitoring – steigen exponentiell.
  • Die neue Dimension der Aufsicht: Die AMLA bringt eine neue Intensität der Aufsicht. Selbst Unternehmen, die nicht direkt beaufsichtigt werden, müssen mit einer deutlich konvergenteren, strengeren Aufsichtskultur rechnen. Für die ausgewählten Finanzgruppen bedeuten die direkte AMLA-Aufsicht und gemeinsame Prüfungen eine völlig neue Erfahrung.
  • Gruppenweite Steuerung: Besonders anspruchsvoll wird die Umsetzung gruppenweiter Pflichten nach Artikel 16 AMLR. Konzernweit einheitliche Risikobewertungen, Informationsaustauschprotokolle und Governancemodelle betreffen alle Niederlassungen – einschließlich solcher in Drittländern. Damit wird aus einem bisher oft lokalen Thema ein verbindliches, strategisches Konzernsteuerungsinstrument.

Die Chancen: Mehr Integrität, mehr Effizienz, mehr Vertrauen

So anspruchsvoll die Umsetzung ist – die potentiellen Vorteile sind beträchtlich. Die größte Chance liegt in der Schaffung eines echten „Level Playing Fields“. Anstatt 27 verschiedene nationale Gesetze managen zu müssen, können wir unsere Complianceprozesse EU-weit standardisieren. Dies steigert die Effizienz, senkt die Komplexität und erhöht die Rechtssicherheit.

Diese Standardisierung ermöglicht es uns, Ressourcen zu bündeln und in eine zentrale, hochmoderne technologische Infrastruktur zu investieren. Registerinterkonnektivität, verbesserte Datenqualität und klarere Vorgaben für verstärkte Sorgfaltspflichten ermöglichen schnellere, robustere Entscheidungen. Für Marktinfrastrukturen bedeutet das: Die Gatekeepingrolle wird gestärkt, die Qualität der Teilnehmerprüfung steigt und grenzüberschreitende Prozesse werden erleichtert.

Auch die AMLA kann zu einem echten Integrationsmotor werden. Durch die Koordination der nationalen Aufsichten und die Bündelung von FIU-Analysen entsteht ein kohärenteres Aufsichtsumfeld. Langfristig wird dies die Resilienz und Integrität des europäischen Finanzsystems weiter stärken und das Vertrauen internationaler Investoren festigen.

Fazit: Ein neues Kapitel der europäischen Finanzmarktintegrität

Das EU-AML-Paket ist ein historischer Wendepunkt. Für Verpflichtete bedeutet es eine anspruchsvolle, aber wertvolle Transformation. Die kommenden Jahre werden geprägt sein von Modernisierung, Harmonisierung und der Schaffung eines europaweit einheitlichen AML-Ökosystems. Wer frühzeitig investiert, Governancemodelle stärkt und Datenqualität professionalisiert, wird am Ende nicht nur regulatorisch konform sein, sondern auch von höherer Effizienz, Transparenz und Reputation profitieren.

Europa setzt damit ein klares Zeichen: Geldwäscheprävention ist nicht mehr ein nationales Randthema, sondern ein strategischer Pfeiler der Finanzmarktstabilität – und die AMLA in Frankfurt wird dieses neue Kapitel sichtbar prägen. 

Autor

Jens Oliver Kreiter Deutsche Börse AG, Frankfurt am Main Director, Head of Group Anti-Money Laundering, Group Compliance, Group Anti Financial Crime

Jens Oliver Kreiter

Deutsche Börse AG, Frankfurt am Main
Director, Head of Group Anti-Money Laundering, Group Compliance, Group Anti Financial Crime


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