Osborne Clarke (OC) feiert in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum im deutschen Rechtsmarkt. Eine lange Zeit, eine erfolgreiche Zeit, die durch beständiges Wachstum und zunehmende Internationalisierung, Spezialisierung und konsequente Ausrichtung auf wichtige Sektoren geprägt ist. Das alles hätte sich Jeremiah Osborne im Jahr 1748 sicher nicht vorstellen können, als er die Kanzlei in Bristol gründete. OC steht damit heute in einer langen Tradition. Der stete Blick in die Zukunft und auf Zukunftsthemen im Rechtsmarkt ist unabhängig davon ein Markenzeichen der Sozietät. Thomas Wegerich sprach mit dem deutschen Managing Partner Nicolas Gabrysch.
25 Jahre Osborne Clarke in Deutschland – wie geht es weiter?
Deutscher AnwaltSpiegel: Osborne Clarke feiert 2026 in Deutschland das 25-jährige Jubiläum. Sie selbst sind nahezu seit Beginn dabei, sind als Referendar bei OC gestartet und haben die Entwicklung der Kanzlei seither maßgeblich mitgeprägt. Seit dem 01.08.2025 sind Sie deutscher Managing Partner. Sie stehen damit als dritter deutscher Managing Partner von OC in der Nachfolge von Stefan Rizor, der OC in Deutschland gegründet hat, und Carsten Schneider, der den Staffelstab zwölf Jahre lang weitergetragen hat. Ihre beiden Vorgänger haben Osborne Clarke erfolgreich im deutschen Rechtsmarkt positioniert. Wenn Sie auf diese 25 Jahre zurückblicken: Was ist heute noch (und auch in der Zukunft) „typisch“ Osborne Clarke? – Als Beispiel: Es gab vor Jahren diesen wunderbaren Recruiting-Claim von OC: „Von den Guten die Netten“. Was sollte sich in den kommenden Jahren verändern – oder beibehalten werden –, damit die Kanzlei auch ihr nächstes Jubiläum erfolgreich gestalten kann?
Nicolas Gabrysch: 25 Jahre sind in der Welt der Wirtschaftskanzleien keine Selbstverständlichkeit – sie sind ein Beweis dafür, dass wir von Anfang an das Richtige getan haben: nah am Mandanten, fokussiert auf zukunftsträchtige Sektoren und mit einem klaren kulturellen Profil. Wir sind als Kanzlei bekannt, die aus guten Menschen besteht – kollaborativ, kollegial und unterstützend. Dieser Ruf ist kein Marketing-Claim, sondern gelebte Realität. Der alte Recruiting-Slogan „Von den Guten die Netten“ trifft das Selbstverständnis noch immer gut – wir wollen ihn aber weiterentwickeln: Wenn eine Kultur Harmonie priorisiert, ohne Verantwortlichkeit gleichermaßen zu betonen, kann sie zu weniger pragmatischen und kommerziellen Verhaltensweisen führen. Deshalb ist unser Anspruch für die kommenden Jahre klar formuliert: Wir wollen noch mehr Ambition, Klarheit und Verantwortlichkeit in unsere Arbeitsweise bringen – ohne dabei Respekt und Menschlichkeit zu opfern.
Wir glauben, dass die Zukunft nicht individuellen Stars, sondern Teams gehört, die das Beste ineinander hervorbringen – talentierte Menschen, die auf einen gemeinsamen Zweck hinarbeiten, sich konstruktiv herausfordern und gemeinsam Mehrwert für Mandanten und füreinander schaffen. Das ist das Fundament, das bleibt.
Vom klassischen Kanzleigeschäft (auch) zum integrierten Beratungsangebot
Deutscher AnwaltSpiegel: Mit Osborne Clarke Solutions hat die Kanzlei früh eine Einheit für Legal-Tech und Service-Innovation aufgebaut, die inzwischen Technologie, Legal-Engineering, Daten und KI mit juristischer Beratung verbindet. Gereon Abendroth, Ihr Partner im OC-Management, treibt das Projekt mit Elan voran. Meine Frage ist: Welche Rolle wird Osborne Clarke Solutions zukünftig im Geschäftsmodell von OC spielen: eher internes Innovation-Lab, Generierung eigenständigen Geschäfts oder integraler Bestandteil eines neuen, technologiegestützten Beratungsangebots? Oder alles davon? Was darf der Rechtsmarkt erwarten?
Nicolas Gabrysch: Die kurze Antwort: alles davon – und mehr. Osborne Clarke Solutions ist kein isoliertes Experiment, sondern Teil einer fundamentalen strategischen Ausrichtung. Wir bewegen uns von einer tech-gestützten zu einer KI-nativen Kanzlei – wir betten Technologie, Daten und KI in das Herzstück unserer Arbeit ein. Osborne Clarke Solutions ist dabei das operative Scharnier zwischen juristischer Exzellenz und technologischer Umsetzung.
Wir nutzen Technologie, um die Ausführung komplexer Mandate zu verbessern, Risiken zu managen, grenzüberschreitend zu kollaborieren, Aufträge zu bewerten und zu bepreisen sowie insgesamt eine überlegene Mandantenerfahrung zu schaffen. Das ist kein internes Innovation-Lab-Denken mehr – das ist die Mitte unseres Geschäftsmodells. KI-nativ zu werden befreit unsere Menschen von gering wertschöpfenden Aufgaben und bietet stattdessen anspruchsvollere Arbeit, die mehr Urteilsvermögen, Kreativität und menschliche Verbindung erfordert.
Indem wir uns auf die Rechtsdienstleistungen konzentrieren, für die wir bekannt sind, und auf jene, für die wir in Zukunft bekannt sein wollen, vertiefen wir unsere Expertise – und öffnen die Tür zu komplexeren, strategischeren und profitableren internationalen Mandaten, die weniger anfällig für Kommoditisierung und den Einfluss von KI sind. Osborne Clarke Solutions ist der Motor dahinter.
Die strategische Agenda für die kommenden Jahre
Deutscher AnwaltSpiegel: Das Management unter Ihrer Führung hat früh angekündigt, die deutsche und internationale Strategie weiterzuentwickeln, technologische Potentiale stärker in die anwaltliche Praxis zu integrieren und das Kanzleiprofil von OC im Markt weiter zu schärfen. Wo möchten Sie Osborne Clarke in drei bis fünf Jahren sehen – mit Blick auf den Umsatz, die strategischen Geschäftsfelder sowie die Positionierung im deutschen Rechtsmarkt? Die für viele Marktbeobachter seit langem spannende Frage nach einem weiteren Standort in Deutschland ist nun geklärt: Anfang September 2026 hat OC ein Büro in Frankfurt am Main eröffnet. Zeitgleich mit einem Launch in Luxemburg. Bitte erklären Sie unseren Lesern diesen strategischen Move und die damit verbundenen Erwartungen Ihrer Sozietät. – Wie sehen Wachstumsszenarien aus, insbesondere in Frankfurt am Main?
Nicolas Gabrysch: Unser Nordstern ist eindeutig: Wir wollen bis 2030 eine schärfere, stärkere, wirklich internationale Kanzlei werden und haben einen klaren Wachstumspfad sowie klare Wachstumsziele definiert.
Die Eröffnung der Büros in Frankfurt am Main und Luxemburg ist dabei kein Zufall und kein Opportunismus – es ist konsequente Strategieumsetzung. Wir investieren gezielt in Europa, wo die Nachfrage wächst und der Wettbewerb intensiver wird – das schließt die Stärkung regulatorischer Kapazitäten in Brüssel und die Gründung eines Luxemburger Büros ein, das zunächst vor allem Transaktionsmandate, aber auch Finanzregulierung und IT-Mandate unterstützen soll. Frankfurt am Main ist der logische nächste Schritt: Als Finanzmetropole, Dreh- und Angelpunkt für Private Equity und internationales M&A-Geschäft sowie regulatorische Transaktionen ist der Standort für uns der Zugang zu Mandaten, die wir bisher nicht oder nur eingeschränkt bedienen konnten. Wir wollen dort primär in unseren wesentlichen Sektoren wachsen: Technology, Media & Telecommunications, Energy & Energy Transition sowie Life Sciences & Healthcare.
Im Jahr 2026 starten wir auch mit der Fokussierung auf weitere Kernangebote: Transactions, Disputes & Regulatory. Frankfurt am Main ist für Transactions & Regulatory unmittelbar relevant – und wird sich zu einem eigenständigen Wachstumszentrum für Osborne Clarke in Deutschland entwickeln.
KI verändert die Ausbildung der NextGen
Deutscher AnwaltSpiegel: Wenn KI zunehmend Recherche, Dokumentenanalyse, Vertragsprüfung und andere Aufgaben übernimmt, die traditionell zum Training on the Job junger Anwälte gehör(t)en, verändert sich zwangsläufig die Ausbildung von Berufseinsteigern. Zudem werden Mandanten für diese anwaltlichen Dienstleistungen nicht mehr (oder doch erheblich weniger) zahlungsbereit sein. All das sehen wir ja bereits im Rechtsmarkt. Meine Frage ist: Wie werden Sie bei OC damit umgehen und sicherstellen, dass Associates weiterhin das juristische Handwerk von Grund auf lernen? Wir sehen auch bereits, dass das seit vielen Jahren selbstverständliche (und dem Geschäftsmodell der Wirtschaftskanzleien immanente) personelle Wachstum faktisch zum Stillstand gekommen ist. Was bedeutet das alles für hochqualifizierte Jungjuristen und deren Vergütung sowie für das Geschäftsmodell von Wirtschaftskanzleien?
Nicolas Gabrysch: Das ist eine der ehrlichsten und wichtigsten Fragen, die wir uns als Branche stellen müssen. Wenn die aktuellen KI-Adoptionsraten anhalten, können Juristen damit rechnen, eine erhebliche Anzahl an Stunden ihrer Arbeitszeit jährlich freizusetzen, was die Ökonomie der Rechtsdienstleistung fundamental verändern wird. Das stimmt. Und es stimmt auch, dass dies das klassische Pyramidenmodell der Wirtschaftskanzlei unter Druck setzt.
Unsere Antwort bei Osborne Clarke ist: Wir bilden nicht weniger aus – wir bilden anders aus. Wir wollen eine Kultur der Neugier, des Lernens und des Wachstums fördern; AI Literacy ist dabei ein explizites Entwicklungsziel. Associates, die heute zu uns kommen, müssen KI nicht fürchten – sie müssen sie souverän einsetzen lernen. Technologie und KI werden zur Verstärkung von Expertise eingesetzt – ausdrücklich nicht als Ersatz dafür.
Was die Vergütung angeht: Wir entwickeln unser Vergütungsmodell konsequent weiter. Ein erweitertes Bonussystem incentiviert bei Associates und Counsel auch Business-Development sowie Wissen, Weiterbildung und People-Development als eigenständige, bonusrelevante Zieldimensionen. Das ist ein Signal: Wer die nächste Generation ausbildet, wird dafür anerkannt.
Der Blick in die Glaskugel: Was bedeutet „Anwalt sein“ in zwei, fünf und zehn Jahren?
Deutscher AnwaltSpiegel: Sie, lieber Herr Gabrysch, kommen selbst aus einem Bereich, der stark von Venture-Capital (VC), Innovation, Start-ups und technologischer Transformation geprägt ist. Wenn Sie heute einen jungen Juristen einstellen, der gerade sein Studium beendet hat: Welche Eigenschaften und Kompetenzen sind unverzichtbar, um in einer KI-affinen Kanzlei wie Osborne Clarke langfristig erfolgreich zu sein? Im Zusammenhang damit: Welche Aufgaben werden Anwälte in zwei, fünf oder zehn Jahren noch selbst erledigen – und welche werden sie an KI, Legal-Tech-Anbieter und andere Spezialisten delegieren?
Nicolas Gabrysch: Ich komme aus dem VC- und Start-up-Umfeld, und dort gilt: Wer die Transformation nicht aktiv mitgestaltet, wird von ihr gestaltet. Das gilt auch für den Anwaltsberuf.
In zwei Jahren wird der Anwalt primär Dirigent sein: Er delegiert Recherche, Dokumentenanalyse und erste Vertragsentwürfe an KI-Systeme, prüft, schärft und verantwortet das Ergebnis. Technische Basiskompetenz in KI-Tools ist Pflicht, kein Bonus.
In fünf Jahren werden sich die führenden Kanzleien durch die Qualität ihrer menschlichen Urteils- und Beratungsleistung differenzieren – nicht durch Stundenvolumen. Führende Kanzleien nutzen KI, um Urteilsvermögen und Qualität zu verstärken, nicht zu ersetzen, und ermöglichen es Juristen, sich auf höherwertige Beratungsarbeit zu konzentrieren. Gefragt sind Anwälte, die Sektorzusammenhänge verstehen, regulatorische Entwicklungen antizipieren und Mandanten auf Augenhöhe beraten.
In zehn Jahren wird der Anwalt primär strategischer Partner sein. Der echte Wert eines Rechtsberaters liegt darin, unterschiedliche Aspekte zusammenzubringen und einzuschätzen, wie Behörden, Gerichte und Verhandlungspartner wahrscheinlich reagieren werden – das ist etwas, das KI nicht gut beherrschen wird.
Was wir von Berufseinsteigern heute verlangen: Neugier, Experimentierfreude, kontinuierliche Verbesserung und die Bereitschaft, die eigene Arbeitsweise laufend weiterzuentwickeln. Dazu kommen juristische Exzellenz als Fundament, sektorales Tiefenwissen, Mandantenorientierung und die Fähigkeit, in internationalen Teams zu denken und zu handeln. KI-nativ zu werden bedeutet, dass unsere Menschen sich auf das konzentrieren können, was wirklich zählt: Vertrauen, Urteilsvermögen und menschliche Verbindung. Das ist das Berufsbild der Zukunft – und ich freue mich darauf.
Deutscher AnwaltSpiegel: Lieber Herr Gabrysch, vielen Dank für Ihre Offenheit und für die Einblicke, die Sie unseren Lesern gegeben haben. Osborne Clarke ist seit 2009 einer der Gründungspartner des Deutschen AnwaltSpiegels. Wir freuen uns darauf, die weitere dynamische Entwicklung der Sozietät mitzuverfolgen und zu begleiten.


