Stichtag 01.07.2026: Die bislang größte Kanzleifusion in den internationalen Rechtsmärkten ist vollzogen worden. Die internationale Großkanzlei Hogan Lovells und die traditionsreiche Wall-Street-Sozietät Cadwalader, Wickersham & Taft haben sich als Hogan Lovells Cadwalader zusammengeschlossen. Das neue transatlantische Schwergewicht steht für derzeit 3,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und hat 3.100 Anwälte und Anwältinnen in den Regionen Americas, EMEA und APAC in seinen Reihen. Lauter Superlative. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen. Auch mit Blick darauf, was diese Megafusion für den deutschen Rechtsmarkt und für Mandanten der neuen Einheit bedeutet. Thomas Wegerich sprach mit Dr. Detlef Haß, dem deutschen Managing Partner von Hogan Lovells Cadwalader.
Deutscher AnwaltSpiegel: Warum ist der Zusammenschluss mit Cadwalader für Hogan Lovells der strategisch richtige Schritt – und welches globale Ziel verfolgen Sie damit konkret?
Dr. Detlef Haß: Der Zusammenschluss ist vor allem eine Antwort auf eine veränderte Realität unserer Mandanten. Internationale Unternehmen erwarten heute eine Beratung, die wirtschaftliche, finanzielle, regulatorische und geopolitische Fragestellungen jeweils bezogen auf ihre Industrien zusammenführt – über Rechtsordnungen und Märkte hinweg.
Mit Cadwalader erweitern wir unsere globale Aufstellung um eine der weltweit führenden Financepraxen. Unser Ziel ist, für unsere Mandanten im Bereich Financial Services mit starken Standorten in New York, Charlotte und London herausragend aufgestellt zu sein. Eine Anmerkung: Wer Charlotte bis vor kurzem nicht kannte, ist damit – jedenfalls in Europa – nicht allein: Charlotte ist nach New York City das größte Finanzzentrum der USA.
Deutscher AnwaltSpiegel: Was bedeutet die Fusion für Deutschland und den hiesigen Rechtsmarkt? Welche Chancen eröffnen sich, wo erwarten Sie Reibungen und – mit Blick auf den starken Financebezug der Fusion – welche Rolle spielen insbesondere Frankfurt am Main, London und New York?
Dr. Detlef Haß: Deutschland gehört zu den zentralen Wachstumsmärkten der Kanzlei. Unser Büro in Frankfurt am Main gewinnt durch die Fusion mit Cadwalader weiter an Bedeutung – als Verbindungsglied zwischen den europäischen Kapitalmärkten und den Finanzzentren London und New York. Diese Achse wird für unsere Mandanten künftig noch wichtiger werden.
Deutschland ist aber weit mehr als ein bedeutender Finanzstandort. Als größte Volkswirtschaft Europas prägt das Land viele regulatorische und industrielle Entwicklungen, die internationale Unternehmen unmittelbar betreffen. Gerade in einem geopolitisch anspruchsvolleren Umfeld wächst der Bedarf an Beratung, die globale Perspektiven mit einem tiefen Verständnis des europäischen Rechts- und Regulierungsrahmens verbindet. Darauf ist unser Beratungsspektrum in Deutschland ausgerichtet, das wir nun auch unseren neuen Mandanten zur Verfügung stellen. Sie werden auf unsere Erfahrung in hochregulierten Branchen wie Automotive, Chemicals, Defense, Life-Sciences und Healthcare, Energy und Technology zurückgreifen.
Entscheidend ist, dass wir mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen die Vorstellung teilen, wie Mandanten beraten werden. Wir haben dazu eine gemeinsame Haltung, das war ausschlaggebend für unsere Entscheidung für die Fusion.
Deutscher AnwaltSpiegel: Worin liegt aus Mandantensicht der eigentliche Mehrwert dieser Fusion – und warum ist die Kombination beider Häuser mehr als nur ein reiner Größeneffekt?
Dr. Detlef Haß: Der internationale Kanzleimarkt konsolidiert sich – nicht um der Größe willen, sondern weil sich die Anforderungen der Mandanten verändert haben. Unsere Mandanten wollen in allen Sektoren Teams, die Verantwortung übernehmen und komplexe Sachverhalte über Länder- und Fachgrenzen hinweg steuern. Genau darin liegt der Mehrwert unseres Zusammenschlusses. Hogan Lovells Cadwalader verbindet führende Corporate-, Finance-, Regulatory- und Disputes-Kompetenzen. Die Kombination der globalen Präsenz von Hogan Lovells mit der Financeexpertise von Cadwalader versetzt uns in die Lage, Mandanten bei ihren anspruchsvollsten Vorhaben in allen Sektoren in den G20-Volkswirtschaften zu begleiten.
Für unsere Mandanten in Deutschland bedeutet das einen unmittelbaren Mehrwert. Sie bauen weiterhin auf eine starke Full-Service-Praxis vor Ort – erhalten zugleich aber direkten Zugang zu einem der renommiertesten Financeteams in London, den USA, Frankfurt am Main, Paris und Singapur. Diese enge Verzahnung erweitert unsere Möglichkeiten insbesondere bei Transaktionen mit Finanzinstituten, Versicherern und Private-Capital- und Private-Debt-Investoren.
Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Mandate oder Mandantensegmente sollen durch die neue Plattform zusätzlich gewonnen werden, die Hogan Lovells oder Cadwalader allein bislang nicht in dieser Form hätten bedienen können?
Dr. Detlef Haß: Die spannendsten Mandate entstehen heute dort, wo mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammenkommen. Unternehmen suchen keine Spezialisten für Einzelprobleme mehr. Sie suchen Beraterinnen und Berater, die Zusammenhänge erkennen und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Cadwalader bringt eine herausragende Financepraxis ein, Hogan Lovells eine weltweit führende Position in stark regulierten Branchen. Daraus ist eine Plattform entstanden, die komplexe Mandate in regulierten Industrien entlang der gesamten Wertschöpfung begleiten kann.
Hinzu kommt ein weiterer, äußerer Wandel: Künstliche Intelligenz (KI) verändert Rahmenbedingungen für die Geschäftsmodelle unserer Mandanten; dabei entstehen neue Aufgaben – und eventuell mehr Aufgaben. Es geht um Governance, Daten, geistiges Eigentum, Produkthaftung und strategische Entscheidungen in diesem Zusammenhang. Es geht aber auch um Reduzierung von Kosten für altbekannte Aufgaben, die bislang nur im Top-Segment von Rechtsberatern begleitet wurden.
In Zukunft kann die Leistung von Rechtsberatern leichter verfügbar werden, weil die preisliche Einstiegsschwelle niedriger liegt. Genau dafür braucht es interdisziplinäre Teams, die Recht, Technologie und Wirtschaft zusammendenken und die in Realtime den Mandanten überall begleiten können. Wir sind mit der Fusion, Standard-KI-Produkten und unserer Technologieeinheit ELTEMATE einzigartig aufgestellt, um unsere Mandanten in diesem Wachstumsmarkt zu begleiten.
Deutscher AnwaltSpiegel: Sie sprechen von einem „integrierten transatlantischen Modell mit Partnern aus beiden Kanzleien“. Wie muss man sich das Vergütungs- und Governancemodell in der Praxis vorstellen?
Dr. Detlef Haß: Der entscheidende Punkt ist, dass wir keine Allianz bilden, sondern eine integrierte Kanzlei mit einheitlicher Kostenstruktur und einem Vergütungsmodell für alle Partner und Partnerinnen. Governance und Vergütung ermöglichen Zusammenarbeit, die nur dem Interesse unserer Mandanten folgt. Das ist gerade bei internationalen Mandaten entscheidend. Der Mandant erwartet, dass wir weltweit das beste Team für seine Herausforderung zusammenstellen. Diese Erfahrung bringen wir bereits mit. Hogan Lovells ist selbst aus einer transatlantischen Fusion entstanden. Wir wissen, dass Integration neben einer einheitlichen Struktur gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Haltung voraussetzt.
Deutscher AnwaltSpiegel: Wie ordnen Sie Hogan Lovells Cadwalader im aktuellen Fusionswettlauf der Großkanzleien ein? Was macht diesen Zusammenschluss einzigartig?
Dr. Detlef Haß: Unsere Stärke liegt in der Balance. Wir verbinden unsere führende Expertise mit einer starken Präsenz in den G20-Märkten. Das macht uns widerstandsfähig. Wir sind nicht von einzelnen Marktzyklen abhängig, sondern können Mandanten in jeder Phase ihres Unternehmens und in jedem Sektor in schlechten und in guten Zeiten begleiten.
Ich glaube deshalb, dass sich künftig diejenigen Kanzleien durchsetzen werden, die die größte strategische Relevanz für ihre Mandanten aus einer Hand oder – aus einer Haltung – bieten. Denn Governance wird immer wichtiger werden.
Deutscher AnwaltSpiegel: Wo liegen die größten Integrationsrisiken in den ersten zwölf bis 24 Monaten – kulturell, organisatorisch oder wirtschaftlich – und woran werden Sie den Erfolg der Fusion messen?
Dr. Detlef Haß: Prozesse und IT-Systeme lassen sich integrieren. Kultur muss man gemeinsam entwickeln. Der eigentliche Erfolg einer Fusion zeigt sich deshalb nicht auf Organigrammen, sondern in der Haltung der Beraterinnen und Berater und der vielen Business-Teammitglieder. Arbeiten unsere Partner selbstverständlich miteinander? Entstehen neue Mandate, weil unterschiedliche Teams ihre Stärken kombinieren? Entwickeln wir Ideen, die keine der beiden Kanzleien allein hervorgebracht hätte?
Ein zweiter Maßstab wird unsere Innovationsfähigkeit sein. KI ist zum neuen Co-Piloten geworden und verändert bereits heute, wie juristische Arbeit erbracht wird. Die entscheidende Frage nach dem Erfolg ist dabei nicht, ob Kanzleien KI einsetzen. Das werden alle tun. Entscheidend ist, wer seine Arbeitsweise neu denkt und Kompetenzen konsequent ausbaut.
Ein dritter Maßstab wird sein, ob wir die besten Talente für uns gewinnen und langfristig halten können. Der Wettbewerb um exzellente Juristinnen und Juristen ist längst global. Die attraktivsten Arbeitgeber werden diejenigen sein, die internationale Mandate, eine starke Kultur und die Möglichkeit bieten, den technologischen Wandel aktiv mitzugestalten.
Deutscher AnwaltSpiegel: Der Blick in die Glaskugel: Wo sehen Sie Hogan Lovells Cadwalader in zwei und in fünf Jahren?
Dr. Detlef Haß: Die Dynamik in unserem Markt ist inzwischen so hoch, dass selbst zwei Jahre ein langer Zeithorizont sind. Der Blick in die Zukunft ist deshalb schwierig – und zugleich besonders spannend.
In zwei Jahren sollte niemand mehr über die Fusion sprechen. Dann ist sie gelebte Realität. Wir sind heute eine der weltweit führenden Top-5-Kanzleien, die die besonderen Stärken und Traditionen beider Häuser verbindet und für ihre Mandanten Beratung an der Schnittstelle von Wirtschaft, Finanzen und Beratung in G20-Märkten ermöglicht. In zwei Jahren werden wir das durch entsprechende Projekte für unsere Mandanten belegen. Auf dieser Basis und unter Nutzung der KI-Dynamik werden wir in besonderem Maße wachsen.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass KI für unsere Teams so selbstverständlich geworden ist wie seit vielen Jahren unsere Laptops oder juristische Datenbanken – als Werkzeuge, die bessere Ideen ermöglichen und mehr Raum für strategische Beratung schaffen. Dafür investieren wir seit Jahren konsequent in Innovation – rund 5% unseres Jahresumsatzes.
Mit ELTEMATE haben wir in den vergangenen fünf Jahren eine der weltweit größten Legal-Tech-Plattformen einer Wirtschaftskanzlei aufgebaut. Gerade für Mandanten in hochregulierten Branchen ist das ein entscheidender Vorteil: Sie brauchen neben Standardlösungen für Standardprobleme auch KI-Tools, die Vertraulichkeit, regulatorische Anforderungen und juristische Premiumlösungen miteinander verbinden. Daher wird sich in fünf Jahren unser Geschäftsmodell spürbar verändert haben. KI wird Routinearbeiten übernommen haben. Der Wert juristischer Beratung wird deshalb noch stärker in Analysefähigkeit, Kreativität und unternehmerischem Urteilsvermögen liegen. Wir wollen diesen Weg für unsere Mandanten mitgestalten.
Deutscher AnwaltSpiegel: Lieber Herr Haß, vielen Dank, dass Sie unseren Lesern diese tiefen Einblicke gewährt haben. Wir werden die weitere Entwicklung von Hogan Lovells Cadwalader – und die erkennbare Tendenz zu transatlantischen Mergers an der Marktspitze in den Rechtsmärkten – weiter verfolgen.


