Währung „Vertrauen“

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Weltweit wird die Annahme, dass stabile staat­liche Rahmenbedingungen allein als verlässliches ­Fundament wirtschaftlichen Handelns dienen können, zunehmend auf die Probe gestellt. Marktteilnehmer agieren mehr und mehr in Umfeldern, in denen Rechtssicherheit, Vertragstreue und institutionelle Stabilität nicht mehr in gleichem Maße gewährleistet sind wie zuvor.


Der aktuelle Corruption Perceptions Index (CPI) 2025 unterstreicht diese Entwicklung. Der Index misst die wahr­genommene Korruption im öffentlichen Sektor auf einer Skala von 0 (hochgradig korrupt) bis 100 (sehr sauber). Mittlerweile erreichen mehr als zwei Drittel der 180 ­untersuchten Länder weniger als 50 Punkte – ein Hinweis darauf, dass Integritätsrisiken in vielen Märkten weiterhin erheblich und ungleich verteilt sind. Für Unternehmen bedeutet dies eine zunehmende Variabilität der Rahmenbedingungen, unter denen sie wirtschaftlich tätig sind.


Dieser Befund steht nicht isoliert da, sondern wird durch eine Reihe aktueller Studien gestützt. Laut dem Edelman Trust Barometer 2025 liegt das Vertrauen in Regierungen global nur noch bei 51%, während Unternehmen ein Kompetenzplus von 16 Prozentpunkten gegenüber staat­lichen Akteuren verzeichneten. Dies bedeutet jedoch keine einfache Verlagerung von Verantwortung, sondern verweist auf eine veränderte Dynamik: Während der öffentliche Sektor weiterhin eine zentrale Rolle bei der Setzung und Durchsetzung von Regeln spielt, wird von Unternehmen zunehmend erwartet, dass sie aktiv steuern, wie sie in Umfeldern agieren, in denen Korruptionsrisiken sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite bestehen.


Parallel dazu verändert sich auch die regulatorische Landschaft. Gesetzgeber entwickeln sich schrittweise von stark detaillierten Vorgaben hin zu stärker prinzipienbasierten Ansätzen, die weniger Prozesse im Detail vorschreiben, sondern stärker auf Ergebnisse abzielen. Aktuelle Entwicklungen wie die Vereinfachung von Berichtspflichten im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verdeutlichen diesen Trend: Die Zielsetzungen bleiben ambitioniert, gleichzeitig erhalten Unternehmen mehr Flexibilität in der Umsetzung und im Nachweis. Damit gewinnt Vertrauen an Bedeutung – insbesondere Vertrauen darin, wie Unternehmen ihre Verpflichtungen interpretieren, umsetzen und in der Praxis belegen.

Ökonomische Effizienz durch kalkulierbare Integrität


In der ökonomischen Theorie senkt Vertrauen die Transaktionskosten, da es Unsicherheit reduziert. Was sich heute verändert, ist weniger dieses Prinzip selbst als vielmehr die Annahme, dass Vertrauen ohne aktives Management extern bezogen werden kann – etwa über Institutionen, Rechtssysteme oder Geschäftspartner. Wo dies nicht mehr uneingeschränkt gilt, steigen die Kosten wirtschaftlichen Handelns messbar. Verträge werden komplexer, Due-Diligence-Prozesse aufwendiger und die Durchsetzung von Ansprüchen unsicherer. Integrität ist damit nicht länger ein Nebenprodukt eines „gut regulierten“ Umfelds, sondern wird zu einer aktiv zu steuernden Größe – insbesondere in Märkten, in denen Anreizstrukturen auf beiden Seiten einer Transaktion nicht deckungsgleich sind.

Diese Entwicklung hat unmittelbare finanzielle Auswirkungen. Laut McKinsey sind institutionelle Investoren bereit, in entwickelten Märkten Prämien von 10 bis 15% für Unternehmen mit starker Governance zu zahlen ­(siehe hier). Zunehmend basieren diese Bewertungen nicht allein auf bestehenden Richtlinien, sondern auf der Fähigkeit, nachzuweisen, dass Integrität tatsächlich in Prozessen, Entscheidungen und der Zusammenarbeit mit Dritten verankert ist.


Die jüngsten Entwicklungen in Immobilien- und Finanzmärkten verdeutlichen, wie schnell Vertrauen erodieren kann, wenn dies nicht gegeben ist. Die Insolvenz der ­Signa-Gruppe vernichtete eben nicht nur Milliardenwerte, sondern setzte auch ein breites Netzwerk von Geschäftspartnern Reputations- und Finanzrisiken aus. Ähnlich drastisch zeigt der Fall der Adler Group, wie Zweifel an Transparenz und Governance das Marktvertrauen innerhalb kürzester Zeit massiv beeinträchtigen können.


iese Beispiele verdeutlichen, wie schnell ­Vertrauen ­verloren geht, wenn Integrität in Frage gestellt wird. ­Investoren, Aufsichtsbehörden und Geschäfts­partner ­erwarten nicht nur formale Kontrollmechanismen, ­sondern belastbare Nachweise ihrer Wirksamkeit. Wo ­diese fehlen, können Kapital und Vertrauen ebenso schnell entzogen werden.


In diesem Umfeld wird Integrität zu einem Differenzierungsfaktor bei der Bewertung von Unternehmen. ­Organisationen, die konsistentes und nachvollziehbares Verhalten – insbesondere in komplexen oder risiko­behafteten Kontexten – belegen können, sind besser ­positioniert, um Investitionen zu sichern, Marktzugang zu ­erhalten und langfristige Partnerschaften zu stabilisieren.


Von der ethischen Option zur rechtlichen Organisationspflicht


Diese Entwicklung ist längst nicht mehr ausschließlich ökonomisch geprägt, sondern wird zunehmend durch ­Regulierung und Rechtsprechung gestützt. In vielen Rechtsordnungen verschiebt sich der Fokus von einer rein regelbasierten Betrachtung hin zu der Frage, ob Unternehmen die Wirksamkeit ihrer Compliancestrukturen in der Praxis nachweisen können.


Dies zeigt sich insbesondere in der wachsenden Bedeutung von „Failure-to-Prevent“-Konzepten. Haftung hängt nicht mehr allein davon ab, ob Fehlverhalten eingetreten ist, sondern davon, ob angemessene Maßnahmen zur Prävention implementiert wurden. In Deutschland hat die Rechtsprechung diese Pflichten konkretisiert, vornehmlich durch das „Neubürger-Urteil“ des LG München I. Demnach müssen Vorstände ein wirksames Compliance-Management-System einrichten, um ihrer Sorgfaltspflicht nach § 93 AktG zu genügen.


Damit verschiebt sich die rechtliche Logik fundamental: Nicht mehr allein das Ergebnis – ob ein Verstoß geschah – entscheidet über die Haftung. Maßgeblich ist vielmehr die Qualität des Prozesses. Nur wer nachweist, dass er ­Risiken angemessen steuert, kann sich im Ernstfall ­wirksam ­verteidigen.


Die Konsequenz ist klar: Haftung wird nicht mehr ausschließlich ex post bewertet, sondern zunehmend danach, ob Unternehmen nachweisen können, dass sie angemessene Präventionsmaßnahmen ergriffen haben. In der Praxis bedeutet dies, dass Organisationen nicht nur die Existenz von Kontrollen belegen müssen, sondern deren tatsächliche Wirksamkeit. Compliance ist damit nicht länger die Erfüllung einer Checkliste, sondern der Nachweis belastbarer und überprüfbarer Systeme und Verhaltensweisen.


Vertrauen als messbarer Complianceprozess


Um Vertrauen wirtschaftlich und rechtssicher zu steuern, müssen Unternehmen es in messbare und ­strukturierte Prozesse übersetzen. In der Compliancepraxis ­bedeutet dies nicht, ein diffuses Gefühl zu verwalten, sondern ­Integrität systematisch in operative Entscheidungsprozesse zu integrieren. Besonders deutlich wird dies in Bereichen wie Hinweisgebersystemen, Interessenkonflikten und der Due Diligence von Geschäftspartnern. Effektive Hinweis­gebersysteme dienen nicht nur der Meldung von Vorfällen, sondern stellen sicher, dass Hinweise konsistent ­bearbeitet werden. Prozesse zum Umgang mit Interessenkonflikten müssen über reine Offenlegung hinausgehen und eine transparente Bewertung und Steuerung ermöglichen.


Bei Dritten liegt die Herausforderung weniger in der Einführung neuer Prozesse als vielmehr in deren konsistenter Anwendung und nachvollziehbarer Dokumentation über die Zeit hinweg. Unternehmen müssen darlegen können, wie Risiken identifiziert, bewertet und adressiert werden.


Gemeinsam ist all diesen Bereichen der Anspruch an Konsistenz und Nachvollziehbarkeit: Vergleichbare Sachverhalte müssen vergleichbar behandelt werden, und Entscheidungen müssen dokumentiert und erklärbar sein.


Zunehmend werden diese Anforderungen durch inte­grierte und datenbasierte Ansätze unterstützt, die es ­ermöglichen, Muster zu erkennen, Ressourcen gezielt einzusetzen und Entscheidungen konsistenter zu ­treffen. Letztlich bedeutet das Management von Vertrauen, ein System zu schaffen, in dem Entscheidungen erklärbar sind – und Integrität nicht nur definiert, sondern nachweisbar gelebt wird.


Vom Kostenfaktor zum strategischen Werttreiber


Diese Entwicklung verändert die Rolle von Compliance grundlegend. Längst beschränkt sie sich nicht mehr auf die Absicherung von Risiken, sondern wird zu einem zentralen Faktor für die Glaubwürdigkeit von Unter­nehmen in einer volatileren Welt. Je weniger vorhersehbar ­externe Rahmenbedingungen werden, desto stärker rückt die interne Governance in den Fokus der Bewertung durch Regulierungsbehörden, Investoren, Mitarbeitende und Geschäftspartner. Die Fähigkeit, Integrität konsistent ­umzusetzen und ihre Wirksamkeit nachzuweisen, wird zunehmend zum entscheidenden Differenzierungs­merkmal resilienter Organisationen.


Letztlich ist Vertrauen kein abstraktes Konzept oder bloßes Nebenprodukt von Reputation mehr. Es ist eine aktiv zu steuernde, nachweisbare und langfristig zu sichernde Größe. In diesem Sinne wird Integrität zu einer Währung – und für Unternehmen in komplexen, vernetzten Märkten zu einem entscheidenden Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und Bestand. 

Autor

Sabela Pérez García, EQS

Sabela Pérez García

EQS Group, München
Director of Ethics & Compliance


sabela.perez-garcia@eqs.com
www.eqs.com