KI als Kooperationsmodell

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Die Zusammenarbeit zwischen Inhouse-Rechtsabteilungen und ihren Kanzleien war über viele Jahre hinweg von stabilen Rollenbildern und eingespielten Prozessen geprägt. Mit der rasanten Beschleunigung von KI und Legal-Tech ändern sich diese Dynamiken jedoch in bemerkenswert kurzer Zeit. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, ob der stetige Vormarsch von künstlicher Intelligenz eine Verlagerung juristischer Wertschöpfung in Unternehmen bedeutet oder ob er vielmehr die Chance für bessere und strategischere Beziehungen zwischen Kanzleien und Mandanten eröffnet.

Tatsächlich spricht vieles für Letzteres. Aktuelle Analysen beschreiben KI zunehmend als verbindendes Element einer engeren, transparenteren Zusammenarbeit – weniger als Bedrohung für das klassische Kanzleimodell, sondern eher als Treiber eines strukturellen Neuarrangements, das beiden Seiten nützen kann.

Künstliche Intelligenz ist in der juristischen Praxis längst mehr als ein Automatisierungswerkzeug. Was sich aktuell verändert, ist nicht nur die Arbeitsweise von Großkanzleien, sondern das fundamentale Verhältnis zwischen Anwälten und Mandanten. Statt punktueller Effizienzgewinne tritt ein neues Kooperationsmodell in den Vordergrund, das auf Transparenz und strategischem Technologieeinsatz beruht.

Der Wandel der Kanzlei-Mandanten-Beziehung ist dabei kein isoliertes Phänomen, sondern Ausdruck eines strukturellen Umbruchs im Rechtsmarkt. Steigende Kostensensibilität auf Mandantenseite, wachsende regulatorische Komplexität und der parallele Ausbau technologischer Kompetenzen in Rechtsabteilungen verändern Erwartungen und Rollen auf beiden Seiten. Künstliche Intelligenz fungiert in diesem Kontext als Beschleuniger: Sie macht Effizienzgewinne noch sichtbarer, legt Prozessbrüche offen und zwingt Kanzleien dazu, ihre Wertbeiträge klarer zu definieren. Die Zusammenarbeit verlagert sich damit von einem primär transaktionalen Modell hin zu einem stärker integrierten Ansatz, bei dem Transparenz, gemeinsame Zieldefinition und kontinuierlicher Austausch zum bestimmenden Faktor werden.

Wie Kanzleien und Mandanten heute zusammenarbeiten

Noch vor wenigen Jahren waren einige Mandanten skeptisch gegenüber dem Einsatz von KI durch ihre externen Berater. Diese Haltung hat sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit gewandelt. Heute erwarten Mandanten nicht nur den Einsatz moderner Technologien, sondern sogar nachweisbare Effizienzgewinne, Transparenz und konkrete Anwendungsbeispiele.

Diesen Wandel beschreibt Blake Rooney als Übergang von Verboten hin zu einer ausgeprägten „Show-me-Mentalität“: Mandanten wollen sehen, dass KI genutzt wird – und welcher messbare Mehrwert sich daraus für sie ergibt. Zusammenarbeit entwickelt sich so zunehmend zu einem gemeinsamen Gestaltungsprozess. Kanzleien und Mandanten definieren Use-Cases gemeinsam, diskutieren Risiken offen und passen Arbeitsmodelle iterativ an. KI wird damit zum Katalysator einer partnerschaftlicheren, dialogorientierten Mandatsbeziehung (siehe hierzu „The future of legal collaboration: How AI is reshaping client-firm relationships“).

Der „Collaboration Gap“: Wenn Gespräche nicht stattfinden

Trotz dieses grundsätzlichen Alignments zeigt sich in der Praxis eine erhebliche Kommunikationslücke. Studien zur KI-Adoption verdeutlichen: Während rund 50% der Inhouse-Teams KI und Automatisierung als wichtigste Treiber ihrer Legal-Tech-Investitionen nennen, geben gleichzeitig etwa ein Drittel der Anwältinnen und Anwälte an, KI überhaupt nicht zu nutzen.

Besonders kritisch: Mehr als die Hälfte der britischen Inhouse-Juristen zweifelt an der tatsächlichen KI-Adoption ihrer Partnerkanzleien – während nahezu jede zweite Kanzlei angibt, Legal-Tech sei von Mandanten noch nie thematisiert worden. Das Ergebnis ist eine Parallelkommunikation, in der ein wirkliches Gespräch nicht stattfindet.

Die weltweit agierende Association of Corporate Counsel (ACC) kommt zu einem ähnlichen Befund: Eine aktuelle ACC-Analyse spricht von einem ausgeprägten „Transparency Gap“ zwischen Inhouse-Teams und ihren Kanzleien, der nicht nur Effizienzpotentiale verdeckt, sondern zunehmend auch Vertrauen und gemeinsame Wertdefinitionen erschwert.

KI verschiebt die Maßstäbe

Ein weiterer Aspekt dieser Entwicklung ist der zunehmende Kapazitätsaufbau in Rechtsabteilungen selbst. Eine gemeinsame Studie von ACC und Everlaw zeigt, dass 58% der Rechtsabteilungen davon ausgehen, künftig weniger externe Kanzleien zu benötigen – insbesondere infolge des Einsatzes von generativer KI. Gleichzeitig berichten bereits 25% der befragten Unternehmen von konkreten Kosteneinsparungen durch GenAI.

Diese Zahlen verdeutlichen weniger eine Abkehr von externer Beratung als vielmehr eine Verschiebung der Erwartungen: Standardisierbare, prozessnahe Tätigkeiten werden zunehmend intern abgebildet, während Kanzleien dort gefragt bleiben – und sogar an Bedeutung gewinnen –, wo strategische Einordnung, komplexe Risikobewertung und juristisches Urteilsvermögen im Vordergrund stehen. KI wirkt in diesem Kontext nicht als Substitut für Kanzleien, sondern als Filter, der den Wert externer Beratung sichtbarer macht und Partnerschaften auf ein klareres Leistungsversprechen ausrichtet.

Wie Wert künftig gemessen und geliefert wird

Der Einsatz von KI verändert zwangsläufig auch die Frage, was Mandanten als Wert empfinden und wie dieser gemessen wird. Effizienz ist kein abstraktes Versprechen mehr, sondern muss sich in konkreten Ergebnissen widerspiegeln. Alternative Vergütungsmodelle, Transparenz über eingesparte Zeit und ein stärker nutzenorientiertes Leistungsverständnis gewinnen damit erheblich an Bedeutung.

Gleichzeitig erlaubt KI eine klarere Differenzierung juristischer Wertbeiträge. Strategische Beratung, Erfahrung, Risikoabwägung und juristisches Urteil treten deutlicher gegenüber repetitiven Tätigkeiten hervor. Kanzleien, die KI gezielt zur Reduktion dieser Arbeiten einsetzen, schaffen Raum für genau jene Leistungen, die langfristig Mehrwert schaffen.

Technologie als Instrument der Risikosteuerung

Mit zunehmender KI-Integration rückt auch das Risikomanagement in den Fokus. Datenschutz, regulatorische Anforderungen und die Verlässlichkeit der Ergebnisse bestimmen, welche Technologien akzeptiert werden.

Emily Colbert betonte, dass professionelle Legal-KI-Lösungen auf vertrauenswürdigen Quellen, klaren Kontrollmechanismen und fachlicher Validierung beruhen müssen (vgl. „The future of legal collaboration: How AI is reshaping client firm relationships“). Anders als generische Tools sind spezialisierte juristische KI-Lösungen darauf ausgelegt, den anwaltlichen Analyseprozess zu unterstützen und eben nicht zu ersetzen.

Damit wird Technologie selbst zu einem aktiven Instrument der Risikosteuerung: Konsistente Workflows, dokumentierte Nutzung und geprüfte Datenquellen erhöhen Transparenz und reduzieren Risiken gegenüber fragmentierten Arbeitsweisen.

Was Kanzleien jetzt tun sollten:

  • KI-Einsatz aktiv kommunizieren.
  • Gemeinsame Use-Cases mit Mandanten definieren.
  • Transparenz über Methodik und Datenquellen schaffen.

Was Mandanten einfordern sollten:

  • Nachweis konkreter KI-Nutzung verlangen.
  • Dialog über Technologiestrategie aktiv suchen –
  • statt darauf zu warten, dass Kanzleien ihn initiieren.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist kein Game-Ender für Kanzleien, sondern ein Game-Changer für die Zusammenarbeit. Sie zwingt Kanzleien und Mandanten dazu, Erwartungen, Rollen und Arbeitsweisen neu zu verhandeln. Wo diese Gespräche offen, transparent und strategisch geführt werden, entsteht nicht weniger, sondern mehr Partnerschaft.

Die größte Gefahr liegt nicht in der Technologie selbst, sondern im Schweigen in Bezug auf KI. Kanzleien, die künstliche Intelligenz als Brücke zu engerer Kooperation begreifen – und diesen Anspruch auch nach außen kommunizieren –, positionieren sich nicht nur technologisch, sondern nachhaltig für die Zukunft des Rechtsmarkts. 

Autor

Lena Mailin Haffner Norton Rose Fulbright, Hamburg Head of Client Engagement – Digital Strategy & AI

Lena Mailin Haffner

Norton Rose Fulbright, Hamburg
Head of Client Engagement – Digital Strategy & AI


lena.haffner@nortonrosefulbright.com
www.nortonrosefulbright.com