Im November 2025 hat Wolters Kluwer das Berliner Legal-Tech-Start-up Libra Technology übernommen – ein Deal von bis zu 90 Millionen Euro und ein weiterer Schritt in Richtung KI-basiertes Arbeiten im Rechtsmarkt. Mit Libra-Gründer Viktor von Essen und Wolters-Kluwer-Geschäftsführerin Stephanie Walter sprach Thomas Wegerich über strategische Ziele und Herausforderungen der Akquisition.
Deutscher AnwaltSpiegel: Was war der konkrete Auslöser und die strategische Zielsetzung hinter dieser Übernahme? Wie lässt sich dieser Schritt vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen Ihrer Kundinnen und Kunden erklären?
Stephanie Walter: Die Phase des Experimentierens mit KI in Kanzleien und Rechtsabteilungen ist vorbei. Es werden sichere und etablierte Lösungen gesucht, die speziell für die juristische Arbeit entwickelt worden sind und es ermöglichen, die Effizienz der juristischen Arbeit zu steigern. Aus unserer Sicht sind KI-gestützte Workspaces, die alle benötigten Informationen und Tools integrieren, daher die Zukunft. In Ergänzung zu unseren eigenen KI-Entwicklungen haben wir uns bewusst dafür entschieden, unseren Markteintritt durch die Akquisition von Libra zu beschleunigen – eine bereits am Markt bewährte KI-Workspace-Lösung mit großer Nähe zur relevanten Zielgruppe, den Juristinnen und Juristen. Gemeinsam entsteht ein Legal-AI-Workspace, der kuratierten Content mit einem vollständigen juristischen Workflow verbindet – als integrierte All-in-One-Lösung mit Fokus auf Genauigkeit, Compliance und Fachkompetenz unserer hochkarätigen Autorinnen und Autoren.
Viktor von Essen: Unsere Vision war von Beginn an klar: einen KI-gestützten Legal-Workspace zu bauen, der den gesamten juristischen Workflow Ende-zu-Ende abbildet – auf Basis autoritativer juristischer Inhalte. Libra ist 2025 um den Faktor 50 gewachsen – ein Ausdruck der Dynamik, mit der sich der Markt für KI-Legal-Lösungen entwickelt. Zugleich sehen wir: Legal-Information-Provider und Legal-Tech-Anbieter entwickeln sich noch zu oft nebeneinander. Vor diesem Hintergrund gewinnen vertikale KI-Lösungen an Bedeutung: Juristinnen und Juristen brauchen kuratiertes, belastbares Fachwissen, tief integriert in KI-Workspaces. Libra bildet den juristischen Workflow als Prozess ab – Recherche, Entwurf, Prüfung, Analyse. Der Qualitätssprung entsteht, wenn dieser Workflow mit starken juristischen Inhalten „unterfüttert“ ist. Mit Wolters Kluwer bekommen wir genau das: tiefes Fachwissen, paneuropäischen Content und internationale Infrastruktur – damit können wir die Plattform schneller in mehreren Ländern ausrollen.
Deutscher AnwaltSpiegel: Start-up-Kultur und Konzernorganisation sind strukturell verschieden. Welche kulturellen, organisationalen oder technologischen Herausforderungen haben Sie nach dem Closing identifiziert, und wie haben Sie diese konkret angegangen, damit aus der Übernahme ein Erfolg für Produktentwicklung und Kunden wird? Welche Learnings aus dieser Phase würden Sie anderen Legal-Tech-Akquisitionen im Markt mit auf den Weg geben?
Viktor von Essen: Nach dem Closing ging es vor allem darum, die Stärken beider Welten zusammenzubringen: unsere Geschwindigkeit und Produktfokussierung mit der Skalierungs- und globalen Markterfahrung von Wolters Kluwer. Die größte Veränderung für Libra: Wir haben uns vom Start-up zum Scale-up entwickelt – wir sind aktuell rund 50 Mitarbeitende und planen, innerhalb kurzer Zeit auf 100 Köpfe zu wachsen. Kulturell und organisatorisch haben wir früh gemeinsame Formate etabliert: klare Definition von Zusammenarbeit, Prioritäten und Qualitätsstandards plus verkürzte Feedbackschleifen. Auch Workshops halfen uns, Wolters Kluwer – von Standards bis Go-to-Market – zu verstehen und umzusetzen. Technologisch zahlt die Integration klar auf unsere gemeinsame Strategie ein: Libra by Wolters Kluwer ermöglicht perspektivisch die Abdeckung von über elf Jurisdiktionen – mit Wolters Kluwers Fachinhalten direkt dort, wo Juristinnen und Juristen arbeiten.
Stephanie Walter: Ein riesiger Hebel waren die Ländereinheiten in Marketing und Vertrieb. Die Teams vor Ort kennen die Kundenlandschaft, die Ansprechpersonen und die „No-Gos“ in ihren Märkten ganz genau. Das hat dem Libra-Team geholfen, sehr strukturiert Kundensignale einzusammeln und in die Produktentwicklung zurückzuspielen. So sind wir nach den Produkt- und Contentlaunches in den Niederlanden, Deutschland und Polen in der Lage, zeitnah auch weitere Märkte wie Italien und Belgien zu bedienen. Es braucht eine hohe Grundenergie auf allen Ebenen – aber Geschwindigkeit ist niemals Selbstzweck; Produktexzellenz steht immer ganz oben als Priorität.
Deutscher AnwaltSpiegel: Sie haben betont, dass die Phase des „KI-Experimentierens“ im Rechtsmarkt vorbei sei und nun Qualität, Vertrauen und Verlässlichkeit im Vordergrund stünden. Damit sprechen Sie direkt eine Skepsis bei Anwältinnen und Anwälten an, die KI-Tools kritisch gegenüberstehen. Was genau verstehen Sie unter „Qualität“ und „Vertrauen“ im Kontext von Legal-AI-Workflows? Was bedeutet dies konkret für die Anwender, und wie stellen Sie sicher, dass Ihre KI-Lösungen in Bezug auf Qualität und Vertrauen den hohen Standards der Rechtsbranche gerecht werden?
Viktor von Essen: „Qualität“ bedeutet für uns, dass Ergebnisse juristisch prüfbar sein müssen. Die größten Bedenken hat der Markt verständlicherweise gegenüber möglichen Halluzinationen. Deshalb setzen wir auf nachvollziehbare Quellen und darauf, dass Nutzer Kontrolle über Quellen, Fassungen und Ableitungen behalten. Dazu kommt die technische Seite: Unser Hosting findet in der EU statt, wir sind ISO-27001-, DSGVO-, BRAO-zertifiziert und bieten Strafgesetzbuch-Konformität nach § 203.
Stephanie Walter: Vertrauen entsteht zusätzlich über unsere kuratierten Inhalte, Transparenz über Urheberschaft und klare Leitplanken für die verantwortungsvolle Nutzung von KI. Ein Punkt, der in Kanzleien und natürlich seitens unserer Autorenschaft oft sehr konkret angesprochen wird: Von Autorinnen und Autoren erstellte Inhalte werden nicht zum Training des KI-Systems verwendet – weder vollständig noch teilweise. Quellenangaben machen die Grundlage der im Workspace generierten Dokumente sichtbar, damit Juristinnen und Juristen sie nachvollziehbar prüfen und verantworten können.
Deutscher AnwaltSpiegel: Die kombinierte Lösung aus Libra AI Workspace und Wolters-Kluwer-Inhalten ist bereits in den Niederlanden live und wurde nun auch für Deutschland eingeführt; weitere Märkte sollen folgen. Wie sehen Sie die nächsten Schritte im europäischen Rollout – gibt es ein einheitliches Konzept, oder sind länderspezifische Anpassungen notwendig? Welche Bedeutung hat dieser Rollout für die Konsolidierung im europäischen Legal-Tech-Markt?
Viktor von Essen: Unser Kernkonzept ist für jeden Markt gleich: Wir bieten einen KI-Workspace, der den juristischen Arbeitsprozess abbildet und sich in vorhandene Systeme integriert. Aber natürlich ist Europa kein Einheitsmarkt. Daher lokalisieren wir jeden Rollout vollständig – in der Sprache, mit länderspezifischem Content, juristischer Praxis und Workflows. Genau das ist auch die Voraussetzung, um in weiteren Ländern erfolgreich zu skalieren, statt nur „User-Interface zu übersetzen“.
Stephanie Walter: Wolters Kluwer verfügt nicht nur über jurisdiktionsspezifische Inhalte für zahlreiche Länder, sondern auch über langjährige Erfahrungen mit den speziellen Arbeitsweisen und Bedürfnissen von Juristinnen und Juristen in ganz Europa. Diese Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Produktentwicklung ein.
Deutscher AnwaltSpiegel: Viele Kanzleien und Rechtsabteilungen stehen vor der Herausforderung, KI-gestützte Tools nicht nur zu evaluieren, sondern dauerhaft in ihre Arbeitsprozesse einzubinden. Wie verändert Libra by Wolters Kluwer konkret den juristischen Alltag – von Recherche über Vertragsentwurf bis Review – und welche typischen Hürden (z.B. Akzeptanz, Compliance, Datenschutz) beobachten Sie dabei? Wie unterstützen Sie Ihre Kunden in dieser Transformationsphase?
Stephanie Walter: Durch die Integration unserer kuratierten Inhalte in den Workspace Libra by Wolters Kluwer schaffen wir eine Lösung, die den Absprung in andere Tools während des juristischen Arbeitsprozesses überflüssig macht. Gleichzeitig ermöglichen wir unseren Kundinnen und Kunden jetzt eine neuartige, in den Workflow integrierte Form des Wissenszugangs und die Recherche mit KI, wie sie jeder von uns aus dem Alltag kennt.
Letztlich kommen Juristinnen und Juristen wesentlich schneller von großen Dokumenten- und Datenmengen zu belastbaren juristischen Analysen und Arbeitsergebnissen – und das aufbauend auf nachvollziehbaren Inhalten: Urteilen, Gesetzen, Kommentaren, Handbüchern und Fachzeitschriften, wobei jederzeit die Quelle ausgewiesen und nachprüfbar ist. Also alles so, wie es die juristisch sorgfältige Arbeit und die damit verbundene Haftung erfordern .
Übrigens erkennen auch unsere Autoren, dass ihnen die Contentintegration in den Legal-AI-Workspace und damit die stärkere Nutzung ihrer Expertise im direkten Arbeitskontext zusätzliche Sichtbarkeit in Fachkreisen bringt.
Viktor von Essen: In der Praxis liegen die größten Hürden bei der Einführung weniger in der Technik als in der Organisation: Teams müssen die Anwendung im Alltag akzeptieren, und es braucht klare Verfahren zur Qualitätssicherung. Wenn KI lediglich als zusätzliches Tool neben den bestehenden Prozessen eingeführt wird, wird sie häufig ausprobiert, aber nicht dauerhaft genutzt. Hinzu kommt die Frage, wie Ergebnisse effizient geprüft werden können, ohne dass der Prüfschritt den möglichen Effizienzgewinn wieder neutralisiert.
Libra by Wolters Kluwer ist deshalb auf einen durchgängigen Arbeitsablauf ausgelegt: Recherche, Analyse, Entwurf und Prüfung greifen in einem Workspace ineinander – idealerweise in den Umgebungen, in denen Juristinnen und Juristen ohnehin arbeiten, etwa in Microsoft-365-Anwendungen und angebundenen DMS-Systemen. Im Alltag unterstützt das vor allem bei wiederkehrenden Arbeitsschritten, wie dem Strukturieren umfangreicher Dokumente, dem Aufbereiten relevanter Informationen, der Vorbereitung von Entwürfen und der Organisation von Review-Schleifen. Datenschutz, Vertraulichkeit und Compliance sind dabei Grundvoraussetzungen. Entscheidend sind klare Rollen- und Berechtigungskonzepte, definierte Freigabeprozesse und nachvollziehbare Prüfpfade. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Festlegung von Grenzen: KI kann beispielsweise bei Strukturierung, Zusammenfassungen und ersten Entwurfsversionen unterstützen; die finale rechtliche Bewertung bleibt in der Verantwortung der Juristen.
In der Einführungsphase arbeiten wir typischerweise mit wenigen, klar abgegrenzten Use-Cases (zum Beispiel Aktenstrukturierung, Memo-Entwurf, Vertrags-Review), definieren Prüf- und Freigabeschritte und etablieren Vorlagen bzw. Playbooks, damit Teams konsistent nach gemeinsamen Standards arbeiten.
Deutscher AnwaltSpiegel: Liebe Frau Walter, lieber Herr von Essen, vielen Dank für die spannenden Einblicke. Wir werden die weitere Entwicklung gern mitverfolgen.



