Mit ihrem englischsprachigen Buch „Leading Transformation in Law Firms“ stellt Prof. Dr. Madeleine Bernhardt (Co-Director, Bucerius Center on the Legal Profession) Transformationen als unausweichliches Erfordernis für die Konkurrenz- und Zukunftsfähigkeit einer Kanzlei und die Herangehensweise der Führungskräfte in den Fokus.
Bernhardt ist durch die bisherige Forschungsarbeit und ihre Veröffentlichungen in den Bereichen Changemanagement und Transformation für dieses Thema geradezu prädestiniert. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die bereits auf Charles Darwin zurückgehende These, dass für die Überlebensfähigkeit nicht die Intelligenz, sondern die Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft die entscheidenden Kriterien sind. Dabei macht Bernhardt zu Recht einen graduellen Unterschied zwischen den Begriffen „Change“, bei dem in der Regel nur ein paar wenige, im Vorfeld bestimmte Veränderungen vorgenommen werden, und „Transformation“, mit der sehr viele grundlegende, teilweise experimentelle Aktivitäten einschließlich der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und der Neugestaltung der Organisation insgesamt entfaltet werden.
KI als Treiber der Transformation
Die künstliche Intelligenz hat massiven Einfluss auf das althergebrachte Geschäft der Kanzleien und ist aktuell der Hauptgrund für die Notwendigkeit von Transformationen. Dabei muss fundamental über die künftigen Inhalte der Leistungserbringung von Kanzleien nachgedacht und die sich daraus ergebenden Konsequenzen umgesetzt werden.
Das Besondere und immens Nützliche an dem Buch ist, dass die Autorin konkrete Anleitungen gibt, wie bei einer komplexen Transformation, die ungleich mehr Führung erfordert, seitens des Führungspersonals agiert werden sollte. Dies fasst sie mit folgendem Satz zusammen: „Leading transformation requires skills far beyond ‚leading change‘.“
Dreh- und Angelpunkt bei einer Transformation ist nach Bernhardt der „Faktor Mensch“, und dabei gilt es, seitens der Führung die menschliche Leistungsfähigkeit auf den Ebenen der Organisation, Teams und Individuen zu stärken. Neben einer Veränderung der Firmenkultur geht es um Mindset, Verhaltensweisen, Rollen und Verantwortlichkeiten sowie Entscheidungsprozesse.
Neu: Das Framework ACT-to-Transform®
Bernhardt konnte dafür auf ihre langjährige Erfahrung durch die Arbeit im Rechtsmarkt und auf ihre Studie „The Future of Leadership“, durchgeführt vom Bucerius Center on the Legal Profession in Zusammenarbeit mit Egon Zehnder, zurückgreifen. Außerdem führte sie 35 Interviews mit Managing Partnern, CEOs und COOs von internationalen Law Firms sowie mit Leadership-Experten renommierter Business und Law Schools. Auf dieser Basis hat Bernhardt das ganzheitliche Framework ACT-to-Transform® entwickelt.
ACT steht für „Acknowledge, Challenge, Transform“ und beschreibt einen dreistufigen Prozess zur Stärkung der menschlichen Leistungsfähigkeit. Dabei sollen im Rahmen von „Acknowledge“ Leistungs- und Chancendefizite, die einen Transformationserfolg verhindern, aufgedeckt werden. „Challenge“ umfasst ein Überdenken der Strategie, Ausgleichen gegensätzlicher Ziele sowie die Entwicklung neuer innovativer Zukunftsoptionen unter Berücksichtigung der aktuellen Fähigkeiten. Bei „Transform“ geht es schließlich darum, den operativen Betrieb auf die strategischen Ziele der Transformation auszurichten. Die dabei insgesamt erforderliche Stärkung der menschlichen Leistungsfähigkeit ist nach der These Bernhardts notwendig, da der Erfolg einer Transformation maßgeblich von der Freisetzung menschlicher Leistungsfähigkeit abhängt.
Die entwickelte ACT-Herangehensweise ist auf den drei relevanten Ebenen Organisation, Team und Individuum anzuwenden, was in den einzelnen Kapiteln des Buches praxisnah dargestellt wird und folgendermaßen zusammengefasst werden kann:
- Auf Organisationsebene soll mit der ACT-Methode die Voraussetzung für Veränderungen in der Firmenkultur geschaffen werden. In diesem Zusammenhang werden die Stellhebel für eine Transformation – Aufgaben, Menschen, Struktur, Kultur und Kennzahlen – erläutert und gezeigt, wie mit verschiedenen Maßnahmen und Bausteinen (Emotionen, Vorbild, Storytelling, Alignment) Kulturveränderungen erreicht werden können.
- Auf der Teamebene wird untersucht, wie die Fähigkeit sowie die Kapazität für eine Transformation gefördert werden können. Dabei würden Teamemotionalität und psychologische Sicherheit eine wichtige Rolle spielen. Leistung und Qualität werden durch Hinterfragen von Annahmen, Feedback, Reflektion, Lernschleifen, verteilte Verantwortung, Teamabsprachen, strukturierte Zusammenarbeit, Problemlösung und Ownership sowie Buy-in gefördert. Durch Führung als Coaching vervielfacht sich die Lern- und Anpassungsfähigkeit, die Auswirkung für die Praxis wird durch funktionsübergreifende Transformationsvorhaben bei KI-Anwendungen, Produktisierung und neue Go-to-Market-Modelle dargelegt.
- Auf der Ebene des Individuums sei es entscheidend, eine immer wieder festzustellende Aversion beziehungsweise Immunität gegen Veränderungen zu überwinden. Erst die individuellen Veränderungen ermöglichen die organisatorischen – und erst wenn Führungskräfte ihre eigenen Muster ändern, wird kollektive Veränderung glaubwürdig. Es geht insoweit um Veränderungen im Mindset und Verhalten, insbesondere dahingehend, wie versteckte Gegenziele überwunden werden können (zum Beispiel durch Delegations-Piloten statt Kontrollzwang).
Die Anwendung der dreistufigen ACT-Methodik bei den drei relevanten Ebenen des Faktors Mensch einer Organisation etabliert ein äußerst tragfähiges Fundament für einen erfolgreichen Transformationsprozess.
Fazit
Das Werk ist ein praxisorientierter Leitfaden, der Transformationserfolg in Kanzleien konsequent auf drei Ebenen adressiert: Unternehmen, Team und Individuum. Gerade die Verknüpfung dieser Ebenen verdeutlicht, dass Unternehmensstrategie, Unternehmenskultur sowie Leistungsfähigkeit im Team und auf individueller Ebene nur im Zusammenspiel die Voraussetzungen für Transformationserfolg schaffen und eine Kanzlei nachhaltig zukunftsfähig aufstellen können. Basierend auf ihren umfangreichen Praxiserfahrungen und dem ACT-to-Transform®-Framework liefert Bernhardt hierfür konkrete Anleitungen und zahlreiche praktische Handlungsempfehlungen. Für Führungskräfte, die ihre Kanzlei im Zeichen von KI und veränderten Geschäftsmodellen zukunftsfähig und erfolgreich aufstellen wollen, kann es daher einen entscheidenden Unterschied machen, wenn sie diesen Leitfaden nutzen.
Für das Management einer Kanzlei im Transformationsprozess ist das Werk von Bernhardt geradezu eine Pflichtlektüre.
Hinweis der Redaktion:
Madeleine Bernhard: Leading Transformation in Law Firms. How Top Leaders Unlock Performance to Win the Future. Springer 2026 (Law for Professionals).



