Vor zehn Jahren habe ich an dieser Stelle einen ersten Blick in die Zukunft geworfen (siehe hier). Warum nicht einmal einen Rückblick in frühere Glaskugel-Betrachtungen wagen, um sich nach vorne zu orientieren? Mit der Trendpyramide wurde damals eine vereinfachte Übersicht präsentiert, die versuchte, etwas Ordnung in die vielen Diskussionen rund um die Entwicklungen im Rechtsmarkt zu bringen. Diese Darstellung dient auch heute noch der Trendbeobachtung. Die wesentlichen Herausforderungen sind zwar geblieben, zeigen jedoch zum Teil spannende Neukalibrierungen. Das Thema Technologie und Digitalisierung überstrahlt nach wie vor viele andere Trendthemen.
Trendscouting als Einmaleins für Unternehmer
Der Blick in die Zukunft gehört zum Standardrepertoire umsichtiger Unternehmensführung. Hierzu zählt auch, sich laufend über die eigene Positionierung im Rechtsmarkt Gedanken zu machen. Es sei jedoch davor gewarnt, in einen Hyperaktivismus zu verfallen, weil man glaubt, auf alle Veränderungen umgehend reagieren zu müssen. Das überfordert früher oder später jede Organisation, verbrennt unnötig wertvolle Ressourcen und lenkt von der Verfolgung ursprünglich sorgfältig definierter Ziele ab.
Als Leader sollte man einen Helikopterblick behalten, mit Ruhe und Verlässlichkeit führen und sich nicht an einzelnen Punkten festbeißen. Ein verantwortungsvoller Unternehmer versteht sich vielmehr als Jongleur, der gleichzeitig eine Vielzahl von Bällen in der Luft und im Fokus behalten muss. Trends zu beobachten ist nicht nur deshalb schwierig, weil sie häufig auch die unbekannte Zukunft betreffen, sondern weil man trotz nicht vorhandener Gewissheit Entscheidungen fällen muss.
Von Corona nonstop zu GenAI
Spannend für den Rechtsmarkt waren insbesondere die Jahre 2020 bis 2022. Das Risikomanagement der Rechtsdienstleister hatte, wie viele andere auch, das Ereignis Corona mit seinen weltweit einschneidenden Auswirkungen nicht auf dem Radar. Deshalb empfahl ich Anfang 2021 künftig ein Denken „out of the box“ (siehe hier). Die Rechtsdienstleister überlebten diese herausfordernde Zeit nur deshalb, weil sie elektronische Hilfsmittel zur Hand hatten. Und 2022 stellte ich die Frage, ob der Rechtsmarkt schon im „New Normal“ angekommen sei (siehe hier). Damals verstand man unter „normal“ sicherlich etwas anderes als heute.
Dass bereits im November 2022 eine neue Form von Technologie, generative künstliche Intelligenz (ChatGPT), den Rechtsmarkt gleich ein weiteres Mal durchschütteln und bis heute in Atem halten würde, war damals den wenigsten bewusst. Etwas verzögert teilte ich 2025 erstmals ausführlich meine Gedanken zur KI (siehe hier und hier).
Wettbewerbssituation
Getrieben von der Erwartung, laufend Effizienzsteigerungen zu erzielen, stellte ich 2019 eine Zunahme des Wettbewerbs in Aussicht (siehe hier). Insbesondere stand zu erwarten, dass sogenannte Alternative Legal Service Provider (ALSPs) künftig eine größere Rolle spielen würden. Zählt man all die Angebote mit und um Technologie hierzu, hat sich die Herausforderung ein paar Jahre später sogar stärker akzentuiert. Überdies hatte man damals vor allem die Beschaffungsabteilung als Kooperationspartner der Rechtsabteilung verstanden; heute würde bestimmt auch noch die IT-Abteilung hinzukommen.
Ob und wie das Geschäftsmodell von Kanzleien sich noch verändern beziehungsweise an die Entwicklungen der letzten Jahre anpassen könnte, wird sich weisen müssen. Offengeblieben ist jedenfalls bis heute die Frage, wie man Berufseinsteiger in kürzester Zeit zu Raketenwissenschaftlern entwickelt, um die mit der Nutzung von KI einhergehende Reduktion von Umsatz und Profitabilität zu kompensieren. Nicht zu vergessen sind die vor 2020 gestarteten Associates, die infolge der Pandemie zwei wertvolle Jahre an On-the-job-Erfahrung aufholen müssen. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass das implizite Wissen nicht verschriftet wird und entsprechend KI dieses gerade nicht verwerten und darstellen kann.
IT versus HR
Es fällt auf, dass die Themen Leadership und Soft Skills immer wieder auftauchen. Das war nicht nur 2019 und ein Jahr später (siehe hier) der Fall, sondern auch 2023 (siehe hier). Immer wenn der Fokus auf Geld und Technologie fällt, wird regelmäßig der Mensch vergessen. Es geht jedoch nicht darum, wie in amerikanischen Medien immer wieder verfolgt werden kann, die Wertschätzung der Mitarbeitenden mit sich gegenseitig überbietenden Sommer-, Jahresend- und Superboni auszudrücken. Gemeint ist vielmehr die nichtpekuniäre Anerkennung und die damit zusammenhängenden Fragen in puncto Rekrutierung, Retention und Beförderung. Auch hier scheint sich im Zusammenhang mit KI gerade viel zu verändern.
Als man während und kurz nach der Pandemie aus dem Homeoffice arbeitete, fragte man sich noch, wie Führungskräfte ihre neue „Remote Leadership“ am besten ausüben können. Die vergangenen beiden Jahre stellte man jedoch fest, dass Kanzleien die – aus Sicht der Mitarbeitenden – neu gewonnenen Freiheiten zurückzustutzen und ihre Mannschaft wieder in die physischen Büros zurückzubeordern begannen. Wenn überhaupt. Denn gerade die schleichende Anpassung an die neue KI-Normalität führt möglicherweise dazu, dass gleich auch noch das Mengengerüst der Mitarbeitenden angepasst wird.
Ausblick
2024 hatte ich noch empfohlen, sich der Konsolidierung der nicht KI-bedingten Themen anzunehmen, um sich, von diesen entlastet, der nächsten Veränderungswelle durch KI widmen zu können (siehe hier). Ob und inwieweit dies bereits umgesetzt worden ist, ist nicht allerorts sichtbar, eventuell sogar eher zu bezweifeln. Zu lange zuzuwarten und zu hoffen, dass man einen Schritt auslassen könne, ist nicht empfehlenswert. Bei Fahrzeugen, denen man über eine zu lange Zeit keinen Unterhalt gönnt, spricht man von Servicestau. Das Resultat dessen ist, dass man damit nichts spart, sondern vielmehr das Verpasste später umso teurer erkaufen musss.
Rückblickend könnten die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre wie folgt dargestellt werden: vom Vertrauensanwalt zum Internet, zu Social Media, zu Legal-Tech, KI und KI-Agenten und … wieder zurück zum Menschen. Da im Zusammenhang mit der Nutzung von KI heute gerne das Erfordernis von Human-in-the-loop genannt wird, wobei der Mensch die Funktion hat, einzig die sachliche Richtigkeit des Ergebnisses zu adressieren, möchte ich an dieser Stelle einen Schritt weiter gehen und den Human Touch hinzufügen, um den menschlichen Faktor in der Gleichung zu stärken. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass die juristische Dienstleistung nicht nur die fachliche Exzellenz betrifft, sondern weitere Fähigkeiten und Kompetenzen seitens der Juristen benötigt. Dazu mehr in einem nächsten Beitrag im Deutschen AnwaltSpiegel.
Empfehlungen
Konkret sollte im Rechtsmarkt 2026 Folgendes auf den Radar gehören:
- KI: Die neue Ausprägung der Technologie und deren Weiterentwicklungen müssen natürlich weiter beobachtet und mit Augenmaß in die eigene Wertschöpfungskette integriert werden. Dabei ist zu entscheiden, ob KI lediglich als Querschnittskompetenz im Tagesgeschäft (Legal Operations, siehe hier) adressiert oder bereits bei vorgelagerten Schritten rund um die eigene Strategie und Geschäftsmodelle berücksichtigt werden soll.
- Faktor Mensch: Wenn von Technologie gesprochen wird, dürfen der Mensch und damit die zwischenmenschlichen Beziehungen zu Kunden und Mitarbeitenden nicht vergessen werden. Diese werden sich künftig vielmehr zu den neuen Hard Skills entwickeln, wenn Technologie die juristische Expertise mehr oder weniger ersetzen wird.
- Leadership: In Zeiten von Turbulenzen, und über einen Mangel davon können wir uns wirklich nicht beklagen, sind vertrauenswürdige und verlässliche Führungspersonen mehr denn je gefragt (siehe hier). Fähige Manager, die nicht nur das Tagesgeschäft, sondern auch den professionellen und empathischen Umgang mit den Mitarbeitenden beherrschen, werden künftig entscheidend sein.
- Positionierung: Schließlich stellt sich die Frage nach der strategischen Verortung der jeweiligen Geschäftseinheit, sei es eine Rechtsabteilung oder eine Anwaltskanzlei. Hier sind folgende Punkte bedeutsam: die Zukunftsfähigkeit des Stundenhonorarmodells, die Rolle der Berufsanfänger (unter anderem Rekrutierung, Lohnhöhe, Trainingsplätze und Finanzierung) und der Mitarbeitenden (u.a. Arbeits- und Arbeitszeitmodelle, Retention, Beförderung). Überdies stellt sich auch für jeden einzelnen Juristen die Frage nach der eigenen Positionierung im Rechtsmarkt und dem Erhalt der eigenen Arbeitsmarktfähigkeit.
Kurz innehalten und zurückschauen kann manchmal hilfreich sein, um sich zu kalibrieren und die nächsten Schritte zu planen. Der Blick in die Glaskugel ist weiterhin wichtig, selbst im Wissen darum, dass sie nicht alle Geheimnisse freigibt und weiterhin auch Fehlentscheidungen getroffen werden. Informierte Entscheidungen zu treffen beziehungsweise diese wenigstens auf vernünftige Annahmen zu gründen ist immer noch besser, um wesentlichen Veränderungen bewusst zu begegnen und erforderliche Kurskorrekturen schneller in die Wege zu leiten.
Es empfiehlt sich auch 2026, wach zu bleiben. Denn bei der aktuellen Kadenz und Magnitude der sich abzeichnenden Veränderungen darf man gespannt darauf sein, was dieses Jahr für den Rechtsmarkt bereithält.


