Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist in den ersten sechs Monaten des Jahres 2024 erneut gestiegen, und zahlreiche Indikatoren lassen vermuten, dass dieser Trend weiter anhalten wird.
Bereits seit dem 3. Quartal 2021 hat die Anzahl der gemeldeten Insolvenzen jedes Quartal angezogen. Ende des 2. Quartals 2024 erreichten sie mit 2.717 angemeldeten Insolvenzverfahren das aktuelle Maximum, das zugleich der höchste Quartalswert seit über zehn Jahren ist.
Der Blick auf das Umsatzvolumen der von einer Insolvenz betroffenen Unternehmen lässt erahnen, dass der Rest des Jahres noch einmal deutlich mehr Verfahren bringen wird: In den verschiedenen Größenordnungen liegen die aktuellen Zahlen bereits jetzt sehr hoch, wenn man sie mit den Gesamtwerten des Vorjahres vergleicht.
Im 1. Halbjahr 2024 gab es 30 Verfahren mit Konzernen mit über 50 Millionen Euro Umsatz – das sind bereits 60% des gesamten letzten Jahres. Bei Umsätzen zwischen 20 und 50 Millionen Euro gab es 63 Insolvenzanmeldungen, was schon 72% entspricht. Von Unternehmen, die ein Jahresumsatzvolumen von 5 bis 20 Millionen Euro haben, sind 231 Verfahren in Gang gesetzt worden. Das entspricht 73% des Wertes des gesamten Vorjahrs.
Dr. Thomas R. Wolf sprach zu dieser Entwicklung mit Jens Decieux, Syndikusrechtsanwalt und Vice President Strategy & Alliances bei unserem langjährigen Kooperationspartner stp.one.
RestructuringBusiness:
Herr Decieux, die aktuellen Zahlen zu Unternehmensinsolvenzen in Deutschland sind besorgniserregend. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptursachen für den starken Anstieg der Insolvenzen in den letzten Quartalen?
Jens Decieux:
Der starke Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland in den letzten Quartalen kann auf mehrere Faktoren zurückgeführt werden, die sich teilweise gegenseitig verstärken. Zunächst die konjunkturelle Schwäche: Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit 2023 in einer Rezession. Die schwache konjunkturelle Entwicklung und das geringe Wachstum haben viele Unternehmen finanziell stark belastet und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Schwankungen verringert. Hier spielen auch die Inflation und gestiegene Kosten eine große Rolle, da diese die Betriebsausgaben vieler Unternehmen in die Höhe getrieben haben. Diese finanziellen Belastungen konnten viele Unternehmen nicht kompensieren, was zu Liquiditätsproblemen und Insolvenzen führte.
Nächster Faktor ist die Zinswende, die die Finanzierungskosten für Unternehmen erhöht. Unternehmen, die während der Niedrigzinsphase hohe Schulden aufgenommen haben, stehen nun vor der Herausforderung, ihre Kredite zu höheren Zinssätzen refinanzieren zu müssen, was ihre finanzielle Belastung weiter verschärft hat. Hierbei ist insbesondere der Immobiliensektor betroffen, der in den Jahren der Niedrigzinspolitik einen enormen Aufschwung erlebte. Aufgrund einer Kombination aus steigenden Finanzierungskosten, erhöhten Baukosten, nachlassender Nachfrage und dem dadurch erfolgten Zusammenbruch großer Akteure (Signa-Gruppe) ist dieser Bereich aktuell besonders stark von Insolvenzen betroffen.
Ein Sondereffekt stellt das Ende der Coronahilfen dar. Während der Coronapandemie erhielten viele Unternehmen staatliche Unterstützung, um über die Krise hinwegzukommen. Mit dem Auslaufen dieser Hilfen sehen und sahen sich viele Unternehmen wieder den vollen wirtschaftlichen Herausforderungen ausgesetzt, was bei einigen zur Insolvenz führte. Das heißt die aktuellen Insolvenzzahlen sind auch ein „Aufholen“ der unnatürlich niedrigen Insolvenzzahlen 2020 und insbesondere 2021.
Alles zusammen führt aktuell zu den Höchstständen bei den Unternehmensinsolvenzen.
RestructuringBusiness:
Einige Lösungen der stp.one richten sich insbesondere auch an Unternehmen und damit auch an deren Berater, die häufiger von Insolvenzen bei ihren Geschäftspartnern betroffen sind. Könnten Sie uns einen Überblick darüber geben, welche spezifischen Funktionen und Vorteile diese Lösungen für betroffene Unternehmen und deren Rechtsbeistände bieten?
Jens Decieux:
Da wäre einerseits das Insolvenz-Portal. Diese Lösung von stp.one bietet betroffenen Unternehmen, aber auch den beratenden Anwälten zahlreiche Vorteile insbesondere beim schnellen Erkennen von Insolvenzen. Es informiert täglich über neue Insolvenzen und sowie Änderungen bei laufenden Insolvenzverfahren, bietet intelligente Such- und Filteroptionen sowie umfassende wirtschaftliche Daten und Finanzkennzahlen. Aktive Benachrichtigungen sorgen dafür, dass man automatisch über etwaige Schieflagen, beispielsweise wichtiger Kunden oder auch Lieferanten, informiert wird und so zeitnah Gegenmaßnahmen einleiten kann.
Für ein digitales Forderungsmanagement dagegen bietet unser neuer Creditor Hub die zentrale Verwaltung und Überwachung von Forderungen, insbesondere für Unternehmen oder auch für Anwälte, die häufiger in Insolvenzverfahren tätig sind. Als Informations- und insbesondere auch Kommunikationsplattform zu den Insolvenzverwaltern beschleunigt der Creditor Hub Prozesse wie die Forderungsanmeldung, aber auch die laufende Information über den Status des Verfahrens und der eigenen Forderung.
Abhängig von der Anzahl der Insolvenzverfahren, in die man als Unternehmen oder Kanzlei involviert ist, können beide Systeme als Cloudlösung oder integrierbare API-Lösung, die in eigene Systeme direkt integriert werden kann, genutzt werden.
RestructuringBusiness:
Bei den Insolvenzzahlen ist insbesondere auch eine Zunahme der in Eigenverwaltung eröffneten Insolvenzverfahren zu verzeichnen. Welche Rolle spielen Ihre Lösungen bei der Unterstützung solcher Verfahren?
Jens Decieux:
Im Rahmen der Eigenverwaltung unterstützen wir regelmäßig insbesondere die Sachwalter mit unseren Produkten für die Insolvenzverwaltung wie Winsolvenz oder für die Information der Gläubiger mit GIS, dem Gläubigerinformationssystem. Aber auch auf Seiten der Eigenverwaltung und der unterstützenden Berater kommen unsere Lösung, insbesondere zum Berichtswesen gegenüber dem Insolvenzgericht, zum Einsatz. Bei größeren Verfahren in Eigenverwaltung unterstützen wir zudem mit individuellen Lösungen sowohl auf Seiten der Eigenverwaltung als auch bei der Sachwaltung, insbesondere in Bereichen des Gläubigermanagements und der Buchhaltung.
RestructuringBusiness:
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Insolvenzgeschehens in Deutschland? Erwarten Sie eine Stabilisierung, einen weiteren Anstieg, oder gibt es Anzeichen für eine Entspannung der Situation?
Jens Decieux:
Die zukünftige Entwicklung des Insolvenzgeschehens in Deutschland dürfte weiterhin angespannt bleiben. Aktuell gehe ich von einem Rekordjahr in 2024 aus, was die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen angeht. Die Insolvenzen in der Immobilienfinanzierung führen aktuell zu einer Folgewelle in der Bauindustrie. Mehrere Faktoren deuten aber auch darüber hinaus auf einen anhaltenden oder sogar steigenden Trend bei den Insolvenzen hin. National stehen wir bei den oben genannten Faktoren (Rezession, Zinsen und gestiegene Kosten) noch vor keiner Umkehr. Auch die anstehende Bundestagswahl lässt voraussichtlich keine umfassenden und wirksamen mittelfristigen Maßnahmen der Politik erwarten. International können das weitere Kriegsgeschehen in der Ukraine, die sich vertiefende Krise im Nahen Osten sowie die anstehende US-Präsidentschaftswahl die Stabilität der internationalen Handelsbeziehungen erheblich beeinträchtigen.
Autor
Jens Decieux
stp.one, Karlsruhe
Vice President Strategy & Alliances
Autor
Dr. Thomas R. Wolf
F.A.Z. Business Media GmbH, Frankfurt am Main
Redakteur Rechtspublikationen



