Die Europäische Union (EU) treibt derzeit verschiedene Initiativen voran, um vorhandene Abhängigkeiten in Schlüssel- und Zukunftsindustrien zu reduzieren. Was die Mitgliedstaaten wie Deutschland und die EU im Hardwarebereich z.B. gegenüber China bereits entschlossen vorantreiben, darf nicht nur den physischen Teil der Wertschöpfungskette umfassen. Auch im digitalen Raum entstehen sich verschärfende Abhängigkeiten – wie bei KI-Agenten, Software oder Clouddiensten. Insbesondere wird dabei die Marktmacht Microsofts zunehmend zum Risiko, nicht nur für den Wettbewerb, sondern vor allem für Innovation und Fortschritt.
Welche Folgen systemische Abhängigkeiten mit sich bringen, lässt sich derzeit exemplarisch in der europäischen Automobilindustrie beobachten: Gewinneinbrüche, Werksschließungen und Massenentlassungen zeigen schmerzhaft auf, wie abhängig man sich von einzelnen Märkten wie China gemacht hat und wie schwer der energie- und umweltpolitisch gebotene Schwenk zur Elektromobilität tatsächlich fällt.
Kernelemente des Elektrofahrzeugs sind Batterie und Software. In beiden Bereichen laufen deutsche Anbieter ihrer Konkurrenz aus Asien hinterher. Der ehemalige Vorteil der europäischen Autobauer, die überlegene Ingenieurskunst, wird am Markt nicht mehr honoriert. Gerade China kontrolliert die seltenen Erden und andere Batterierohstoffe und bestimmt damit die Schlagzahl auf dem globalen Automobilmarkt. Versuche, hierzulande, eigene Zellfertigungen aufzubauen – Stichwort Northvolt – sind überwiegend gescheitert, ebenso wie Versuche, sich an China vorbei Zugriff auf die benötigten Rohstoffe in hinreichender Menge zu sichern.
Risikominimierung durch Diversifizierung und europäische Zusammenarbeit
Mittlerweile strebt die deutsche Bundesregierung auch kein vollständiges „Decoupling“ von China mehr an, auch wenn das Land seit 2023 als systemischer Rivale eingestuft wird. Stattdessen soll eine Risikominimierung durch Diversifizierung und europäische Zusammenarbeit im Rahmen des „REsourceEU-Programms“ erreicht werden (siehe hier). Im Blick hat diese Strategie vor allen Dingen die Abhängigkeiten bei Halbleitern oder einzelnen technischen Produkten. Aber auch hier ergeben sich, wie der „Fall Nexperia“ zeigt, schnell Handlungszwänge und -abhängigkeiten, die im Widerspruch zu wirtschaftspolitischen Zielen stehen. So ist im vergangenen Herbst der Versuch einer stärkeren Einflussnahme Europas auf dieses in den Niederlanden beheimatete, aber in chinesischem Besitz stehende Unternehmen gescheitert, weil die europäische Automobilindustrie zu abhängig ist von dessen Produktion.
Das, was wir bei dieser Hardware-Abhängigkeit von China und dessen Staatskapitalismus in erschreckender Weise sehen – und was in Zukunft durch ähnliche Rohstoffinitiativen der USA noch verstärkt werden kann –, spiegelt sich 1:1 an dem, was wir im Software- und Cloudbereich insbesondere vom Platzhirschen Microsoft aus den USA erfahren müssen. In beiden Fällen ist es nicht möglich, die entsprechenden Leistungen „inhouse“, das heißt ohne wesentliche Vorleistungen aus Redmond, herzustellen. Gerade bei Software und IT-Dienstleistungen aus der Cloud führt dies zu merkwürdigen Verstrickungen. Einerseits haben wir öffentlichkeitswirksame Bekenntnisse und Aufrufe der Bundesregierung zu „digitaler Souveränität“ – man leistet sich seit 2022 sogar ein eigens eingerichtetes „Zentrum für digitale Souveränität“, das mehr Open Source in die öffentliche Verwaltung bringen soll, und sabotiert und ignoriert andererseits dessen Arbeit gleichzeitig (siehe hier).
So nutzen – nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung strategy& im Auftrag des Bundes (siehe hier) – gut 96% aller Bundesbehörden die Office-Software von Microsoft. Das Bundesland Bayern setzt im Herbst noch einen drauf und plant laut Fachzeitschriften einen milliardenschweren Rahmenvertrag mit Microsoft (siehe hier). Hierbei wird wohl selbst an EU-Ausschreibungsvorgaben vorbeigearbeitet. Möglicherweise hat man bei der bei öffentlichen Ausschreibungen dieser Größenordnung üblichen „Markterkundung“ die Feststellung getroffen, dass nur ein einziger Anbieter in Frage kommen würde. In jedem Fall ist dies ein herber Rückschlag für alle, die digitale Souveränität ernst nehmen. Übrig bleibt eine rhetorische Frage: War man nicht zumindest in der Landeshauptstadt München vor gut zehn Jahren drauf und dran, die schon damals übermächtige Marktmacht von Microsoft durch eine eigene Linux-Initiative in die Schranken zu weisen? Gekommen ist es anders.
Ein Weg aus diesen wachsenden geopolitischen Risiken heraus wird so immer schwerer. Während wir bei der Hardware und insbesondere bei Batteriesystemen und deren Vorprodukten durch Kooperation mit anderen Ländern langsam vorankommen und ein Weg zu einer Risikominimierung durch Diversifizierung perspektivisch möglich scheint, bleibt es bei Software und Cloud gefühlt bei Lippenbekenntnissen. Eine löbliche Ausnahme ist hier auf Länderebene Schleswig-Holstein, das ähnlich wie das Nachbarland Dänemark aktiv nach Alternativen sucht, wenn es um Büro- und Verwaltungssoftware geht. Ob Schleswig-Holstein mehr Erfolg haben wird als die Landeshauptstadt München vor Jahren, steht noch in den Sternen. Aber immerhin tritt nun ernsthaft eine Landesbehörde an, eigene Standards und Sicherheitsinteressen nicht nur zu fordern, sondern auch durchzusetzen und den immer restriktiver werdenden Lizenzpraktiken aus Redmond entgegenzutreten. Und Microsoft liefert ja eben nicht nur die Bürosoftware, sondern auch wesentliche Teile der Cloudinfrastruktur. Wer heute M365-Kunde ist – also von Microsoft seine Bürosoftware bezieht –, ist de facto Kunde bei der Cloud des Unternehmens.
Abhängigkeiten von Monopolanbietern
Von diesen vielfachen Abhängigkeiten betroffen sind nicht nur die bereits genannten Behörden, sondern alle: mittelständischen wie großen Unternehmen, die zu immer höheren Kostenbeiträgen genötigt werden, NGOs, deren Arbeit in Frage gestellt wird durch den vor kurzem erst erfolgten plötzlichen ersatzlosen Wegfall von weitreichenden Vergünstigungen. Es ist, wie es immer ist: „Monopolanbieter tun Monopolanbieter-Dinge“. Zeit, diese Abhängigkeiten aktiv zu adressieren.
Immerhin hat die Europäische Kommission Mitte November 2025 angekündigt, im Rahmen von zwei Marktuntersuchungen prüfen zu wollen, ob Amazon und Microsoft entsprechend des EU Digital Markets Act als „Gatekeeper“ und als Risiko für Wettbewerbsfähigkeit und Fairness im Cloudmarkt einzustufen sind – ein entscheidender Schritt, um Abhängigkeiten zu reduzieren und den Markt zu diversifizieren, zumindest wenn die Untersuchung zügig vorankommt. Insgesamt ist festzustellen, dass Brüssel bestrebt ist, in diesem Bereich über Jahre vernachlässigte Regulierung endlich nachzuholen. Was wir dringend brauchen, ist eine Diversifizierung der digitalen Lieferkette, ähnlich wie bei den so wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten im Bereich der Industrie.
Was wir nun benötigen, ist ein Diversifizierungsplan analog zu REsourceEU auch für Software und Cloudsysteme. Keine harte und unrealistische Abschottung, sondern ein diversifiziertes und wettbewerbsoffenes Strukturmodell, das den Kunden global die Nutzung der besten Lösung ermöglicht – und zwar ohne Lock-in-Effekte. Der Lohn: mehr Marktchancen für Anbieterunternehmen wie Start-ups bei gleichzeitig weniger Risiko und potentiell geringeren ICT-Kosten für Anwenderunternehmen, begleitet von mehr Raum für Innovation und Fortschritt. Es wird höchste Zeit, das anzugehen.


