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Quartalszahlen: Transparenz ist kein Ballast

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Kaum ein Thema wird in wirtschaftspolitischen Debatten so verlässlich wiederbelebt wie die Forderung nach weniger Berichtspflichten. Aktuell steht erneut die Quartalsberichterstattung im Fokus. Sie gilt vielen als Symbol einer überregulierten Wirtschaft, als Treiber kurzfristigen Denkens und als Belastung für unternehmerische Freiheit. Der Ruf nach ihrer Abschaffung oder Einschränkung wird dabei oft mit dem Versprechen verknüpft, Unternehmen endlich „atmen zu lassen“.

Doch diese Erzählung ist trügerisch. Sie verkennt nicht nur die Funktion von Quartalszahlen, sondern auch die Realität moderner Unternehmensführung. Denn Quartalsberichte sind weder Ausdruck von Misstrauen noch Selbstzweck bürokratischer Kontrolle. Sie sind ein Instrument der Selbstvergewisserung, der Steuerung und der Verantwortung – nach innen wie nach außen.

Transparenz als Voraussetzung von Führung

Unternehmerische Führung bedeutet, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Diese Unsicherheit lässt sich nicht beseitigen, wohl aber strukturieren. Transparenz ist dabei kein Komfortmerkmal, sondern eine Grundvoraussetzung für Handlungsfähigkeit. Quartalszahlen liefern in verdichteter Form genau jene Informationen, die notwendig sind, um Entwicklungen zu erkennen, Risiken einzuordnen und Kurskorrekturen vorzunehmen.

Die Vorstellung, weniger Berichterstattung führe zu mehr Ruhe, verkennt die Dynamik von Märkten und Finanzierungsbeziehungen. Informationsdefizite erzeugen keine Gelassenheit, sondern Nervosität. Wo Zahlen fehlen, treten Annahmen an ihre Stelle. Wo Annahmen dominieren, steigt der Risikoaufschlag. Und wo Risikoaufschläge steigen, schrumpft unternehmerische Freiheit ganz real – durch höhere Finanzierungskosten, strengere Vertragsbedingungen und wachsenden Rechtfertigungsdruck gegenüber Kapitalgebern.

Transparenz ist damit kein Gegner unternehmerischer Freiheit, sondern ihr Fundament. Wer regelmäßig berichtet, behält die Kontrolle über die eigene Geschichte. Wer schweigt, überlässt sie anderen.

Quartalszahlen als Steuerungs- und Führungsinstrument

Aus Sicht der Corporate Governance erfüllen Quartalsberichte eine zentrale Funktion. Sie zwingen Unternehmen dazu, sich in kurzen Abständen mit ihrer wirtschaftlichen Realität auseinanderzusetzen. Sie machen Entwicklungen sichtbar, bevor sie sich verfestigen. Sie schaffen Struktur in einer zunehmend komplexen Unternehmenswelt. Gerade in Transformations-, Wachstums- oder Krisenphasen zeigt sich der Wert dieser Regelmäßigkeit. Unternehmenskrisen entstehen selten abrupt. Sie kündigen sich an – durch sinkende Margen, steigende Kosten, wachsende Lagerbestände, schwindende Liquidität oder operative Ineffizienzen.

Quartalszahlen wirken hier wie ein Seismograph: Sie registrieren Veränderungen frühzeitig und ermöglichen Gegenmaßnahmen, solange noch Handlungsspielraum besteht. Wer diese Instrumente abschafft oder relativiert, verzichtet nicht auf Bürokratie, sondern auf Frühwarnsysteme. Das mag kurzfristig entlastend wirken, erhöht langfristig jedoch das Risiko strategischer Fehlentscheidungen.

Verantwortung der Organe und persönliche Haftung

Auch aus haftungsrechtlicher Perspektive kommt der Quartalsberichterstattung erhebliche Bedeutung zu. Geschäftsleiter sind verpflichtet, die wirtschaftliche Lage des Unternehmens fortlaufend zu überwachen und Risiken frühzeitig zu erkennen. Diese Pflicht besteht unabhängig von formalen Veröffentlichungspflichten.

Regelmäßige Quartalsberichte schaffen nicht nur Transparenz, sondern auch Dokumentation. Sie belegen, dass Entwicklungen erkannt, diskutiert und bewertet worden sind. In der Rückschau – etwa im Rahmen von Haftungsprozessen, Gesellschafterstreitigkeiten oder Insolvenzverfahren – kommt dieser Dokumentation eine zentrale Rolle zu. Die Frage lautet dann regelmäßig nicht, ob eine Krise eingetreten ist, sondern wann sie erkennbar war und wie darauf reagiert worden ist.

Weniger Berichterstattung bedeutet in diesem Kontext nicht weniger Verantwortung, sondern weniger Absicherung. Wer auf strukturierte Zwischenberichte verzichtet, erhöht das Risiko, Entscheidungen im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar erklären zu können.

Aufsichtsgremien zwischen Kontrolle und Blindheit

Auch für Aufsichtsräte und Beiräte sind Quartalszahlen unverzichtbar. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, operative Entscheidungen zu treffen, sondern Entwicklungen zu überwachen, Risiken zu hinterfragen und die Geschäftsleitung zu kontrollieren. Ohne regelmäßige, standardisierte Berichte wird diese Aufgabe zur Farce.

Wer Aufsichtsgremien ihrer Informationsgrundlage beraubt, schwächt nicht nur die Kontrolle, sondern auch die Qualität strategischer Diskussionen. Entscheidungen werden dann nicht auf Basis belastbarer Daten, sondern auf Grundlage selektiver Informationen oder subjektiver Einschätzungen getroffen. Das mag politisch opportun erscheinen, ist aber aus Governanceperspektive hochproblematisch.

Compliance ist kein Jahresereignis

Ein funktionierendes Compliancesystem lebt von Regelmäßigkeit. Risiken verändern sich nicht im Jahresrhythmus, sondern fortlaufend. Quartalszahlen zwingen Unternehmen dazu, sich regelmäßig mit Zahlen, Prozessen und Abweichungen auseinanderzusetzen. Sie fördern Aufmerksamkeit und verhindern, dass Probleme über längere Zeit verdrängt oder relativiert werden.

Viele bekannte Unternehmensskandale hatten ihre Ursache nicht in fehlenden Regeln, sondern in fehlender Kontrolle und mangelnder Transparenz. Lange Berichtsintervalle, fehlende Zwischenanalysen und eine Kultur des Wegschauens bilden einen idealen Nährboden für Fehlentwicklungen. Wer Quartalsberichte abschafft, schwächt daher ein zentrales Element präventiver Compliance.

Finanzierungspraxis und die Realität des Mittelstands

Besonders deutlich zeigt sich die Problematik der Debatte im Mittelstand. Mittelständische Unternehmen sind häufig stärker fremdfinanziert als große Konzerne und stehen in engem Austausch mit Banken, Kreditfonds und sonstigen Kapitalgebern. Diese erwarten regelmäßige, belastbare Informationen – unabhängig davon, ob eine gesetzliche Veröffentlichungspflicht besteht.

Quartalszahlen haben sich hier als faktischer Standard etabliert. Eine Abschaffung der Quartalsberichterstattung würde in der Praxis nicht zu weniger Berichten führen, sondern zu individuelleren, detaillierteren und häufig strengeren Informationsanforderungen. Die Transparenzpflicht verlagert sich vom öffentlichen Raum in bilaterale Vertragsverhältnisse – mit allen Machtverschiebungen, die damit einhergehen.

Für den Mittelstand bedeutet das: mehr Aufwand, weniger Vergleichbarkeit, größere Abhängigkeit von einzelnen Kapitalgebern. Die vermeintliche Deregulierung entpuppt sich als strukturelle Verschärfung.

Restrukturierung, Krise und Insolvenzperspektive

Aus der Perspektive von Restrukturierung und Insolvenz zeigt sich der Wert von Quartalszahlen besonders deutlich. Unternehmen, die regelmäßig berichtet haben, verfügen über belastbare Datenreihen, nachvollziehbare Entscheidungsprozesse und dokumentierte Maßnahmen. Sie können erklären, wie sich die Krise entwickelt hat und welche Schritte unternommen worden sind.

Unternehmen ohne regelmäßige Berichterstattung stehen hingegen oft vor erheblichen Problemen: fehlende Transparenz, lückenhafte Dokumentation, ungeklärte Verantwortlichkeiten. Dies erschwert nicht nur die Restrukturierung, sondern erhöht auch das Risiko persönlicher Haftung der Organe.

Kurzfristdenken – ein bequemes Missverständnis

Der Vorwurf, Quartalszahlen förderten kurzfristiges Denken, ist populär – aber unpräzise. Kurzfristiges Denken entsteht nicht durch Transparenz, sondern durch schlechte Kommunikation. Wer Quartalszahlen isoliert betrachtet und nicht einordnet, erzeugt Druck. Wer sie erklärt, kontextualisiert und mit langfristigen Zielen verknüpft, schafft Verständnis.

Langfristige Strategien, ESG-Initiativen, Investitionsprogramme oder Sanierungskonzepte benötigen regelmäßige Zwischenberichte, um glaubwürdig zu sein. Nachhaltigkeit ohne Transparenz ist kein Zukunftsmodell, sondern ein Kommunikationsdefizit.

Europäischer Ordnungsrahmen statt populistischer Vereinfachung

Schließlich darf die Debatte nicht losgelöst vom europäischen Ordnungsrahmen geführt werden. Transparenz ist ein zentrales Prinzip europäischer Corporate Governance. Der Deutsche Corporate Governance Kodex, die EU-Richtlinie Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und weitere Regelwerke setzen bewusst auf regelmäßige, überprüfbare Information.

Eine Abschaffung der Quartalsberichterstattung würde dieses System nicht vereinfachen, sondern unterminieren. Sie würde Unsicherheiten schaffen, Vertrauen schwächen und neue Risiken erzeugen – rechtlich wie wirtschaftlich.

Schlussszene: Führung im Nebel

Man stelle sich einen Kapitän vor, der ein großes Schiff durch dichtbefahrene Gewässer steuert. Die Instrumente funktionieren, die Karten liegen bereit – doch er entscheidet sich, sie nur noch einmal im Jahr zu prüfen. Zwischendurch verlässt er sich auf Erfahrung, Intuition und die Hoffnung, dass der Kurs schon stimmen wird.

Niemand würde ein solches Verhalten als verantwortungsvoll bezeichnen. In der Unternehmensführung jedoch wird genau dies mitunter als Befreiung von Bürokratie gefeiert.

Quartalszahlen sind keine Fessel. Sie sind ein Navigationsinstrument. Sie zwingen nicht zur Kurzsichtigkeit, sondern zur Aufmerksamkeit. Wer sie abschaffen will, verzichtet nicht auf Ballast, sondern auf Orientierung. In einer Wirtschaft, die komplexer, schneller und unsicherer wird, ist das kein Fortschritt – sondern ein riskanter Blindflug.

Transparenz mag unbequem sein. Aber sie ist der Preis verantwortungsvoller Unternehmensführung.

Autor

Prof. Dr. Peter Fissenewert BUSE, Berlin Rechtsanwalt, Partner

Prof. Dr. Peter Fissenewert

BUSE Rechtsanwälte Steuerberater, Berlin
Rechtsanwalt, Partner


fissenewert@buse.de
www.buse.de