Kein Widerspruch: „Mehr Wirbel – selbstbewusst, aber bescheiden“

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Stuttgart, weit oben auf dem Killesberg, eine der ersten Adressen in der Schwabenmetropole: Die Villa in der Lenzhalde – der Stammsitz der Sozietät Haver & ­Mailänder – strahlt gediegen-konservative und zeitlose Eleganz aus. Business as usual hinter schöner klassizistischer Fassade? Weit gefehlt: In der Partnerschaft ist zum ­Januar 2013 der Generationswechsel in der Kanzleiführung eingeleitet worden: Mit Dr. Peter Mailänder, Sohn des Gründungspartners Prof. Dr. Peter Mailänder, und Dr. Ulrich Schnelle ist jetzt eine jüngere Partnerriege am Steuer, und zwar erstmals in der Geschichte der Sozietät als Doppelspitze. Das alles ist Grund genug für den Deutschen Anwalt­Spiegel, einmal genauer nachzufragen, wohin die Reise gehen soll. Das Gespräch mit Peter Mailänder und Ulrich Schnelle führte Thomas Wegerich.

Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Mailänder, Herr Schnelle, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl als neue Managing Partner. Was haben Sie sich denn vorgenommen für Ihre Amtsperiode?
Mailänder: Wir wollen das Profil von Haver & Mailänder noch weiter schärfen. Und wir möchten uns weiter als eine souverän agierende Kanzlei aufstellen – selbstbewusst, aber auch bescheiden.
Schnelle: Ja, und mit Blick auf den steigenden Wettbewerb streben wir insgesamt eine Höherpositionierung unseres Hauses an. Dabei haben wir nicht nur den bloßen Umsatz, sondern auch die Qualität unserer Mandate im Blick.

Und wie viel Zeit haben Ihnen Ihre Partner dafür eingeräumt? Für wie viele Jahre sind Sie gewählt?
Schnelle: Wir haben den Auftrag bekommen, die Sozietät zunächst fünf Jahre lang zu führen. Und wir haben uns beide vorgenommen, etwa 20 bis 25% unserer Zeit in Managementaufgaben zu investieren.

Das ist eine kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass Herr Gerstenmaier zuvor elf Jahre an der Spitze stand und davor Professor Mailänder das Zepter für 37 Jahre in der Hand hatte.
Mailänder: Das stimmt. Aber es zeigt auch zwei Dinge sehr deutlich: Haver & Mailänder steht für Kontinuität in der Führung, und zudem muss für uns ja nicht nach fünf Jahren Schluss sein, wenn unsere Partner mit unserer Arbeit zufrieden sind.

Auch das ist sicher richtig. Lassen Sie mich bitte nochmals anknüpfen an meine Eingangsfrage: Wo steht Ihre Sozietät denn heute?
Mailänder: Ich denke, da muss man zunächst die ­Außenwahrnehmung unserer Sozietät und die tat­sächlichen Strukturen voneinander trennen. Das ­Durchschnittsalter unserer Anwälte beträgt ca. 40 Jahre. Das wird im Markt noch nicht so richtig wahrgenommen. Haver & Mailänder wird, nach dem, was wir hören, noch immer stark verbunden mit meinem Vater, mit Herrn Gerstenmaier und Herrn Winkler. Alle drei sind ohne Frage herausragende Anwaltspersönlichkeiten und waren zudem für unsere Sozietät prägend. Wir müssen aber auch sehen, dass auf der Mandantenseite das Alter vieler Entscheidungsträger heute zwischen Mitte 40 und Mitte 50 liegt. Das deckt sich mit der Altersstruktur vieler mandatsführenden Partner und muss sich auch in unserem Management widerspiegeln.
Schnelle: Hinzu kommt, dass wir intern keine hierar­chischen Strukturen haben. In der Partnerschaft verstehen wir uns als echte Freiberufler. Mitunter vielleicht sogar „zu“ freiberuflich im Sinne von besonders eigenständig.

Das müssen Sie erklären.
Schnelle: Damit meine ich zum Beispiel, dass Herr ­Mailänder und ich es uns auch zur Aufgabe gemacht ­haben, die Kräfte gerade auch in der Akquisition und in der ­Außendarstellung stärker zu konzentrieren.

Und welche fachlichen Schwerpunkte möchten Sie in den nächsten Jahren setzen?
Mailänder: Da kann ich anknüpfen an dem, was Herr Schnelle eben sagte. Neben der Kommunikation zur Kräftebündelung ist ein ganz praktischer Ansatz für die schon genannte Profilschärfung, dass wir uns zukünftig in insgesamt zehn Kompetenzgruppen organisieren werden.

Andernorts heißt das Praxisgruppen.
Mailänder: Ja, das ist richtig. Uns ist es aber wichtig, die inhaltliche Kompetenz in den Vordergrund zu stellen. Jede der Kompetenzgruppen hat einen Leiter, der die wichtigen Themen aufgreift. Über das Erreichte, insbesondere auch mit Blick auf den internen Know-how-Transfer, wird dem Management regelmäßig berichtet. Dabei möchte ich betonen: Uns ist es ein besonderes Anliegen, in der Akquisition im Markt offensiver aufzutreten. Wir wollen mehr Wirbel machen!

Höre ich da so etwas wie einen Nachholbedarf heraus?
Schnelle: Überhaupt nicht. Der wirtschaftliche Erfolg ist und war bei uns immer gegeben, wir wachsen ununterbrochen. Und wir hatten und haben auch tolle Mandate. Wenngleich es schon so ist, dass wir mit unserer Konzentration auf mittelständische Mandate hier und da nicht die Publizitätswirkung erzielen können wie vielleicht andere. Das liegt allein daran, dass die von uns betreuten Unternehmen selbst – etwa bei Transaktionen – oftmals kein Interesse an einer publicitywirksamen Berichterstattung haben. Unsere Kompetenzgruppen werden zukünftig dazu beitragen, dass wir als Sozietät insgesamt im Markt visibler werden. Und da bei uns alle Mandate sehr partnerzentriert geführt werden, erreichen wir auch eine enge Verbindung in der Zusammenarbeit mit unseren Mandanten.

Dann verraten Sie unseren Lesern doch bitte auch, wie Sie selbst die derzeitige Marktposition von Haver & Mailänder beurteilen, und zwar national und international.
Mailänder: Wir sind regional ausgezeichnet verankert und haben darüber hinaus bundesweit eine starke Mandantschaft. International sind wir bestens in das sehr gut funktionierende „Law Firm Network“ eingebunden, dem weltweit etwa 40 ausgewählte Sozietäten angehören.
Schnelle: Und im Übrigen sind wir ja in Brüssel mit einem eigenen Büro im Zentrum des Geschehens.

Reicht Ihnen das – oder schauen Sie hier und da noch auf die Landkarte, um über weitere Standorte nachzudenken?
Schnelle: Mit Blick auf die Chancen im Bereich Finance etwa wäre es hervorragend, wenn wir in der deutschen und europäischen Bankenhauptstadt Frankfurt – dort haben wir ja ein Büro – stärker aufgestellt wären.

Und wie konkret sind diese Überlegungen?
Schnelle: Dazu kann ich im Moment nur sagen, dass wir an dem Thema arbeiten.

Das klingt so, dass ich mir eine weitere Nachfrage vorerst spare. Dann lassen Sie uns doch das Thema wechseln und über Personalfragen sprechen. Weshalb sollte ein junger Top-Jurist zu Haver & Mailänder kommen?
Mailänder: Weil wir davon überzeugt sind, gerade für den Nachwuchs aus der „Generation Y“ eine ausgezeichnete Alternative bieten zu können! In unserer Wahrnehmung hat die Strahlkraft der Großkanzleien für diese Kollegen zuletzt eher ab- als zugenommen. Eine auf hohem Niveau arbeitende Sozietät wie Haver & Mailänder mit derzeit 20 Partnern ist da schon interessant. Das zeigen auch die sehr guten Bewerbungen, die wir bekommen – auch und gerade aus den großen Sozietäten.

Das kann ich gut nachvollziehen. Und jetzt würde ich gern nochmals die Blickrichtung ändern. Spätestens seit dem September 2008 – Stichwort: Lehman-Zusammenbruch – gibt es eine Verschiebung im Kräfteverhältnis zwischen Sozietäten und Unternehmen. Die besseren Karten liegen dabei nicht bei den Anwälten, und das hat auch Auswirkungen auf die Sozietätenlandschaft insgesamt. Wie schätzen Sie das für Ihr Haus ein?
Schnelle: Ich stimme Ihnen zu, und ich meine, dass wir derzeit Korrekturen im Markt erleben. Man kann durchaus sagen, dass es in den Jahren vor 2008 auch Fehlentwicklungen gegeben hat – ich nenne nur: „billable hours“. Für uns ist es gut, dass wir diese Exzesse nicht mitgemacht haben. Daher trifft es uns jetzt nicht so hart, wenn das Pendel in die andere Richtung schwingt.
Mailänder: So sehe ich das auch. Hinzu kommt für unsere Sozietät, dass wir in den von uns betriebenen Rechtsgebieten sehr ausgeglichen aufgestellt sind. Wir sind also weder abhängig von einzelnen Mandanten noch allzu stark von der jeweiligen Konjunktur bestimmter juristischer Bereiche.

Vielen Dank, meine Herren, für diese offenen Worte. Die nächsten Schritte Ihrer Sozietät im Rechtsmarkt werden wir natürlich weiter beobachten.

Hinweis der Redaktion: Lesen Sie in den kommenden Ausgaben des AnwaltSpiegels, wie Heiko Wendel, General Counsel und Vice President Corporate Legal Affairs/Corporate Governance, bei der Leoni AG die Rechtsabteilung organisiert hat. Und zudem: Lassen Sie sich nicht das Marktplatz-Gespräch mit Christian Pothe, Managing Partner bei Buse Heberer Fromm, entgehen. Sonst verpassen Sie alle wichtigen Informationen über die Neuausrichtung der Sozietät. (tw)