Kognitive Kriegsführung ist nicht neu, aber die Digitalisierung und insbesondere digitale Plattformen ermöglichen eine zuvor nicht mögliche Reichweite, Geschwindigkeit und Tiefe. Demokratien stehen vor einer Herausforderung, die weder rein technisch noch rein politisch zu lösen ist.
Was ist kognitive Kriegsführung?
Wir leben in einer zunehmend digitalisierten Welt. Wir informieren uns im Internet, in den klassischen und sozialen Medien, über Nachschlagewerke wie Wikipedia, Suchmaschinen wie Google, zunehmend auch über generative KI-Assistenten wie ChatGPT. Vieles im täglichen Leben hängt davon ab, dass bestimmte Webseiten – zum Beispiel von Dienstleistern für E-Mail, Buchhaltung und Office-Programme, von Behörden und Unternehmen – erreichbar sind. Vieles von dem, was wir digital produzieren – E-Mails, Texte, Bilder, persönliche und berufliche Unterlagen –, archivieren wir digital, irgendwo im Internet.
Wer auf unsere vertraulichen Daten zugreifen, wer die von uns verwendeten Dienste kontrollieren und wer unsere Informationsquellen manipulieren kann, der kann auch uns selbst manipulieren, also unser Denken und Verhalten beeinflussen. Vertrauliche Daten in den falschen Händen machen uns verwundbar, man kann uns bloßstellen, erpressen, kontrollieren. Wenn wichtige Dienste plötzlich nicht mehr richtig funktionieren, entsteht Angst, geht Vertrauen verloren. Falsche und verfälschte Informationen, die halbwegs vertrauenswürdig erscheinen, können unsere Gefühle und Anschauungen verändern. Wir verlieren die Fähigkeit, Fakten von Fiktion zu unterscheiden, Vertrauen in Informationsquellen zu fassen. Alles wird gleichermaßen für möglich gehalten, informierte Entscheidungen sind so nicht mehr möglich. Demokratische Strukturen und etablierte Medien werden geschwächt, die Gesellschaft polarisiert sich.
Kognitive Kriegsführung ist der Oberbegriff für alle Vorgänge im digitalen Raum, die zu dieser Entwicklung beitragen. Etwas abstrakter versteht man darunter die zumeist politisch oder weltanschaulich motivierte Einflussnahme unter Zuhilfenahme digitaler Techniken, die darauf abzielt, Wahrnehmungen, Meinungen, Gefühle und Verhaltensweisen von Individuen und Gesellschaften gezielt zu manipulieren.
Angriffsformen
Spontan denken die meisten bei kognitiver Kriegsführung an Desinformation. Nachrichten werden mehr oder weniger frei erfunden und durch Bild- und Tonmaterial unterstützt, das ebenso gefälscht ist oder aus einem ganz anderen Kontext stammt. Besonders überzeugend sind dabei „Deepfakes“, also durch generative KI gefälschte Ton- und Bildaufnahmen, die mittlerweile zumindest auf den ersten Blick kaum noch als Fälschung zu erkennen sind. Beispielsweise erschien im November 2024 ein Video, das vermeintlich eine Rede von Friedrich Merz zeigte. Am Inhalt merkte man sehr schnell, dass es satirisch gemeint war, ansonsten wirkte es aber beängstigend überzeugend. Die Erzeugung von Desinformation ist aber nur ein Teil der kognitiven Kriegsführung.
Auch Cyberangriffe gehören zur kognitiven Kriegsführung
Cyberspionage wird zur Verunsicherung der Bevölkerung eingesetzt. Der materielle Schaden steht im Hintergrund, vorrangig geht es darum, der gegnerischen Bevölkerung vorzuführen, dass ihr Staat verwundbar ist, die Dinge nicht im Griff hat, sie nicht schützen kann. Beispielsweise legten im April 2023 prorussische Hacker die Webseiten von Behörden in acht deutschen Bundesländern lahm. Im November 2024 wurden Datenkabel in der Ostsee durchtrennt und damit die Kommunikation unter anderem zwischen Finnland und Deutschland stark beinträchtigt.
Cyberspionage, also der Diebstahl vertraulicher Informationen durch Cyberangriffe, dient der Vorbereitung von Informationsoperationen. Neben dem offensichtlichen nachrichtendienstlichen Nutzen können erbeutete vertrauliche Informationen zum Beispiel auch dazu verwendet werden, Desinformationskampagnen mit echten Details anzureichern und so glaubwürdiger zu machen, um durch gezielte Veröffentlichung kompromittierender Informationen Personen und Institutionen zu diskreditieren, und den Bürgern vorzuführen, dass ihr Staat und ihre Organisationen ihre Daten nicht schützen können. Cyberspionage findet auch in Deutschland recht häufig statt, beispielsweise gegen Parteien und Abgeordnete, Ministerien und Behörden.
Soziale Netzwerke als Beschleuniger
Damit Desinformation wirkt, muss sie möglichst überzeugend und weit verbreitet werden. Soziale Medien wirken hierbei als die Brandbeschleuniger kognitiver Angriffe. Über Plattformen wie X, Facebook und Telegram lassen sich Falschinformationen nicht nur automatisiert und schnell verbreiten, sondern auch gezielt auf bestimmte Gruppen zuschneiden. Ein bekanntes Beispiel ist die Veröffentlichung interner E-Mails des Democratic National Committee (DNC) im US-Wahlkampf 2016 – orchestriert durch russische Akteure. Ziel war die Delegitimierung des politischen Prozesses und die Destabilisierung demokratischer Institutionen.
Auch digitale Wissensplattformen wie Wikipedia dienen der Verbreitung von Desinformation. Immer wieder versuchen Akteure, Artikel gezielt zu manipulieren oder kontroverse Themen so zu framen, dass bestimmte Narrative dominieren. Auch dies ist Teil kognitiver Kriegsführung – mit dem Ziel, langfristig das kollektive Gedächtnis und die Interpretation von Fakten zu verzerren.
Akteure, Strategien und Ziele
Die Akteure kognitiver Kriegsführung sind vielfältig. Ihre Strategien unterscheiden sich je nach ideologischer Ausrichtung und politischer Zielsetzung. Die prototypischen Akteure sind aktuell Russland, China, Iran, Katar und die Türkei.
Russland setzt auf Desinformationskampagnen zur Destabilisierung westlicher Demokratien. Narrative wie „die NATO bedroht Russland“ oder „der Westen ist dekadent“ zielen auf Verunsicherung und Spaltung. Eingesetzt werden Troll-Fabriken zur Erzeugung und Verbreitung von Desinformation sowie Bots, Leak-Portale und pseudounabhängige Medien.
China verfolgt eine langfristige Strategie zur Kontrolle globaler Diskurse. Ziel ist die Legitimation der eigenen Macht, die Einschränkung ausländischer Kritik und die ideologische Mobilisierung chinesischer Communities im Ausland. Dabei wird auf Plattformen wie TikTok ebenso gesetzt wie auf gezielte Einflussnahme auf Wissenschaft, Medien und NGOs.
Iran betreibt ideologisch aufgeladene Einflussoperationen mit religiösem Hintergrund. Ziel ist die Radikalisierung und Mobilisierung gegen Israel, die USA und Saudi-Arabien.
Katar verfolgt einen subtileren, aber äußerst effektiven Kurs. Das Land investiert hohe Summen in Thinktanks, Universitäten und Mediennetzwerke in Europa und den USA, um pro-katarische Narrative zu fördern. Die Strategie zielt auf die langfristige Beeinflussung von Eliten und Institutionen. Im digitalen Bereich nutzt Katar mutmaßlich Netzwerke von automatisierten Accounts, um seine politischen Narrative zu verbreiten. Ein bekanntes Beispiel war die Golfkrise von 2017, in der mehrere arabische Länder ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar als Reaktion auf dessen Nähe zu Terrororganisationen und dem Iran abgebrochen hatten.
Die Türkei entwickelt sich zunehmend zu einem aktiven Akteur der kognitiven Einflussnahme. Die Regierung setzt auf die Mobilisierung der türkischen Diaspora. Sie streut gezielt Narrative über Medien wie TRT World und verfolgt eine gezielte Social-Media-Strategie zur Verbreitung nationalistischer und antiwestlicher Botschaften. Besonders in Deutschland ist diese Entwicklung spürbar.
Fazit
Deutschland steht zunehmend vor der Herausforderung, sich gegen kognitive Angriffe und Desinformationskampagnen zu wappnen. Doch bislang fehlen auf staatlicher Ebene eine koordinierte Zuständigkeit und eine parteienübergreifende Abwehrstrategie.
Die Abwehr kognitiver Angriffe umfasst mehrere Ebenen. Zum einen müssen Cyberangriffe auf unsere IT-Infrastrukturen, insbesondere auf Verwaltung und Politik, besser abgewehrt werden. Hier kommt kurzfristig der raschen Umsetzung europäischer Vorgaben, insbesondere der NIS2-Richtlinie (Network and Information Security Directive 2), und mittelfristig der im Koalitionsvertrag angekündigten Fortschreibung der nationalen Cybersicherheitsstrategie von 2021 eine besondere Bedeutung zu.
Kognitive Angriffe und Verwundbarkeiten sollten Teil eines umfassenden Cybersicherheitslagebildes für Deutschland werden. Bisher beobachtet das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hybride Bedrohungen, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Cyberangriffe, beide eingeschränkt auf ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich. Eine Zusammenführung und Ausweitung des Spektrums auf alle politischen Ebenen, auf Wirtschaft und Gesellschaft und eine Einbeziehung auch der Verwundbarkeiten wäre wünschenswert.
Zum anderen müssen wir unsere Strategien und Methoden zur Abwehr von Desinformations- und Beeinflussungskampagnen weiterentwickeln. Der Fortschritt in der generativen KI macht es immer schwieriger, künstlich erzeugte Informationen und die automatisierte Verbreitung von Informationen über Scheinkonten (Social Bots) und gefälschte Webseiten als solche zu erkennen – hier braucht es mehr technische Forschung und neue Ansätze, wie die Authentizität von Informationen verlässlich überprüft und sichtbar gemacht werden kann.
Den Medien kommt im Kampf gegen Desinformation und Beeinflussungskampagnen eine besonders große Bedeutung zu. Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung muss gewahrt werden, in klassischen wie in sozialen Medien. Zugleich haben die Medien aber auch die Verantwortung, sich selbst und ihre Kunden vor Fälschungen und Kontextverschiebungen, orchestrierten Kampagnen und verdeckten Voreingenommenheiten zu schützen, also diese zu verhindern oder zumindest sichtbar zu machen. Vertrauen in Medien entsteht durch Transparenz und Qualität. Journalismus muss eine zuverlässige und nachvollziehbar gesicherte Qualität bieten, strikt Fakten von Meinungen und Voreingenommenheiten trennen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann und sollte hier in Deutschland eine besondere Rolle spielen, entsprechend seinem Auftrag einer sachlichen, unabhängigen, umfassenden und kritischen Berichterstattung. Soziale Medien müssen ihre Auswahl- und Empfehlungsmechanismen transparent machen und verantwortungsvoll damit umgehen, wenn ihre Kanäle zur Verbreitung von Desinformation und Hassnachrichten verwendet werden. Alle Medien müssen dabei helfen, die Medienkompetenz in der Gesellschaft zu erhöhen.




