Die Automobilindustrie hat sich schon immer im Gleichschritt mit dem technologischen Fortschritt neu erfunden. Doch das Tempo des Wandels war noch nie so hoch wie heute. Die Fahrzeuge, die 2026 vom Band rollen, sind im Vergleich zu Modellen von vor zehn Jahren zunehmend vernetzte digitale Plattformen auf Rädern. Entsprechend hat sich auch die Art und Weise verändert, wie Automobilhersteller wettbewerbsfähig bleiben.
Elektrifizierung, softwaredefinierte Fahrzeuge, Funktionen der künstlichen Intelligenz (KI) und der wachsende Wettbewerb aus China verändern grundlegend, wie Fahrzeuge entwickelt, produziert, verkauft und gewartet werden. Hinter diesem Wandel verbirgt sich jedoch eine weitere, weniger sichtbare Entwicklung: Geistiges Eigentum (Intellectual Property – IP) ist längst nicht mehr nur ein defensiver Kostenfaktor. Es entscheidet immer häufiger mit darüber, ob Hersteller sich differenzieren, Erträge sichern und neue Märkte erschließen können, und wird damit zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor.
Für den Erfolg sind zwei Dinge entscheidend. Erstens muss die IP-Strategie den Geschäftszielen dienen und nicht umgekehrt. Zweitens werden in den kommenden zehn Jahren nicht diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die über die größten Portfolios verfügen, sondern jene mit den strategisch fokussiertesten Portfolios.
Hier sind sechs Trends, auf die sich aus meiner Sicht jeder Verantwortliche für IP und Innovation in der Automobilindustrie im Jahr 2026 vorbereiten sollte:
Trend 1: Patentstreitigkeiten nehmen deutlich zu
Das Innovationstempo bei Elektrofahrzeugen, künstlicher Intelligenz und autonomem Fahren führt zu einer der stärksten Patentierungswellen, die die Branche je erlebt hat. Auf automobilnahe Technologien entfallen je nach Abgrenzung inzwischen 10 bis 15% aller weltweit angemeldeten Patente. Beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) war der Bereich Transport im Jahr 2025 mit 11.604 Anmeldungen erneut das anmeldestärkste Technologiefeld.
Auch die Zusammensetzung der Anmelder hat sich verändert. Technologieunternehmen wie Qualcomm und NVIDIA sowie Anbieter von Plattformen für vernetzte Fahrzeuge gehören inzwischen zu den aktivsten Patentanmeldern in fahrzeugrelevanten Technologiefeldern.
Tier-1-Zulieferer wie Bosch, das branchenübergreifend regelmäßig zu den weltweit fünf patentstärksten Unternehmen gehört, verfügen in einzelnen Technologiebereichen häufig über mehr Patente als die Original Equipment Manufacturers (OEMs), die sie beliefern. Gleichzeitig nehmen Streitigkeiten um standardessentielle Patente (SEPs) sowie um FRAND-Lizenzbedingungen (Fair, Reasonable and Non-Discriminatory) im Zusammenhang mit 5G- und V2X-Technologien (Vehicle-to-Everything) zu.
Auch sogenannte Non-Practicing Entities (NPEs) richten ihren Fokus verstärkt auf Patentportfolios rund um Elektrofahrzeuge und autonomes Fahren. Der SEP-Streit zwischen Nokia und Daimler (2019 bis 2021) war ein prominentes Beispiel.
Für IP-Teams hat dies direkte Konsequenzen. Eine Freedom-to-Operate-Analyse darf nicht erst am Ende der Entwicklung erfolgen. Frühzeitige Risikoprüfungen, portfolioübergreifende Wettbewerbsbeobachtung und die kontinuierliche Überwachung von Patentanmeldungen der Konkurrenz, insbesondere aus China als weltweit größtem Patentmarkt, sind heute unverzichtbar. Eine übersehene Anmeldung in Düsseldorf oder Shenzhen kann im ungünstigsten Fall Kosten im sechs- oder siebenstelligen Bereich auslösen.
Trend 2: IP wird dort geschützt, wo Fahrzeuge verkauft werden, nicht nur dort, wo sie produziert werden
3D-Druck und andere moderne Fertigungstechnologien haben Nachahmung schneller, günstiger und schwerer nachvollziehbar gemacht. Was ein Wettbewerber im Jahr 2010 noch ein Jahr lang aufwendig rückentwickeln musste, kann heute innerhalb weniger Wochen reproduziert werden.
Dadurch müssen Unternehmen ihre Schutzrechtsstrategie geographisch neu ausrichten. Das frühere Modell, den Schwerpunkt auf Produktionsstandorte zu legen und andere Regionen weniger intensiv abzusichern, weist weitere Schwachstellen auf. Toyota zeigt mit Patentschutz in über 100 Ländern, wie eine globale Strategie aussehen kann. Chinesische Automobilhersteller sichern sich bereits präventiv Rechte in Europa und den USA, bevor sie dort in den Markt eintreten. Gleichzeitig ist die Fahrzeugproduktion in China seit 2004 um 297% gestiegen.
Die entscheidende Frage für 2026 lautet daher: Entspricht das Patent- und Markenportfolio tatsächlich dem geographischen Vertriebsgebiet? Falls nicht, kann ein schneller Wettbewerber diese Lücke gezielt ausnutzen.
Trend 3: Die Unsicherheit bei EV-Förderprogrammen (Electric Vehicle) beeinflusst Portfolioentscheidungen
Weltweit stiegen die Verkäufe von Elektrofahrzeugen im Jahr 2023 um 35% auf 14 Millionen Fahrzeuge. Diese Dynamik setzt sich fort. In den USA beispielsweise lagen die EV-Verkäufe im ersten Quartal des vergangenen Jahres 15% über dem Vorjahreswert. Doch während die Richtung klar ist, gilt dies nicht für die politischen Rahmenbedingungen. Die US-Bundesregierung hat Fördermaßnahmen für Elektrofahrzeuge zurückgenommen, darunter auch den Steuerbonus von 7.500 US-Dollar beim Kauf eines Elektrofahrzeugs.
Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) wurden in Deutschland 2025 über 545.000 batterieelektrische Fahrzeuge neu zugelassen – ein Plus von mehr als 40% gegenüber dem Vorjahr. Zudem bleibt die politische Diskussion über Förderinstrumente, Ladeinfrastruktur und den regulatorischen Rahmen in Bewegung.
Europa hält dagegen am Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor bis 2035 fest, während Japan weiterhin Hybridfahrzeuge bevorzugt. Diese Unsicherheit erschwert Investitionsentscheidungen erheblich. Elektrifizierung, Batterietechnologien, Ladeinfrastruktur der nächsten Generation und Hybridstrategien sind langfristige F&E-Investitionen, die in einem Umfeld getätigt werden müssen, in dem politische Rahmenbedingungen sich kurzfristig ändern können.
Genau hier kann das IP-Portfolio zu fundierten Entscheidungen beitragen. Die Simulation von Kosten und Arbeitsaufwänden für unterschiedliche Szenarien, etwa eine starke Elektrifizierung, alternative Batterieentwicklungen oder neue Ladetechnologien, ermöglicht es Innovationsverantwortlichen, die Auswirkungen verschiedener Strategien zu verstehen, bevor Kapital gebunden wird.
Trend 4: Das Auto wird zur Software – IP-Strategie muss folgen
Der Wert eines Fahrzeugs verlagert sich weiter von der Hardware zur Software. Teslas Full-Self-Driving-System (FSD), Mercedes-Benz MB.OS oder Volkswagens CARIAD zeigen: Das Betriebssystem ist heute ein Wettbewerbsfaktor auf Augenhöhe mit dem Antriebsstrang.
Teslas „Open Source“-Ankündigung aus dem Jahr 2014 existiert parallel zu einer aggressiven Patentstrategie rund um die 4680-Batterie und KI-Modelle. Software, Machine-Learning-Modelle und Geschäftsgeheimnisse erfordern daher andere Schutzstrategien als klassische mechanische Patente.
Quellcode, KI-Modelle, Trainingsdaten, Over-the-Air-(OTA)-Update-Infrastrukturen und fahrzeuggenerierte Daten unterscheiden sich grundlegend von traditionellen mechanischen Erfindungen. Einige Elemente sind patentierbar, andere sollten als Geschäftsgeheimnisse geschützt werden. Wieder andere bewegen sich im Grenzbereich zwischen Urheberrecht und Lizenzrecht. Alle müssen mit derselben Sorgfalt erfasst, klassifiziert und geschützt werden, die IP-Teams über Jahrzehnte auf mechanische Innovationen angewendet haben.
Parallel dazu lösen sich mehrere Automobilhersteller von Android Auto und Apple CarPlay und entwickeln eigene Betriebssysteme – das verschafft mehr Kontrolle über Daten und Kundenbeziehungen, erhöht jedoch den Bedarf, IP in neuen Technologiefeldern systematisch zu schützen.
Viele IP-Verantwortliche, mit denen ich spreche, können eine zentrale Frage nicht eindeutig beantworten: Welche Softwarekomponenten sind geschützt, durch welchen Mechanismus, in welchen Ländern und unter welchen Lizenzbedingungen? Die meisten Unternehmen verfügen bislang nur über Teilantworten. Diese Transparenz muss jedoch schnell geschaffen werden.
Trend 5: Regulierung wird zum IP-Faktor
Der EU Data Act, US-amerikanische Beschränkungen für bestimmte chinesische und russische Hard- und Softwarekomponenten sowie die UN-Regelung R155 zur Cybersicherheit vernetzter Fahrzeuge zeigen deutlich: Die regulatorischen Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit werden in allen wichtigen Märkten strenger. Gemeinsam verschieben diese Vorgaben die rechtlichen Rahmenbedingungen für vernetzte Fahrzeuge.
Welche Daten ein Fahrzeug erheben, verarbeiten, speichern und teilen darf, welche Cybersicherheitsmechanismen integriert werden müssen, aus welchen Quellen Komponenten stammen dürfen und in welchen Märkten ein Fahrzeug verkauft werden kann, wird stärker durch Regulierung bestimmt. Gleiches gilt für die IP-Strategie, die diese Bereiche absichert.
Daher müssen IP-Teams regulatorische Auswirkungen, Lieferkettenrisiken und länderspezifische Anforderungen kontinuierlich mit ihrem aktiven Portfolio abgleichen und nicht erst im Rahmen einer vierteljährlichen Überprüfung.
Die Unternehmen, die regulatorische Risiken und Schutzrechtsrisiken auf einen Blick analysieren können, werden einen deutlichen Wettbewerbsvorteil haben.
Trend 6: Lizenzierung und Kooperationen werden zu zentralen Hebeln für Wachstum
Moderne Fahrzeugtechnologien sind zu komplex geworden, als dass ein einzelner OEM sie vollständig kontrollieren könnte. Die Branche hat diese Realität akzeptiert. Daher gehören Cross-Licensing, gemeinsame Entwicklungsprojekte, Patentpools und strategische Partnerschaften heute zum Standardmodell. Ein Beispiel ist die Avanci-Plattform, auf der mehr als 50 Patentinhaber ihre Rechte für vernetzte Fahrzeuge bündeln und 4G-Lizenzen für rund 20 US-Dollar pro Fahrzeug anbieten.
Der Trend geht jedoch weit darüber hinaus. Beispiele finden sich in der Zusammenarbeit von Mercedes-Benz und NVIDIA beim autonomen Fahren, in den Diskussionen von BMW über SEP-Lizenzbedingungen oder in der Integration von Boston Dynamics und Supernal unter dem Dach der Hyundai Motor Group.
Für IP-Teams sind das grundsätzlich gute Nachrichten, allerdings mit Einschränkungen. Richtig umgesetzt kann Lizenzierung eine bedeutende Einnahmequelle und ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil sein. Bei schlechter Organisation entsteht dagegen ein schwer überschaubares Geflecht von Vereinbarungen, in dem im Streitfall niemand schnell das Richtige findet.
Der entscheidende Erfolgsfaktor im Jahr 2026 ist daher Transparenz über das gesamte Portfolio hinweg: Welche Vermögenswerte können lizenziert werden? An wen? Unter welchen Bedingungen? Und mit welchem Risiko?
Was das für 2026 und darüber hinaus bedeutet
Die Automobilindustrie steht heute vor einer IP-Landschaft, die umfangreicher, vielfältiger und internationaler ist als je zuvor. Gleichzeitig unterliegt die Branche strengeren regulatorischen Anforderungen und einem intensiveren Wettbewerbsdruck.
Die Gewinner der kommenden Jahre werden diejenigen Automobilhersteller sein, die den klarsten und nutzbarsten Überblick über ihr geistiges Eigentum besitzen: Was gehört ihnen? Wo sind ihre Rechte geschützt? Welche Bereiche sind potentiellen Risiken ausgesetzt? Und welche Vermögenswerte schaffen außerhalb der eigenen Unternehmensgrenzen mehr Wert als innerhalb?
Genau diese Transparenz sollte die zentrale Priorität für 2026 sein und weit darüber hinaus im Fokus jedes Verantwortlichen für geistiges Eigentum in der Automobilindustrie stehen.


