Wiedervorlage: Das „More for Less“-Paradox

Erneute Besichtigung eines Phantoms

Von Markus Hartung

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Einführung
„I believe the more-for-less challenge, above all others, will underpin and define the next decade of legal service. The more-for-less challenge will, I expect, irreversibly change the way that lawyers work.“
Kaum eine These aus Richard Susskinds Veröffentlichungen ist prominenter als „More for Less“. Sie war einer der „three Drivers of Change“, die Susskind in seinem Klassiker „Tomorrow’s lawyers“ benannt hatte, die den Rechtsmarkt nach der Finanzkrise erheblich bestimmen und beeinflussen würden. Die anderen beiden Treiber sollten die Deregulierung und die Informationstechnologie sein (schon Susskind sprach von Disrup­tive Legal Technologies), und niemand würde bestreiten, dass gerade die Digitalisierung den Rechtsmarkt erheblich beschäftigt, teilweise auch formt (wenn auch noch nicht entscheidend verändert hat). Hingegen spielt die Deregulierung, bei Susskind „Liberalization“ genannt, keine sehr prominente Rolle, trotz gewisser Reformbestrebungen der Verbände, um die es indes in den zurückliegenden Monaten wieder etwas ruhiger geworden ist.
Aber „More for Less“: Diese These ist sehr prominent geworden, fast jeder hat sie sofort für bare Münze genommen, sie gehört heute zum Allgemeingut. Keine Kanzlei, die nicht unter Verweis auf diesen Trend alles Mögliche zu erklären versucht, kein General Counsel, der nicht seinerseits schulterzuckend auf diese Zwänge verweist, wenn die Verhandlungen mit Kanzleien hart werden. Was soll man dagegen auch schon sagen? Die These hat etwas Bestechendes, und wir, die wir alle auch Nachfrager sind, finden das völlig nachvollziehbar.

Thesen und Daten
Bekanntlich halten wir uns bei Bucerius mit rein meinungsbasierten Zukunftsprognosen nicht lange auf, wir halten das für Zeitverschwendung. Meinungen etwa über die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf den Rechtsmarkt langweilen uns. Unsere Tätigkeit hatte und hat im Wesentlichen zwei Zielrichtungen: Wir betrachten die Wirklichkeit, sitzen über Daten und versuchen, Zusammenhänge zu erkennen, gerade diejenigen, die sich nicht auf den ersten Blick ergeben. Die andere Zielrichtung ist die Überprüfung von Thesen anhand von Daten.
Susskinds Thesen erschienen im Jahr 2013, aber erst 2015 fingen wir an, die These zu hinterfragen. Das wiederum war motiviert von den Ergebnissen der jährlichen Juve-Untersuchungen über die Finanzdaten der deutschen Wirtschaftskanzleien sowie die jährliche Inhouse-Umfrage: Die Ergebnisse der wirtschaftsberatenden Kanzleien waren einfach zu gut, als dass diese These systemisch oder weiträumig (und nicht nur in Einzelfällen) zutreffen konnte. Hinzu kamen die Erkenntnisse aus der Inhouse-Umfrage, die erhebliches Wachstum in den Rechtsabteilungen (in Deutschland) belegte, sowohl im Headcount wie auch im Budget, auch in den Budgets für die externen Rechtsberater. Wir führten dann gemeinsam mit dem Deutschen AnwaltSpiegel eine weitere Untersuchung durch, in der wir explizit nach „More for Less“ und den damit verbundenen Auswirkungen fragten. Die Ergebnisse: Damals, im Jahr 2015, ließ sich das jedenfalls in Deutschland noch nicht feststellen, auch wenn „More for Less“ zum festen Bestandteil der Konversation unter Anwälten und in Diskussionen mit ihren Mandanten geworden war (die Ergebnisse wurden damals veröffentlicht: Siehe Hartung/Gärtner, „Das ‚More for Less‘-Paradox, Deutscher AnwaltSpiegel 25/2015 vom 16.12.2015, S. 15–18, HIER).
Inzwischen gibt es Susskinds Buch in zweiter Auflage, es hat sich zu einem echten Klassiker entwickelt. Es ist weder sein einziges Buch noch sein letztes, und es ist auch nicht sein provozierendstes Werk, aber es vereinigt auf knapp 200 Seiten die Gedanken und Thesen seines Gesamtwerks. Susskind sagte dazu einmal, dass er die vielen anderen deutlich umfangreicheren Bücher hätte schreiben müssen, um dann dieses Werk vorzulegen. Inzwischen sind auch sechs Jahre vergangen, also eine gute Gelegenheit, sich die „three Drivers of Change“ noch einmal anzusehen: Hatte Susskind recht?

„The 2013ers three Drivers of Change – heute

Digitalisierung
Kein Zweifel, was die Digitalisierung angeht – auch wenn man den Hype einmal wegdenkt, dann findet man keine wirtschaftsberatende Kanzlei, die nicht auf die eine oder andere Weise Legal-Tech einsetzt. Nicht nur das, gerade die großen englischen Kanzleien experimentieren mit allen möglichen neuen Strukturen, mit eigenen Innovationszentren, Hubs & Labs. Noch kein systemisch ändernder Trend, aber nicht mehr aufzuhalten.

Liberalisierung, Deregulierung
Die Liberalisierung oder Deregulierung: Da tut sich nicht so viel. Susskind hat vielleicht die Beharrungskräfte der Profession unterschätzt. England hat mit seinem „Legal Services Act“ aus dem Jahr 2007 und der Zulassung der Alternative-Business-Structures keinen Trend gesetzt, jedenfalls finden wir in Europa keine Follower des englischen Modells. Auch in den USA nicht; trotz Liberalisierungsbemühungen in einzelnen Bundesstaaten bleibt der US-amerikanische Markt ein sehr konservativer Markt. Die EU-Kommission bemüht sich, den Dienstleistungssektor zu liberalisieren, aber die Mitgliedstaaten bewegen sich nur im Schneckentempo, wenn überhaupt. Das gilt auch für Deutschland, auch wenn wir im Moment eine interessante Debatte über die Regulierung von Legal-Technology erleben. Gleichzeitig, quasi nebenher und unbeeindruckt von der regulatorischen Nabelschau der Anwaltschaft, entdecken die Big Four die Managed Legal-Services und versuchen, die gesamte Bandbreite dessen, was wir noch Rechtsberatung nennen, abzudecken. Die Anwaltschaft wird sich auf Dauer nicht damit trösten können, dass die Big Four niemals den Hengelers dieser Welt gefährlich werden können – die These mag zutreffen, aber was hat das mit der Anwaltschaft zu tun?

„More for Less“
Schließlich „More for Less“: Sehen wir heute, gut sechs Jahre nach Geburt der These, Belege für die Richtigkeit der These? Zwei aktuelle Reports aus den USA wecken Zweifel. Nach der „Chief Legal Officer Survey 2018“ (Altman Weil, Download HIER) stehen die Zeichen auf Wachstum, sowohl, was den Headcount, als auch, was die Budgets angeht. Zeichen dafür, dass sich die Art der Arbeit verändert, dass etwa mehr Arbeit an die Alterna­tive-Legal-Service-Provider gegeben wird, liegen nicht vor – in Einzelfällen ja, aber nicht als Trend. Das folgt auch aus der „11th Annual Law Department Operations Survey“ von Consilio und der Blickstein Group.
Diese Ergebnisse lassen sich mit der immer noch allgemein für zutreffend gehaltenen These des „More­ for Less“ nicht in Übereinstimmung bringen. Als wir unsere aktualisierten Ergebnisse im April 2019 auf der „3rd Legal Market Conference“ von BusyLamp mit den anwesenden General Counsels diskutierten, konnten wir den Widerspruch (oder die Unklarheit) nicht beseitigen. Ein Erklärungsansatz war, dass das Personal- und Budgetwachstum dem tatsächlichen Anstieg des Arbeitsanfalls hinterherhinke. Das könnte ein Ansatz sein, aber Daten für eine Überprüfung fehlen.

Ausblick
Wird sich die These irgendwann in Luft auflösen, weil sie nicht zu belegen ist? Keinesfalls. Denn die These steht dafür, dass sich die Beziehungen zwischen Wirtschaftskanzleien und ihren Mandanten schon verändert haben und sich weiterhin verändern und dass das „New Ecosystem“, das das Bucerius Center on the Legal Pro­fession und Boston Consulting in einer Studie aus dem Jahr 2013 untersucht haben, zunehmend Platz greift. „Neu“ ist daran, dass die Alternative-Service-Provider nicht nur nicht mehr wegzudenken sind, sondern sich in vielen Bereichen auch zu ernsthaften Wettbewerbern der traditionellen Kanzleien entwickelt haben. Der Eintritt der Big Four in diesen Markt schließlich muss die Alarmglocken schrillen lassen. „More for Less“ bedeutet dann nicht mehr „mehr für weniger“, sondern steht für eine tiefgreifende Änderung anwaltlicher Produktionsmethoden und Arbeitsweisen – und damit hätte sich Richard Susskinds These letztlich doch als zutreffend erwiesen.

markus.hartung@law-school.de