Aus der Praxis für die Praxis: Sebastian Dingel, Partner, Business Assurance, Sustainability Assurance bei Deloitte GmbH Wirtschafts-prüfungsgesellschaft, Düsseldorf

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Beginnend mit dieser Ausgabe stellen wir Ihnen in unserer Rubrik „Top-5“ in SustainableValue in loser Folge alle wichtigen und praxisrelevanten Themen vor, die Unternehmen und deren Berater ganz oben auf der Agenda haben sollten. Wir möchten damit zu einer verbesserten Transparenz zu Fragen der Nachhaltigkeit beitragen. Und weil der Faktor Zeit Geld (wert) ist, haben wir die Beiträge in eine möglichst kompakte Form gebracht – „in a Nutshell“. In dieser Ausgabe lesen Sie die Top-5-Themen von Sebastian Dingel, Partner bei Deloitte in Düsseldorf.

Einleitung

Im Ausblick auf das nächste Jahr lassen sich für die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsberichterstattung drei wesentliche Trends erkennen. Zunächst bleiben die Herausforderung für Unternehmen bei der Implementierung und Umsetzung angemessener Berichtsstrukturen auch für 2022 und darüber hinaus durch die anstehenden regulatorischen Maßnahmen bestehen. Eng hiermit verwoben nehmen IAASB und DRSC ihre jeweilige Arbeit im Rahmen eigener Arbeitskreise auf, um über die Entwicklung entsprechender Rahmenwerke bzw. die Beantwortung der vielfältigen Auslegungsfragestellungen einen Beitrag zu einer besseren Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu leisten. Als dritter Trend ist die weitere Etablierung technologischer Plattformen zu nennen. Insbesondere mit Blick auf die EU-Taxonomie wird über Erweiterungen von ERP-Systemlandschaften oder ergänzende Data Warehouses einerseits der Aufwand für die Berichterstattung reduziert und andererseits der Reifegrad und die Verlässlichkeit von Prozessen erhöht.

Diesen Trends lassen sich die folgenden fünf Treiber zuordnen:

1. EU Sustainable Finance Taxonomie 2021

Noch von Beginn des neuen Kalenderjahres bleibt die Umsetzung der EU Sustainable Finance Taxonomie für viele Unternehmen eine Herausforderung. Die Gründe dafür lassen sich drei wesentlichen Bereichen zuordnen.

Zunächst ist die Taxonomie für 2021 per Definition aufgrund einer Einschränkung auf zwei der insgesamt sechs Umweltziele sowie aufgrund der Fokussierung auf die wesentlichsten Industriesektoren hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Erreichung einer CO2-Neutralität mehrfach unvollständig.

Die nächste Herausforderung ergibt sich aus dem Reifegrad der Vorgaben, die noch umfangreiche Auslegungsfragestellungen aufwerfen. Diese Auslegungsfragen beschäftigen aktuell Unternehmen, Verbände, Prüfer und sonstige Organisationen, wobei der Fokus auf der Frage nach einer führenden Interpretation als Orientierungsmaßstab liegt.

Darüber hinaus ist die Implementierung der Taxonomie weder fachlich noch im Sinne der Berichterstattung trivial und erfordert einen stark integrierten Projektansatz und den Einbezug vieler unterschiedlicher Stakeholder innerhalb eines Unternehmens.

Zu guter Letzt ist für Dezember eine weitere Klarstellung einiger Schlüsselfragen, beispielsweise auch zur Definition der Taxonomiefähigkeit, vorgesehen. Daraus können sich potentiell noch sehr kurzfristige Anpassungsbedarfe ergeben.

2. EU Sustainable Finance Taxonomie 2022

Auch mit dem neuen Kalender- und damit für viele auch Wirtschaftsjahr wird sich weiterhin ein Projektmodus zum Thema EU-Taxonomie in den Unternehmen wiederfinden. Einerseits gilt es, die weiteren vier Umweltziele sowie die darin enthaltenen Kriterien aufzuarbeiten und in die fachliche Berichterstattung zur EU-Taxonomie einfließen zu lassen. Andererseits wird für viele Unternehmen, die für 2021 zur Vereinfachung eine Berichterstattung zur reinen Taxonomiefähigkeit gewählt haben, eine inhaltliche Neuanalyse zur Konformität erforderlich. Hierfür werden Unternehmen sich im Detail und vor allem in der Fläche mit der Erfüllung der Taxonomiekriterien auseinandersetzen dürfen.

Mit dieser Überleitung zu einer differenzierteren Taxonomieberichterstattung ist dann auch eine Erläuterung der Differenz zwischen taxonomiefähigen und taxonomiekonformen Umsatzerlösen gefordert, um den kritischen Nachfragen der Investorengruppen vorgreifen zu können. Je nach Auslegung der Taxonomiefähigkeit für das Geschäftsjahr 2021 werden sich hier große Differenzen zur Taxonomiekonformität zeigen, die entsprechenden Erläuterungsbedarf mit sich bringen.

Als abschließenden Projektschwerpunkt erwarte ich, dass sich Unternehmen zunehmend mit der Verbesserung der prozessualen Integration auseinandersetzen werden. Aufgrund der zeitlichen Restriktionen werden aktuell für die Berichterstattung in 2021 vielfach noch stark manuelle und aufwendige Sonderprozesse genutzt. Mittel- und langfristig ist auch im Sinne der Steuerungsfähigkeit eines Unternehmens eine Integration in die transaktionale Belegverarbeitung notwendig. In 2022 werden hierfür wesentliche Schritte ergriffen.

3. Corporate Sustainability Reporting Directive

Mit der Neufassung der derzeitigen Non-financial Reporting Directive (NFRD) durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist eine Weiterentwicklung der Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erwarten. Aus dem vorliegenden Entwurf der CSRD ergeben sich insbesondere die folgenden wesentlichen Veränderungen:

  • deutliche Ausweitung der Berichtspflicht auf Unternehmen, die mindestens zwei der drei Kriterien aus Bilanzsumme > 20 Millionen. €, Nettoumsatzerlöse > 40 Millionen. € und durchschnittliche Anzahl an Beschäftigten > 250 erfüllen,
  • verpflichtende Darstellung innerhalb des Lageberichts,
    verpflichtende Prüfung der Angaben, zunächst mit eingeschränkter Prüfungssicherheit,
  • verpflichtende digitale Berichterstattung im ESEF-Format inklusive Kennzeichnung der Nachhaltigkeitsinformationen.

Aktuell schlägt die Kommission eine Umsetzung in nationales Recht zum 01.12.2022 vor, so dass die Änderungen erstmal für Geschäftsjahre mit Beginn ab dem 01.01.2023 anzuwenden sein werden.

In der Zusammenfassung wird insbesondere für Unternehmen, die erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht aufstellen müssen, umfangreiche Vorarbeit gefordert werden.

4. IAASB und DRSC

Sowohl auf internationaler Ebene als auch auf nationaler Ebene wird mit der Einrichtung entsprechender Fachgremien bei IAASB und DRSC dem dringenden Handlungsbedarf zur Weiterentwicklung von Berichtsstandards und zur Schaffung einheitlicher Interpretationsrahmen Rechnung getragen. Für 2022 steht bei beiden Organisationen nach erfolgtem Aufbau sowie Besetzung der Gremien die eigentliche Entwicklung von Rahmenwerken im Fokus. Aus Praxisbeispielen lässt sich ableiten, dass erst ein einheitlicher Ausweis beispielsweise im Bereich CO2-Äquivalente eine tatsächliche Vergleichbarkeit ermöglicht.

5. Technologische Plattformen

Ohne auf die einzelnen Produktstrategien der ERP-Softwareanbieter oder auch der Anbieter von Berichtssoftware im Allgemeinen einzugehen, kann man festhalten, dass sich die laufenden Großprojekte zur Aktualisierung und Digitalisierung der ERP-Landschaft mit den Trends der Nachhaltigkeitsberichterstattung überlappen. Dabei besteht natürlich bereits ein Markt für Softwareprodukte in der klassischen ESG-Berichterstattung. Dieser vormals abgegrenzte Markt wird nun erweitert durch entsprechende Produkte zur Unterstützung der EU-Taxonomie, wobei hier eine enge Verknüpfung mit der ERP-Landschaft notwendig ist. Entsprechende Angebote finden sich vermehrt und für 2022 ist ein weiterer Schritt zur Digitalisierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erwarten, was gleichzeitig auch dem Bestreben der Unternehmen zur Weiterentwicklung der bislang sehr manuellen Berichtsprozesse entspricht.

Zusammengefasst verspricht auch und insbesondere 2022 ein Transformationsjahr mit Fokus auf den deutschen Mittelstand zu werden. Dabei stehen Erfahrungswerte aus der etablierten Berichterstattung großer kapitalmarktorientierter Unternehmen zur Verfügung, die jedoch adaptiert werden müssen, um nicht nur eine reine regulatorisch konforme Berichterstattung, sondern auch einen Mehrwert für Unternehmen leisten zu können.

sdingel@deloitte.de

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