Im Blickpunkt: Chancen und Risiken auf dem Weg zu „Net Zero 2050“

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Der Klimawandel hat nicht nur negative Folgen für Mensch und Umwelt, sondern birgt auch erhebliche finanzielle Risiken. Unternehmen spielen auf dem Weg zu Netto-Null – also null CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 – eine entscheidende Rolle. Klimaszenarioanalysen helfen ihnen, beim Erreichen dieses Zieles die Risiken und Chancen besser einzuschätzen. Damit haben sie die Möglichkeiten, die Risiken effektiv zu mitigieren und sich auf die Chancen zu konzentrieren.

Im Sommer 2021 regnete es in manchen Teilen Deutschlands und Europas innerhalb kurzer Zeit so stark, dass Städte und ganze Regionen überflutet wurden. Solche extremen Wetterereignisse verdeutlichen: Der Klimawandel rückt durch die globale Erderwärmung immer näher und hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland und Europa.

Um solche drastischen möglichen Konsequenzen abzumildern, steckten sich fast alle Staaten der Welt schon im Jahr 2015 bei der UN-Klimakonferenz ein ambitioniertes Ziel: die globale Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 bzw. höchstens 2 Grad Celsius zu begrenzen. Eine Chance, dies zu erreichen, besteht dem Weltklimarat – Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) – zufolge nur dann, wenn die Staaten der Welt die Menge der kohlenstoffhaltigen ­Energieträger und damit ihre CO2-Emissionen drastisch reduzieren – bis zum Jahr 2030 um die Hälfte, und ab 2050 dürften dann überhaupt keine CO2-Emissionen mehr ausgestoßen werden. Dann soll also Netto-Null („Net Zero“) erreicht werden. Ist das zu schaffen? Fraglich. Fest steht: Auf dem Weg zu einem grüneren Planeten besteht Alarmstufe Rot.

Globale Dekarbonisierungsziele weit verfehlt

Um das Ziel – Net Zero 2050 – zu erreichen, müssen die Staaten der Welt ihre Treibhausgasemissionen um 12,9% reduzieren – jedes Jahr. Von einer solchen Dekarbonisierung sind sie jedoch weit entfernt, wie unter anderem der „Net Zero Economy Index“ von PwC belegt. Die Analyse untersucht jährlich, ob und, wenn ja, um wie viel die Staaten ihre CO2-Emissionen pro US-Dollar des globalen Bruttoinlandsprodukts gesenkt haben.

Das ernüchternde Ergebnis der aktuellen Untersuchung: Im weltweiten Durchschnitt reduzierten die Staaten im Jahr 2020 ihre CO2-Emissionen um lediglich 2,5% – und damit um nur wenig mehr als im Jahr zuvor (2,4%). Deutschland stieß mit 5,7% zwar deutlich weniger Emissionen aus als die Staaten im weltweiten Durchschnitt, doch im Vergleich zu den EU-Mitgliedstaaten (6,3%) ist dieses Ergebnis unterdurchschnittlich. 2019 hatte Deutschland sogar unter den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern (G20), also den größten CO2-Emittenten, die stärkste Reduktion erreicht.

Netto-Null wird neue Norm für Unternehmen

Auf dem Weg zu Netto-Null bedarf es daher deutlich größerer Anstrengungen aller Beteiligten als bisher – des öffentlichen Sektors, aber insbesondere auch privatwirtschaftlicher Unternehmen. Sie spielen eine zentrale Rolle im Kampf gegen die globale Erderwärmung. Zudem wirkt sich der Klimawandel nicht nur negativ auf die Umwelt aus, sondern birgt auch erhebliche finanzielle Risiken. Schätzungen gehen davon aus, dass die Folgen des Klimawandels bis zum Ende des Jahrhunderts Vermögenswerte im Wert von 43 Billionen US-Dollar gefährden könnten.
Unternehmen sind daher immer stärker zum Handeln gezwungen – nicht nur durch die Gesetzgebung, sondern auch, weil Lieferkettennetzwerke, der Kapitalmarkt, Investoren und Verbraucher wirtschaftliches Handeln immer stärker im Hinblick auf dessen Umwelt- und Klimaauswirkungen betrachten. Kurzum: Net Zero wird zur neuen Norm für Unternehmen. Und kann gegebenenfalls das bestehende Geschäftsmodell in Frage stellen, so dass sich Unternehmen nach alternativen, neuartigen Möglichkeiten umsehen müssen, um ihre Geschäftsfähigkeit auch in Zukunft sicherzustellen.

Wie aber können sie dieses Ziel erreichen und die Risiken des Klimawandels für ihre Organisation sicher bewerten, sich mit dem Wettbewerb vergleichen sowie Chancen identifizieren, die mit dem Fokus auf nachhaltiges Handeln einhergehen?

Klimabezogene Risiken einfach und verlässlich identifizieren

Ein entscheidender Lösungsansatz für Unternehmen aus der Finanz- und Realwirtschaft, genau dies herauszufinden, sind Klimaszenarioanalysen, wie sie beispielsweise PwC ­Deutschland schon seit beinahe einem Jahrzehnt entwickelt – und zwar konkret mit dem Klimaszenario-Tool „Climate Excellence“. Damit finden Nutzer auf einfache Weise heraus, inwiefern transitorische Risiken ihr Geschäft und ihre ­jeweilige Branche betreffen. Dazu gehören beispielsweise sich verändernde Märkte und damit Preise und Nachfrage, ­technologische Fortschritte und neue regulatorische Anforderungen, die das Handeln der Unternehmen massiv beeinflussen.

Zusätzlich analysiert das Tool sieben verschiedene klimabezogene physische Risiken für Unternehmen, wie sie die Task Force on Climate-Related Financial Disclosures (TCFD) definiert hat. Die TCFD ist eine Initiative des Financial Stability Board (FSB), ein 2015 gegründetes internationales Gremium, das die internationale Finanzstabilität fördern soll.

Die von der TCFD definierten physischen Risiken sind:
1. Hitzewellen
2. Überschwemmungen
3. Gewitter
4. Tropische Wirbelstürme
5. Waldbrände
6. Dürren
7. Anstieg des Meeresspiegels

Fundierte Entscheidungen auf gesicherter Datengrundlage treffen

Grundlage für die Analysen von „Climate Excellence“ sind fortlaufend aktualisierte Daten des Weltklimarats sowie der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Berechnung der klimabezogenen Risiken und Chancen erfolgt anhand verschiedener wissenschaftlich anerkannter Klimaszenarien und Energiesystemmodelle. Die Analyseergebnisse sind nicht nur für die Unternehmen selbst nützlich, sondern auch für Investoren und andere Stakeholdergruppen, die mit den verschiedenen Szenarien potentielle Klimaauswirkungen auf Sektoren, Regionen, Technologien und Unternehmen besser abschätzen können. Auf diese Weise können sie fundiertere Entscheidungen treffen.

Geschäftsmodelle auf Klimaresilienz überprüfen

Was leistet das Tool für die Finanz- und Realwirtschaft? Betrachten wir exemplarisch die Investmentbranche, den Banken- und Immobiliensektor. Investoren und Banken müssen steigende regulatorische Anforderungen erfüllen und Szenarioanalysen in ihre Prozesse integrieren. Dies schreiben etwa der EU-Aktionsplan, das Carbon Disclosure Project (CDP) und die Principles for Responsible Investment (PRI) vor. Ziel ist es, fortlaufend zu testen, wie resilient ihre Geschäftsmodelle im Hinblick auf den Klimawandel sind. Und sie müssen ermitteln, was unterschiedliche Klimaszenarien für sie in finanzieller Hinsicht und folglich für ihr Risiko- und Changemanagement bedeuten.

Das gilt insbesondere auch für den Immobiliensektor. Der spielt für die Reduktion von CO2-Emissionen eine besonders wichtige Rolle, verursachen Gebäude doch 35% der weltweiten Treibhausgasemissionen. Um sie wirkungsvoll zu verringern, müssten rund 75% der Bestandsimmobilien energetisch saniert werden – allein in der Europäischen Union. Dies entspricht einem Investitionsbedarf von jährlich 275 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030. Für erhöhten Handlungsdruck auf den Immobiliensektor sorgen darüber hinaus etwa Vorgaben wie die Renovation Wave und die Sustainable-Finance-Taxonomie der Europäischen Kommission.

Detaillierte Klimaszenarioanalysen per Knopfdruck

Das „Climate Excellence“-Tool deckt alle gelisteten und einen großen Teil der ungelisteten Firmen weltweit ab sowie alle wirtschaftlichen Sektoren auf Basis anerkannter Konzepte zur Klassifikation von Wirtschaftszweigen. Die Analyse erfolgt für Investoren und Banken anhand der individuellen Geschäftsaktivitäten aller Unternehmen des Portfolios, reportingfähiger Aggregationsstufen, bis auf die Ebene von Einzelanlagen. Auf Knopfdruck erhalten Anwender detaillierte Informationen anhand von derzeit drei Übergangs- und zwei physischen Szenarien. Künftig kommen weitere hinzu. Immobilienunternehmen stehen in „Climate Excellence“ derzeit außerdem 224 Transitionspfade zur Verfügung, pro Land und Gebäudetyp.

Investoren bestimmen auf diese Weise entlang dreier Entwicklungspfade beispielsweise, wie anpassungsfähig ihre Portfolios an den Klimawandel sind. Die Modellierung berücksichtigt nicht nur den CO2-Preis, sondern auch Energienachfrage und -mix sowie sektorspezifische Technologie-Anforderungen und die Preisentwicklung.

Anhand einer Heatmap gewinnen Banken und Investoren Erkenntnisse darüber, wie sich die Klimaszenarien auf ihre Kredit-, Anlage- und Investitionsportfolios auswirken. Das Tool identifiziert dazu „Hotspots“ des Portfolios nach Sektoren und/oder Regionen sowie nach einzelnen Unternehmen. Dies erlaubt es den Tool-Nutzern, gezielt gegenzusteuern.

Immobilienunternehmen steuern mit „Climate Excellence“ unter anderem ihre Ankaufsprozesse, ihr Portfoliomanagement sowie ihre finanzielle und nichtfinanzielle Berichterstattung besser. Weil sie zum Beispiel direkt sehen können, wie sich Vulnerabilität und Schadenshöhe durch physische ­Gebäudeschäden verändern und wie sich Rendite, Wert sowie Investitionskosten auf Portfolio- und Gebäudeebene entwickeln.

Minimierte Risiken, neue Werttreiber

Über die exemplarisch genannten Branchen hinaus eignen sich Klimaszenarioanalysen grundsätzlich für alle Sektoren der Finanz- und Realwirtschaft. Für sie sind die detaillierten, einfach anwendbaren Analysen essentiell, um die Folgen des Klimawandels für ihre eigene Organisation und ihre jeweiligen Branchen verlässlich einzuschätzen. Diese erhöhte Transparenz erlaubt es ihnen, fundierte, bessere strategische Entscheidungen zu treffen und das übergeordnete Net-Zero-Ziel zu erreichen, ohne das Unternehmen durch die Risiken zu gefährden. Zugleich minimieren sie Umwelt- und finanzielle Risiken und identifizieren neue Werttreiber.

nicole.roettmer@pwc.com

gunther.duetsch@pwc.com

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