ESG-Transformationspfad einschlagen und Chancen nutzen

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Die Europäische Kommission hat mit dem Green Deal und dem „Fit-for-55“-Paket den Grundstein für das größte Investitionsprogramm in der Geschichte der EU gelegt und gleichzeitig eine Zeitenwende in der Nachhaltigkeitsregulierung eingeleitet.

Mit dem Green Deal will die Europäische Kommission die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um mindestens 55% senken. Mit Hilfe des „Fit-for-55“-Pakets, das in Klima- und Energiegesetzen münden wird, soll dies gelingen. Daraus ergeben sich für Unternehmen nicht nur Verpflichtungen, sondern vor allem auch Chancen. So wird eine Billion Euro in den kommenden Jahrzehnten in die Transformation aller Lebensbereiche innerhalb der Europäischen Union investiert – etwa die Hälfte durch die Ausgabe öffentlicher Mittel, die andere Hälfte durch Anreize der Finanzmärkte.

Mit dem Klimaschutz-Sofortprogramm soll Deutschland Vorreiter sein

Deutschland soll aus Sicht der Bundesregierung eine klare Vorreiterrolle einnehmen. Das Klimaschutz-Sofortprogramm 2022 zielt darauf ab, alle Sektoren auf den angestrebten Pfad der Klimaneutralität zu bringen. Die Ziele der Bundesregierungen gehen dabei teilweise über die des EU-weiten Fit-for-55-Pakets hinaus. Weiter verstärkt wurde das Sofortprogramm durch das im April 2022 beschlossene „Osterpaket“: Schon bis 2035 soll der Strom in Deutschland fast vollständig aus erneuerbaren Energien stammen. Nicht zuletzt, um möglichst schnell unabhängig von fossilen Energieimporten zu werden.

Geplante Maßnahmen umfassen ein neues Strommarktdesign, eine Solarpflicht sowie ein Wind-an-Land-Gesetz. Zudem soll jedes Bundesland 2% seiner Fläche für Windkraftanlagen zur Verfügung stellen, während die Vorgaben für Abstandsflächen neu angepasst werden sollen. Eine zentrale Rolle soll auch die Förderung der Wasserstoffproduktion in Deutschland sowie der Aufbau internationaler Energiepartnerschaften für klimaneutralen Wasserstoff einnehmen. Strategien zur Ausgestaltung des Emissionshandels beinhalten die Förderung klimafreundlicher Technologien durch „Carbon Contracts for Difference“ und die Auflage eines Transformationsfonds zur Finanzierung.

Aus der angestrebten Vorreiterrolle folgen drängende Fragen für Unternehmen:

  • Wie richte ich mein Unternehmen kurz- und mittelfristig vor dem Hintergrund einer veränderten regulatorischen Landschaft aus?
  • Wie passt mein bisheriges Geschäftsmodell zu den neuen Klimazielen?
  • Wie kann ich den Green Deal nutzen, um mich zu differenzieren und zukunftssicher als Unternehmen aufzustellen?

PwC Deutschland und WWF Deutschland haben im Projekt „Pathways to Paris“ die Transformationserfordernisse untersucht und greifbarer gemacht. Für zehn realwirtschaftliche Sektoren wurden handlungsorientierte Maßnahmenkataloge erarbeitet, aufbauend auf wissenschaftsbasierten Transformationspfaden, validierten technischen Reduktionsmaßnahmen und Kostenkurven. Ziel ist es, Unternehmen zu befähigen, ihre Geschäftsmodelle, Produkte und Produktionsprozesse treibhausgasneutral auszurichten und sich Paris-kompatible Klimaziele zu setzen.

Zeit für eine holistische Transformation − mit Innovation bei Produkt und Geschäftsmodellentwicklung

Ausgehend von Stakeholdergruppen wie Kunden, Mitarbeitende, Kapitalgeber und die öffentliche Hand, führt die Klimadebatte insbesondere bei Kunden zu erheblichen Chancen. Die Werte der Konsumenten und Konsumentinnen verändern sich drastisch, und der Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit wird mittelfristig über den Erfolg oder Misserfolg einer Unternehmensmarke entscheiden. Denn die Erwartungshaltung von Kunden und Mitarbeitenden geht deutlich dahin, dass nachhaltige Unternehmen bevorzugt werden. Insbesondere solche, die das Thema holistisch betrachten, von der Beschaffung über die eigenen Operations − „Customer Experience“ − bis hin zur Belieferung der Kunden.

Dies kann dann auch zur Umstellung von Businessmodellen führen, z.B. Produkte zu verleihen und nicht zu verkaufen, um neue „Revenue Streams“ zu generieren. Hier geht es bei der Produkt- und Serviceentwicklung nicht mehr zwingend darum, nur den Nutzen des individuellen Kunden zu maximieren, sondern vielmehr darum, den Nutzen ganzheitlich zu denken und zu optimieren. So gibt es schon viel Einsparpotential in der Designphase eines Produktes − bis zu 75% werden in dieser Phase entschieden. Denn zukünftig wird es weniger um Kompensation oder reine CO2-Reduktion gehen, sondern vielmehr um eine adäquate Wieder- und Zweitverwertung („Built for Circularity“).

ESG Transformation Framework − in fünf Phasen die zwei Seiten einer Medaille bearbeiten

Wichtig ist zunächst, dass es immer um zwei Dinge geht: zum einen um den Einfluss des Unternehmens auf die Umwelt und zum anderen um die Umwelteinflüsse auf die Funktionsweise des Unternehmens. Für das Ziel der Klimaneutralität darf ein Unternehmen insofern nicht nur die Emissionen in den Fokus nehmen, die es direkt verantwortet, sondern es muss auch jene im Auge haben, die es z.B. über die Auswahl der Materialien oder eben über das Design seiner Produkte indirekt beeinflussen kann. Dass bei vielen Unternehmen der Großteil der Emissionen nicht im eigenen Betrieb anfällt, sondern in der vor- und nachgelagerten Lieferkette („Scope 3 Emissions“), wird dabei gerne vergessen. Andererseits stellt sich die Frage, wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust die Wirkungs- und Funktionsweise des Unternehmens beeinflussen. Klima und Umwelt sind dabei unbedingt zusammen zu betrachten, Dekarbonisierungaktivitäten sind eng mit solchen für Biodiversität verknüpft.

In der Praxis hat sich ein Vorgehen in fünf Phasen als sehr erfolgreich erwiesen: vom Baselining zur ESG-Strategie, über die Transformation Roadmap, die operationalisiert und schließlich im Reporting und in der entsprechenden internen sowie externen Kommunikation mündet. Im ersten Schritt des „Baselinings“ erfolgt neben der Betrachtung und Analyse des Ecosystems und dem Benchmarking ein „Status-quo-Assessment“ der eigenen Aktivitäten. Dabei wird der „Greenhouse Gas Footprint“ als Ausgangspunkt genommen, um Ziele zu definieren, die auf den Erfolg der Transformation einzahlen. Es geht im Sinne einer „doppelten Materialitätsanalyse“ darum, das genaue Ambitionsniveau für die eigene ESG-Strategie festzulegen. Nach dem Motto „first things first“ sollten diese Ambition und das Zielbild der eigenen Transformation immer mitberücksichtigt werden – auch in der Iteration im Transformationsprozess.

Nach der Strategie kommt die Umsetzung – digitale Tools und relevante Daten als erfolgskritische Faktoren

Im zweiten Schritt kommen wir zur Umsetzung. Die „Transformation Roadmap“ beinhaltet zunächst die Definition und Priorisierung der verschiedenen Transformationsebenen. Was muss konkret umgesetzt werden, auf welchen Unternehmensebenen und mit welcher Priorität? Und welche Daten braucht es dazu? Hier bedarf es der Miteinbeziehung und Mitwirkung von nahezu allen Unternehmensbereichen und Ebenen. Ähnlich wie bei der Digitalisierung sollte die Rolle der Chief Information Officer (CIO) nicht unterschätzt werden. Diese kennen nicht nur die bestehenden IT-Tools, sondern auch die Anforderungen und Datenmodelle im Unternehmen.

Im Rahmen des oben erwähnten „Pathway to Paris“-Projekts wurde aus den Erkenntnissen aus 30 Workshops ein webbasiertes, kostenfreies Transformationstool entwickelt. Dieses führt Unternehmen in drei einfachen Schritten zu einer eigenen Planung: Das Tool erstellt zunächst einen sektorspezifischen Transformationspfad, mit dem die Mindestanforderungen einer Paris-kompatiblen Emissionsreduktion besser verstanden werden können. Im zweiten Schritt können Unternehmen die Wirkungen und Kosten verschiedener Reduktionsmaßnahmen erproben und ihre Effekte grafisch visualisieren. Abschließend können sie mit dem Tool die Umsetzungen der gewählten Maßnahmen in einer Roadmap planen und so die notwendigen Investitionen für den Transformationsplan im Zeitverlauf bewerten.

In der letzten Phase des ESG Transformation Frameworks geht es dann um gute Stakeholderkommunikation − intern sowie extern. ESG-Kriterien und Pilotprojekte müssen in allen Einheiten, Abteilungen und Prozessen gefördert und kommuniziert werden, idealerweise top-down.
Fest steht: Durch das Fit-for-55-Paket entstehen Pflichten für Unternehmen, weshalb eine Befassung mit dem Thema Klimaschutz im engeren und Nachhaltigkeit im weiteren Sinne ohnehin unabdingbar ist. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, das Paket zu nutzen, um das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich und chancenorientiert zu denken. All dies ist möglich und wird in Teilen durch die öffentliche Hand gefördert – bei gleichzeitig exzellentem Zugang zu Finanzmitteln.

simon.fahrenholz@pwc.com

claudia.bonacker@pwc.com

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